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Periodical volume Nr. 181, 04.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

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Fernsprecher: Nr. 129. 
»r. 181. 
Friedenau, Freitag den 4. August 1905. 
12. Aahrg. 
Depeschen. 
Vozen. Im ganzen Pustertal sowie im Ampezaner- 
Tal hat ein - 36 Stunden andauerndes Unwetter großen 
Schaden angerichtet. Die Flußläufe sind über die Ufer 
getreten; besonders die Drau ist erheblich gestiegen; sodaß 
Katastrophen befürchtet werden. 
Krakau. Wie man dem „Czas" aus Warschau 
meldet, sind die neuerdings in auswärtigen Blättern auf 
getauchten Gerüchte, daß der Generalgouverneur Maximowitsch 
geflüchtet sei, erfunden. Maximowitsch hat in den letzten 
Tagen zahlreiche Truppeninspektionen vorgenommen. 
Rom. Gestern Mittag verbreitete sich hier das 
Gerücht, der König sei in Racconigt bei einer Automobil 
fahrt verunglückt. Es entstand eine Panik. Die Börse 
wurde geschloffen, auch im Vatikan herrschte große Auf 
regung. Später wurde das Gerücht abgeschwächt: der 
König habe nur einen Arm gebrochen. Dann kam das 
amtliche Dementi, das besagt, der König habe den Tag 
auf einer Jagd in Santa Anna Valdicrie im Aostatal zu 
gebracht, wo kein Automobil existiere. Die Entrüstung 
über die leichtfertige Ausstreuung des Gerüchtes, in dem 
man ein Börsenmanöver vermutet, ist hier allgemein. 
Saloniki. Nach amtlichen Berichten operieren jetzt 
25 Banden in Mazedonien, darunter 13 bulgarische, 
10 grichische, eine serbische und eine türkische. 
Neuyork. Der „Sun" macht den Vorschlag eines 
Bündnisses zwischen Rußland, England und Nordamerika. 
Diese drei Völker seien in aufrichtiger Freundschaft eng 
untereinander verbunden. Ihre Interessen ständen sich 
nirgends gegenüber, besonders da die französisch-englischen 
Differenzen nunmehr durch den beiderseitigen Schieds- 
oertrag beseitigt seien. Die Zeit sei gekommen, wo diese 
drei Nationen ihre Rüstung einstellen und gestützt auf das 
allgemeine internationale Schiedsverfahren den Weltfrieden 
herbeiführen könnten. Es sei zwar richtig, daß Frankreich 
für den Fall einer deutsch-österreichisch-russtschen Allianz 
mehr exponiert, aber es dürfe nicht vergessen werden, daß 
»heutzutage das Geld im Kriege eine größere Rolle spiele, 
als die Truppen, und gegen Deutschland würde Frankreich 
die finanzielle Unterstützung Englands und Amerikas besitzen. 
Tientfin. Ein kaiserlicher Edikt hebt die Prügel 
strafe in China auf. Dafür werden Geldstrafen oder die 
Verweisung in ein Arbeitshaus eingeführt. Statt zehn 
Hieben ist eine Strafe von 1 / 2 Tael zu zahlen, bis zu 
100 Hieben eine solche von 15 Taels, im Unvermögens 
falle kommen auf 1 Tael 4 Tage Gefängnis. 
Bom Russisch-Japanischen Kriegsschauplatz. 
Wien. Die hiesigen Blätter fahren fort, sich mit 
den Erklärungen Wittes über die Friedensfrage zu be 
schäftigen und sind vorwiegend der Ansicht, daß die Dar 
legungen Wittes einen markanten Beweis für die ehrlichen 
Friedensbestrebungen Rußlands bilden. 
London. „Daily Telegraph" meldet: Die von Witte 
gelegentlich seiner Ankunft in Neuyork an die Vertreter 
ie Mache ist mein.“ 
Kriminal-Roman von L. Haid heim. 
20. (Nachdruck verholen. Alle Rechte »oehedalte».) 
Constanzes Mißtrauen fand nicht den leisesten Anhalt. 
In guten und friedlichen Stunden berente sie dann, gab 
sich liebenswürdig und plauderte in ihrer gewohnten Manier. 
Sie hatte wohl die Erkenntnis geäußert, daß ihr manches 
fehlte, aber sich durch Fleiß auszubilden und zu vertiefen, war 
sie viel zu indolent. 
