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Periodical volume Nr. 183, 07.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

schädlich,r für die Konkurrenz wirken, als die in öffentlichen Zirku- 
laten usw. gemachten Angaben. Sehr bedenklich und verwirrend hat 
auch die Beschränkung des Verbots auf Angaben .tatsächlicher Art" 
gewirkt. Das Reichsgericht hat sich schließlich dahin entschieden, daß 
.tatsächliche Angaben" auf ihre Richtigkeit nachgeprüft werden können, 
während dies bei „Urteilen" (allgemeinen Anpreisungen) nicht der 
Fall ist. Allein, auch damit laffen sich die Widersprüche nicht ent 
wirren. Angaben, wonach eine Ware sich als die „beste", ein Geschäft 
sich als das „leistungsfähigste", ein Lager sich als das „größte der 
Residenz" bezeichnet hat, sind von dem einen Gericht für „tatsächliche 
Angaben", von dem anderen aber für „Vorteile" erklärt worden. Des 
Weiteren bemängelt der Verfasser die Vorschriften über den Gerichts 
stand und die einstweiligen Verfügungen; beide bedürften der Aus 
dehnung. Zu 8 6 des Gesetzes endlich, der von der Herabsetzung des 
Konkurrenten durch unwahre Angaben handelt, bemängelt der Ver 
fasser die Beschränkung, daß die Anwendung ausgeschlossen sein soll, 
wenn der Mitteilende oder der Empfänger der Mitteilung an ihr ein 
„berechtigtes Interesse" hat. Diese dem § 193 St.-G.-B. nachge 
bildete Ausnahme-Vorschrift habe in der Praxis zu einer erheblichen 
Verwirrung geführt. Die krassesten Fälle der Verdächtigung eines 
Konkurrenten seien ungesühnt geblieben, weil die Gerichte dem Ver 
breiter der Mitteilungen ein „berechtigtes Interesse" zuerkannt hätten, 
und dies wäre oftmals lediglich in der Konkurrenz-Eigenschaft erblickt 
worden. Ein „berechtigtes" Interesse, unwahre Angaben über den 
Konkurrenten auszustreuen, könne weder vom moralischen noch vom 
logischen Empfinden aus anerkannt werden. 
Lokales. 
f Die neue Baupolizeiordnung. Zur Be 
sprechung der Frage einer Revision der Baupolizeiordnung 
für die Vororte Berlins tagte am Freitag die Bau 
kommission des Berliner Vorortvereins. Die vom 
Ministerium der öffentlichen Arbeiten ausgearbeitete neue 
Polizeiordnung für die Berliner Vororte enthält eine Reihe 
von Verbefferungen Uber Bauwich. Die Bauklassen selbst 
sind nicht geändert worden. Nur in Klaffe 0 (landhaus 
mäßige Bebauung) soll das Anbauen jetzt zulässig sein;, 
die Frontlänge ist hier jedoch von 40 auf 30 Meter herab 
gesetzt. Für Klasse D sollen Blockseiten in geschloffener 
Weise bebaut werden dürfen, wenn im Innern des Blocks 
ein zusammenhängender freier Platz von mindestens- 
20 Meter Breite gesichert ist. Im allgemeinen sind für 
Wirtschaftsgebäude, soweit sie landwirtschaftlichen und 
gärtnerischen Anlagen dienen, Vergünstigungen gewährt. 
Sickergruben dürfen auf den Vorortgrundstücken, auch nicht 
mehr auf den unbebauten, nicht angelegt werden. Eine 
wichtige Anordnung besteht darin, daß künftig in allen 
Häusern für je zwei Wohnungen ein Klosett genügen soll; 
bisher wurde für jede Wohnung ein Abort gefordert. Bei 
den Treppenanlagen fordert der neue Entwurf, daß Ge 
bäude, in denen mehr als zwei bewohnte Geschosse vor 
handen sind, zwei feuersichere oder eine feuerfeste Treppe 
erhalten. Auch für die sog. Einfamilienhäuser sind Er 
leichterungen geschaffen. So werden z. B. Balkons jeder 
Größe als bebaute Fläche überhaupt nicht gerechnet. Das 
selbe ist der Fall bei Steintreppen, Veranden und Tür 
vorbauten bei Gebäuden der Klasse 0 und D. In einem 
neuen Paragraphen des revidierten Entwurfes ist vor 
gesehen, daß Einfamilienhäuser zum Aufenthalt von 
mehreren Familien nur dann benutzt werden dürfen, wenn 
die Gebäude den allgemeinen Vorschriften entsprechend her 
gerichtet sind. 
