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Periodical volume Nr. 174, 27.07.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

in den Tagen vom 6. bis 15. d. M. gibt. Danach sind 
auf den zehn Berliner Fernbahnhöfen am Donnerstag, 
den 6. d. M. 29 078 Fahrkarten im Fernverkehr verkauft 
worden; ihre Zahl stieg am folgenden Tage (Freitag) 
auf 38 526 und erreichte am Sonnabend mit 55 324 den 
Höhepunkt. Am 9. Juli (Sonntag), ging die Zahl der 
Ferien-Reisenden auf 45 036, am Montag auf 30 428 
zurück und betrug am Dienstag, 11. Juli, 25 841, am 
Mittwoch 24 406, am Donnerstag 22 170, am Freitag 
22 067. Am Sonnabend, den 15. Juli, dem Beginn der 
Gerichtsferien, schwoll sie wieder auf 37 212 an. Es sind 
demnach in den 10 Tagen 332 088 Personen mit den 
Fernzügen aus Berlin befördert worden. 
f Das Auflesen des Fallobstes muß jetzt täglich 
geschehen, damit die gefräßige Obstmade nicht entweiche 
und noch größeren Schaden anrichte. Das unreife Obst 
dient zum Futter für das Vieh. Es vorher ein wenig zu 
kochen, ist auch für die Tiere dienlicher. Die Obstbäume 
brauchen jetzt sehr viel Wasser und es wird dienlich sein, 
wenn man im Umkreis der Krone Vertiefungen anbringt, 
in denen sich das eingeschlossene Wasser sammeln kann, 
anfänglich wenig, später mehr. Das Okulieren beginnt, 
und zwar mit dem Steinobst und den Birnen, später erst 
mit den Apfeln. Bei jungen Bäumen darf sich unten 
um daS Stämmchen keine Grasnarbe bilden. Gurken 
hauptsächlich, wie auch andere Gemüsepflanzen müssen 
bei warmem, trockenem Wetter fleißig begossen werden. 
Bei kalten Tagen sind Gurken trocken zu halten, wo 
möglich vor vielem Regen zu schützen. Auf die abge 
tragenen Beete werden, nachdem sie leicht gedüngt und 
gründlich umgegraben sind, Spinat, Möhren, Kopfsalat und 
Winter-Endivien ausgesät. 
f Überfällige Rechnungsbeträge «»verzinst 
beim Kunden stehen zu lassen, bringt jedem Kaufmannn 
und jedem Handwerker Schaden und schon macher von 
ihnen hat sich den Kopf zerbrochen, wie diesem Übelstande 
abzuhelfen wäre, ohne die oft recht empfindliche Kund 
schaft vor den Kopf zu stoßen und womöglich zu ver 
lieren. Hierzu gibt es nur ein Mittel: man drücke unter 
jede Rechnung einen Gummistempel mit dem Text: 
Dieser Rechnungsbetrag ist am fällig. Bei 
späterer Zahlung werden von diesem Tage 5 Proz. Jahres- 
zinsen berechnet, 
wie er seitens der bekannten Stempel- und Klischee-Fabrik 
Oscar Sperling, Leipzig-R., soeben auf den Markt ge 
bracht wird, die für alle Arten Kautschuk- und Metall 
stempel, Klischees usw. bestens zu empfehlen ist. Die 
Schrift des Stempels ist groß und deutlich, sodaß niemand 
behaupten kann, er habe diesen Stempelabdruck auf der 
Rechnung nicht gesehen, andererseits kann sich kein Kunde 
durch den Stempelabdruck gekränkt fühlen, da ja aus dem 
Stempel selbst hervorgeht, daß er nur deshalb angefertigt 
wurde, um nicht für eiuen, sondern für jeden Kunden 
benutzt zu werden. Wer also seine Geschäftsfreunde nicht 
verletzen, andererseits aber sich die Einhaltung vereinbarter 
Zahlungstermine und bei Überschreitung derselben 5 Proz. 
Jahreszinsen (event, gerichtlich) sichern will, der zögere 
nicht mit der Anschaffung und Benutzung des oben ge 
dachten Gummi-Stempels. 
f Männer-Turn-Verein. Wie wohl in Turner 
kreisen allgemein bekannt sein dürfte, findet in den ersten 
Tagen des Augustes, das Gauturnfest, und zwar in 
Oranienburg, statt. Die Mehrzahl der hiesigen Männer- 
Abteilung hat sich bereits in die Quartierlisten einge 
tragen, während die Turngenossen der Alters-Abteilung 
bisher nur recht spärlich vertreten sind. — Da nun aber 
die Listen in den nächsten Tagen unbedingt fort gesandt 
werden müssen, werden diejenigen Turngenossen, die 
dieses Fest noch mitzumachen gedenken höfl. gebeten, 
dieses umgehend dem Oberturnwart Herrn Lehrer A. Kühn, 
Friedenau Eschenstr. wohnhaft, mitzuteilen. 
t Sportplatz Verlin-Zehlendorf. Im Stunden 
rennen, welches der Sportplatz Zehlendorf für nächsten 
Sonntag ausgeschrieben hat, werden Hall, Günther und 
Rosenlöcher sich den Sieg streitig machen. Der Dresdner, 
dem noch das Treptower 100 Kilometer-Rennen in den 
Beinen saß, ging noch nicht ganz aus sich heraus, er will 
jedoch bestimmt am Sonntag 76 bis 78 Kilometer zurück 
legen und ist voll guter Hoffnung auf den Sieg. Die 
beiden andern Teilnehmer, Tommy Hall und Peter 
Günther, die von Antwerpen kommen, wo sie die Welt- 
Meisterschaft bestritten, haben ihr Eintreffen für heute 
angezeigt. Zu den Fliegerrennen haben sich 30 Fahrer 
gemeldet, u. a. Theile, Kurzmeyer, A. Hansen, Tetzlaff 
sie im Salon, der Tür am nächsten, neugierig auf den 
Namen der Angemeldeten horchend und bei Nennung der 
selben enttäuschte Mienen machend. 
