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Periodical volume Nr. 179, 02.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

herrlicher Kranzspenden von den Vereinen und dem Trauer- 
gefolge auf den Grabhügel niedergelegt. Zwei Kutschen 
brachten die für den Entschlafenen von Freunden gestifteten 
Kränzen nach dem Friedhof. Fürwahr er war ein ganzer 
Mann, den jetzt die Erde deckt, ein treuer Freund, ein 
braver Kamerad und wohl mancher schied von dem Grabe 
mit dem Gedanken: Sie haben einen braven Mann be 
graben, er war uns mehr. 
t Todesfall. Im Alter von 71 Jahren starb am 
Montag, Fregestraße 74, der in publizistischen Kreisen 
Berlins aus seiner früheren langjährigen Wirksamkeit als 
politischer Redakteur bekannte Dr. phil. Hermann Langmann. 
Der Verstorbene hatte in den 70er Jahren gemeinsam mit 
Herrn Rudolf Masse das Berliner Tageblatt ins Leben 
gerufen. Er war auch, als das Blatt dann in der eigenen 
Druckerei des Dr. Langmann gedruckt wurde, bis Moste 
in die Jerusalemer Straße übersiedelte, noch eine Reihe 
von Jahren Redakteur dortselbst bis zur Gründung des 
Neuen Berliner Tageblattes, welches aber nach einjährigem 
Bestehen einging. Dann gründete er später die „Tier- 
Börse", der er als Verleger mehr als 15 Jahre bis zu 
seiner Erkrankung vorstand. 
f Das alte Brennöl, das vor 50 Jahren fast aus 
schließlich zur Beleuchtung von Wohnzimmern usw. ver 
wendet wurde, ist jetzt im Zeitalter des Gasglühlichtes 
und elektrischer Lampen verschiedener Systeme nicht etwa 
verschwunden, sondern wird gerade in Berlin zu Be- 
leuchtungszwecken verschiedener Art noch in einem ganz 
erheblichen Umfange verbraucht. In vielen prinzlichen und 
fürstlichen Hofhaltungen, bei Kgl. und kommunalen Be 
hörden, in den Studierzimmern von Gelehrten, in den 
Kontoren der Chefs mancher großer gewerblicher, kauf 
männischer- und Bankinstitute und nicht zuletzt in den 
Wohnstuben alter Berliner wird das Brennöl (raffiniertes 
Rüböl) noch in Ehren gehalten, weil man seine weiße 
Flamme, die dem Auge sehr zuträglich ist, der des 
Petroleums, sowie dem Gas- und elektrischen Licht vor 
zieht. In dem Arbeitszimmer de§ alten Kaisers Wilhelm 
wurde Öl bis an das Lebensende des Herrschers gebrannt. 
Eins ist aber verschwunden, die alte liebe gute Schiebe 
lampe, bei deren mildem Lichte es sich so traulich saß und 
deren Behandlung doch so mühselig und zeitraubend war. 
An ihre Stelle ist die sogenannte Moderateurlampe und 
eine eigenartige Studierlampe getreten, bei denen die Öl 
flamme vielfach durch ein Uhrwerk geregelt und dadurch 
beständig vollkommen weiß erhalten wird. Auch die 
Sicherheitslampen in den Theatern, Konzertsälen usw., so 
wie die Nachtlämpchen werden noch mit Brennöl gespeist. 
Es gibt in Berlin noch eine ganze Anzahl von Ölfabriken 
oder Öl-Raffinerien, wie es heißt, von denen eine jährlich 
mehrere 100 Zentner pruduziert. 
f Büchsengemüse. Der Berliner Polizeipräsident 
macht darauf aufmerksam, daß zur Herstellung von 
Büchsengemüsen eine Erhitzung auf 100 Gr. für die Dauer 
von 10 Minuten sich als geeignet erwiesen hat, die schäd 
lichen Keime und ihre Sporen in Nährflüssigkeiten abzu 
töten, und daß ferner der Inhalt von Büchsen, die bei 
der Öffnung einen verdächtigen Geruch erkennen lasten, im 
Haushalt unter keinen Umständen Verwendung finden darf. 