f Der Bau der elektrischen Straßenbahn von 
Steglitz nach Dahlem macht sichtbare Fortschritte. Die 
Doppelgeleise sind vom Rathaus fast bis zur Dahlemer 
Gemarkungsgrenze verlegt, auch die Neupflasterung der 
Grunewaldstraße, deren Bürgersteige durchweg durch ganz 
breite Granitbordschwellen eingefaßt werden, wird eifrigst 
betrieben. 
t Die Dahlemer Kirche wird zurzeit einer voll 
ständigen Renovierung unterzogen. Gottesdienste und 
Amtshandlungen finden daher vorläufig in der neuen 
Aula der Gemeindeschule (Lanzstraße) statt. 
-f Kleists Grab ist auf Anordnung des Reichskanzlers 
am Sonnabend neu geschmückt worden. Nach sorgfältiger 
Säuberung der Stätte sind neben dem liegenden Gedenk 
stein am Fußende des Hügels zwei kleinere, rundgeschnittene 
Lebensbäume eingepflanzt worden, während sich neben dem 
aufrecht stehenden Grabsteine am Kopfende zwei größere 
Lebensbäume erheben. Um den innern Teil des Gitters 
zieht sich eine Gruppe ®/ 4 Meter hoher Taxussträucher hin. 
Der Hügel selbst, der in der Mitte ziemlich eingesunken 
war, ist neu aufgeschüttet und auf der Oberseite mit frischem 
Efeu umsponnen worden. Zu beiden Seiten des Hügels 
steht man zwei freie Stellen, die vorläufig sauber mit 
weißem Kies bestreut worden sind, später aber jedenfalls 
Blumenschmuck erhalten werden. Das Grab wurde übrigens 
am gestrigen Sonntag von Ausflüglern zahlreich besucht. 
-j- Jagdscheine haben int Monat Juli gelöst die 
Herren Rentier Nennhaus, Gymnasiast Petzke, Kaufmann 
Speyer, Kellner Bock, Kaufmann Richter und Lehrer 
Finke Hierselbst. - 
f Hausverkauf. Das bisher im Besitz des Herrn 
Löbner gewesene Haus Lauterstraße 7 ist für den Preis 
von 61 000 Mark verkauft worden. 
-j- Die standesamtlichen Nach richte« für die 
Zeit vom 23. Juli bis 5. August sind im Anzeigenteile 
der heutigen Nummer enthalten. 
-j- Todesfall. Unsere Feuerwehr hat eines ihrer 
eifrigsten Mitglieder durch den Tod verloren. Nach nur 
dreitägigem Krankenlager verschied gestern früh der 
Zimmermann Gustav Richter, der dem Korps nunmehr 
neun Jahre angehörte. 
f Der wogende Wald grüner Halme, der im 
Frühjahre das Auge erfreute, ist durch des Sommers Glut 
gebleicht worden und wandert jetzt in die Scheunen. Die 
Stoppeln und das zur Herbstbestellung hergerichtete Feld 
sind die Kennzeichen des schwindenden Sommers mit seinen 
kürzer werdenden Tagen, längeren Abenden und kühleren 
Nächten. Leise zieht die Wehmut des Abschieds von der 
schöneren Jahreszeit in die Menschenbrust ein, nur ungern 
gewöhnt man sich an die Herbstempfindung und sucht nach 
Möglichkeit noch die Genüsse der Gegenwart auszudehnen. 
