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Periodical volume Nr. 185, 09.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

t Zur Warnung! Das Betreten von Äckern und 
Wiesen vor beendeter Ernte ist strafbar, was indessen noch 
nicht allgemein bekannt zu sein scheint, wenigstens gibt es 
viele Leute, die sich nicht scheuen, blumenpflückend in ein 
Ährenfeld zu gehen. Nach § 368, Absatz 9 unseres 
Strafgesetzbuches wird ein solcher Fall mit Geldstrafe bis 
zu 60 M., oder Haft bis zu 14 Tagen bestraft. 
-s- Belohnung. 300 M. Belohnung hat soeben der 
Ober-Postdirektor Vordeck für die Ermittelung der Diebe 
von Fernsprechdraht ausgesetzt. Diese Beraubungen wollen 
in der Umgebung Berlins kein Ende nehmen. Zuletzt ist 
in der Nacht vom Freitag zum Sonnabend, den 5.-6. 
August, wieder ein solcher Diebstahl an der Prenzlauer 
Chaussee ausgeführt worden. Zwischen den Kilometer 
steinen 6,5 und 6,7. sowie zwischen den Stangen 59—61 
sind die Drähte von nicht weniger als 9 Fernsprech-Ber- 
bindungsleitungen und 2 Anschlußleitungen durchschnitten 
und gestohlen worden. Der Draht hat eine Stärke von 
3, 2 und 1,5 Millimeter. Das Gewicht des 3 Milli 
meter starken Drahtes beträgt 20, das des Drahtes zu 
2 Millimeter 15 und das des Drahtes zu 1,5 Millimeter 
4,6 Kilogramm. Der Gesamtwert des Drahtes wird auf 
72 Mark berechnet. 
f Fleischverteuerung. Aus Anlaß der gegen 
wärtigen Fleischteuerung fanden gestern Abend in Berlin 
und seinen Vororten 26 Volksversammlungen statt, in 
denen hervorragende Redner der soz. Partei sprachen. In 
sämtlichen Versammlungen wurde schließlich folgende 
Resolution angenommen: 
.Die gegenwärtige Fleischteuerung ist eine notwendige Folge der 
im Interesse der Agrarier ergriffenen Maßregeln, der Vieh, und Fleisch- 
jöHe, sowie der von den Landesregierungen erlassenen Vieh, und Fleisch- 
clnfuhrverbote und Einfuhrbeschränkungen. Die Einfuhrverbote und 
Einfuhrbeschränkungen, die angeblich im Interesse der öffentlichen 
Gesundheit erlaffen sein sollen, haben nur die Wirkung, daß fie eine 
maßlose Steigerung der Vieh- und Fleischpreise herbeiführen und eine 
winzige Minderheit der Bevölkerung bereichern. Eine erhebliche Ver- 
schärfung des gegenwärtigen Notstandes wird noch eintreten, wenn der 
im Dezember 1902 von den Agrariern und deren Hörigen im Reichs- 
tage unter Bruch der Geschäftsordnung durchpeitschte Zolltarif mit 
den hot.en Vieh- und Fleischzöllen sowie den gewaltig gesteigerten 
Viehfutterzöllen in Kraft tritt. Durch die hohen Viehfutterzölle wird 
die Viehhaltung erschwert und werden weitere Preissteigerungen ein 
treten, wenn nicht eine größere Einfuhr freigegeben wird. Durch die 
Flei chteuerung treten gewaltige Schädigungen der ärmeren Volkskreise 
und namentlich der Arbeiterklasse ein. Die Lebenshaltung der Arbeiter 
wild herabgedrückt und werden dadu'ch die Arbeiter in ihrer Leistungs 
fähigkeit und ihrem Erwerbe geschädigt, die Fleischteuerung führt 
ferner dazu, daß der Genuß von minderwertigem Fleisch gesteigert und 
dadurch die Gesundheit des Volkes untergraben wird. Die Ver 
sammlung protestiert gegen die Aufrechterhaltung der Maßregeln, die 
schwere wirtschaftliche, kulturelle und gesundheitliche Schädigungen der 
Arbeiterklaffe herbeiführe-. Die Versammlung fordert, daß eine un- 
beschränkte Einfuhr von ausländischem Schlachtvieh nach den Orten 
freigegeben wird, wo durch ausreichende Kontrolle des Schlachtviehs 
und durch gute Fleischbeschau Sicherheit gegen Einschleppung von 
Viehseuchen und ansteckenden Krankheiten gegeben ist." 