t Sommernachtszauber. Es ist etwas eigen 
artiges um eine stille Nacht im Juli oder August, wo die 
drückende Schwüle des Tages sich in wohltuende Wärme 
aufgelöst hat und der ganze Schönheitszauber uns mächtig 
umfängt. Klar ist der dunkle Himmel, aus dem einige 
Sterne ihr Silberlicht magisch auf die friedlich schlummernde 
Erde senken, indes der Mond als treuer Hüter seinen 
sanften Schein über Berg und Tal, Städte und Dörfer 
ergießt. Lange Schatten wandern auf den Wegen, und in 
ihrem Schutze gehen Menschen einher, die für die Poesie 
einer solchen Nacht Sinn haben, denen die Natur zum 
Herzen spricht. Kein Laut des Alltags dringt hierher; 
Sorgen und Arbeit sind vergessen, wenn die weiche, 
kosende Luft, die noch von Blumenduft erfüllt ist, uns 
streichelt, wenn ganz von weitem die Nachtigall klagt und 
sonst kein Ton das Träumen und Sehnen stört. Große 
Gedanken kommen da beim Anblick der Pracht am 
Firmamente, wo immer mehr Lichter auftauchen; Gefühle 
werden wach, die im Drange des Hastens und Treibens 
schlummerten, und selige Ruhe zieht ein in die Seele, die 
dem Sommernachtszauber zugänglich ist. 
t Schützenvereinigung. Die Schützengilden 
Friedenau, Steglitz, Bund Teltow und Bund Berlin ver» 
Alle diese vermeintliche Sclbstiiberwiudung krach dennoch 
in einem einzigen Moment zusammen. 
Eine Depesche von Ducetti bat ihy dringend, in einer 
juristischen Angelegenheit nach Tetri zn kommen. 
Als ob all sein Wollen und Ringen nichts gewesen, so 
jauchzte er ans. Er sollte „sie" wiedersehen, ohne jedes Zutun 
seinerseits: Kismet! Kismet! 
Der Urlaub wurde ihm nicht verweigert. 
„Sie sehen abgearbeitet aus, haben trotz des Sommers viel 
gearbeitet, erholen Sie sich!" sagte ihm gütig der Chef. 
Zwei Stunden später war Palmieri auf der Reise. Unter 
wegs kam er zur Besinnung ans seine Pflicht. In finsterm 
Grübeln saß er lange und machte sie sich zum hundertsten 
Male klar. 
Dennoch —! Als er in Tetri ankam, dachte er: Kismet! 
und seine Augen suchten heimlich, ja wider seinen Willen, 
Irene zuerst. 
Die ganze Familie begrüßte ihn, Constanze hatte ihn nie 
zärtlicher enipsangen. „Wie danke ich Dir für Deine Briefe!" 
flüsterte sie mit bedeutsamem Ton. 
Er sagte nicht, daß er sie niagerer und blasser fand, 
trotz der herrlichen Bergluft. In ihren Augen lag ein fremder, 
ernster Ausdruck. 
Auch sie fand ihn verändert. „Bist du krank gewesen?" 
fragte sie, und als er lächelnd verneinte — er wußte wohl, 
wie krank sein Herz gewesen—! da meinte sie zärtlich: „Gott 
lob, daß Tu heraus kannst. Du hättest in der Stadl das 
Fieber bekommen." 
Endlich tonnte er Irene begrüßen. Ihm war, als ob 
die ganze Familie beobachtend sie umstände. 
Sie hatte eiskalte Hände und heiße, aufgeregte Augen. 
Was sollten sie einander sagen? Es blieb bei einem: 
Uuona sera! und Conie sta? 
(Fortsetzung folgt.) 
sammelten sich gestern Abend nach der Beerdigung des 
Kameraden Matschke zu einem ehrenden Gedenken im 
„Hohenzollern". Der Vorsteher der hiesigen Gilde gedachte 
bei dieser Gelegenheit nochmals des verstorbenen Kameraden 
und pries vor allem desten Anhänglichkeit an die Gilde. 
