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Periodical volume Nr. 182, 05.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Vertreter über die Möglichkeit der Verhütung von Krankheiten machen, 
zum Besten ihrer Mitglieder durch eigene Veranstaltungen wie Be- 
lehrung in Versammlungen, Lehrkurse, Verteilung von Druckschriften 
usw. zu erwarten. Die Aufwendung von Kaffenmitteln hierfür muh 
auch für unzulässig erachtet werden. Darf die Kaffe dem einzelnen 
Mitglied den Schutz vor Erkrankung nicht unmittelbar durch Ge- 
Währung von Unterstützungen ermöglichen, dann ist sie hierzu auch 
nicht mittelbar durch Aufwendung von Kaffenmitteln in anderer Art 
dem einzelnen Mitglied oder der Gesamtheit der Mitglieder gegen 
über ermächtigt. Aus der Unzulässigkeit der Unterstützung der Kaffen- 
Mitglieder behufs ihrer Bewahrung vor Erkrankung oder Erwerbs- 
Unfähigkeit folgt, daß Maßnahmen zu diesem Zweck überhaupt und 
grundsätzlich außerhalb der gesetzlichen Aufgabe der Kaffe liegen und 
demgemäß von ihr jedenfalls unter Aufwendung von Kaffenmitteln 
nicht in Aussicht zu nehmen sind. Eine Enterscheidung je nach der 
Bedeutung und Kostspieligkeit der Maßnahme rechtfertigt sich hierbei 
gegenüber dem Gesetz ebensowenig, wie die mehrfach (siehe u. a. 
Arbeiterversorgung Jahrgang X Seite 70!) vertretene Ansicht, daß 
den Kaffen Aufwendungen für derartige Zwecke nach verständigem 
Ermeffen zuzustehen seien (siehe hierzu Rvfin, Recht der Arbeiterver- 
ficherung Band I Seite 652). 
Was die Kaffe eigentlich will, ist nach ihrer Erklärung die 
Förderung der Bestrebungen der auf die Verhütung von Volksseuchen 
und anderen Krankheiten abzielenden Kongresse, wenn auch nicht durch 
Zuwendungen von Beiträgen, so doch durch die Beteiligung ihrer Ver- 
treter. Die Zuwendung von Beiträgen für einen außerhalb ihrer 
Aufgabe stehenden Zweck an einen Dritten, der diesen Zweck verfolgt, 
ist ihr zweifellos nicht gestattet. Sie irrt aber auch darin, daß die 
Verwendung von Kaffenmitteln für die Entsendung von Vertretern zu 
derartigen Vereinen und Kongreffen als Kosten der Verwaltung zu 
lässig sei. 
Die Verwaltungslätigkeit der Organe der Kaffen hat sich auf 
die gesetzlich zulässigen Aufgaben zu beschränken. Der Begriff der 
Verwaltungskosten ist in Ermangelung einer anderen gesetzlichen Er 
läuterung dahin festzustellen, daß er diejenigen Aufwendungen um 
faßt, deren es für die Kaffen nach ihrer auf dem Gesetz beruhenden 
Zweckbestimmung bedarf, um ihnen durch ihre Organe die Erhebung 
der Beiträge und die Erfüllung der ihnen gesetzlich zugewiesenen oder 
gestatteten Unterstützungspflicht zu ermöglichen. Lediglich innerhalb 
dieser Begrenzung haben die Kaffen durch ihre Organe die Ver 
waltung nach verständigen Ermeffen zu betätigen, wobei ihnen freilich 
auch die Aufwendung von Kaffenmitteln und insbesondere auch von 
Reisekosten zu dem Zweck nicht grundsätzlich versagt ist, ihren Organen 
die Aufklärung über die gesetzlichen Aufgaben der Kaffen und ihre 
eigene Aufgabe gegenüber den Kaffen- und deren Mitgliedern zu er 
möglichen. 
