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Periodical volume Nr. 177, 31.07.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

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Kr. 177. 
Friedenau, Montag den 31. Juli 1905 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Erfurt. In der vergangenen Nacht wurde der 
Arbeiter Weitwodt im Streite von einem Kutscher er 
stochen. Der Täter ist verhaftet. 
Hannover. Der Schleifenfahrer Eclair, der sich 
gestern mit seinem Teufelsrade im Todesring im Stadt- 
park produzieren wollte, fiel in das Publikum. Eine 
Fra Rettoel erlitt einen Schädelbruch und schwere innere 
Verletzungen. Außerdem sind drei weitere Personen verletzt. 
Frankfurt a. M. Nach einer Bootfahrt auf dem 
Main nahmen am Sonnabend Abend drei Ruderer einer 
Rudergesellschaft ein Bad, wobei einer der Ruderer, der 
des Schwimmens unkundig war, von einem Kollegen auf 
den Rücken genommen und geschleppt wurde. An einer 
tiefen Stelle sanken beide unter. In der Verzweiflung 
suchten sich dieselben an ihren dritten Kameraden festzu 
klammern und richteten denselben furchtbar zu. Letzterer 
konnte sich aber retten, während die beiden anderen 
ertranken. 
St. Gallen. Im Kapuzinerkloster zu Rappertswyl 
erfolgte eine heftige Gasolinexplosion. Zwei Patres 
wurden schwer verletzt. Der Materialschaden ist sehr 
beträchtlich. 
Die Rechnung der Internationalen Rheinkorreküon 
schließt Ende 1904 mit einem Defizit von 2 Millionen 
Frank ab. Bisher wurden 20 925 753 Frank für das 
Werk aufgewendet. 
Budapest. Die Stadt Szeges-Varalja wurde von 
einer fürchterlichen Feuersbrunst heinigesucht. 300 Wohn 
häuser und zahlreiche Nebengebäude sind eingeäschert, über 
1000 Personen obdachlos und sechs Personen verbrannt, 
außerdem ist eine große Anzahl von Personen mehr oder 
minder schwer verletzt worden. 
Belgrad. In der Redaktion des altradikalen Organs 
„Samouprawo" kam es zwischen dem früheren Minister 
des Innern, Protitsch, und dem jetzigen Kriegsminister, 
Antonitsch, zu einem Rekontre, deffen Folge ein Duell 
sein wird. 
Paris. Der Kolonialbeamte Girard wurde zu fünf 
Jahren Zwangsarbeit verurteilt, weil er im Kongo-Gebiete 
ohne Befugnis seinen Dolmetscher hatte hinrichten lassen. 
Brügge. König Leopold, welcher gestern den Feier 
lichkeiten anläßlich des Unabhängigkeits-Jubiläums bei 
wohnte, hielt eine Ansprache, in welcher er auf die Not 
wendigkeit für Belgien hinwies, sich auf dem Wasser eine 
Zukunft zu schaffen. Ebenso machte er wieder eine An 
spielung auf die Durchführung der Arbeiten zur nationalen 
Verteidigung. 
Stockholm. Die Mitteilung, daß im norwegischen 
Storthing Bedenken gegen die Bedingung der Schleifung 
der Grenzfestungen bestehen, erregt hier Besorgnis, da die 
Bedingungen das Minimum und ein schwer erlangtes 
»>< 
>ie Mache iß mein." 
16. 
Kriminal-Roman von L. Haid heim. 
(Nachdruck verbalen. Alle Reckte vorbehalten.) 
Palmieri warmitsemerBranthiuausgewandcrt! Irgendwo 
am Waldrande, ini Schatten der Bäume pflegte er stundenlang 
ruhig neben ihr zu sitzen, die eifrig malte, während er eine 
Zigarette nach der andern rauchte. 
Seit einer Woche weilte er nun schon in Tetri, und jeden 
Tag wiederholte sich das Leben wie nach einem Stundenplan, 
wenig mehr Anregung hätte schon sein dürfen. 
Sie waren ein ruhiges, zufriedenes Brautpaar, demonstra 
tive Zärtlichkeiten, leidenschaftliche Aufwallungen gab es in 
ihrem immer liebenswürdigen und herzlichen Verkehr nicht; 
auch keine Meinungsverschiedenheiten, keine Debatten über den 
geringeren oder höheren Wert irgend welcher Schriftsteller 
oder Künstler. 
