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Periodical volume Nr. 185, 09.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Fne-rimer ftkul-Anskigkr. 
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Leo Schultz in Friedenau. 
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Fernsprecher: Nr. 129. 
185. 
Friedenau, Mittwoch den 9. August 1905. 
1Ä. Iahrg. 
Depeschen. 
Stettin. Auf der Chaussee Neu-Stettin—Schlawe 
überfuhr das steuerlosrasende Automobil eines Ritterguts 
besitzers drei Arbeiter. Zwei wurden getötet, einer ge 
fährlich verletzt. 
Solingen. In einer gestern unter Teilnahme von 
Vertretern des Ministeriums stattgehabten Konferenz, er 
gab sich die Bereitwilligkeit des Staates, der Provinz, des 
Stadt- und Landkreises Solingen, eine Fachschule für 
Solinger Industrie definitiv zum 1. April 1907 zu 
errichten. 
Amsterdam. Heute werden die neuen Minister von 
der Königin empfangen. Ob van Haniel dabei mit er 
scheint, ist zum mindesten zweifelhaft. Es ist offenbar, daß 
Schwierigkeiten bei der Verteilung der Departements 
entstanden sind, die van Hamel verstimmt haben. Auch 
van Swinderen, (dessen Ernennung noch nicht vollkommen 
feststand) erhebt in letzter Stunde Widerspruch. Es er 
scheint nun sehr wahrscheinlich, daß Goomar unter Zu 
nahme Borgesius gezwungen sein wird, selbst in das 
Ministerium einzutreten. — Die gestrigen Stichwahlen in 
Zutphen haben den Sieg des Liberalen Lieftink erbracht. 
Hierdurch ist nunmehr die ursprüngliche Mehrheit der 
Liberalen und Sozialdemokraten von 4 Stimmen bestätigt 
und Borgesius kann es wagen, sein Abgeordnetenmandat 
von Enkhuizen nochmals einer Neuwahl zu unterwerfen, 
wie dies das Gesetz für den Fall, daß er Minister wird, 
vorschreibt. 
Skutari. Die Erdbeben im Drina-Tal dauern noch 
immer fort. In den letzten Tagen sind ebenfalls mehrere 
Menschen Umgekommen und die Ortschaft Busliati ist zer 
stört worden. 
Sofia. Große Aufregung ruft hier die Kon- 
stantinopeler Meldung hervor, daß die Pforte jenen Bot 
schaftern, welche eigene Postämter unterhalten, Befehl 
erteilt hat, ihre von Bulgarien kommenden Briefe aus 
zuliefern. 
Petersburg. „Nowoje Wremja" versichert, daß 
auf Grund eines Geheimvertrages zwischen Japan, China 
und den Vereinigten Staaten sämtliche Konzessionen, 
welche von China an Ausländer erteilt worden sind, rück 
gängig gemacht werden sollen. Für Amerika kommt 
hierbei in Frage die Hananbay, für England die Linie 
Suchai-Silpo, für Frankreich die Linie Hankau-Peking und 
für Deutschland die Schantungbahn. Diese Bahnen 
würden dann sämtlich von China mit Unterstützung 
Japans und Amerikas geleitet werden. 
Neuyork. In Albany stürzte infolge mangelhafter 
Stützung während der Baureparaturen das neu errichtete 
Warenhaus von Meyer ein. Von 300 Angestellten ent 
kamen 175 rechtzeitig. Auch der größte Teil der übrigen 
wurde relativ leicht verletzt aus den Trümmern hervor 
geholt. 30 Personen wurden getötet. 
Neuyork. Blättermeldungen zufolge soll der Schatz 
sekretär Shaw bei seinem letzten Besuche in Oysterbay 
beim Präsidenten Roosevelt Gelegenheit genommen haben, 
„Oie Mache ist wein.“ 
Kriminal-Roman von L. Haidheim. 
24. tRachdruck verboten. Alle Rechte »oikehalten.) 
Gegen Abend fand er sich schon wieder auf dem Wege zur 
Villa. Es trieb ihn, mit Ducetti zu reden, mit Leo — mit 
irgend wem. Jede Verzögerung kam ihm jetzl wie ein feiges 
Verkriechen vor; — eine Beichte mußte er ablegen — die Last 
vom Herzen heben. Nur jetzt nicht mehr schiveigen! 
