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Periodical volume Nr. 184, 08.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Allgemeines. 
0 Der GerichtSferieu zweiter Teil beginnt 
bekanntlich am 15. d. M. Am folgenden Tage gehen, 
wie schon kurz mitgeteilt, vom Stettiner Bahnhöfe wieder 
Ferien-Sonderzüge nach der Ost- und Nordsee ab und 
zwar: 7.25 früh nach Stettin mit Anschluß nach Cammin, 
Misdroy, Colberg rc., sowie an die Dampfer der Stettiner 
Bräunlich-Gesellschaft nach den Rügenbädern, um 8.49 
Dorm, nach Swinemünde-Heringsdorf mit Dampseranschluß 
nach Göhren, Sellin, Binz und Saßnitz und um 10.36 
Dorm, nach Stralsund,' Rostock, Saßnitz rc. Der Fahr 
kartenverkauf findet vom 7. bis 14. August 6 Uhr Abends 
ans dem Stettiner Bahnhof sowie im Bureau des Ver 
bandes der Ostseebäder in der Neustädtischen Kirch- 
straße 15 statt. 
[] Wegen Hochwasser ist der Gesamtverkehr 
zwischen Effenlohe und Murnau von heute ab bis auf 
weiteres eingestellt. 
Lokales. 
f Zuur Vau des neuen Friedenauer Güter» 
Bahnhofes. Der Bau des neuen Güterbahnhofes kann 
vorläufig noch keine großen Fortschritte machen, solange 
die Lagerplätze nicht geräumt sind. Erst mit Beginn des 
Oktober wird der Bau in etwas flotterem Tempo fort 
geführt werden. Zunächst werden, soweit die Lagerplätze 
nicht im Wege sind, die Terrains abgetragen resp. auf 
geschüttet werden, damit sie mit dem Bahnkörper auf 
gleicher Höhe liegen. Augenblicklich wird der Berg an 
der Friedenauer Brücke abgetragen und der Sand in 
Eisenbahnwaggons sofort weggebracht. Um den ganzen 
Bahnkörper auf die vorgesehene Breite bringen zu können, 
wird es nötig werden, die Überführung an der Holbein 
straße und über den Tunnel zwischen« Dürerplatz und 
Sponholzstraße zu erweitern. An letzterer Stelle hat man 
bereits damit begonnen. Die Friedenauer Brücke bedarf 
keiner Erweiterung, da sie bei der Erbauung schon mit 
4 Jochen versehen worden ist. 
1- Ausbau der Linie 88. Tag und Nacht wird 
zurzeit an dem Ausbau der Straßenbahn Linie 88 in der 
Rheinstraße gearbeitet. In vergangener Nacht konnte 
bereits der Geleiseanschluß fertig gestellt werden. Ein 
außergewöhnliches Bild zeigt durch diese Arbeiten während 
der Nachtzeit die Rheinstraße. Wie verlautet, soll die 
neue Strecke am 1. September in Betrieb genommen 
werden. 
fl Silberne Hochzeit. Das Fest der silbernen 
Hochzeit begehen am 10. August der Kaiser!. Rechnungsrat 
Willy Schulze-Robst und seine Ehefrau geb. Esken. 
Das Jubelpaar wohnt seit 1886 in unserem Ortsteil und 
zwar in der in der Fregestraße 28 befindlichen Villa. 
Hoffen wir, daß das Jubelpaar auch die goldene Hochzeit 
in Friedenau verlebt. 
f Berliner Eisenbahnbauten tut Sommer 
1905. Eine Anzahl größerer Bauten hat die Eisenbahn 
oerwallung augenblicklich in und bei Berlin vorgenommen. 
