Path:
Periodical volume Nr. 180, 03.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Frirdeiiml fikil* *|li}fi|et 
Gleichzeitig Organ für den Hriedenaner Ortsteil von Schöneberg und den Vezirksverein Süd-West. 
Unpacküsche Zeitung für Kommunale 
Bezugspreis 
bei Abholung aus der Expedition, Rhein- 
K 15,1,20 M. vierteljährlich; durch Boten 
.»aus gebracht oder durch die Post be- 
zogen 1 M. 50 Pf., monatlich 50 Pf. 
Bestellungen 
in der Expedition, bei sämtlichen Zeitungs. 
spediteuren und Postanstalten. 
Fernsprecher: Nr. 129. 
Erscheint täglich abends 
Besondere 
Jeden Mittwoch: 
Wibbtatt „Seifenbtcrfen". 
Druck und Verlag von 
Leo Schultz in Friedenau.. 
und burgkrlilhk Angelegenheiten. 
Erscheint täglich abends 
Beilagen 
Jeden Sonnabend: 
Mkätter für deutsche Irauen. 
Verantwort!. Redakteur: 
Leo Schultz in Friedenau. 
Anzeige» 
werden bis 1 Uhr mittags angenommen. 
Preis der 5 gespaltenen Zeile oder deren 
Raum 25 Pf. 
Die Reklamezeile kostet 60 Pf. 
Anzeigenannahme 
in der Expedition, Rheinstraße 15, sowie 
in allen Annoncenexpeditionen. 
Fernsprecher: Nr. 129. 
»r. 180. 
Friedenau, Donnerstag den 3. August 1905. 
12. Iahrg. 
Aepeschen. 
Dortmund. Aus dem Orte Kirchhörde ist gestern 
berichtet worden, daß ein Vater seinen Sohn erschossen 
hat. Der Mörder seines Sohnes ist nun in einem Roggen 
felde erschossen aufgefunden worden. 
Bochum. Die von den ausgesperrten Bauhand 
werkern zur Vertretung ihrer Forderungen gewählte 
Sechserkommission hielt gemeinsam mit den gesamten 
Delegierten der rheinisch-westfälischen Organisation hier 
eine Sitzung ab, in welcher zu den Beschlüssen des Arbeit 
geberbundes Stellung genommen und folgende Resolution 
angenommen wurde: „Die Sechserkommisston wird beauf 
tragt, in eine erneute Unterhandlung erst dann einzu 
treten, wenn der Arbeitgeberbund sich zur sofortigen 
Regelung der Lohnfrage bereit erklärt. In den Kreisen 
Dortmund, Hörde, Bochum, Essen, Gelsenkirchen, Ruhrort 
und Recklinghausen ist von den einzelnen Arbeitgebern 
die sofortige Einführung der 10 stündigen Arbeitszeit und 
ein Stundenlohn von 55 Pf. für Maurer und Zimmerer, 
sowie 45 Pf. für die Bauhilfsarbeiter zu fordern und für 
die Durchführung dieser Forderung in dem Kampf einzu 
treten. Der Kampf ist von den beteiligten Organisationen 
gemeinsam unter gegenseitiger Solidarität zu führen. Die 
Kampftaktik hat sich zu richten nach den örtlichen Ver- 
hältnisien und ist in den einzelnen Orten gemeinsam mit 
der Sechserkommission festzusetzen. 
Wien. Die Meldung, daß hiesige Zuckerfirmen in 
Zahlungsschwierigkeiten geraten sein sollen, bestätigen sich 
nicht. Ebenso unbegründet sind die Gerüchte, daß die 
Filialen der Kreditanstalt in Prag ur<L i« Brünn Ge 
schäftsverbindungen mit französischen Zuckerfirmen unter 
halten haben. 
Gestern fand unter Vorsitz des Ministerpräsidenten 
Baron Goutsch ein Ministerrat statt, der sich mit der Er 
ledigung der Handelsverträge, der Auflaffung städtischer 
Parallelklasien in Troppau und der Errichtung einer 
selbständigen tschechischen Lehrerbildungsanstalt in Polnisch- 
Ostrau beschäftigt. 
Zara. Auf dem hier vor Anker liegenden Kriegs 
schiff „Maria Theresia" brach eine Ankerkette, wobei zwei 
Matrosen schwer verletzt wurden.- 
Bukarest. Im hiesigen Dacia-Saale fand gestern 
ein großes antigriechisches Meeting statt. In demselben 
wurde eine Resolution beschlossen, in welcher gegen das 
gewaltsame Vorgehen der Griechen sowie der griechischen 
Geistlichkeit gegen die in Mazedonien lebenden Rumänen 
auf schärfste protestiert wird und die in Mazedonien 
lebenden Rumänen aufgefordert werden, jede Verbindung 
mit den Griechen abzubrechen. 