In der Fleischfrage will Herr v. Podbielski etwas 
tun. Die „N. Pol. Korr." meldet: 
Die Vorsitzenden sämtlicher landwirtschaftlichen Kammern sind 
für den 11. August zu einer Konf-renz im landwirtschastl. Ministerium 
nach Berlin einberufen worden, um über den Umfang, die Ursachen 
und die Wirkungen der neuerdings beobachten Steigerung der 
Fleischpreise, namentlich der des EchweinefieL^.s, sowie über die Aus- 
sichten für die weitere Preisbildung dem Minister Vortrag zu halten. 
Im Zusammenhang damit soll auch die Frage der PrciSnotierung auf 
den öffentlichen Schlachtviehmärkten sowie die Mitwirkung der Kammern 
bei der Bekämpfung der Viehseuchen erörtert werden. 
f Der Monat August bietet die beste Zeit zur 
Veredelung der Apfelbäume. Im Kies- und Sandboden 
tritt vielerorts im September schon Saftruhe ein und das 
Einwachsen der Augen verlangt in erster Linie einen voll 
ständigen Safttrieb. An stärkeren Stämmchen in der 
Baumschule werden alle Seitentriebe entfernt. Auch ist es 
ratsam, jetzt ein sommerliches Ausputzen der Obstbäume 
vorzunehmen, da man die dürren Aste und Zweige leichter 
erkennt und die Schnittwunden leichter überwachsen und 
heilen, als die im Winter und Frühjahr entstandenen. 
Mittlerweile leer gewordene Beete bestellt man mit 
Blumen- und Kopfkohl, Karviol und Lauch. Man beginnt 
mit der Zwiebelernte und läßt die Zwiebeln zum Aus 
trocknen auf den Beeten liegen. Die abgetragenen Mist 
beetkästen kann man sehr gut benutzen für den Herbst 
bedarf an Zwergbohnen und Salat. Für den Winter sät 
man Winterzwiebeln, Karotten, Rapunzel, Kresse, Wirsing, 
Winterspinat und Winterkopfsalat. Man erntet Samen- 
Petersilie, den ersten Sellerie, Rettige und besonders 
Bohnen, Weißkraut und Rotkraut. Es ist ratsam, das 
Frühobst einige Tage vor der Reife, alle anderen Sorten 
bei eingetretener Reife abzunehmen, wobei zu beachten ist, 
daß die bei trockenem Wetter geernteten Früchte sich durch 
Haltbarkeit auszeichnen, ohne eine Saftverminderung 
zu zeigen. 
„ f Das Fremdenbuch dient verschiedenen Zwecken. 
So wie es uns in jedem größeren Restaurant entgegen 
tritt, erfüllt es hauptsächlich die, Ausgabe. Reklame zu 
machen nicht nur für die große Zahl der Besucher, die das 
betreffende Lokal beehren, sondern auch für die Schönheit 
der Gegend, die gute Verpflegung, die Liebenswürdigkeit 
der Einwohner usw. Viel kann uns ein Fremdenbuch 
erzählen. Neben ganz hübschen Versen, die von Natur- 
liebe und Humor zeugen, erblickt man eine Menge 
Gemeinplätze, dumme Bemerkungen und törichte Über 
treibungen. Auch kann man Zeichnungen jeder Qualität 
darin finden, angefangen von der charakteristischen Skizze 
eines Malers bis zu den unbeholfensten Versuchen, die 
nur einer Kinderhand entstammen können. Sympathische 
Schriftzüge werden von unordentlichen, klexigen umgeben, 
abwechselnd bietet ein Fremdenbuch, das an einem öffent- 
licken Orte aufliegt und dessen Benutzung jedem frei steht. 