Da blitzt ein lebender Gedanke auf, es ist die Erinnerung 
an die Jagd, die der Monat August ja wieder im Schilde 
führt und welche der Herbst dem wackeren Waidmann zu 
seiner Freude als Hochgenuß darbietet. Aber auch für 
den Freund der Natur beginnt in den kommenden Wochen 
ein neues Leben. Der Herbst entfaltet nun in Wald und 
Feld, auf Wiese und im Garten eine Fülle von lieb 
licher Reize. 
ff Ein Agitationsbuud für Tierrecht und Tier 
schutz ist unter Leitung der kgl. Kammersängerin Frau 
Lilli Lehmann-Kalisch in Berlin ins Leben getreten. Er 
versendet soeben einen Aufruf, worin es mit Bezug auf 
die Tierschutzfrage heißt: „Das Tier ist heute nach der 
sittlichen Anschauung der meisten Menschen wie in der 
Gesetzgebung Sache und wird ohne Barmherzigkeit und 
Mitleid als Sache behandelt. Die Folge ist Verrohung 
der Menschen und Zunahme der Zahl der Verbrecher, 
besonders der jugendlichen. Eine Menge Grausamkeiten 
werden täglich aus Gedankenlosigkeit, Gewohnheit und 
Gleichgültigkeit an den Tieren verübt. Man denke nur 
an die Millionen Vögelchen, welche qualvoll in den 
Schlingen des Dohnenstieges verenden, an die Millionen 
Frösche, denen die Schenkel abgeschnitten und die dann 
lebend weggeworfen werden, an den Fischfang mit Lege 
angeln; an die vielen Millionen Schlachttiere, welche ohne 
vorherige Betäubung getötet werden; an die Quälereien 
beim Transport der Schlachttiere; an die qualvolle Aus 
nutzung, Mißhandlung und Vernachlässigung der Zug- und 
Kettenhunde; an die grausame Ausnutzung der Pferde bis 
ins höchste Alter und bis zum letzten Knochen, infolge 
des Vorurteils gegen den Genuß von Pferdefleisch; an die 
Quälereien der Gänse bei Gewinnung der Fettleber; an 
die vielerlei Quälereien der Fische und des Geflügels in 
der Küche; an die grausamen Hetzjagden; an die entsetz 
lichen Quälereien bei der Vivisektion usw. usw. 
f Warnung. In den jetzigen Tagen scheint uns 
die Warnung angebracht: „Esset kein Fallobst!" Der un 
verhältnismäßig starke Säuregehalt der durchweg unreifen 
und halbreifen Früchte beschleunigt die Verdauung in 
abnormer Weise und greift die Schleimhäute des Magens 
so stark an, daß Gesundheitsstörungen unausbleiblich sind. 
Daher ist es auch keineswegs wohlgetan, das Fallobst, 
wie vielfach geschieht, zur Viehfütterung zu verwenden. 
Wohl aber kann das Fallobst auch für unsern Tisch sehr 
gut nutzbar gemacht werden, wenn man es bei nicht zu 
starkem Feuer zwei- bis dreimal aufkocht, ohne es jedoch 
völlig zu zerweichen, wodurch an das gewechselte Wasser 
die oft auch bittere Säure abgegeben wird. Allerdings 
braucht die Hausfrau etwas, mehr Zucker als gewöhnlich 
zu diesem „Apfelmus", aber dafür ist der Erwerb des 
Fallobstes erheblich billiger als'der Des reifen, namentlich 
bei der nach anfänglich so guten Aussichten nun doch 
ziemlich schwach ausfallend en.'.Erntk Fiel zu teueren Obstes. 
f Das Nationalfest der Berliner Veteranen, 
das der Kriegsveteranenverein /„Deutsche Eiche" zum Ge 
dächtnis der 35. Wiederkehr der denkwürdigen Augusttage 
des Jahres 1870 veranstaltete;- nahm einen prächtigen Ver 
lauf. Mit Generalfeldmarschall'Gras Haeseler an der Spitze 
waren zahlreiche Offiziere erschienet' Die Vereine selbst 
versammelten sich in der Seydlitzstraffb und traten von hier 
aus, nachdem Graf Haeseler ifte Ftont abgeschritten hatte, 
den Marsch zur Siegessäule an. Desti Zug voran schritten 
die Kapelle der Jugendwehr und des Mbrine-Jugendvereins. 
Am Siegesdenkmal gruppiertest sich die Vereine im Halb 
kreise. Die Fahnen nahmen aüf der Plattform Aufstellung. 