Solange § 29 eine anderweite Fassung, wie sie von dem Zentral 
verband der Orskrankenkaffe angeregt ist (siehe Arbeiterversorgung 
Jahrgang IX Seite 696) nicht erhalten hat, ist die Verwendung von 
Kaffenmitteln für die Entsendung von Vertretern zu Beratungen von 
Verbänden, Kongressen nsw die sich mit anderen als den gesetzlichen 
Aufgaben der Krankenkassen befassen, unzulässig. Da die beanstandete 
Satzung zu Ausgaben dieser Art ermächtigen soll fund nach ihrem 
Wortlaut ermächtigen würde, ist ihr die Genehmigung mit Recht ver 
sagt. Zur Leistung von Ausgaben, die als Verwaltungskosteu zu 
beurteilen sind, bedarf es auch nicht erst der besond eren statutarischen 
Ermächtigung. 
Allgemeines. 
0 Fortbildungsschulwcfen. Im Fortbildungs 
schulwesen marschiert Schwaben voran. Der „Franks. Ztg." 
wird gemeldet: „Die Handwerkskammer erklärte sich mit 
der von der Regierung geplanten Reform des gewerblicher? 
Fortbildungsschulwesens einverstanden. In einer gegen 
wenige Stimmen angenommenen Resolution wurden als 
Grundzllge der Reform verlangt, daß in allen Gemeinden 
mit mindestens 40 gewerblichen Arbeitern der Besuch der 
gewerblichen Fortbildungsschule obliga,.>risch gemacht, die 
Schule als Berufsschule eingerichtet wird, Gewerbelehrer 
angestellt werden, der Tagesunterricht eingeführt und die 
Stundenzahl vergrößert wird. Die Funktion einer Ober 
schulbehörde soll der Zentralstelle für Gewerbe und Handel 
übertragen und dieser ein Beirat aus Männern der 
Technik, des Kunstgewerbes, des Handwerks und der 
Industrie an die Seite gestellt werden. 
□ Zur Frage der Elektrisierung der Berliner 
Stadtbahn dürfte es von Interesse sein, über die in 
Wien angestellten Versuche mit elektrischen Motoren Näheres 
zu erfahren. Es wird darüber u. a. berichtet: Abgesehen 
von den technischen Schwierigkeiten, welche die Umge 
staltung der als Dampf-Vollbahn gebauten Stadtbahn mit 
sich bringen würde, und den damit verbundenen Mehr 
kosten wäre es fraglich, ob auch damit dem angestrebten 
Zwecke einer durchgreifenden Verkehrsreform entsprochen 
werden könnte. Die bisherigen, bekanntlich sehr umfang 
reichen Versuche haben wenigstens eine Gewißheit in dieser 
Richtung nicht geboten. Dagegen müsse der Motorwagen 
betrieb auch für die Wiener Stadtbahn inbetracht gezogen 
werden. Es sei selbstverständlich, daß Niemand in ernst 
hafter Weise den Betrieb aller Stadtbahnlinien mit Motor 
wagen beabsichtige. Allch die zeitweilige Einschiebung von 
Motorzügen in den Dampfbetrieb dürfte aus Rücksichten 
der Betriebssicherheit kaum ins Auge gefaßt werden. Da 
gegen wäre es zweifellos von größter Bedeutung für die 
minder verkehrsreichen Linien der Wiener Stadtbahn, 
wenn diese mit leichten Motorwagen in kurzen Zwischen 
räumen befahren würden. 
Lokales. 
-j- Vom Elektrizitätswerk. Von Seiten unseres 
Elektrizitätswerkes wird lebhaft beklagt, daß es trotz aller 
Bemühungen nicht möglich ist, von einigen Hausbesitzern 
die Genehmigung zur Anbringung von Rosetten für die 
Straßenbeleuchtung an ihren Häusern zu erhalten. Wir 
möchten nun darauf hinweisen, daß zur Zeit die ganze 
Friedrichstraße mit elektrischer Beleuchtung ausgerüstet 
wird und daß sich dort mit Ausnahme von 9 Hausbesitzern 
sämtliche andern Besitzer sofort bereit erklärt haben, die 
Anbringung von Rosetten an ihren Hausern zu gestatten. 