Erfreuliches und Unerfreuliches. Es gibt aber eine Art 
Fremdenbuch, die nur Befriedigung erweckt: Das Privat- 
fremdenbuch einer Familie. Wer als lieber Gast in das 
Heim einkehrt, der trägt seinen Namen hinein und fügt 
auch wohl ein paar herzliche Worte hinzu, ein anderer 
dankt mit einigen Versen für die liebevolle Aufnahme, 
wieder ein anderer schreibt irgend eine geistreiche Be 
merkung usw. Ein solches Fremdenbuch ist seinem 
Besitzer lieb und wert, und jeder, der oft Besuch bekommt, 
sollte sich eins anlegen. 
f Neue Sterbekaffe. Über die Gründung einer 
Sterbekasse auf Gegenseitigkeit berichteten wir bereits in 
der Sonnabendnummer und sind eine Reihe von An 
meldungen eingegangen. Weitere Meldungen nehmen die 
in dem betr. Bericht genannten Herren gern entgegen. 
Unter den Lebensverficherungs-Gefellschaften 
nimmt die Germania in Stettin wegen ihrer Größe, 
Sicherheit, hohen Leistungskraft und außerordentlich 
günstigen Bedingungen eine hervorragende Stelle ein. Ihr 
Versicherungsbestand umfaßt 708 Millionen Mark und 
ihre Sicherheitsfonds betragen 306 Millionen. Die Gesell 
schaft hat ihren Versicherten bisher 295 Millionen Mark 
Versicherungsbeträge ausgezahlt und ihnen seit 1871 nicht 
weniger als 84 Millionen Mark zur Verteilung von 
Dividenden zugewiesen. Die Versicherungsbedingungen 
gewähren Unverfallbarkeit und Unanfechtbarkeit; die Policen 
sind Weltpolicen. Die von der Germania betriebene 
Todesfall-Versicherung mit Einschluß der Jnvaliditätsgefahr 
bietet für alle Berufskreise eine wirkliche gediegene 
Pensionsversicherung. 
Die prächtige« und wertvolle« Gewinne bei 
den GratiS-Verlosungen, gelegentlich der jeden Donnerstag 
in Karl Kellers Viktoria-Garten in Wilmersdorf (Wil 
helmsaue) stattfindenden Kinderfeste, bringen so manchem 
teilnehmenden Kinde eine langewährende Freude. Am 
vergangenen Donnerstag konzentrierte sich das Haupt 
interesse der Knaben auf ein bildschönes Ziegenbock-Gespann, 
besten Gewinner ein kleiner Knabe aus Schöneberg war, 
während die pompöse Puppe, der Hauptgewinn für 
Mädchen, Jung-Wilmersdorf zufiel. An diesem Donners 
tag ist für die Knaben wiederum ein Ziegenbockgespann, 
für die Mädchen aber eine Waschtoilette mit geschmack 
vollem Service als Hauptgewinn bestimmt. Über die 
sonstigen Amüsements für Groß und Klein unterrichtet die 
Anzeige in dieser Nummer. 
f Moderne Reklame. Ein hübsches Geschichtchen 
wird uns von einem unserer Mitarbeiter aus dem benach 
barten Charlottenburg erzählt. Dort hatte ein Klein 
händler in seinem Schaufenster ein Extrablatt ausgehängt, 
in dem die schauderhaftesten Dinge aus Rußland gemeldet 
wurden, unter anderem sollte auch der Zar ermordet sein. 