Eine Deputation von sieben Rittbrn des eisernen Kreuzes 
legte einen Kranz am Sockel bieder.; Dann gedachte der 
Vorsitzende des Vereins „Deutsche Eichb" in einer Ansprache 
der Gefallenen. Seine Worte gipfelten in einem Kaiser 
hoch, auf das die Versammelten mit „Heil Dir im Sieger 
kranz" einstimmten. Der Föstzüg böloegte sich hierauf zum 
Schweizergarten. — An der Feier beteiligte sich auch der 
hiesige Kriegsveteranenverein mit fast säiNtlichen Mitgliedern. 
Eine Vereinssitzung fand abends sfl^der Kaisereiche statt. 
t Männer-Turuverein. Zwecks Bestellung von 
mehreren Eisenbahnwagen-Abteilen dMden alle diejenigen 
Turngenossen, die am kommenden ^Sonnabend mit dem 
5.25 Zug vom Stettiner Vorort-Bahnhof nach Oranien 
burg fahren, hierdurch gebeten, Ihre' Beteiligung um 
gehend dem Turngenossen Kaufmann O. Schoenrock, 
Rheinstraße 38 wohnhaft, mitzuteilen. H- 
-f Ein schlechter Scherz. Die über das Gelände 
des ehemaligen Sportplatzes von der'^Handjerystraße und 
der Kaiserallee nach dem Ringbahnhofö führenden Straßen 
waren in den letzten Tagen bereits den Bewohnern unseres 
Ortes zum ungehinderten Durchgang geöffnet. Das 
Publikum hatte sich infolgedessen daran gewöhnt und 
benutzte die Straßen gern infolge der nicht unerheblichen 
Abkürzung des Weges. Um so ungehaltener war man, 
als gestern Morgen der Ausgang - am Ringbahnhofe 
plötzlich gesperrt und das recht zahlreiche Publikum 
infolgedessen gezwungen war, den,.Rückmarsch nach der 
Handjerystraße bezw. Kaiserallet^änzu'treten. Da an keiner 
der beiden Straßen bekannt gemacht war, daß der Zugang 
am Ringbahnhofe gesperrt sei,'-so ist nicht ausgeschlossen, 
daß die Terraingeselljchaft als M Besitzerin des Geländes 
von der Sperrung nichts wußtet vielleicht einer ihrer An 
gestellten sich einen Scherz erlaubt hat<v 
-}- Riesenpilz. Ein Riesenpilz wurde uns am Sonn 
abend von unserem Mitbürger ^Herrn Pollack überreicht, 
der ihn auf einem unbebauten 'Grundstück in der Oden 
waldstraße gefunden hatte. Das seltene Exemplar mißt 
im Durchmesser 36 cm, oljne dabei aber besonders schwe^ 
zu sein. 
f Von der Leiter gestürzt ist am Sonnabend 
Nachmittag auf einem Neubau in depMilhelmshöherftraße 
der Arbeiter Fleck aus Berlin. Außer leichteren Verletzungen 
erlitt F. auch eine Verrenkung des rechten Fußes. Auf 
der Sanitätswache wurden Notverbände^ angelegt. 
ff DaS Modegift. In der Nacht zum 4. d. Mts. 
ist in Niederschöneweide die Leiche eines etwa 23 Jahre 
alten Mädchens gefunden worden, das sich mit Lysol ver 
giftet hatte. Die Tote ist von mittlerer Statur, hat dunkel 
blondes Haar, blaue Augen, txägt ein schwarzes Jackett, 
eine schwarz und weiß gestreifte Taille, einen graukarierten 
Rock, weiße gestreifte Strümpfe, Lackstitfel, Ohrttnge mit 
Perlen eingefaßt, einen weißen Strohhut mit Lederband 
und ein blau und weiß gestreiftes Taschentuch, gezeichnet Ll. 
In ihrem Portemonnaie fand man 8b Pf- und eine Quittung 
des Schuhwarenhauses Carl Stiller, Jerusalemer Straße. 
ff Berechtigte Entrüstung riefest gestern 3 Motor- 
Zweiradfahrer auf der Potsdamer Chaussee in Lichterfelde 
hervor, die in rasendem Tempo die Straße entlang fuhren. 