Sie zankten sich auch nie; Constanze war sanft und bis 
zur Indolenz nachgiebig, Palmieri höflich und wohlerzogen. 
Aber sie liebten sich — gewiß, sie liebten sich wie — ja, wie 
ruhige, wohlerzogene Menschen. ^ .. 
Palmieri warf die Zigarette weg; eme Verstimmung 
überkam ihn. Er ärgerte sich über diese törichten Gedanken, 
die ihn verfolgten. Das war doch um aller Heiligen willen 
nicht Mißlannigkeit oder gar — Langeweile? 
Langeweile neben einem so reizenden Mädchen wie seine 
kleine Con? 
Und plötzlich stand neben dieser vor seinem Geiste em an 
deres Bild — das Irenes — mit den leuchtenden Augen und 
der sprühenden Lebhaftigkeit eines reich besaiteten Geistes. 
Eine volle Woche hatte er sie jeden Tag gesehen, mit ihr 
geplaudert und gelacht, und nie war ihn, der Gedanke ge 
kommen, sie und seine Braut zu vergleichen., 
Und wie er so dachte, gmg's ihni wie ein Selbstvor 
wurf durch den Sinn. _ w . , 
Es war unrecht von rhm, lolchcn Gedanken nachzu- 
Kompromiß darstellen. Auch wird die Ermattung 
Norwegens, in längstens drei Wochen eine Entscheidung 
über eine Kandidatur Bernadotts zu haben, als illusorisch 
bezeichnet, da nach offizieller Auffaffung der norwegische 
Thron bis zur Erledigung der Streitigkeiten noch nicht als 
vakant anzusehen ist. 
Athen. Infolge Weigerung der Aufständischen zur 
Niederlegung der Waffen proklamierten vorgestern die 
Schutzmächte Kretas den Belagerungszustand, jedoch nur 
außerhalb der internationalen Besatzungszone. 
Neuyork. Das gelbe Fieber in Neuorleans dauert 
fott. Bisher wurden 29 Neuerkrankungen und Todesfälle 
festgestellt. Die Nachbarstaaten verschärfen die Quarantäne. 
Vom Russisch-Japanischen Kriegsschauplatz. 
Petersburg. Von neuem wird verfügt, daß gegen 
alle Journalisten, besonders gegen die Korrespondenten 
auswärtiger Blätter, welche Nachrichten über Truppen 
subordinationen und Truppendesertionen ihren Blättern 
berichten, mit unnachsichtiger Strenge vorgegangen 
werden soll. 
Wie verlautet, sind infolge der Inspektionsreisen des 
Verkehrsminister, Fürsten Chilkow, bedeutende Ver 
besserungen inbezug auf die Verkehrsmittel nach dem Kriegs 
schauplätze erzielt worden. Der regelmäßige Transport 
von Truppen und Munition funktioniert ausgezeichnet. 
Fürst Chilkow hat mehrere größere Bahnhöfe erbauen 
lassen, und während der ganzen letzten Zeit sind fort 
während Truppen abgegangen, ohne daß irgend welche 
Stockungen zu verzeichnen gewesen wären. Auch zahl 
reiche Geschütze -und Munition werden mit größter 
Schnelligkeit transportiert, insbesondere sind schwere Mörser 
unterwegs. In der Mandschurei hat man große Proviant 
vorräte gesammelt, welche eventuell von den Chinesen, 
falls diese sich weigerten, mit Gewalt genommen werden. 
Dank der Vorkehrungen, welche Fürst Chilkow getroffen, 
dauert der Truppentransport jetzt nur noch 12 Tage, 
während man früher deren 20 bedurfte. 
London., Nach einer Meldung des „Daily Telegr." 
aus Tokio ist man dort der Ansicht, daß auf Sachalin es 
zu keinem Kampfe mit den Russen mehr kommen und 
daß der Rest der Insel ohne Schwertstreich den Japanern 
in die Hände fallen werde. 
Tokio. Ein japanischer Militärsachverständiger, der 
aus der Mandschurei zurückgekehrt ist, meldet, daß General 
Liniewitsch alle Verluste seit der Schlacht bei Mulden aus 
geglichen habe und sogar über 70 000 Mann mehr ver 
füge, als vor jener Schlacht. 