Unter dieses Blatt hatte der pfiffige Geschäftsmann einen 
großen Zettel angebracht, auf dem handschriftlich zu lesen 
war, da die Angaben des vorstehenden Blattes so wenig 
der Wahrheit entsprechen, so sei den werten Lesern 
wenigstens eine Nachricht mitgeteilt, die auf unbedingte 
Zuverlässigkeit Anspruch habe: Morgen trifft bei mir 
wieder eine große Sendung meines beliebten Sauerkohls 
ein. Zarenmord und frischer Sauerkohl! Wenn das nicht 
zieht, zieht gar nichts mehr. 
f Ein schwerer Unfall ereignete sich gestern Nach 
mittag 4 Uhr in der Handjerystraße. Der Monteur 
Hilsheimer aus Berlin war damit beschäftigt, die Anlage 
für elektrisches Licht in einer Wohnung zu montieren, als 
ihm plötzlich die Leiter unter den Füßen entglitt und er 
dadurch zu Fall kam. Beim Sturze drang ein in der 
Wand befindlicher Hacken ihm tief in den rechten Oberarm 
ein, sodaß der Unglückliche im Sturze aufgehalten wurde 
und an der Wand hängen blieb. Aus dieser schrecklichen 
Lage wurde er mit Mühe von Arbeitskollegen befreit. 
Auf der Sanitätswache gebracht, wurde ihm dort ein 
Notverband angelegt und von Herrn Sanitätsrat Dr. Beutin 
und Dr. Hintze die erste Hilfe geleistet und die Überführung 
in das Bethanien-Krankenhaus angeordnet. 
f Dem Hungertode preisgegeben. Am Sonn- 
tag wurde die 22 jährige unverehelichte Else Tornow aus 
der Bahnstraße 6 im benachbarten Steglitz von der 
Kriminalpolizei unter dem Verdachte, ihr drei Wochen 
altes Kind dem Hungertode preisgegeben zu haben.ver- 
hastet Die T. versah außer dem Hause Aufwartestellen 
und kam in letzter Zeit erst in den späten Nachmrttags- 
stunden zurück, nachdem sie schon in aller Frühe weg- 
gegangen war. In ihrer Abwesenheit überließ sie das 
Kind sich selbst, sodaß es ohne Nahrung war. Am Sonn 
abend starb es nun plötzlich. Die Sache kam zur Kenntnis 
der Polizei, die dann die Leiche beschlagnahmte und die 
unmenschliche Mutter wie eingangs erwähnt, verhaftete. 
t Polizeibericht. Als zugeflogen wird em 
Kanarienvogel gemeldet. Näheres im Polizeibureau m 
Schöneöerg. 
— Nene gärtnerische Anlagen. In der Martin 
Lutherstraße werden gegenwärtig auf dem südlichen Teile 
der Grunewaldstraße bis zur Mühlenstraße die beiden 
Seiten der breiten Mittelpromenade mit gärtnerischen 
Anlagen versehen, die mit Ruhebänken ausgestattet werden. 
Nach Vollendung der Arbeiten wird die Martin Luther 
straße in einer Länge von über 1 Kilometer als 
Promenadenstraße das Westgelände von Schöneberg durch 
ziehen; die Beleuchtung erfolgt durchweg durch elektrische 
Bogenlampen. 
— Grundstückserwerb. Die Stadtgemeinde hat 
jenes hügelige Gelände an der Schöneberg-Tempelhofer 
Grenze, das unter den Namen „Blanke Hölle" seinerzeit 
durch einen Prozeß unliebsames Aufsehen erregte, sowie 
das benachbarte Triftland angekauft. Für das gesamte 
7 1 / i Morgen große Gelände das 9 Alt-Schöneberger 
Bauern bisher besaßen, wurden rund 103 600 M. gezahlt. 
Die Stadt Schöneberg hat durch diesen Ankauf ein in 
unmittelbarer Nähe des neuen „Schöneberger Industrie- 
geländes" befindliches sehr umfangreiches Besitztum ab 
gerundet. 
— Absturz beim Fensterputzen. Bei der Arbeit 
schwer verletzt wurde gestern das Dienstmädchen Marie K., 
das bei der Familie B., Ansbacherstraße 6, tätig war. 
Das Mädchen mar mit dem Putzen der Fensterscheiben 
beschäftigt und befand sich dabei auf einer Leiter, von der 
eS abstürzte und sich die beiden Arme brach. Die Schwer 
verletzte wurde sofort nach dem Krankenhause Westend 
überführt. 