Auf Station Grunewald ist mit dem Bau eines Abstell- 
bahnhofes für den Stadtbahnverkehr zur Aufstellung nicht 
benutzter Züge begonnen worden, der Ausbau der Station 
Jungfernhaide zur Vorortstation der Linie Berlin- 
Spandau—Nauen ist in die Wege geleitet worden, der 
Bahnhof Weißensee erfährt für den Güterverkehr eine um 
fassende Erweiterung, hier wird ein neuer Gllterbahnhof 
angelegt. Die im Zuge der Königin Augustastraße über 
den Landwehrkanal führende Eisenbahnbrücke wird dem 
nächst einem Umbau unterzogen werSen <und erhält einen 
neuen Unterbau. 
fl Der alte Botanische Garten geschloffen. An 
der Mauer des alten Botanischen Gartens in der Pots- 
damerstraße prangt jetzt ein großes Schild mit der weithin 
sichtbaren Aufschrift: „Bis zur Vollendung des Sportparkes 
bleibt der Botanische Garten geschloffen." 
-j- Befitzwechsel. Das bisher Herrn Hauptmann 
Castner gehörige Villengrundstück Stubenrauchstraße 72 ist 
in den Besitz des Ingenieurs Herrn Carl Bruckhoff, 
Handjerystraße 60/61 übergegangen. 
1° Vom Teltowkanal. Die Eröffnung des Teltow 
kanals durch den Kaiser wird, wie wir soeben erfahren, 
am Mittwoch, den 27. September d. I., erfolgen und 
zwar zunächst für die Strecke Potsdam bis Klein-Machnow 
(Schleuse). Diese Teilstrecke wird .damit der Schiffahrt 
offiziell übergeben werden. 
I Der Laurentius - Sternschuuppenschwarm, 
dem die Erde jetzt so nahe gekommen ist, daß die kleinen 
Kugeln, aus welchen er besteht, zum Teil in unsere 
Atmosphäre geraten und bei ihrer Bewegung von 30 bis 
40 Kilometer und darüber in der Sekunde sich erhitzen, 
ist einer der am längsten beobachteten Schwärme. Weil 
seine Kugeln am Tage des heiligen Laurentius am zahl- 
reichsten in unsere Atmosphäre kommen und sich in der 
selben entzünden, belegte ihn in alter Zeit daS Volk mit 
der Bezeichnung „Laurentiustränen". 
t Giftpflanze«. Jetzt ist die Zeit, wo verschiedene 
unserer gefährlichsten Giftpflanzen, z. B. Bilsenkraut. 
Nachtschatten. Stechapfel, Eisenhut. gemeine Tollkirsche, 
Fingerhut, gefleckter Schierling. Wafferschierling. die rot- 
beerige Zaunrübe, die Hundepeterstlie usw. zur Reife ge 
langen. Da die naschhaften Kleinen die Samenkapseln 
und Beeren dieser Pflanzen besonders die glänzenden 
schwarzen Beeren der Nachtschattengewächse, gern zu ihren 
Spielen verwenden, so kann das größte Unglück entstehen. 
Mütter sollten ihre Kleinen in Wald und Flur nie aus 
dem Auge lassen und ihnen auf daS strengste einschärfen, 
nichts zu genießen, als was ihnen von Erwachsenen gereicht 
wird. Schon eine einzige Beere dieser Giftgewächse kann 
den qualvollen Tod des Kindes herbeiführen. 
■f Fleischnot «nd Fleischverteuerung. In nicht 
weniger als 26 Volksversammlungen soll heute in Berlin 
und seinen Vororten darunter auch Steglitz und Wilmers 
dorf Stellung gegen diese genommen werden. In Re 
solutionen soll an die Regierung herangetreten werden, 
damit diese geeignete Maßnahmen treffe, um der für die 
ärmere Bevölkerung zu empfindlichen Verteuerung des 
Fleisches ein Ende zu bereiten. 