Die übrigen 9 sollen auch noch nicht endgültig ihre Er 
laubnis verweigeet haben. Wir hoffen, daß dieser Hin 
weis die noch unschlüssigen hiesigen Hausbesitzer nun be 
wegen wird, sofort ihre Genehmigung für die Anbringung 
der Rosetten zu erteilen. Es wäre doch tief zu beklagen, 
wenn hier so wenig Bürgersinn bestände, daß der eigenen 
Gemeinde etwas verweigert wird, was in Berlin die 
Bürger im Interesse des Gemeindewohles einer Erwerbs 
gesellschaft (Berliner Elektrizitätswerke) willig zugestehen. 
ch Nber die Kosten der Volksschulen in Grost- 
Berlin hat der Gemeindevorsteher von Lichtenberg, 
Bürgermeister Ziethen, eine bemerkenswerte Zusammen 
stellung gemacht, der das Etatsjahr 1903 zu Grunde liegt. 
Die Ausgaben für Volksschulen, soweit sie nicht durch 
eigene Einnahmen, gedeckt sind, ohne Ausgaben für 
Schulbauten und ohne deren Verzinsung und Amortisation 
für die aufgenommenen Anleihen betrugen in Berlin selbst 
14 865 000 M., d. h. 7,6 M. auf den Kopf der Be- 
völkerung. In Charlottenburg wurden 1 473 000 M. 
d. h. 7,00 M. pro Kopf der Bevölkerung ausgegeben. 
Die westlichen Vororte stehen am günstigsten da. So 
beträgt der Aufwand für Volksschulzwecke in Wilmersdorf4,9, 
in Zehlendorf sogar nur 4,4, M., in Groß-Lichter- 
felde 5 M., in Schöneberg 5,3 M. Angaben über hiesige 
Verhältnisse müssen wir leider in der Zusammenstellung 
vermissen; bekanntlich ist aber auch in Friedenau das 
Verhältnis ein günstiges. Rixdorf erfordert 5,8 M. 
Rummelsburg 5,3 M. Je weiter man dann nach dem 
Osten und Norden kommt um so höher wird der Prozent 
satz, der auf den Kopf der Bevölkerung für die Volksschule 
aufzubringen ist, u. a. in Lichtenberg 6 M., in Neu- 
Weißensee 9,4 M., ebenso in Reinickendorf 6,4 M. 
1- Vom alten Sportparkgelände. Rasch schreiten 
die Arbeiten vorwärts, so rasch, daß bereits eine direkte 
Verbindungsstraße von der Handjerystraße beim Birken 
wäldchen zum Ringbahnhof geschaffen ist. 
t Mit dem Van eines neuen Güterbahnhofes 
am Waunseebahnhof Friedenau ist jetzt begonnen 
worden. Der neue Güterbahnhof wird sich von der Feld 
straßenbrücke über die Friedenauer Brücke bis zur Unter 
führung an der Holbeinstraße längst der Rembrandtstraße 
erstrecken und mit den -Güterbahnhöfen Steglitz und bei 
BahnhofEbersstraße nach seinerFertigstellung verbundenwer 
den, sodaß er gewissermaßen das Mittelstück derselben bildet. 
Alle drei Bahnhöfe zusammen werden dann den längsten 
Berliner Güterbahnhnf (zirka 3 Kilometer Länge) bilden. 
Nach Fertigstellung des neuen Güterbahnhofes wird der 
Bahnkörper zwischen Ebersstraße und Steglitz (Alsenstraße) 
eine Breite von 9 Gleisen erhalten, wovon 5 Gleise für 
den Güterverkehr dienen. Am Gllterbahnhof Steglitz soll 
sodann auch mit dem nächsten Frühjahr eine Station für 
den Personenverkehr zum neuen Sportplatz Steglitz ein 
gerichtet werden. 
-j- Aus dem Handelsregister. Bei Nr. 13 215. 
Otto Schoening & Co., Schöneberg. Der Sitz der Firma 
ist nach Friedenau verlegt. 