Über die Kämpfe auf Sachalin wird noch gemeldet: 
Nach der Besetzung von Rykow kam es zu einem scharfen 
Rückzugsgefechte mit den Russen. Das russische Haupt 
korps, welches den Japanern entgegengetreten war, floh in 
Unordnung über die Felder in der Richtung nach Pareo. 
hängen. Con hatte weniger Temperament, aber „das gibt die 
bestell Ehefrauen!" sagte ihm erst kürzlich ein jung verheira 
teter Freund, dessen Gattin eben allzu reichlich damit begabt 
schien. 
Constanze blickte von ihrer Arbeit auf. 
„Du bist so still, Carlo?" fragte sie verwundert, denn 
sonst war er es, der die Unterhaltung führte. 
„Man hat seine nachdenklichen Tage," sagte er, gab sich 
abe» jetzt Mühe. Es war nur so schwer, immer wieder für 
seine kleine Con den zusagenden Gesprächsstoff zu finden. Ob 
der Kreis ihrer Interessen sich wohl je criveitern würde? Wie 
anders war Irene! Schon wieder —? Er ärgerte sich über 
seine heutige nörgelnde Stimmung. 
So sprachen sie denn von Ellen und dem Ehepaar Floris 
und von Monto, der an Ellen geschrieben hatte — einen ganz 
harmlosen Brief, der aber doch eine Wiederanknüpfung zur 
Folge gehabt. 
Natürlich hatte Constanze ihrem Verlobten von den Be 
gegnungen mit Monto alles erzählt; — das Thema war für 
sie eben unerschöpflich. 
Sie wurden unterbrochen. Irene, glühend von der An 
strengung des Kketterlls, stieg eben die letzte, steilste, kleine 
Strecke zu ihnen hinan. 
Erst sahen sie ihren duftigen weißen Mullhut, dann das 
schöne Antlitz, die großen strahlenden Augen, endlich war sie oben 
und stand im schlichten weißen Kleide freundlich und anspruchs 
los vor ihnen. 
Palmieri starrte sie ganz selbstvergessen an. Wie elegant 
und vornehm sie war und so schön! 
Ein erstaunter Blick aus den Augen seiner Braut traf ihn, 
und im Nu trat ein kalter, abweisender Ausdruck in Con 
stanzes Mienen. Sie erwiderte Irenes heiteren Gruß kühl, fast 
unfreundlich. 
„Ach, ich störe Euer bräutliches Geplauder?" ttef sie er 
schreckt. „Wie leid mir das tut! Verzeiht mir nur! Es trieb 
mich. Dir eine Neuigkeit zu bringen, Eon, die auch in der 
Zeitung steht." 
Die japanische Abteilung, welche zur Verfolgung nach- 
gesandt war, stieß auf einen Trupp von 800 Russen. In 
dem sich entspinnenden Kampfe wurden 200 Mann ge 
tötet, 500 gefangen. Die russischen Streitkräfte, welche 
der rechten japanischen Flanke gegenüberstanden, beliefen 
sich auf 3000 Mann mit 4 Geschützen und 4 Schnellfeuer 
kanonen. Die japanischen Verluste sind bis jetzt noch nicht 
bekannt. 
Allgemeines. 
□ Für das Malergewerbe. Der preußische 
Minister für Handel und Gewerbe hat die Regierungs 
präsidenten aufgefordert, dafür Sorge zu tragen, daß die 
am 1. Januar 1906 in Kraft tretenden Bundesrats 
bestimmungen zum Schutze der Arbeiter in Betrieben in 
denen Maler-, Anstreicher-, Tüncher-, Weißbinder- oder 
Lackiererarbeiten ausgeführt werden, mehr in den be 
teiligten Kreisen allgemein bekannt werden. Insbesondere 
soll dafür gestrebt werden, daß die hierfür in Betracht 
kommenden Tageszeitungen nicht nur auf den Inhalt der 
Vorschriften hinweisen, sondern deren Wortlaut zum Ab 
druck bringen. Außerdem empfiehlt der Minister, auch die 
beteiligten Innungen zu veranlassen, daß sie ihre Mit 
glieder auf die neuen Vorschriften aufmerksam machen. 