Belgrad. Die Regierung hat sämtliche serbischen 
Gesandten nach Belgrad gerufen, was hier zu den ver- 
schiedentlichsten Kommentaren Anlaß gibt. In gut 
informierten Kreisen behauptet man, diese Berufung gelte 
—"P—P*——gBBBgBBB 
„Kie Mache iß «ei«." 
Kriminal-Roman von L. Haidheim. 
19. (Nachdruck «erboten. Alle Rechte dorbebalten.) 
Uebrigcns ließ Tucetti ihm auch keine Zeit; er nahm den 
Schwiegersohn sofort mit in seine „Hexenküche", wie Irene es 
früher einmal lachend schilderte, und dort im Labatorium 
setzte er ihm seine Angelegenheit auseinander. 
Ducetti hatte ein Präparat herausgefunden, besten Her 
stellung Chemiker und Montanisten bis jetzt vergeblich gesucht. 
Diese Entdeckung war allein ein Vermögen wert; es handelte 
sich bei dieser Verwertung aber um die Auslegung seines 
Kontrakts mit der Regierung. 
Konnte et im Auslande diese Erfindung verwerten, die 
mit dem Krieg nichts zu tun hatte, so war Ducetti voraus 
sichtlich bald Millionär. 
Sie redeten hin und her. Palmieri war viel zu sehr eine 
realistische Natur, um nicht diesen Aussichten ein höchstes In 
teresse auch seinerseits zuzuwenden. 
Endlich waren sie übereingekommen, Ducetti sollte selbst un 
verzüglich nach Rom reisen; loyales Vorgehen gegen die Re 
gierung war Ehrenpflicht. Palmieri wunderte sich fast, daß 
sein Schwiegervater zu diesem Beschluß erst seines Rates be 
durft hatte. 
Dann wieder erklärte er sich dies aus Ducettis fahriger, 
zerstreuter und unklarer Weise in allen äußeren Dingen, so 
weit sie nutzt seine Wistenschast betrafen. 
Er fand ihn körperlich trotzdem wohler. 
„Hier hab ich Ruhe! Niemand stört mich, ich sehe keinen 
Menschen!" sagte Ducetti als Erklärung. 
Trotzdem ftagte er nach den Nachbarn Floris, erst be 
züglich der Arbeiten in beiden Villen, dann begann er, von 
dem als Mörder verhafteten Grafen Renard zu reden — fragte 
viel und war zu Palmieris Erstaunen sehr genau unterrichtet, 
so weit die Zeitungen Berichte gehabt halten. 
der Besprechung energischer Schritte, welche die serbische 
Regierung gemeinsam mit Montenegro bezüglich der 
traurigen Zustände in Alt-Serbien zu machen beabsichtige. 
— In der Gegend von Ljoma nächst Prizend in Alt- 
Serbien kam es zwischen zwei albanesischen Stämmen 
wegen Blutrache zu einem blutigen Zusammenstoß, in dem 
über 30 Albanesen gefallen sind. Die türkischen Behörden 
mischen sich in solche Blutfehden der Albanesen nicht ein. 
Saloniki. Eine bulgarische Bande von Bauern 
griff das türkische Wachthaus bei Rodovitschte an, machte 
40 Soldaten nieder, verbrannte das Dorf Rodomir und 
zerstörte den Telegraphen. 
Krakau. Wie der „Ozas" meldet, wurde der Major 
Wierkowski wegen Mißgriffe bei der Aushebung zur 
Degradation, Verlust des Adels und 7 Jahren Festungshaft 
verurteilt. 
Warschau. Der Generalgouverneur verbot das 
weitere Erscheinen der Zeitung „Lodzinski Listok" 
Petersburg. Tartaren haben die armenische Be 
völkerung in der Ortschaft Nakhitschever angegriffen. 
Während des ganzen Tages wütete ein heftiger Kampf, 
welcher solange hingehalten wurde, bis Militär eintraf. 
Alsdann wurden die Tartaren mit großen Verlusten 
zurückgeschlagen, sie schwuren aber, zurückzukehren und alle 
Armenier zu ermorden. 
London. „Daily Telegr." meldet aus Tokio: 
Starke Regengüsse haben in Nordkorea große Über 
schwemmungen angerichtet; alle Pontons auf dem Turnen- 
flusse sind weggeriffen. 
Nach Meldungen aus Neuyork erklärte der Vertreter 
eines der größten dortigen Bankhäuser, er hoffe mit 
Witte während dessen Anwesenheit wegen Aufnahme einer 
russischen Anleihe verhandeln zu können. 