f Achtung, falsche Zweimarkstücke! Es handelt 
sich diesmal um doppelte Fälschungen, und zwar um zwei 
verschiedene Prägungen mit den Jahreszahlen 1873 und 
1876. Dagegen sind die Münzzeichen A genau in der 
gleichen Ausführung nachgeahmt. Die Prägungen sind so 
gut gelungen, daß die Fälschungen außerordentlich schwer 
zu erkennen sind. Doch fühlen sich die Falschstücke fettig 
an. Die Schöneberger Kriminalpolizei, der von einer 
Reihe dortiger geschädigter Geschäftsleute Falschstücke aus 
gehändigt morden find, ist der Falschmünzerbande bereits 
auf der Spur. 
f Streik der Kleber. Wie wir erfahren, haben 
die Kleber auf den Neubauten Rembrandtstraße 17 und 
Kaiserallee 102 die Sperre über die Bauten verhängt. 
-s- Vogelschießen. Die Steglitzer Schützengilde 
veranstaltet im Schützenhause in der Bergstraße vom 
13. bis 16. August ein Vogelschießen mit allerlei Volks 
belustigungen. 
-j- Der KriegS-Veteraneuverei« von Friedenau 
und Umgegend hielt am Sonnabend im Vereinslokal „Zur 
Kaisereiche" seine Monatsversammlung ab. Die Ein 
ladung de8 Landwehrvereins Gr.-Beeren zur Fahnenweihe 
soll durch ein Telegramm am Festtage beantwortet werden. 
Das Sommerfest hat einen kleinen Überschuß ergeben, er 
wurde dem Weihnachtsfonds überwiesen. Da der Sedan- 
tag diesmal mit der Monatssitzung auf denselben Tag 
fällt, soll keine Extrafeier veranstaltet werden. Das 
Winterfest fällt in diesem Jahre aus. Eine Verlosung 
unter den Kameraden soll dafür entschädigen. 
f Stenographen - Verein „Gabelsberger" 
Friedenau. Die Monatssttzung findet am Donnerstag 
den 10. August Abends 9 Uhr (pünktlich) im Vereinslokal 
„Hohenzollern", Handjerystraße 64, statt. Tagesordnung: 
Geschäftliches. Bericht über den 8. Stenographentag. 
Vereinigung Berliner Stenographen-Vereine. Verschiedenes. 
Schöneöerg. 
— Ans dem Handelsregister. Bei Nr. 4673. 
R. Christian Hoenicka, Schöneberg. Der Sitz der Firma 
ist nach Berlin verlegt. Inhaber wohnt in Schöneberg. 
— Bauuufall. Ein folgenschweres Bauunglück ist 
gestern Nachmittag auf eine eigenartige Ursache hervor 
gerufen worden. An dem Hause Wartburgstraße 4 be 
findet sich gegenwärtig ein Gerüst. Ein vorüberfahrendes 
hochbeladenes Fuhrwerk stieß an das Gerüst an und ein 
Teil des letzteren brach infolge der Erschütterung zusammen. 
Der in der Höhe der ersten Etage beschäftigt gewesene 
26jährige Arbeiter Paul Wernicke, Belzigerstraße 12, 
stürzte gleichfalls herab und wurde unter den Breiter 
trümmern begraben. Er trug bei dem Sturz mnere 
Verletzungen und Brüche beider Unterschenkel davon. 
gebracht. 
Zterlin und A-rorte. 
§ I« der Dankeskirche findet am nächsten Sonn 
tag während des Vormittagsgottesdienstes durch den 
Superintendenten v. Schneidemeffer die feierliche Ein 
führung des zum ersten Geistlichen an dieser Kirche 
gewählten bisherigen dritten Predigers Alberti statt. 
Dieser wurde bereits am 25. Januar 1904 von den kirch 
lichen Körperschaften einstimmig gewählt, doch wurde 
Einspruch gegen die Wahl erhoben. Jetzt nach 1 /z Jahren 
haben die kirchlichen Behörden diese Einsprüche als unbe 
gründet zurückgewiesen und die Wahl bestätigt. Prediger 
Alberti gehört der liberalen Richtung an. 