Es tat ihm wohl, sagen zu können, daß zwischen ihm und 
Irene noch kein Wort, keinerlei Austausch der Gefühle statt 
gefunden. 
Um Constanze ängstigte er sich namenlos; Ducettis 
Empfindungen würden ihm völlig gleichgültig sein, dachte er. 
Dein konnte er gar nicht verzeihen, daß er sich so hatte bezahlt 
machen wollen — der Wucherer! 
In der Nähe des Hauses begegneten ihm Herr Floris 
und seine Damen, die den Sommer über bei englischen Ver 
wandten zum Besuch, dann noch längere Zeit in Wien gewesen 
und erst jetzt zurückgekommen waren. 
Nichts hätte Palmieri fataler sein können, als in seiner 
Stimmung diese Begegung. 
Aber da war nichts mehr zu machen, an Ausweichen 
kein Gedanke! Und obgleich im Grunde die nachbarlich freund 
schaftlichen Beziehungen hauptsächlich Sache der Damen ge 
wesen und nur kurze Zeit gedauert hatten, so trugen die 
liebenswürdig gemütlichen Wiener doch auch ihm um so leb 
haftere Teilnahme heute entgegen, als sie noch ganz ergriffen 
waren von den Mitteilungen, welche Donna Laura Ellen 
über diese lange Krankheit Constanzes gemacht. 
Palmieri mußte wohl oder ühel ihm aufrichtigen Freund 
seine Demission einzureichen. Es heißt,, Shaw wolle für 
die nächste Präsidentschaftswahl kandidieren und wünsche 
hierzu volle Aktionsfreiheit. 
Außer dem Großfeuer auf den Delaware Docks, 
wobei sich der Schaden auf über eine Million beläuft, 
ereigneten sich gestern noch zwei andere große Brände. 
Durch Feuer vernichtet wurde die Thomaskirche, eine der 
ältesten Kirchen Neuyorks. Zahlreiche Kunstgegenstände 
wurden ein Raub der Flammen, der Schaden beziffert sich 
auf über 2 Millionen. Ferner entstand in einem Waren 
hause ein Großfeuer, welches mit solcher Schnelligkeit um 
sich griff, daß nicht alle Angestellten und Käufer sich zu 
retten vermochten. 30 Personen sollen in den Flammen 
umgekommen und 100 schwerverletzt sein. 
Der japanische Finanzagent Kaneka erklärte in einer 
Konferenz mit Roosevelt, daß die Handels- und Finanz 
lage Japans augenblicklich eine ganz vorzügliche sei. 
Weiter äußerte er dem Präsidenten gegenüber, daß Japan 
sich hoch geehrt fühle durch die Sympathien, welche die 
Amerikaner der japanischen Nation entgegenbringen. 
Vom Rusfisch-Japanischeu Kriegsschauplatz. 
London. „Eoening Standard" meldet die voll 
ständige Übergabe der Russen auf Sachalin. 
Petersburg. Rußland setzt nach wie vor für alle 
Eventualitäten die Kriegsrüstungen fort. Es bestätigt sich, 
daß eine neue Anleihe von 200 Millionen Rubel sofort 
nach Veröffentlichung des Ukas betreffs Einberufung einer 
Volksvertretung aufgenommen werden soll. 
„Nowoje Wremja" berichtet vom Kriegsschauplatz, 
daß in der japanischen Armee Pest und Cholera aus 
gebrochen seien. 
Allgemeines. 
Q (sin neuer Bahnhof ist, wie die Königl. Eisen 
bahndirektion Stettin bekannt macht, zwischen Oranienburg 
und Fichtengrund eröffnet worden, er führt den Namen 
„Sachsenhausen". 7 Züge werden dort halten und zwar 
hin, 6.32. 11.31, 1.53, 4.17, 6.37, 6.45, 11.09 und zurück 
7.20, 9.25, 12.23, 4.58, 7.23, 9.55, 10.03. 