Noch. auf dem Krankenlager habe er am vergangenen 
Donnerstag, einem Tage vor seinem Tode, der Kameraden 
gedacht, die eben beim Schießen weilten, und am Sterbe 
tage selbst habe er seine Frau noch gebeten, sie solle die 
lieben Kameraden grüßen. — Zum ehrenden Andenken 
erhoben sich die Kameraden von den Plätzen. Auch der 
Vorsteher des Berliner Bundes sprach noch ehrende Worte. 
Bis in den späten Abend blieben die Kameraden beisammen. 
T Die beliebten Kinderfeste im Viktoria-Garten 
zu Wilmersdorf, die an jedem Donnerstag stattfinden, 
üben nicht nur auf die Kinderwelt der westlichen Vororte 
durch die Fülle des an einem solchen Festtage Gebotenen 
eine lebhafte Anziehungskraft aus, auch die Erwachsenen 
empfinden bei dem munteren Treiben ihrer Lieblinge in 
dem großen hübschen Garten mit diesen das Glücksgefühl 
fröhlicher Kinderlust. Mit Spannung wird stets die 
reichlich dotierte GratiS-Verlosung am Spätnachmittage 
erwartet, da sie durch die prächtigen Gewinne vielfache 
Überraschungen bringt. So werden am 3. August ein 
strammer noch junger Ziegenbock mit Wagen als 1. Haupt 
gewinn für Knaben und eine entzückend kostümierte große 
Puppe als 1. Hauptgewinn für Mädchen zur Verlosung 
kommen. 
-f Gartenbesitzer nnd Blumenfreunde wird es 
interessieren, daß ein neues Katalog-Gartenbuch von 
M. Peterseim's Blumengärtnereien in Erfurt erschienen ist. 
Es wird eingeleitet mit den Worten: „Grab' einen Quell 
in dürren Wüstensand, pflanz' einen Baum in ödes Heide 
land, auf daß ein Wandrer, der nach vielen Jahren an 
Deinem Quell sich labt und Früchte bricht von Deinem 
Baume, froh Dich segnend spricht: „Ein guter guter 
Mensch ist dieses Wegs gefahren." Das Katalog-Garten 
buch wird — man wende sich direkt an die Gärtnereien 
Peterseim — kostenlos versandt. 
f Unter Wasser stand heute Morgen wieder infolge 
der heftigen Niederschläge der Friedrich Wilhelmplatz. Die 
Arbeiten an dem Anschlußrohr zum neuen Kanal konnten 
gestern nicht fertiggestellt werden. Aus sieben bis acht 
Gullis drang nun das Wasser wieder heraus und über 
schwemmte den Platz. In der Taunusstraße drang das 
Wasser wieder in die Keller ein. 
f Unfall. Auf einem Arbeitsplätze in der Taunus 
straße fiel gestern Nachmittag 3 Uhr dem Maurerlehrling 
Luther aus Berlin eine schwere Bohle auf den Vorderkopf. 
Die starkblutende Wunde wurde auf der Sanitätswache 
verbunden. 
Schöneöerg. 
— Schankkonzessionen sind im Monat JuniMO 
verliehen worden. Von diesen wurden genehmigt für 
Gastwirtschaften 32, für Kleinhandlungen 7. 27 Gesuche 
betrafen den Besitzwechsel schon bestehender Wirtschaften. 
Eingegangen sind 7 Wirtschaften. Am Anfastg des 
Berichtsmonats betrug die Zahl der Wirtschaften Schöne 
bergs 835. 
— Ein Diebstahl an Stempelmarkeu ist hier 
verübt worden. Der Zigarrenhändler Jßberner hat an 
der Ecke der Haupt- und Albertstraße neben seinem 
Geschäft auch den Vertrieb von preußischen Landesstempel 
marken. Ein Dieb stieg nun von 'der Albertstraße her 
über die Mauer, an der mehrere Müllkästen stehen, schnitt 
ein Drahtgitter am Abortfenster durch und am Flur eine 
Füllung aus der Ladentür heraus, erbrach im Laden ein 
Pult und erbeutete daraus ein Buch mit Stempelmarken 
verschiedenen Wertes. Der Geschädigte, der einen Verlust 
von 1032 M. erleidet, hat auf die Ergreifung des Diebes 
und die Wiederbeschaffung der gestohlenen Marken eine 
Belohnung von 100 M. ausgesetzt. 