Und dabei mußte er von ferne sehen, wie Irene des ganzen 
Kreises Liebling war, wie jeder niit ihr gehen, plaudern wollte, 
ivie der Oesterreicher die lebhaftesten, endlosesten Gespräche mit 
ihr führte. 
„Was mögen sie nur immer verhandeln?" warf er einmal, 
da er sich mehr als je davon gequält fühlte, gegen seine 
Braut hin. 
„O, die!" rief Constanze gereizt. Und dann brach es 
plötzlich aus ihr hervor; — Irene sei eine Erzkokette, alle 
diese Herren habe sie nacheinander erobert und ebenso kalt 
wieder fallen lassen, sobald sie abreisten oder ein neuer kani. 
Irene sei ein kaltes, räiikesüchtiges Geschöpf, und sie und 
Donna Laura würden froh sein, wenn sie ivieder abreiste. 
Ter Vater aber sei sehr böse geworden, als sie ihn, dies eines 
Tages gesagt. Natürlich! Ihn habe Irene betört ivie alle 
andern. 
„Kleine Eon! Sie ist Deines Vaters Gast. Sie ist auf 
seine Gastfreundschaft angewiesen; er tut ein gutes Werk an 
der Waise," mahnte er seine Braut. 
Meinetwegen kann sie bleiben, und wenn sie zwanzig 
Anbeter zugleich beschäftigte," fuhr diese aber erbittert fort; 
.nur ist es hart für n,ich, mir von ihr klar machen zu lassen. 
der Presse abgegebene Erklärung wird lebhaft kommentiert. 
Die Idee scheine an Boden zu gewinnen, daß Witte be 
absichtige, eine Allianz zwischen Japan, Rußland und 
Nordamerika herbeizuführen. 
Neuyork. Am nächsten Montag wird die erste 
Zusammenkunft der japanischen und russischen Delegierten 
zwecks Einleitung der Unterhandlungen stattfinden. 
Tokio. In der Mandschurei haben die Russen große 
Truppenmaffen konzentriert. An vielen Stellen stehen 
sich die feindlichen Truppen kaum 1000 Meter voneinander 
entfernt gegenüber. In dem Gebiete von Takumen haben 
die Russen bedeutende Verstärkungen erhalten und ihre 
Gesamtstärke in dieser Gegend belaufe sich auf ca. 300000 
Mann. — Japanische Offiziere, welche vom Kriegs 
schauplätze zurückkehrten, erklären, daß die russischen Streit 
kräfte augenblicklich ca. 20 Armeekorps umfaßten mit je 
zwei Divisionen zu 15 000 Mann. General Liniewitsch 
verfüge über 800 Geschütze und weitere Geschützsendungen 
aus Rußland seien unterwegs. Die Hauptstreitmacht des 
Generals Liniewitsch stehe in der Gegend von Takumen 
und der Linie von Changchum. General Liniewitsch lege 
eine große Tätigkeit an den Tag. 
In japanischen Volkskreisen glaubt man nicht, daß 
die Friedensdelegierten zu einem befriedigenden Resultat 
gelangen werden. Japan müsse auf seinen Haupt 
bedingungen bestehen und eventuell seine Flotte nach 
Europa senden, um seinen Forderungen durch eine der 
artige Demonstration Nachdruck zu verleihen. 
Allgemeines. 
Q Gegen die Belästigungen des reisenden 
Publikums im Eisenbahnverkehr macht die Staatsbahn- 
Verwaltung jetzt. energisch Front. In einer heute aus 
gegebenen Verfügung heißt es: Es hat sich die Not 
wendigkeit ergeben, das gewerbsmäßige Feilbieten oder 
Verkaufen von Gegenständen aller Art, das Musizieren, 
die Vorführung von Schaustellungen und das Einsammeln 
von Geld innerhalb des Bahngebietes, namentlich auch in 
den Zügen, auf Grund des § 77 der Eisenbahn-Bau- und 
Betriebs-Ordnung öffentlich zu verbieten. Zu diesem 
Zwecke ist eine Bekanntmachung hergestellt worden, welche 
in den Warteräumen, in denen sich Reisende der dritten 
und vierten Wagenklasse aufhalten, an den Fahrkarten- 
Ausgabestellen und auf bedachten Bahnsteigen zum Aus 
hang gebracht werden soll. Nachdem dies geschehen, sollen 
alle gegen dies Verbot handelnden Reisenden dem Vor 
steher der vorgesetzten Betriebs-Inspektion zur Bestrafung 
wegen Zuwiderhandelns gegen allgemeine Anordnungen 
der Bahnverwaltung angezeigt werden. Hoffentlich wird 
nunmehr das störende und lästige Unwesen der fahrenden 
Händler und Künstler ausgerottet werden können. 