Lokales. 
f Strafiennumuierierung. In der Rotdornstraßc 
haben nunmehr die vorhandenen Wohnhäuser Nummern 
erhalten. Wir verweisen auf die Bekanntmachung im An 
zeigenteil und bemerken bei dieser Gelegenheit, daß von 
den Anwohnern des Schillerplatzes dortselbst eine 
Nummerierung der bewohnten Häuser ebenfalls ge 
wünscht wird. 
t Kirchliches. Herr Pastor Becker von der Nathanael- 
Kirche wird am Ende dieser Woche von seinem Urlaube 
zurückkehren und am Montag sein Amt wieder über 
nehmen. Herr Pastor Neumann wird alsdann seinen 
diesjährigen Urlaub antreten. 
ff- Geburtstagsfeier. Unser Mitbürger Herr A. B u s ch 
konnte gestern in körperlicher wie geistiger Frische seinen 
78. Geburtstag feiern. Zahlreich waren die Glückwünsche, 
schaft Stand halten, sich bemitleiden lassen, von der „lievcn 
kleinen Eon" erzählen; sic ließen ihn gar nicht wieder los, 
denn auch sie hatten ihrerseits allerlei erlebt, Tante Sus.ins 
Erbschaft reguliert, Häuser und Grundbesitz in England ver 
kauft, in Wien alle geschäftlichen Fäden abgewickelt und einen 
entzückenden Aufenthalt auf der Insel Wight genossen. 
„Schade, daß jetzt dies peinliche Nachspiel hinterher folgt," 
seufzte Herr Floris. 
„Sie meinen die Verhandlung gegen Rcnard?" fragte 
Palmieri, dem alle Nerven schwirrten, vor Pein und Un 
geduld, fortzukommen. 
„Ja, Sie wissen, daß dieselbe den vierten November be 
ginnt, was sagt man denn hier in Ihren Kreisen, Herr 
Richter? Wir halten den Mann für nicht schuldig — er 
mag ja genug anderes aus dem Kerbholz haben. Hochstapler 
geben sich in der Regel nicht mit blutigen Affären ab, hüt ten 
unsere englischen Rechtsfreunde, und ein bedeutender Krimi 
nalist in Wien sagte mir dasselbe." 
„Es sollen doch starke Verdachtsmomente eine Ausnahme 
von dieser „Regel" glaublich machen," erwiderte Palmieri 
obenhin, außer Stande, diese Tortur noch länger zu ertragen. 
„Sie Aermster! Wir wollen Sie nun auch endlich 
wieder fliegen lassen," sagte Ellen mitleidig. Sie fanden es 
alle Drei so begreiflich, daß er für nichts anderes zu haben 
und ganz nervös geworden war. 
Aber ehe er dann definitiv losgelassen wurde, machten 
alle drei verschiedene Fragen und Bemerkungen. Wie schön 
Irene Sordegna geworden — blasser freilich, aber der Aus 
druck so durchgeistigt! Und der Bruder, welch stattliche 
angenehme Erscheinung! Sie hatten Schwester und Bruder 
im Garten gesehen und Donna Laura ihnen Auskunft ge 
geben. Auch daß Ducelti seit den letzten Tagen plötzlich 
die Herrn Busch aus diesem Anlasse aus Nah und Fern 
zugingen, hat er es doch jederzeit verstanden, sich die 
Liebe, Freundschaft und Hochschätzung all derer zu erwerben, 
die mit ihm, sei es in gesellschaftlicher oder geschäftlicher 
Beziehung, in Berührung kommen. Eine wie beliebte und 
bekannte Persönlichkeit Herr Busch in kommunalpolitischen 
Kreisen ist,' zeigt ein erst vor kurzem erfolgter Ausspruch 
des Vorsitzenden des Bezirksvereins Süd-West in 
einer Versammlung dieses Vereins, als es sich um 
die bekannte Abholzung in der Hedwigstraße handelte: 
Wenn uns schließlich auch die Bäume genommen werden, 
noch haben wir den „alten Busch". Möge es Herrn Busch 
vergönnt sein, noch viele Jahre seinem Geschäfte in gleicher 
Rüstigkeit vorstehen und seine beratende Stimme auch 
fernerhin als Mitglied der Kreissynode der Kirche, und 
als Mitglied der Krankenhausdeputation der Gemeinde 
leihen zu können. 
f Die Bäume in der Rheinstraße zeigen bereits 
trotz der alltäglichen Besprengung, eine auffallend herbst 
liche Färbung. Die Alleebäume in den Nebenstraßen er 
freuen dagegen allgemein durch ihr frisches, sommerliches 
Grün. Es wäre gewiß nicht uninteressant zu erfahren, 
aus welchen Gründen, die Bäume der Rheinstraße ihr 
Grün rascher verlieren, als die der anderen Straßen. 