— Ein schwerer Unfall beim Radfahren hat sich 
gestern Morgen um 1 / 2 9 Uhr in der Monumentenstraße 
zugetragen. Der 16jährige Lehrling Hermann Scholz, 
Sedanstraße 58, wollte auf seinem Rade einem entgegen 
kommenden Geschäftswagen ausbiegen, geriet dabei mit 
dem Vorderrad in die Straßenbahnschine und kam zu 
Fall. Der junge Mann stürzte so unglücklich zu Boden, 
daß er mit dem Gesicht auf das Straßenpflaster aufstieß. 
Sch. erlitt eine schwere Gehirnerschütterung und blieb 
besinnungslos liegen. 
Merlin und Mororle. 
8 DaS letzte Überbleibsel der „Neuen 
Charitö", wie der nordwestliche nach dem Alexander- 
Ufer und der Jnvalidenstraße zu gelegene und später 
errichtete Teil des im Jahre 1726 entstandenen alten 
Krankenhauses genannt wurde, wird jetzt abgeriffen. Die 
hohen düsteren Gebäude waren früher und teilweise noch 
bis in die letzte Zeit hinein zur Aufnahme Irrsinniger 
und der Geisteskrankheit verdächtiger Verbrecher bestimmt, 
weshalb das Wort „Neue Charitö" vormals im Volks 
munde soviel wie heute „Dalldorf" und „Herzberge" 
bedeutete. An Stelle der alten Gebäude werden auch hier 
freundliche moderne Baulichkeiten entstehen, wie sie sich 
schon jetzt auf einem großen Teil des Charitsgeländes 
erheben. 
8-Im alten Pateutviertel in der Luisenstraße 
und den angrenzenden Straßen ist es jetzt still geworden, 
-da der Umzug des Kaiserlichen Patentamtes nach dem 
Neubau an der Gitschinerstraße unmittelbar bevorsteht. 
Von den vielen Häusern der Luisen-, Marien-, Karl-, 
Charitsstraße und des Schiffbauerdamms, wo sich Patent 
anwälte und die Inhaber von Patentbureaus niedergelassen 
hatten, sind die oft recht großprahlerischen Schilder, von 
denen es in der Luisenstraße allein früher 15 gab, entfernt 
worden. Auch in manchen Gastwirtschaften, wo die 
„Winkel-Patentanwälte" ihre „Sprechstunde" abhielten, ist 
es stiller geworden. Dagegen beginnt sich in dem neuen 
Patentviertel in der Gitschinerstraße und Umgegend bereits 
ein reges Leben zu entfalten. Doch hat hier alles einen 
vornehmeren Anstrich, da das neue Gesetz über die Patent- 
Anwaltschaft nur durchaus fachmännisch gebildete Personen 
äUlä6 s Die Neue Photographische Gesellschaft 
eröffnete Leipzigerstraße 121 das erste Sonderatelier für 
Dbotoaraphie in Farben, um den Photographen des Jn- 
und Auslandes Gelegenheit zu geben, das nach langen 
wiffenschaftlichen Versuchen endlich für die Praxis gel^e 
Problem der Farbenphotographie in seinen ersten Er- 
aebnisten kennen zu lernen. Mit den entsprechenden 
Arbeitsateliers in denen jeden Interessenten dre Ein- 
tübruna in die Farbenphotographie unentgeltlich gelehrt 
wird, ist eine interessante Ausstellung von Porträts, Land 
schaften und Reproduktionen verbunden, 
fchasten ^ Dreistigkeit aus- 
aeführter überfall trug sich in der Nacht gegen 12 Uhr 
am Berliner Wannseebahnhof zu. Eine Frau B. 
von Grillhausen wurde auf der Straße zwischen dem 
Haupteinaang und dem Nebeneingang am Wannseebahnhof 
plötzlich von einem Manne angefallen, der ihr den am 
linken Arm hängenden Pompadour mit Gewalt entriß. 
Obwohl der Räuber sofort verfolgt wurde, entkam er 
durch den im tiefsten Dunkel liegenden Ausgang nach der 
Königin Augustastraße zu. Der Pompadour enthielt 
Gegenstände im Werte von ca. 60 M. 