— Selbstmord. Der im Hause Goltzstraße 25 
wohnende Dachdecker Stech hat Selbstmord begangen. Wie 
man annimmt, ist das Motiv in einem geringfügigen Ehe 
zwist zu suchen. Um in seinem Vorhaben nicht gehindert 
zu werden, wartete Stech die Abendstunden ab, in denen 
er allein war. Er öffnete sich mit einem Messer beide 
Pulsadern und richtete dann noch eine Schutzwaffe gegen 
sich; der Tod trat sofort ein. Stech war Vater von 
fünf Mädchen. 
— Ein schweres Bauunglück hat sich gestern bei 
den Erdarbeiten zugetragen, die neben dem zwischen der 
Belziger- und Wartburgstraße liegenden Straßenbahn 
wagendepot ausgeführt werden. Auf dem daneben be 
findlichen Grundstück in der Wartburgstraße war der 
26jährige Erdarbeiter Paul Wernicke, hier in der Belziger- 
straße 12 HI wohnhaft, dabei beschäftigt, die Steifen an 
der über 2 1 / 2 Meter hohen Sandwand zu entfernen, als 
ein mit schweren Straßenbahnschienen beladener Wagen 
an dieser gleichfalls mit schweren Straßenbahnschienen be 
packten Stelle vorbeifuhr und an die letzteren anstieß. Die 
Sandwand stürzte ein und begrub den Arbeiter unter sich. 
Schwer verletzt wurde W. von den Arbeitskollegen hervor 
gezogen und zur Unfallstation VII gebracht. 
Berlin und Wororle. 
8 Das Berliner Autiquitäteu-Viertel, das 
sich von der Anhaltstraße aus über die benachbarten Teile 
der Königgrätzer-, Wilhelm-, Koch-, Prinz Albrecht- und 
Zimmerstraße erstreckt, verdient diese Bezeichnung, die e8 
schon seit längerer Zeit im Volksmund hat, immer mehr 
mit Recht. Allein in der Wilhelmstraße zwischen Anhalt- 
und Leipzigerstraße zählt man augenblicklich 15 Antiquitäten- 
Lektnre, oder so geistesabwesend? — er beachtete den Gruß 
des Kommenden nicht gleich und fuhr dann, als Palmieri neben 
ihm stand, mit einem. Schrei empor. 
„Ach — Sie —? Sie sind es?" stammelte er dann 
verwirrt, legte die Zeitung weg und öffnete das Fenster. 
„Geht es Ihnen nicht gut, Signor Ducetti?" fragte 
sein Schwiegersohn — halb und halb froh, nun doch nicht 
gleich sprechen zu müssen. 
„O doch, doch, mir fehlt nichts, ich befinde mich so gut 
wie nur je; — ein wenig Nervosität — ich schlafe so schlecht," 
antwortete jener und ging planlos hin und her, bald dies, 
bald das anfassend und wieder hinlegend. 
Palmieri siel dies doch auf. „Er möchte gern von 
seiner Hciratsabsicht reden — und traut sich nicht damit 
heraus!" blitzte ein Gedanke in ihm auf. 
Ducetti kam nicht zur Ruhe, und mit boshafter Be 
friedigung ließ Palmieri ihn sich abquälen .um eine Ein 
leitung, jetzt wieder ganz bereit die Entscheidung herbei 
zuführen. 
Plötzlich fing Ducetti, ohne im Hin- und Hergehen 
innezuhalten, zu reden an; — aber nicht von dem, was nach 
Palmieris Meinung sie beide ganz erfüllte, sondern von den 
Floris und dann vom Schivurgericht, von dem Angeklagten 
und ob man ihn nicht werde freisprechen müssen. 
Darüber ließ sich nichts sagen. — Derartige Schuld 
fragen werden oft durch die unbedeutendsten Vorkommisse 
ganz anders entschieden, -als man annimmt. 
„Sie werden ihn nicht verurteilen können!" sagte 
Ducetti zornig. 
„Das sagen Sie nicht, — ein Mann von seiner Art —" 
»Aber wirkliche Beweise liegen nicht vor, ein Bekennt 
nis auch nicht —. Floris ist derselben Ansicht, sagte nur 
Donna Laura, die ihn sprach." 