Nur mit Mühe konnte ein Herr mit seinen Kindern, als 
er den Fahrdamm passieren wollte, den Kilometerfressern 
ausweichen. Ein Schutzmann wollte die Nnmmer der 
Mit keinem Blick sah er nach Irene; in diesem Augen 
blick fühlte er überhaupt nichts, als den Schrecken und 
aufrichtig zärtliche Besorgnis, ans deren Grund die Furcht 
lag, daß Constanze von all der Aufregung erkrankt sei. 
Inzwischen hatten Bahnhofsbcamte Ducetti an den 
Krankenkorb erinnert, der für solche Fälle bereit stand und 
schnell waren ein paar Männer danach gelaufen. 
Constanzes Angehörige drängten sich in die Wagentür, 
das Trittbrett. — Palmieris Frage, wie denn dies gekommen, 
beantwortete jedes von ihnen, niemand in klarer, positiver 
Weise. Sie war eben schon lange nicht wohl. 
Endlich war der Korb da. — Ein anderer Zug brauste 
auf dem Nebengeleise in die Halle — das Donnern und 
Pfeifen schien die Kranke sehr peinlich zu berühren. 
Während man Constanze unter Palmieris Beistände sanft 
in den Tragkorb bettete, hatte Ducetti zu Giuliano gesagt: 
„Geh mit Irene, ihren Bruder zu empfangen — bringt ihn 
gleich nach Haus!" 
Inzwischen ergab sich zum leidenschaftlichen Verdruß 
Palmieris und der andern ein Aufenthalt. Man hatte den 
Bahnarzt gerufen — die Blattern herrschten irgendwo in der 
Provinz, man hatte strenge Wachsamkeit angeordnet. 
Nun, nach längeren Weiterungen wurde, dann konstatiert, 
daß kein Blatternfall vorliege. Sie durften endlich die 
Bewußtlose aus diesem Lärm und Staub der Halle bringen. 
Im Fortgehen sah Palmieri in einiger Entfernung einen 
blonden, schlanken, jungen Mann Irene umarmen — Giu 
liano stand daneben. Erst jetzt erinnerte er sich, er hatte vor 
hin von der Ankunft ihres Bruders gehört. — In der nächsten 
Minute vergaß er das alles schon wieder. — Er begleitete die 
Träger durch allerlei stille Nebengassen, Ducetti schritt neben 
ihm her — bedrückt, sorgenvoll, sehr wenig verändert, selbst 
gegen seine äußere Erscheinung imnier noch so gleichgültig 
wie je, nur daß seine Kleider besser gemacht ivaren; ein 
unbedeutendes, kleines Männchen, der große Mann. 
Ter Diener war sofort zum Hausarzt geschickt — Donna 
Laura mit dem jüngsten Bruder Constanzes vorangefahren. 
Als sie endlich mit der Kranken bei der Villa ankamen, 
ging dort schon in stiller Unruhe alles drunter und drüber. 
Donna Laura war durch die Zimmer gelaufen und hatte das 
ihr am besten scheinende zum Krankenzimmer ausgesucht; 
Irene und ihr Bruder kamen dazu — letzterer protestierte, es 
wurden drei nebeneinander liegende entzückende Räume 
genommen, wie er es wollte; niemand von den Dreien ahnte, 
daß sie für eine junge Hausfrau bestimmt seien und für 
welche! — Dazwischen wurden Koffer gebracht; Leo Sordegna 
richtete, als sei er ein Angehöriger des Hauses, für die Kranke, 
was nötig war; sie mußten frische Wäsche — vielleicht ein 
Bad — kräftige Bouillon, besten alten Wein hcranschafsen. — 
Donna Laura, die völlig kopflos umherlief, pries alle Heiligen 
für Doktor Sordegnas Ankunft und drückte ihm dankbar 
wiederholt die Hand. 
Irene tat still und blaß, was Leo befahl; sie hatte in 
ihrer grenzenlosen inneren Qual und Zerfahrenheit nur immer 
den Trost: Leo ist bei mir. 