Gerichtliches. 
P Werren versuchter Erpressung mußte sich gestern vor der 
5. Strafkammer der frühere GerichtS-Sek-etär. jetzige Bureauvorsteher 
Gazek verantworten. Der früher in Friedenau wohnhafte Angenagte 
war nach Halensee verzogen und hatte dort bei dem Eigentümer 
Seibt mit feiner Familie, Ehefrau und erwachsene Tochter eingemietet. 
Weil die Ehefrau in der Küche Wäsche waschen ließ, kam eS zu 
Differenzen zwifcher Mieter und Vermieter. Dieser drohte mit 
Exmission. Infolge deffen schrieb G- an S. einen Brief, in welchem 
er IM oder 150 M. Schadenersatz beanspruchte, andernfalls aber auf 
die vielfachen Unannehmlichkeiten hinwies, die im Falle eines Pro- 
zeffes in Aussicht gestellt mären. Seibt erblickte in diesem Schreiben 
eine Drohung. Er erkannte die aufgestellte Schadensforderung als 
nicht berechtigt an uno stellte Strafantrag wegen versuchter Erpressung. 
— Der Angeklagte bestritt, schuldig zu fein. Der Gerichtshof gewann 
nicht die Überzeugung von der Schuld des Angeklagten und erkannte 
auf Freisprechung. 
P. Wegen Diebstahls war der 18 jährige Kutscher Otto König 
aus Friedenau vor dem Berliner Schöffengericht angeklagt. Am 
27. Mär, d. I. schlich sich K. in die Schlafstube des Kutschers Wilh. 
Klage, hier Lauterstraße 37, ein und entwendete ein dem Klage ge 
höriges Portemonnaie, enthaltend 5 M. Der Dieb war aufs Gerade 
wohl in das Haus eingedrungen um zu stehlen. Es war sein Debüt, 
als GelegenheitSdieb. ' Der Staatsanwalt beantragte 4 Wochen Ge 
fängnis. Das Urteil des Gerichtshofes lautete auf nur 1 Woche 
Gefängnis. 
(;) Wer sei« Leben versichert hat, hat keinen Anspruch auf 
eine öffentliche Unterstützung. Diese bemerkenswerte Entscheidung hat 
jetzt das Bundesamt für das Heimatwesen in einer Charlottenburger 
Sache gegen Berlin getroffen. Zn einer Streitsache des Ortsarmen. 
Verbandes Charlottenburg gegen den Landarmenverband Berlin hat 
das Bundesamt die Unterstützungsbedürftigkeit der unterstützten Person 
verneint, weil diese sich zur Zeit, als sie Unterstützung nachsuchte, im 
Besitze einer etwa 2 Jahre später fällig werdenden Volksversicherungs- 
polize über etwa 460 Mark befand und dies den Srmenpflegeorganen 
auch bekannt geworden war. „Die B. ist," so führt das Bundesamt 
aus, „in der Lage gewesen, sich durch Verwertung der Polize Mittel 
zu ihrem Unterhalt auf einige Zeit zu verschaffen . . . (wie sie dieS 
auch später durch Verpfändung an ihren Hauswirt für die Miete 
getan hat) und die Organe des Klägers hätten sehr wohl der Aache 
nachgehen und die B. zur Verwertung der Pviize anhalten können." 
Die Entscheidung wollen jetzt die Armenverwaitungen von ihren Organen 
zur Anwendung gebracht wissen. Besitzt ein um Unterstützung Nach 
suchender eine solche Polize, so soll er zu ihrer Verwertung durch Ver 
kauf oder Verpfändung anzuhalten und mit Unterstützungen erst dann 
einzugreifen sein, wenn sich die Verwertung als unmöglich erweist. 
Derartige Volksversicherungen sind sehr verbreitet. 
vermischtes. 