„Ich weiß; er geht nach der Erfahrung geiviegter 
Kriminalisten, daß Hochstapler keine Blutarbcit machen." 
„Warum gebrauchen Sie solche widerlichen Ausdrücke?" 
fuhr Ducetti zornig auf, und man sah ihm das Grausen 
an. Er war doch ganz ungewöhnlich nervös. 
„Uebrigcns ist auch gar kein Blut vergossen!" 
„Das könnte also doch stimmen! Floris ist indes Ihrer 
Meinung, und sein Bruder hat in den letzten Wochen, über 
zeugt, Renard sei nicht schuldig, auf eigene Kosten englische 
Polizisten auf die Spur geleitet. Das nützt der armen alten 
Frau nichts — aber sie halten es für ihre Pflicht, das 
Aeußerste zu tun." — 
Ducetti war ans Fenster getreten; den Rücken dem 
Zimmer zugewendet, schwieg er eine ganze Weile, schluchzte 
aber ein paar Mal auf. Als Palmieri ihn unruhig fragte, 
ob der Krampf komme, wehrte er ihm mit der Hand ab. 
Tann hörte Palmieri ihn niurmeln. „Sie werden nichts 
finden, die Spur ist lange verioischt." 
Sonderbarer Kauz! Noch nie hatte er für den Prozeß 
eine Teilnahme gezeigt. Vor längerer Zeit hörte Palmieri 
Donna Laura den beiden Söhnen verbieten, von diesem 
Mord und dem Mörder fernerhin zu reden, ihr Vater ver 
abscheue diese Sensationsgcschichten. 
Und heute dachte er au nichts, wie es schien, als an 
diesen Renard und die Gerichtsverhandlung. 
Endlich begann Palmieri ungeduldig zu werden. Ducetti 
hatte in seiner heutigen seltsanien Laune angefangen, von 
allerei Kriminalfällen zu reden; er zeigte sich zum Erstaunen 
seines Gegenübers in der Lektüre derselben bewandert, wie 
ein alter Kriminalist, und mit Behagen wies er nach, wie 
der Schuldige entkommen und nie entdeckt worden. 
Sordcgna trat ein, Ducetti ließ sich nicht stören, und der 
junge Arzt lachte vertraulich: „Schon wieder bei den Kriminal- 
fällen?" 
Dann wandte er sich an Palmieri und sagte ebenso 
unbefangen: „Unser Freund, der kein Wässerchen trübt und 
das sanfteste Herz hat, beschäftigt seinen Geist Tag aus Tag 
ein mit der Vervollkommung von Kriegsmaterial und seine 
Phantasie mit Vorliebe niit Gift und Dolch." 
Ducetti schien der Scherz auf seine Kosten nicht zu ge 
fallen, er warf Sordegna einen scharfen, mißtrauischen Blick 
zu, so daß dieser sofort ablenkte und — in einer ihm nahe 
liegenden Jdeenverbindung von Lombrose zu sprechen begann 
— ein Thema, auf das Ducetti mit Eifer einging. 
Verstimmt brach Palmieri auf; Ducetti hielt ihn nicht, bat 
aber Sordegna zu bleiben. 
Sie werden sich noch bei den Damen zeigen wollen?" 
sagte er. 
Palniieri ging durch das stille Haus. Die Dienerschaft war 
sck,on zur Ruhe oder saß schläfrig im Souterrainstübcheu. 
Nicht ein Ton war hörbar, als er die Treppe hinanstieg; 
überall lagen weiche Teppiche. Aber dort oben — doch —! 
In dem Vorgemach! Da schritt eine ganz einsame, schlanke 
Mädchengestalt in stillem Weinen, die Hände ringend, auf und 
ab. Nach beiden Seiten des Rauines öffneten sich Gänge, 
ans welche die Zimmertüren mündeten; — hier standen 
schöne Kübclpflanzen zivischeu Spiegeln iind Marmorfigureu 
— der weiche Teppich dämpfte den Schritt und selbst das 
Rauschen des Kleides. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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