Jetzt kam der Diener atemlos zurück, der Hausarzt sei 
nicht zu Haus, wohin er jetzt solle? Auch das hatte Donna 
Laura in ihrer Bestürzung zu sagen vergessen. 
Und da kamen sie. — „Ah, Leo!" begrüßte Ducetti 
flüchtig seinen Günstling. „Nun helfen Sie, Freund, ich höre, 
der alte Sinedi ist nicht zur Hand! Helsen Sie, mein armes 
Kind zur Ruhe zu bringen!" 
Palmieri stand beiseite und beobachtete diesen jungen 
Arzt, der hier wie ein ckeus ex machina ins Haus schneite, 
gerade als man ihn brauchte. In seinem Innern stand er 
Leo Sordegna schon gegnerisch gegenüber, lediglich, weil er 
Irenes Bruder war. 
Er stellte sich nicht vor — zu solchen Geschichten war auch 
nicht Zeit, aber es hätte sich immer tun laffen, daß er seinen 
Namen nannte und so Leo orientierte. 
Anscheinend vermißte der junge Arzt diese Höflichkeit 
nicht, er bat Donna Laura, die Leidende umzuziehen, gab ihr 
alle Befehle dazu, rief Irene und eine ältliche Dienerin zu Hilfe 
und zog sich einstweilen aus dem Krankenzimmer zurück. 
Irene hatte ihm schon auf dem Herwege die ganze Vor 
geschichte von Constanzes Erkrankung erzählt; Palmieri erfuhr 
sie erst jetzt, und nun ließ sich eine höfliche Begrüßung nicht 
mehr umgeben, aber sie war von beiden Seiten ohne jeden 
greifbaren Anlaß eine sehr gemessene.- — Sie hatten keine 
Sympathie für einander. 
Im Hause herrschte statt de§'Jubek§s auf den man ge 
hofft, traurige Verstörung. Statt der Kjxude zog Krankheit 
und Sorge in das reichgeschmstckte Halls, statt der zwei 
Hochzeiten, von welchen man bereits''flffsierte, vielleicht, — 
wer weiß? — Die Dienerschaft, noch zum Teil ganz neu, 
schob sich verwirrt und unlnstigr-rn^deül Ecken herum, die 
Herrschaften sahen all die schönen Zimnier, all den Blumen 
schmuck nicht einmal an. — Kein Autz^ ßlänzte, kein Mund 
lachte und scherzte, und als man.nach eingr Ewigkeit ein ver 
dorbenes Diner an der mit Silber und Krystall geschmückten 
Tafel einnahm, da gab es nur ernste Äthylen und gezwungene 
Gespräche. 
Der Hausarzt war endlich gekommen, hatte eine gründ 
liche Untersuchung angestellt, aff« Wch nichts Definitives, 
nur schivere Befürchtungen ausgesprochen. 
Genau dasselbe hatte eine Stündb früher der ganz 
junge Arzt geäußert und diese Uebereinstimmung hob sein An- 
sehen bei den Angehörigen der armen Constanze sehr. — 
Richt sobald aber erfuhr der alte Heil von dem jüngeren 
Kollegen, so beeilte er sich, diesem die flkichtliche Verpflegung 
der in ernstester Gefahr Schwebenden alls die Schultern zu 
lege». — „Sie sind jung, lieber Kollegr^chnd können bei dem 
Fall viel lernen; ich bin ein alter Mann, der seine Ruhr 
braucht, und unseren lieben Palmieri..'r den nehme ich jetzt 
sofort nach Hause, denn bei seiner kranken Braut ist der uns 
im Wege." 
Da half kein Protest. — Niedergedrückt und unruhig 
ging Palmieri. 
Donna Laura suchte ihn zn<tröstew indem sie die Hin 
gebung Irenes für Constanze ryhittke: „,Sie verstanden sich 
nicht immer, aber Irene hätte keilte Schwester treuer pflegen 
können." 
Palmieri hörte nur dieses Lob, Donna Laura ahnte noch 
immer nichts von Ducettis Absichten. ißk wäre sonst nicht 
so gut auf diejenige zu sprechen, gewesen, die darauf abzielte 
sie, zu entthronen. 
* , * (Fortsetzung folgt./
        
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