§ Die beiden Häuser Leipziger Platz 5 und « 
werden jetzt durch starke Balken gestützt, da unter diesen 
Gebäuden die Arbeiten für die Fortführung der Unter 
grundbahn unter dem Leigziger Platz hinweg in Angriff 
genommen worden sind. Aus dem Hause Nr. 6 ist die 
Haustür entfernt morden, da auf dem Flur mit dem 
Ziehen einer Mauer begonnen worden ist. Beide Häuser 
werden später abgerissen werden. Dasselbe wird bereits 
am 1. Oktober d. Js. mit den Häusern 3 und 4 geschehen, 
die in unmittelbarer Verbindung mit dem ebenfalls dem 
Abbruch verfallenen Häusern Königgrätzerstraße 129 und 
127 stehen. Nicht abgebrochen werden dagegen am 
1. Oktober die dazwischen liegenden Häuser Leipziger Platz 
Nr. 5 und Königgrätzerstraße 128, vielmehr bleiben diese 
Häuser noch auf unbestimmte Zeit bestehen. 
8 DaS älteste Gebäude der Luisenstadt diesseits 
des Kanals ist zur Zeit das ehemalige Schuldgefängnis 
Köpenickerstraße 39 g., bei dem sich im Äußeren nichts 
geändert hat und in dem bis zum Jahre 1868 böswillige 
oder zahlnngsunfähige Schuldner auf Kosten des Gläubigers 
festgesetzt werden konnten. In früheren Zeilen gehörte 
das Gebäude einem Buchdruckereibesitzer Möser und des 
halb führte das Schuldgefangenenhaus, wie die amtliche 
Bezeichnung lautete, im Volksmunde den Namen „Mösers- 
ruh". Die Schuldgefangenen führten dort ein ganz be 
schauliches Leben und wurden sofort entlassen, wenn der 
Gläubiger die Einzahlung für die Verpflegung deS 
Gefangenen nicht mehr weiter leistete. Die Verhaftung 
und den Transpott des Schuldners hatte der Exekutor, 
der Vorgänger des heutigen Gerichtsvollziehers, zu bewirken, 
doch gelang es häufig erst nach längerer Zeit und unter 
Anwendung von List, des Schuldners habhaft zu werden. 
Noch heute sieht man an den Fenstern des Seitengiebels 
die Eisenstäbe, hinter denen die „Verbrecher" saßen. Durch 
ein Gesetz vom 29. Mar 1868 wurde die Schuldhast auf 
gehoben. 
8 Na, daun allerdings... Das Amtsgericht 
Charlottenburg macht Folgendes bekannt: „Beschluß. Die 
vorläufige Unterbringung zur Fürsorgeerziehung des am 
28. August 1894 zu Naugard geborenen Erich Döring 
genannt Schmidt hier, Kantstraße 54 bei der Mutter» 
evangelischer Religion, wird in Erwägung, daß er zuge 
geben hat, im April 1905 drei Diebstähle verübt zu haben, 
in Erwägung, daß das Zeugnis der Schule schlecht ist, in 
Erwägung, daß die Eltern außer Stande find, erzieherisch 
auf den Knaben zu wirken, in endlicher Erwägung, daß 
der Magistrat, der Polizeiprästdent, Lehrer und Geistlicher 
die Fürsorge-Erziehung gleichfalls für erforderlich halten 
und Gefahr im Verzüge sehen, hiermit angeordnet. Gleich 
darauf hat das Gericht auch die endgiltige Unterbttngung 
des Erich Döring gen. Schmidt beschlossen und bemerkt 
hierzu: „Auch die Mutter des Knaben ist mit der Fürsorge- 
Erziehung einverstanden. Der Vater konnte nicht gehört 
werden, weil sein Aufenthalt unbekannt ist." 