-j- Gründung einer Sterbekaffe auf Gegen 
seitigkeit. Zu wiederholten Malen wurde schon in den 
verschiedensten Kreisen unserer Einwohnerschaft der Wunsch 
laut, es möchte doch, wie in anderen Orten eine Sterbe 
kaffe gegründet werden. Diesen nie verstummenden An 
regungen folgeleistend, haben nun einige Herren die 
Sache tatkräftig in die Hand genommen und werden 
in nächster Zeit in einer öffentlichen Versammlung die An 
gelegenheit zur Sprache bringen. Beim Eintritt in diese 
gegenseitige Sterbekasse erfolgt eine Einzahlung von einer 
Mark. Die Angehörigen des Verstorbenen erhalten da 
gegen so viel Mark ausgezahlt, als die Kaffe Mitglieder 
zählt. Würde der Mitgliederbestand beispielsweise 600 
betragen, so erhielten die Angehörigen 600 Mark rück- 
erstattet. Gerade für den kleinen Mann und den Mittel 
stand dürfte die Schaffung einer derartigen Kaffe nur 
wünschenswert sein, ja im Interesse der ganzen Gemeinde 
wäre es zu bedauern, wenn die Angelegenheit nicht die 
nötige Unterstützung finden sollte. Verwaltnngskosten 
sollen nicht entstehen. Die Gelder würden bei einer 
hiesigen Bank hinterlegt werden. Weitere Auskunft und 
Aufschlüsse erteilen gern die Herren Robert Kunkel, 
Rheinstraße 51 und Fabrikant Pahle, Wilmersdorf. Bern- 
Hardtstraße 11, an welche sich die Interessenten wenden 
wollen. 
-j- Ladenairsbrüche finden jetzt bei älteren Häusern 
in fast allen Gegenden Berlins wie auch in Friedenau 
tatt. Es kann dies als ein erfreuliches Zeichen dafür 
angesehen werden, daß sich auch die Ladengeschäfte wieder 
zu heben beginnen. 
-j- Der Brechdurchfall, die im Hochsommer so ge- 
ürchtete Säuglingskrankheit, grassiert zur Zeit in Steglitz 
n bedenklichem Maße. Einzelne Ärzte haben bis zu 
dreißig der kleinen Patienten gleichzeitig in Behandlung. 
Auch in unserem Orte treten Brechdurchfall in starker 
Weise auf. 
ch Der Stachelbeerstrauch im Sommer. Gewöhn 
lich kümmert man sich im Sommer nicht besonders um 
den Stachelbeerstrauch, und doch ist dies die beste Zeit 
einer Pflege. Dieselbe besteht nun im Entfernen der 
austreibenden jungen Schößlinge und im Aufbringen von 
Kompost oder verrottetem Dünger um den Strauch herum 
und im Auskneifen oder Abschneiden zu lang gewordener 
Zweigspitzen und Zweige. Alt gewordene, schon verholzte 
Schößlinge sind zur heißen und trockenen Sommerzeit nicht 
zu entfernen, indem bei solcher Arbeit die Wurzeln be- 
chädigt und derartig gelockert werden können, daß der 
Strauch vertrocknet. Dieserhalb ist auch ein Umgraben, 
wenigstens tiefes Umgraben des Bodens unter den 
Sträuchern im Sommer zu vermeiden. Das Umgraben 
und Eingraben des Kompostes und Düngers hat dieser 
halb erst im Herbst zu geschehen. Unkraut darf im 
Sommer auf keinen Fall unter den Sträuchern geduldet 
werden. 
f Dauer- und Fliegerrennen. Der Weltmeister 
Willy Arndt und Willy Bader starten am Sonntag in 
Zehlendorf, die ausgesprochenen Lieblinge des Berliner 
Publikums bestreiten somit am kommenden Sonntag das 
erste Rennen in Berlin, es ist sicher zu erwarten, daß bei 
der großen Beliebtheit und dem vielen Anhang, den beide 
Fahrer beim Publikum haben, die Bahn in Zehlendorf 
einen Massenbesuch ausweisen wird, das umsomehr, da 
außer diesen ersten erstklassigen Fliegerrennen in Berlin 
noch ein 20 und 30 Klm. Matsch mit Motorführung 
zwischen Rosenlöcher - Dresden, und Schulze-Zehlendorf 
stattfindet. Rosenlöcher, sowie Schulze nehmen es mit 
dem Träining, welches in den Abendstunden zwischen 
7 und 8 Uhr stattfindet, besonders ernst, da der Sieger 
dieses Rennens zum Goldenen Rad zugelassen werden 
soll. Auch die andern Fliegerrennen versprechen sehr 
interessant zu werden, da diese (eine starke Besetzung auf 
weisen. Die Eisenbahn'Direktion hat sich veranlaßt ge 
sehen, nach dem neuen Bahnhof Zehlendorf—Beerenstr. 