Weidmanns Heil. Für den Regierungsbezirk 
Potsdam mit Ausnahme der Stadtkreise Charlottenburg, 
Schöneberg und Rixdorf ist als Tag der Eröffnung der 
diesjährigen Jagd auf Rebhühner und schottische Moor 
hühner der 21. d. für Wachteln der 14. September 
festgesetzt. Für Birk-, Hasel- und Fasanenhähne und 
-Hennen bleibt es bei dem gesetzlichen Termin vom 
16. September. 
-s Unteroffizierschule. In die Unteroffizierschulen 
können zum 17. Oktober d. I. noch junge Leute in dem 
Alter zwischen 17 und 20 Jahren eingestellt werden. 
Außerdem würden für die Unteroffiziervorschulen solche 
junge Leute, die bis zum Oktober d. I. 16 Jahre alt 
werden, körperlich gut entwickelt sind und eine gute Schul 
bildung besitzen, vorzugsweise zur Einstellung am 
17. Oktober 1905 Berücksichtigung finden. Die Aufnahme 
bedingungen können bei dem Bezirks-Kommando IV 
Berlin eingesehen werden. Die Erziehung in den oben- 
bezeichneten Schulen findet unentgeltlich statt. 
P Im Wege der Zwangsvollstreckung soll das 
in Friedenau, (Gemarkung Deutsch-Wilmersdorf, Kreis 
Teltow), angeblich Hertel- und Goßlerstraße belegen?, im 
Grundbuch? von Friedenau, Band 21 Blatt Nr. 1088 zur 
Zeit der Eintragung des Versteigerungsvermerkes auf den 
Namen der offenen Handelsgesellschaft Panitz und Nie 
mann in Friedenau eingetragene Grundstück am 10. Oktbr. 
1905, Mittags 12 Uhr versteigert werden. 
f Firmencintraguug. Nr. 27 273 offene Handels- 
gesellschaft: Bruno Lehmann & Co., Berlin, und als 
Gesellschafter Bruno Lehmann, Kaufmann, Berlin, und 
Reinhold Kalmuczak, Photochemiker, Friedenau. Die 
Gesellschaft hat am 1. Juli 1905 begonnen. 
wieder sehr aufgeregt und schlaflos sei — nachts ruhelos im 
Hause herumschleiche. — Weun's nur nicht wieder einen 
Herzkrampf gebe! 
Wie? Ducetti aufgeregt? — Nächtlich herumschleichend? 
— Jetzt fiel es Palmieri ein, daß Sordegna seinem Gönner 
dringend empfohlen, sich körperliche Bewegung zu machen, 
das bezog sich wohl auf diese nervöse Unruhe? 
Aber nun endlich ließen sie ihn gehen. 
Er hatte sich bezwungen mit aller Kraft, es war ja auch 
den Floris nichts aufgefallen, als ein bischen Nervosität, nun 
aber die Quäl vorüber, kam sich Palmieri doch wie zer 
schlagen vor. 
Signor Ducetti habe das heftigste Kopfweh und sei aus 
gegangen, ganz allein, meldete der Diener. 
Palmieri fragte nach Sordegna. 
Der Herr Doktor sei zur Apotheke — werde wohl bald 
wiederkommen. Die Damen seien im Salon. — „So spreche 
ich in einer Stunde wieder vor," beschied er den Filippo — 
der erstaunt schien, daß Palmieri nicht zu den Damen ging. 
Als er später wiederkam, fand er Ducetti zu Hause. 
Er hatte längst die Gewohnheit angenommen, unangemeldet 
aus- und einzugehen, und wenn ihm auch zuweilen Ducetti, 
der sehr schreckhaft war, darüber nicht allzu entzückt erschienen, 
so hatte derselbe vielleicht das nächste Mal, wo er sich dann 
melden ließ, geäußert, er brauche nicht so fremd zu tun. 
Wie denn Constanzes Vater ja immer unberechenbar in seinen 
sprunghaften Launen gewesen, seit er ihn kannte. 
Als Palmieri eintrat — selbst in erregtester Stimmung, 
wie sie vor einer so peinlichen und unauffchiebbaren Sache 
begreiflich genug — saß Ducetti über der Zeitung bei der 
Lampe mit so aschfahlem Gesicht, daß Palmieri sofort an 
Herzkrampf dachte. War der Mann so versunken in die
        
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