WiltnerSdorf. Schwere Brandwunden erlitt die 
22 jährige Köchin Elisabeth, C. in der Brandenburgischen- 
straße infolge Explosion eines Spirituskochers. Sie war 
im Begriff, eine Gans ^abzusengen und kam mit dem 
brennenden Streichholz dem übergeflossenen Spiritus zu 
Ahsiclst in dies Hans getreten! Heimlich und verstohlen haben 
Sie den harmlosen Gast gespielt und — und — und — 
mich —" 
, „Das wissen Sie?" hatte sie tonlos — heiser flüsternd 
in seine Worte hinein gefragt, so namenlos erschreckt, daß er 
sie darob gar nicht begriff. Wozu der Schrecken? 
„Er hat es mir selbst geschrieben. Warum auch nicht?" 
Wie verwirrt sah sie ihn an, aufgeregt und sehr angstvoll. 
„Wann? Wann schrieb er dos? Denkt er wahrhaitig noch 
immer daran? Großer Gott! — Und daß Sie es nur wissen, 
Signor Palmieri, und Sie niögen es ihm und allen im Hause 
sagen: Nie und nimmer kaun ich's. Ich versprach es in 
Rom damals! — Jetzt ist alles anders geworden!" 
„Ah! Sie haben sich anders besonnen, Signorina? Weiß 
Ducetti das?" 
Ein Blick voll Entsetzen über seinen Ton zu ihr traf ihn; 
das junge Mädchen schlug die Hände vors Gesicht. „Sagen 
Sie mir, warum Sie mich verachten?" jtöhnte sie jammervoll 
und krampfte die kleinen Hände zusammen, die, wie er sah, 
heftig zitterten. 
„Irene, Sie wollen sich nicht verkaufen für Ducettis 
Geld?" flüsterte er atemlos. 
Sie verstand ihn endlich. Er sah, sie dachte ganz befreit: 
„Ach, das ist es?" 
Und dann flog ein rührend kindlicher Ausdruck, wie er 
ihn nie bei ihr gesehen, über ihr Gesicht. 
„Er ist unser Wohltäter, Signor Palmieri, und ich wußte 
la nichts von — Liebe!" wollte sie schließen, hielt das Wort 
aber plötzlich zurück und ganz selbstvergessen sprach er es, statt 
ihrer: „Bon Liebe!" Und dann war es beiden plötzlich, als 
ob in ihnen alles ernste Wollen, alles Verleugnen, aller 
Kampf gegen diese Liebe wie Nebel vor dem Winde verflog. 
Ähre Augen trafen sich, die ganze Seele beider lag darin — ein 
schrecken, ein Glück, ein siegender Jubel! — 
Da hörten sie hinter sich Do,ma Laura ärgerlich rufen- 
„Wir warten vergeblich, Irene, und da stehen Sie und plaudern 
und lassen Palmieri nicht zu Constanze!" 
Irene wurde schneeweiß — das sah dieser noch, und em 
nnzrger verzweifelter Blick wurde zwischen ihnen ausgetauscht, 
sann war sie fort und vor ihm stand Donna Laura in ihrer 
ganzen wortreichen Herzlichkeit, ihre Freude über des Doktors 
Ausspruch kund tuend, der den Sordegnas bestätigte. „Und 
nun kommen Sie mit, das arme Kind verlangt nach Ihnen!" 
schloß sie, viel zu sehr mit sich beschäftigt, um auf ihn zu 
achten, dem alles Blut zum Herzen zurücktrat. In ihm stand 
es fest: „Jetzt mußte er ein Ende machen! Jetzt durfte 
er nicht einen Schritt mehr so weitergehen." Mit solchen 
Gefühlen trat er zum ersten Male seit Wochen an das 
Krankenbett. 