Paris. „Matin" meldet aus Petersburg, daß der 
Ministerrat, welcher gestern unter Vorsitz des Zaren statt 
fand, nicht unwesentliche Abänderungen des Bulyginschen 
Projektes vorgenommen hat. Der Wahlmodus, welcher 
angenommen ist, entspreche entschieden mehr den Wünschen, 
welche in dem jüngsten Semstwokongreß geäußert sind. 
Diese Änderungen gelten als ein Beweis der Absicht, den 
Krieg fortzusetzen. 
Frankreich hat sich über das Verhalten Tattenbachs 
in Fez nicht formell beschwert, sondern in einer persön 
lichen Aussprache eine beruhigende Aufklärung aus Berlin 
erhallen, sodaß auch in dieser Hinsicht jetzt wieder eine 
ziemlich optimistische Stimmung vorherrscht. 
Nom. Trotz aller Dementis bestätigt es sich, daß 
der Finanzminister in absehbarer Zeit die Konversion der 
italienischen Rente durchzuführen hofft. 
Neuyork. Herr von Witte wurde bei seiner 
Ankunft in Portsmouth durch einen Ehrensalut von 
19 Schüssen begrüßt. Admiral Mais, Direktor des 
Marinearsenals, empfing Herrn von Witte und veranstaltete 
„Ich balle ihn nicht für den Täler!" sagte Palmieri. „Aber 
es spricht alles dafür!" rief Ducetti, heftig auffahrend. 
„Allerdings, er leugnet aber jeden Punkt, der direkt den 
Mord angeht. Bisher hat man nur Indizienbeweise, und der 
halbe Manschettenknopf, an den nian so fantastische Entveckungs- 
hoffnungen knüpfte, sei nie der des Pseudografen geivesen, er 
klärt auch dessen mehrere Jahre in seinem Dienst befindliche 
Diener." 
Ducetti hatte anscheinend das Interesse an der Sache 
schon wieder verloren, sich abgewandt und zwischen seinen 
Instrumenten gekramt. 
Sie gingen gemeinsam zum Hotel, um dort zu speisen. 
Ducett: rnflere frey fchon vorher für die fosorlrge Avrerfe, er 
wollte anderen Mittag beim Kriegsminister eine Audienz 
erbitten. 
Beim späten Diner fiel es Palmieri auf, daß er wieder 
mißmutig und grüblerisch wie nur je aussah, Donna Laura 
versicherte ihm aber später, er sei diese Wochen wohler und 
zufriedener gewesen als seit langer Zeit. 
Palmieri fand sein Zusammensein mit Constanze leichter 
und erfreulicher, als er sich gedacht; als sie sich über die 
mannigfachen Störungen beklagte, welche des Vaters Abreise 
gegen io Uhr mit sich brachte, tröstete er sie liebevoll. Sie 
würden sich die anderen Tage entschädigen, wollten viel in 
die Berge wandern und viel plaudern über allerlei, was 
Constanze ihm geschrieben. 
Die ganze Familie wußte von Ducettis Aussichten, viel 
Geld zu verdienen, alle redeten davon und waren auf den 
Vater stolz. Palmieri selbst dachte mit Behagen daran, daß 
Constanze später reich werden würde. Nicht eine Minute 
machte er sich diese praktischen Erwägungen zum Vorwurf, 
dazu war er viel zu sehr im Weltleben aufgewachsen, aber er 
war mehr als je entschlossen, den Weg seiner Pflicht zu gehen. 
Das alles wurde ihm heute gar nicht schwer. Irene 
war einer Einladung zu den englischen Damen gefolgt, welchen 
das kleine Dorfwirtshaus so sehr gefiel, daß sie bis zum 
Herbst zu bleiben beschlossen. 
ihm zu Ehren ein Frühstück. Später erschien der 
Gouverneur von Neuyork mit 800 Mann Miliztruppen 
und eskortierte den Wagen Wittes nach Court House, 
hier wurde Herr von Witte in herzlichen Worten will 
kommen geheißen. 
Da zahlreiche Drohbriefe eingelaufen sind, so wird 
von der Regierung die Stunde geheim gehalten, in welcher 
die Friedensdelegierten im Zeughause zusammentreten. 
Allgemeines. 