sj Eine elektrische „Offenbarung". Mit der 
elektttschen Zugförderung beschäftigte sich auch der Eisen 
bahn-Kongreß in Washington und nach der soeben 
erschienenen Zeitung des Vereins Deutscher Eisenbahn-Verw. 
berichtete dort der Präsident unseres Reichs-Eisenbahn 
amtes, Ex. Dr. Schulz, über die Versuchs-Ergebnisse der 
Schnellbahn Marienfelde-Zossen. „Diese", so heißt es in 
dem vom Kaiser!. Rat Kupka-Wien erstatteten Reise 
bericht, „wurden in Fach- und Tagesblättern so eingehend 
besprochen, daß sie in Europa Gemeingut geworden find; 
in Amerika wirkten die der Praxis entnommenen über 
raschenden Ziffern wie eine Offenbarung." — Zum 
elektrischen Betrieb selbst nahm der Kongreß, wie folgt, 
Stellung: Die elektrische Zugförderung muß heute als eine 
wichtige Ergänzung des Dampfbetriebes angesehen werden, 
da sie gewisse Dienste mit Vorteil und Sparsamkeit leistet. 
Diese Dienste im allgemeinen zu bezeichnen, ist nicht 
möglich, denn sie hängen von den jeweiligen Verhältnissen 
ab, und jeder Fall erfordert wieder ein besonderes Studium, 
wobei die Lage, Länge und die Steigungsverhältnisse der 
Bahn, sowie die Kosten der „Elektrisierung" in Betracht 
zu ziehen sind. . . Die Erfahrung lehrt, daß bei der jetzt 
gebräuchlichen „dritten Schiene" unter günstigen Ver 
hältnissen auch ohne deren Deckung auf die ganze Länge 
volle Gefahrlosigkeit erzielt werden kann. Es wird 
empfohlen, über die Kosten des elektrischen Betriebes noch 
genauere Angaben zu sammeln. Der Kongreß nahm mit 
großem Interesse Kenntnis von den in Deutschland 
erzielten Ergebnissen. 
„Nun? Was ist es? Du störst nicht," fragte diese, nun 
doch neugierig. 
„Denke Dir, Donna Laura hat einen Brief von Herrn 
Floris wegen des Gitters zwischen den Gärten, und zum Schluß 
schrieb er, daß man den vermutlichen Mörder einen be 
kannten Abenteurer, der sich in Monte Carlo Graf Renard ge 
nannt, verhaftet habe. Auch ist Monto bei den Floris, und 
nun wird die Verlobung wohl bald folgen." 
„Und was steht in der Zeitung?" fragte Palmiett, den 
die juristische Seite der Frage interessierte. Er hatte es immer 
unverständlich gesunden, daß man den Mörder hatte entkommen 
lassen. 
„Nur wenig. Sie ettnnern sich, daß man in dem 
Eisenbahncoupö eine Hälfte eines zerbrochenen Manschetten 
knopfes gefunden und daß man, in der Hoffnung, derselbe 
habe dem unbekannten Mörder gehört, daran allerlei Ge 
schichten knüpfte von Entdeckungen von Verbrechern auf 
Grund noch unbedeutenderer Funde. — Heute erzählt nun die 
Zeitung, unter den Sachen des Grasen Renard habe man 
ein Reisehandbuch mit dem Namen der Mrs. Susan Henderson 
gefunden." 
„Das ist ein Judicium!" rief Palmieri. „Er muß jetzt 
nachweisen, wie es in seinen Besitz kam." 
„Er habe es als herrenloses Gut im Netz des Eisenbahn 
wagens gesilnden, hat er angegeben, und zwar in einem Zuge 
von Genua nach Nizza." 
„Das ist wieder verdächtig!" — Sie interessierten sich 
für das Thema und stiegen lebhaft plaudernd den Berg 
hinab. 
„Jetzt kann er reden! Und wie angeregt!" dachte Con 
stanze gereizt. In der Erinnerung an den vorhin ertappten 
Blick Palmieris begann sie, Irenes Erscheinung zu betrachten. 
Noch nie hatte sie Vergleiche zwischen ihnen beiden angestellt 
in ihrer frohen Harmlosigkeit — heute — wo sich plötzlich 
alles in ihr auflehnte, Irene schön zu finden, konnte sie nicht 
umhin, zu sehen, daß ihr Verlobter sie mit so eigen freudigem 
Blick bewunderte. (Fortsetzung folgt.)
        
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