0 Verbotene Sendungen. Ein neuer Sprengstoff, 
der den leicht verständlichen Namen „Dinitrochlorhydrin" 
führt, ist, wie die Staatsbahnverwaltnng bekannt gibt, 
wegen seiner gefährlichen Sprengwirkung gemäß § 50 
daß sie ein kluges, elegantes, geistreiches Wesen ist, schön und 
vornehm und ich nichts von dem allen." 
„Das tut sie? Sie sagt Dir Unverschämtheiten?" brauste 
er ans. 
„O nein, mit direkten Worten nicht, aber sie stellt es so 
an, daß ich gar nicht umhin kann, es mir selbst zu sagen!" 
mußte Constanze bekennen, die vor leidenschaftlichem Haß er 
bebte, die also, wie er jetzt sah, doch Leidenschaft, Tempera 
ment hatte. 
Er begriff vollkommen, wie die Sache stand. Constanzes 
glühende Eifersucht machte sie ungerecht, ließ sie in jeder Zu 
fälligkeit Absicht sehen. 
Die Wahrheit und die Gerechtigkeit forderte, daß er für 
Irene sprach. Er rief sich selbst: Vorsicht! zu. 
„Ich habe sie auf mein Wort nie unfreundlich gegen Dich 
gesehen. Dich aber häufig gegen sie," schloß er trotz seines 
Mahnrufs erregter, als er wollte. 
Constanze preßte die Lippen aufeinander und schwieg. 
Seine Parteinahme verletzte sie noch tiefer; sie war nicht in 
der Lage, der Gerechtigkeit Gehör zu geben, und das empörte 
ihn nun wieder. 
Er sah ein, daß Constanzes angstvolle Liebe und dies Gefühl 
der Unbedeutsamkkit sie ganz ans ihrer im Grunde so harm 
losliebenswürdigen Gutherzigkeit trieb. 
Seine bessere Natur siegte doch wieder. 
Er schloß die Braut zärtlich in die Arme, sagte ihr viel 
Liebes, was er in dem Moment auch zu denken meinte, bat 
sie, ihm zu vertrauen, und erinnerte sie an ihre Verliebtheit 
vor ihrer Verlobung. 
Mit dieser jesuitischen Wendung — denn welchen Grund 
hätte er sonst haben können, um sie zu werben? — beruhigte 
er sie, und da er selbst fest entschlossen war, über die Versuchrmg 
zu siegen, so fühlte er sich durchaus ehrlich und im Recht. 
* * 
Absatz 4 der Eisenbahn - Verkehrsordnung von der Be 
förderung mit den Staatsbahnen ausgeschlossen. Zur 
Auflieferung gelangende Sendungen müssen demnach 
zurückgewiesen werden. — Unzulässig ist auch die neuer 
dings beliebte Versendung von Bier in Blechbüchsen zu 
den Frachtsätzen als Eilgut, sowie die Versendung fäulnis- 
fähiger Knochen oder sonstiger übelriechender Gegenstände 
in losem oder schlecht verpacktem Zustande. 
sj Die neue Anweisung für Entwürfe von 
Eisenbahnstationen, welche an die Stelle des Ministerial- 
Erlasses vom 3. August 1893 tritt, ist den Eisenbahn 
direktionen jetzt zugegangen. Sie soll im allgemeinen nur 
der Bearbeitung von Neu-Anlagen zu Grunde gelegt sein, 
soll aber geprüft werden, ob nicht schon jetzt einzelne Ein 
richtungen, die den neuen Vorschriften nicht entsprechen, 
umgeändert werden könnten. Besonderer Wert soll darauf 
gelegt werden, daß vor der Aufstellung von Stellwerks- 
Entwürfen die Bahnhofs-Pläne auf das Eingehendste (nach 
Vorschrift des § 20) geprüft und zweckmäßige Gleis 
änderungen die Entwürfe mit aufgenommen werden. 