des Sonntags 5 Minuten-Verkehr einzurichten, und ist es 
für die Rennbahn von großer Bedeutung, da diese in 
6 Minuten von dort zu erreichen ist. 
f Nhcinschlosi. Das morgige Gartenkonzert be 
ginnt Nachmittags 5 Uhr und soll, wie wir vernehmen, 
ein besonders künstlerisches Programm zusammengestellt 
sein, so daß mir den Besuch allen Musikfreunden empfehlen. 
f „Zürn Roland." Dieses seit kurzem bestehende 
Restaurant in der Rhein- Ecke Rönnebergstraße hat bereits 
einen sehr guten Zuspruch. Speisen und Getränke sind 
gut und der rührige Wirt Herr Zitzmann ist bestens ge 
eignet die Gäste vortrefflich zu amüsieren; ganz besonders 
aber erfreuen seine künstlerischen Zithervorträge — man 
muß ihn nur mal hören. 
f Kaiser Wilhelm garten. Wir haben an dieser 
Stelle schon wiederholt darauf hingewiesen, daß die Vor 
stellungen der Führmann-Walde-Sänger allgemeinen un 
geteilten Beifall finden. Aus diesem Grunde ist es nicht 
zu verwundern, daß sich d?r Besuch von Vorstellung zu 
Vorstellung erhöht. Wer einmal das Ensemble gehört 
und gesehen hat, wird immer wieder gerne dem neuen 
Programm entgegensehen. Wir machen auf die heute 
Abend stattfindende Soiree ganz besonders aufmerksam. — 
der seine Ketten abgeworfen. Wie ein fieberndes Entzücken 
überkam es ihn, frei — allein zu sein! Aber, großer Gott, 
das war doch keine Bräntigamsstiminung? 
Er erschrak vor sich selbst und vor diesem Zustand. Also 
das war die Folge von einer kurzen Woche, im Zwange, in 
steten Rücksichten, in Heuchelei sogar verlebt? So unnatürlich 
war das Leben neben Constanze gewesen? So lange sie selbst 
neben ihm weilte, hatte er das nicht so schwer gefühlt, jetzt 
begriff er plötzlich, daß die Unwahrheit ihn elend machen 
würde. 
Aber nein! Er fand sich wieder zurück. Der Wille vermag 
viel, wenn er ernstlich ist! 
„Und dann wirst auch Du hungern nach einem bischen 
Gluck!" antwortete ihm die Liebe. 
Er blieb in seinem Wagenabteil allein, Gott sei Dank' 
Noch nie hatte er begriffen, welche Wohltat manchmal im 
Allemsem liegt. 
Die Auguslwochen gingen vorüber, aber noch immer war 
die Hitze so groß, daß an eine Rückkehr der Sommerfrischler 
nicht zu denken war. 
Palmieri war froh, daß auf ihn durch die Ferienreise 
älterer Kollegen die ganze Arbeit derselben fiel und ihn der 
Möglichkeit beraubte, nach Detri zu reisen. — Nach und nach 
beruhigte sich seine leidenschaftliche Erreguirg; er sagte sich, was 
er sich hundertmal gesagt, aber es schien ihm, als ob alle ver- 
nünftigen Erwägungen mitten im vielfordernden Tagesleben 
mehr Ucberzeugnngskrast hätten, als in der romantischen 
Einsamkeit des Gebirges. 
Alle Welt redete von den Erfolgen seines Schwieger 
vaters. Durch die Zeitungen war es gegangen, daß derselbe 
seme neueste Erfindung für eine Summe, die selbst Palmieri 
überrajchte, nach England verkauft habe. 