Q Zur Reform des Eisenbahn-Personen- und 
Gepäck-Tarifs liegen einige bemerkenswerte Äußerungen 
von kaufmännischen Korporationen vor. Die Handels 
kammer zu Krefeld begrüßt den Versuch der Herbeiführung 
eines Einheitstarifs im ganzen deutschen Reiche und billigt 
die Festsetzung der bekannten Einheitssätze. Mit der Ein 
führung von mäßigen Zonen-Schnellzugs-Zuschlägen erklärt 
sich die Kammer aber nur unter der Bedingung einver 
standen, daß nur die besonders schnellfahrenden Durch 
gangszüge, keinesfalls die Lokal-Schnellzüge mit diesen 
Zuschlägen belegt werden und aus der Entrichtung der 
letzteren dem reisenden Publikum keine Unbequemlichkeiten 
erwachsen. Der Aufhebung des Freigepäcks ließe sich nur 
dann zustimmen, wenn der neue Gepäcktarif möglichst 
niedrig und einfach gestaltet und damit einer durchaus 
unerwünschten Vermehrung des Reisegepäcks in den 
Personenwagen begegnet wird, und wenn ferner für eine 
schnelle, sowie auch beim Mangel durchgehender Fahrkarten 
direkte Abfertigung Sorge^ getragen werde. — Die 
Handelskammer zu Mainz dagegen äußert Bedenken gegen 
den Schnellzugs-Zuschlag un"o hält es jedenfalls für uner 
läßlich, daß derselbe nicht höher festgesetzt wird, als der 
seitherige O-Zug-Zuschlag und daß seine Erhebung sich 
beschränkt auf Züge mit einer gewissen Mindest-Durch- 
schnittsgeschwindigkeit, etwa 70 Kilometer in der Stunde, 
da sonst eine wesentliche Verteuerung des Reifens eintreten 
würde. Die vorgesehene Erhöhung des Tarifsatzes für die 
erste Klasse erschiene weder aus den Interessen der Eisen 
bahn, die dadurch Ausfälle erleiden würde, noch aus denen 
des Publikums gerechtfertigt und sollte daher unterlassen 
werden. Mit dem Gepäcktarif erklärt sich die Kammer, 
wenn sie auch den Fortfall des Freigepäcks bedauert, ein 
verstanden. Sie gibt schließlich der Hoffnung Ausdruck, 
daß die Reform unter Berücksichtigung der obigen Ein 
wendungen baldigst zustande kommen möge. 
sj Zur Signal-Ordnung für die Eisenbahnen 
Deutschlands treten am 15. d. Mts. gemeinsame Aus 
führungs-Bestimmungen in Kraft, welche einige Neuerungen 
enthalten. So das Hornsignal (4b) der Blockwärter, 
welches, als Antwort auf das Achtungs-Signal der Loko 
motive, dem vor einem Hauptsignal haltenden Zuge den 
Befehl übermittelt, zu warten; ferner das Haltsignal 
mittels Knallkapseln (6b), das Signal zur Kennzeichnung 
Sie überhäuften Irene mit Liebenswürdigkeiten und 
musizierten viel mit ihr. 
* * 
Tucetti war abgereist; Palmieri konnte sich seiner Braut 
ungestört ividmen. 
Zwar zeigten sich die übrigen Gäste des Hotels nicht sehr 
bereit, sich die Unterhaltung eines so feinen und gebildeten 
Mannes entgehen zu lassen, und gegen dies liebenswürdige 
Entgegenkominen gab es keine Auflehnung, aber nach den 
langen, zärtlichen Morgenstunden war Constanze auch geneigt, 
den andern etwas von Palmieris Gesellschaft zu gönnen. 
Und dieser war sehr froh darüber. 
Es war, trotz beiderseitigen Bemühens, es zu verhehlen, 
ein fremdes Etwas zwischen das Brautpaar getreten, wovon 
sic früher nichts bemerkt. 
Sie verstanden sich plötzlich nicht mehr so gut; es kam 
zu kleinen Mißverständnissen, zu Tränen seitens Constanze, 
zu ungeduldigen Seufzern seinerseits. 
Da war es ja schon besser, man vermied dies Alleinsein, 
das zwar stets mit Versöhnungen endete, denen aber doch 
ein Streit vorhergegangen war. 
Und das alles als Folgen resultatloser Aussprachen! 
Palmieri sagte sich mit geheimem Schrecken, er habe 
Constanze noch gar nicht so gekannt; reizbar, mißtrauisch, 
auffahrend, weinte sie viel und behauptete, sein Herz sei nicht 
bei ihr — alles, was er ihr Liebes sage, spreche nur sein 
Mund. 
Seinen ehrlichen Willen so belohnt zu sehen, erbitterte 
ihn; er hatte zwar nicht große Mühe gehabt, Irene zu 
fliehen, sie mied ihn und seine Braut mit fast unhöflicher 
Ausdauer und ließ sich von einem österreichischen Rittmeister 
anscheinend vorzüglich unterhalten, aber er durfte sich sagen, 
daß er sich ihr nicht zu nähern versuchte. 
Und diese Mißstimmung Constanzes sein Lohn! Und 
dabei lebte diese wahnsinnige Sehnsucht nach Irene plötzlich 
in seinem Herzen wieder auf! 
(Fortsetzung folgt.)
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.