-oewupriein wieoergereyrr war, hatte i 
Liebe der Ihrigen und die Aufmerksamkeit der Freunde i 
Hauses ihr stets eine Menge Blumen gesandt. Heute umsta 
ihr weißes Bett eine wahre Laube blühender Topfpflanz, 
vie schönsten Rosen hatte man ihr zu Häupten gestellt. Al 
umhüllt von der rolseidenen Decke, die vielleicht einen Schimn 
auf das völlig blutleere, abgemagerte Gesichtchen iveri 
sollte, lag da in den Kissen eine Palmieri im ersten sehr« 
lichen Moment völlig fremde Leidensgestalt. Wie im Tram 
richtiger gesagt, in völliger Berivirrung, hatte er sich v 
Donna Laura führen lassen; nun ging's plötzlich wie ein el 
irischer Schlag durch ihn hin — ein namenloser Schrecken r 
diesem, zum Skelett abgemagerten Menschenbilde. 
War er vorher schon blaß gewesen, oder wurde er e 
Das fragte niemand, am wenigsten seine Braut, die ihn a 
krankhaft großen Augen stemd anlächelte und ihm die tod 
matte Hand zu reichen versuchte. 
Und diesem, vom Tode kaum erstehenden, so unendl 
zarten Geschöpf — für das er in diesem Augenblick nichts, c 
nichts fühlte als Mitleid, sollte er gestehen? — 
Donna Laura fand es unbeschreiblich schön und rühre, 
daß der arme Bräutigam „wortlos vor Freude und Bewegun 
am Bette Constanzes niedersank und stumm diese abgezeh 
Hand küßte, die Constanze ihm reichte, während m i! 
Augen em fragender Ansdruck trat. Sie sagte nichts, sah i 
fast scheu an und winkte dann, er solle wieder gehen. Ihr 
Lächeln war schon verflogen. „Es regt sie auf; — sie ist noch 
zu schwach!" flüsterte Donna Laura ihm zu. Er folgte ihr 
gern. 
» 
Palmieri verlebte den Tag in schweren Gedanken. Dar 
über war er sich vollkommen klar, daß es für ihn nur noch 
einen Weg gab, der seine Ehre rettet und ihm Befriedigung 
für sein Herz sicherte. 
Er begriff sich jetzt selbst nicht, daß er ein Kornpromis zu 
schließen gedacht mit diesem stürmisch sein Recht verlangenden 
Herzen. — 
Ja — er würde ein armes Mädchen heiraten, würde 
allen gern gehegten Träumen von dem Behagen und dem Er 
folg, den der Reichtum sichert oder verspttcht, entsagen und 
— mit Irene glücklich sein. 
Sie würde ihm alles aufklären, was er in ihrem Wesen 
und Tun nicht verstanden. Auch ohne diese Aufklärung fühlte 
er sich bereits ihrer Liebe völlig sicher. Wie dies aber ausein- 
anderwickeln, dies verwirrte Gespinnst, das sie und ihn, Con 
stanze und Ducetti, umsponnen hielt? 
Darüber grübelte er stundenlang. Constanze durfte nicht 
erschreckt oder erschüttert werden; - dennoch mußte sie es zu 
allererst erfahren. — Wer war's denn, der einmal erzählte, 
in großer körperlicher Schwäche hätten Kranke oft keine Emvfin- 
dung für die schwersten Schicksalsschläge? Ach, wenn das 
wäre! Und man diesen jetzigen Zustand Constanzes dazu be 
nützen könnte! 
Ob Leo Sordegna wohl diese Tatsache kannte? Er, als 
Assistenzarzt des berühmten X., hatte in den Krankenhäusern 
vielleicht Aenliches gesehen? 
_ Was würde Sordegna überhaupt sagen? Sie standen 
so kühl mit einander, daß Palmieri auf ein Entgegenkommen von 
seiner Seite nicht zu hoffen wagen durste. Zudem würde 
Irene, indem sie Ducetti und seinen Reichtum aufgab, aller 
Dankbarkeit Hohn sprechen, und Sordegna legte so viel Ge 
wicht auf „diese vornehmste aller Tugenden". folstt)
        
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