* Zu stürmischen Lürmszeueu kam es in der letzten Sitzung 
des Zionisten-Kongreffes, der gegenwärtig in Basel tagt. Der 
Präsident, Dr. Nordau, mußte die Tribünen räumen lassen und wies 
sehr deutlich auf sein HauSrecht hin, indem er sagte: „Seitens der 
Minorität besteht die Absicht, die Ruhe gewaltsam zu stören; ich bitte 
die Ordner, sich bereit zu halten, denn der Gewalt kann nur mit 
Gewalt begegnet werden." Den Unmut der Minorität hatte die An- 
nähme der Resolution des Aktionskomitees erregt, in welcher der 
zionistische Kongreß erklärt, an den Grundsätzen des Baseler 
Programms festhalten und für das jüdische Volk nur in Palästina 
eine öffentlich-rechtlich gesegnete Heimstätte schaffen zu wollen — unter 
Ablehnung jedweder andern kolonisatorischen Tätigkeit. Nach der 
Abstimmung stürmte der Führer der Minorität, der Delegierte 
Zangwill, auf die Tckbüne und suchte nachzuweisen, daß die gefaßte 
Resolution gegen die Statuten verstoße: derartige prinzipielle Fragen 
zu entscheiden sei nicht der Kongreß, sondern einzig und allein die 
Generalversammlung der jüdischen Kolonialbank berufen, ihr sei daS 
Ostafrika-Projckt angeboten und nur sie sei daher befugt, über deffen 
Annahme oder Ablehnung zu entscheiden. Er trat jetzt der Ansicht 
Herzls bei, der gesagt habe: „Der siebente Zionistenkongreß werde der 
letzte sein. In ähnlicher Weise äußert sich sodann der Delegierte 
Syrkin, der im Namen von 28 sozialistisch-zionistischen Abgeordneten 
die Erklärung abgibt, daß der gefaßte Beschluß im Gegensatze zu den 
Interessen des jüdischen Volkes stehe: seine Gruppe werde an den 
weiteren Verhandlungen des Kongresses, der dem zionistischen Ideal 
untreu geworden, nicht mehr teilnehmen. Die Majorität beantwortet 
diese Erklärung mit Beifall und Hochrufen auf das Präsidium, 
welches sich übrigens vor der Sitzung reichlich Mühe gegeben hatte, 
mit der Minorität ein Kompromiß zu schließen. Dem Mr. Greenberg 
soll der Dank des Kongresses für die Mühewaltung seiner Unter 
handlungen mit der britischen Regierung, ebenso der Familie des ver- 
storbenen Staatssekretärs Hay für deffen freundliche Haltung aus 
gesprochen werden. 
' Andere Zetten, andere Sitreu. In Italien hielt man 
im siebzehnten Jahrhundert bei Frauen einen Kuß für so entehrend, 
daß man es ihnen im ganzen Leben nicht vergaß und als Schande 
anrechnete. Nur nach der Hochzeit durfte d^r junge Ehemann seiner 
Gattin einen Kuß geben; ja, man hatte den meisten Mädchen einen 
solchen Abscheu vor dem Küssen eingeflößt, daß sie nicht einmal einen 
Kuß hergeben wollten, als die Landessitte es erlaubte. Der alte 
französische Reisebeschreiber du Val war im Jahre 1612 (Voyage et 
description d’Italie 1656) einmal zugegen. alS ein junger Mann 
nach der Trauung in der Gegenwart des Priesters seiner jungen 
Gattin einen Kuß geben wollte, bei welcher Gelegenheit sie sich hart- 
näckig widersetzte, daß er ihr zuletzt in Gegenwart der Gäste anstatt 
des KuffeS eine Ohrfeige gab. 
Gemeinnütziges. 
Braunes Rübeumus. 6 Personen. 3 Stunden. 
2 Kilo weiße oder Teltower Rüben werden geputzt, in 
Stücke geschnitten und in schwachgesalzenem Wasser gar 
gekocht, abgegossen, abgetropft und durch ein Sieb gerührt. 
Das Mus wird mit zwei Löffeln in 40—50 Gramm 
hochbraun geröstetem Mehl, etwas Pfeffer und einer Prise 
Zucker auf dem Feuer gehörig verrührt, mit 10 Tropfen 
Maggi's Würze im Geschmack gehoben und in die Mitte 
einer Schüffel angerichtet, während man gebratene Hammel- 
koteletten rundherum legt.
        
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