Ferner sollen besondere Beachtung finden: die Vorschriften 
über die Einschränkung der Signalmasten, über die Er 
füllung der Betriebs-Anforderungen mit den einfachsten 
aber doch zuverlässigen Mitteln, über die Sicherung gegen 
die vorzeitige Weichen-Umstellung, über die einfache und 
die Kontroll-Riegelung von Weichen, die Stellwerks- 
Gebäude rc. Der Minister bemerkt, daß die bisherigen 
Erläuterungsberichte oft einen unnötig großen Umfang 
angenommen haben und auch die zeichnerische Arbeit bei 
den ihm vorzulegenden Entwürfen erheblich eingeschränkt 
werden könne. 
Lokales. 
Der Armenpfleger des 3. Bezirks Herr Rentier 
Böhme ist auf längere Zeit verreist und wird voraussicht 
lich am 15. September d. Js. unseren Ort ganz verlassen. 
Die Pflegergeschäfte seines Bezirks (Handjerystr. 1—32 
und 78—90) werden zunächst durch den Ärmenpfleger 
Herrn Glasermeister Barth (Schmargendorfer-Straße 3) 
vertretungsweise wahrgenommen werden. 
f Ausbau der Linie 88. Nachdem gestern die 
Geleise für die Legung in der Saarstraße angefahren 
wurden, konnte heute Morgen damit begonnen werden, 
das Asphalt in der Rheinstraße vor dem Hause Nr. 18, 
wo das neue Geleise abzweigt, aufzureißen. Wenn die 
Arbeiten auch langsam vorwärts gehen, so ist doch zu 
hoffen, falls nicht neue Hindernisse in den Weg treten» 
daß die Linie Ende dieses Monats in Betrieb genommen 
werden kann. 
f Beerdigung. Gestern Nachmittag 4 Uhr fand 
auf dem hiesigen Friedhofe die Beerdigung des in weiten 
Kreisen bekannten Herrn Karl Klemme statt, der, wie mit 
geteilt, seinen Tod durch Ertrinken beim Baden in Lindow 
i. d. M. gefunden hatte. Eine große Anzahl Leid 
tragender gab dem Entschlafenen das letzte Geleite. Herr 
Am Mittagstisch sah Irene schöner ans als je. Sie saß 
neben den Engländern, deren Sprache sie genügend beherrschte, 
nnd widmete sich ihren Nachbarn ganz, Nur einmal traf 
Palmieri ein tiefernster Frageblick pfeilschnell und er fing den 
selben auf. 
Das Blut schoß ihm heiß bis unter das Haar vor 
stürmischer Freude, daß sie doch noch an ihn dachte. 
Was die Frage in ihren Augen bedeutete, verstand er 
nicht. Vielleicht wollte sie sehen, ob er sich mit Constanze gnt 
stand? Denn das wünschte sie doch offenbar. 
Nach dem Essen brachte Irene Constanze Kristalle, die sie 
selbst gesammelt. Diese dankte kühl. — „Ich habe das Sammeln 
aufgegeben." 
Röte und Blässe jagten sich ans Irenes Gesicht; jetzt aber 
scheute sie sich nicht, mit einem Blick auf Palmieri diesen zum 
Zeugen oder Richter aufzurufen. 
Constanzes ältester Bruder — ein fünfzehnjähriger Knabe 
— rief aber, ehe Palmieri eine Silbe hätte sagen können, er 
bittert seiner Schwester zu: „Du vergißt, scheint eS, jetzt'sehr 
oft, daß Irene unser Gast ist. Sie hat nur Freundschaft für 
Dich — Tn aber behandelst sie unwürdig, nicht, als wärst Du 
eine Dame!" 
„Ginliano! Giuliano!" stürzte Irene ans den Knaben 
zu und suchte ihm die Hand auf den Mund zu legen. Ter 
aber riß sich los, um fortzufahren. Da nahm ihn Palmieri 
an der Schulter und flüsterte ihm, heiser vor Zorn, Be 
schämung und Bedauern zu, Schulbuben hätten sich nicht vor 
laut zwischen Erwachsene zu drängen. 
Das war eine schwere Beleidigung für den Stolz des 
Schülers; doch was dachte Palmieri daran, der jetzt in heißer 
Pein zwischen den beiden Mädchen stand! 
Er folgte dem richtigen Gefühl, als er Constanze zärtlich 
umschlang, chre Hand nahm und sie zu Irene führte. „Sag' 
ihr ein gutes Wort!" baren seine Augen.
        
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