Es gab ihm ein angenehmes Gefühl, sich beimlich beneidet 
zu sehen um die reiche Braut! 
Dieselbe Zeitung, ivelche Ducettis Erfolge meldete, und daß 
er mit seinem Sekretär eine Reise durch Frankreich und 
Deutschland nach Moskau mache, brachte in einem andern 
Teile eine kurze Notiz des Inhalts, daß die Verhandlungen 
gegen den des Mordes Angeklagten, sogenannten Grafen 
Renard, der durchaus seinen wirklichen Namen nicht nennen 
wolle, in der nächsten Schmurgerichtssitzung in Mailand ver 
handelt werden sollte. — Da man außer Stande war, die 
richtigen Angaben über sein wirkliches Doniizil zu erlangen, 
mußte man als solches Mailand annehmen, weil er sich länger 
als sonst wo in den letzten Jahren dort aufgehalten. — Daß 
Renard hartnäckig leugne, könne die Verdachtsmomente 
gravierendster Art nicht entkräften. 
* * * 
Einige Tage später kam aus Petersburg ein Brief von 
Ducetti -an Palmieri — ein gewisses Staunen regte sich in 
diesem, denn sein Schwiegervater schrieb selten. 
Aber mit welchen Gefühlen las Palmieri den ziemlich 
kurzen Inhalt! 
Ducetti benachrichtigte ihn, daß er bei seiner Rückkehr 
den langgefaßten und mit Irene vereinbarten Entschluß, diese 
zu heiraten, auszuführen denke, daß er aber für wünschens- 
wert halte, seine Tochter sich vorangehen zu lassen, und daß 
er überzeugt sei, Palmieri und Constanze würden auch in 
dieser Sache ganz mit ihm einverstanden sein. — Er werde 
dem jungen Paare eine Mitgift aussetzen, wie es seine jetzigen 
Pcrhällnisse ihm gestatteten, und bitte daher Palmieri, für 
sich und seme junge Frau eine passende Wohnung auszu- 
Inchen und alle sonst erforderliche:: Schritte vorzubereiten, daß 
im letzten Dritteil des September die Hochzeit stattfinden könne. 
Vis dahin unverbrüchliches Schweigen. 
Sprachlos saß der Einpfänger dieser Nachricht da. Er 
hatte von dem allen nichts klar begriffen als das eine, daß 
Irene und Ducetti sich nach lang vorher beschlossenem Plane 
heiraten wollten. 
Irene — Ducetti heiraten! Wie lange er dasaß, keines 
vernünftigen Gedankens fähig, wußte er selbst nicht. — 
Unerwarteter, unmöglicher, widerwärtiger hätte er sich gar 
nichts vorstellen können! 
Er war längst aufgesprungen und rannte wie außer sich 
im Zimmer herum. 
War Ducetti verrückt geworden? — Dies schien ihm die 
einzige Erklärung für eine solch ungeheuerliche Idee! — Aber 
der Brief war so durchaus klar und logisch, daß diese An- 
nähme in sich zusammensank, dennoch! — Ungeheuerlich war 
es, niederträchtig, daß ein Mensch wie Ducetti sich zu solchen 
Plänen versteigen konnte! Das wundervolle junge Geschöpf 
wollte er — er in seine Arme reißen? Sich bezahlt machen für 
seine Wohltaten unendlich weit über deren Wert hinaus? 
Auf einmal kam in ihm ein ihm ganz fremdes Gefühl 
mit überwältigender Kraft empor; ein Widerwillen, der an Haß 
grenzte, eine namenlose Abneigung gegen seinen Schwieger 
vater. 
Hätte er sich das Gefühl erklären sollen, er würde es nicht 
vermocht haben; aber es war plötzlich da, als hätte es längst 
in seiner Seele gelegen, nur unerkannt, unklar und unver 
ständlich. 
, Körperlicher und seelischer Widerwille zugleich. 
Nein! — Der Mann sollte das Mädchen nicht haben! 
Das heißt — wenn Irene ihn nun aber doch wollte? O, 
Falschheit! Dein Name heißt Weib! 
(Fortsetzung folgt.)
        
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