Die übrige nicht sehr zahlreiche Gesellschaft war offenbar 
von der Dann des Hauses schon orientiert; sie selbst trat den 
Kommenden sehr liebenswürdig entgegen und setzte nach 
einigen einführenden Worten gleich hinzu: „Mau kennt ihre 
Verdienste bereits, Signor Ducetti, denn was in unsern Kreisen 
geschieht, wissen wir alle bald; man plaudert ein bischen aus, 
klatscht sogar ein Weniges und macht es wie alle Welt." 
Die Namen der anwesenden Herren — lauter volltönende 
Namen und Titel — hörte Ducetti kaum, aber er sah sich so 
fort von einem älteren Manne mit äußerst klugem Gesichts 
ausdruck angeredet, andere Herren traten zu ihnen, in wenigen 
Minuten-sah er sich umringt und mit geheimem Erstaunen, 
daß'man seine eigene Wissenschaft hier beherrschte und die 
neuesten Erfindungen auf diesem Gebiet kannte, so daß es 
ihm eine Lust war, mit ihnen zu plaudern.. 
Ueber dem Vergnügen, sich verstanden und erkannt zu 
fühlen, vergaß er Irene und den Zweck seines Hierseins 
momentan völlig; — der Kreis um ihn verdichtete sich — 
er wurde der anziehende Mittelpunkt all dieser Männer, 
auch der vielen geistlichen Würdenträger. Vielleicht hätte man 
ihm gern sein Geheimniß abgelockt, aber er war vorsichtig, 
und sein Mißtrauen fand keinerlei tatsächlichen Anhalt. 
Die beiden Salons hatten sich gefüllt; man kam und ging 
nach Belieben, ohne Ceremonie; — auch ältere Damen mischten 
sich in die Gesellschaft, deren Urteil maßgebend in manchen 
Dingen zu sein' schien, denn sie redeten wie Herrscherinnen. 
Die beiden blühenden Mädchengestalten wurden in diesem 
Kreise zu einer wahren Augenweide. Einmal kamen sie, von 
der Marchesa auf ein Bild aufmerksam gemacht, in Ducettis 
Nähe — Irenes Blick begegnete dem seinen in unruhiger 
und der Däne Schnei. Hier wird es besonders zwischen 
Theile und Kurzmeyer zu einem heißen Kampf kommen, 
da dieser gern für seine Niederlage vom 9. Juli Revanche 
nehmen möchte. 
-j- Abgestürzt. Ein schwerer Unfall ereignete sich 
heute Vormittag auf dem Goerz'schen Neubau in der 
Rheinstraße. Der Maurer Scholz aus Schöneberg stürzte 
beim Treppenlegen von der 2. Etage in die Tiefe. 
Bewußtlos blieb er am Platze liegen. Wenn der Be 
dauernswerte auch keine äußerlichen Verletzungen erlitt, so 
waren doch die innerlichen Verletzungen so schwerer Art, 
daß eine Überführung in das Krankenhaus nach Lichterfelde 
nötig war. 
t Jugendlicher Leichtsinn. In der Handjery- 
straße wollte heute Vormittag ein etwa 16jähriger Junge 
der Firma Bolle das Gitter eines Vorgartens überklettern, 
da er die Türe nicht öffnen könnte. Er glitt dabei aus, 
und die Spitzen der Eisenstäbe drangen ihm in die Hand 
flächen. Aus dieser äußerst schmerzhaften Lage wurde er 
durch einen Amtsdiener befreit, der auch die Überführung 
zur Sanitätswache veranlaßte, wo ein Notverband an 
gelegt wurde. 
f Automobilleiche. Eine Automobilleiche passierte 
gestern die Rheinstraße. Das Automobil, der Neuen 
Photographischen Gesellschaft gehörig, hatte auf der Fahrt 
einen Defekt erlitten und mußte von einem Lastwagen ins 
Schlepptau genommen werden. 
ch Polizeibericht. Als zugelaufen wird ein 
Foxterrier gemeldet. Näheres im Polizeibureau in der 
Feurigstraße. 
Schöneöerg. 
— Theaterbau. Berliner Zeitungen waren gestern 
in der Lage, Neues vom Theaterbau mitteilen zu können 
und dabei unsere vor einigen Tagen gemachten Mitteilungen 
anzuzweifeln. Es wird behauptet, daß das Projekt fraglich 
geworden sei und die Sache sich auf einem toten Punkt 
befände. Dem gegenüber können wir nur wiederholen, 
daß der Bau des Theaters auf dem Platze P. gesichert ist. 
In einer geheimen Sitzung zu Anfang des Jahres hatte 
die Stadtverordneten-Versammlung sich auf Grund einer 
Vorlage des Magistrats mit dem Bau des Theaters ein 
stimmig einverstanden erklärt und zum Zwecke der Ver 
handlung mit dem Finanzkonsorttum und Vorberatung der 
Einzelheiten eine Kommission ernannt. Diese Kommission 
hat die Verhandlung angeknüpft und kurz vor den Ferien 
(Ende Juni) getagt. Bon dem, was in der Sitzung ver 
handelt worden ist, hat unser Berichterstatter Mittteilung 
erhalten. Danach hat sich die Kommission nicht nur mit 
dem Theaterbau, sondern auch den Vorschlägen des 
Konsortiums mit folgenden Einzelheiten einverstanden 
erklärt: Vorbild des Baues das Prinz-Regenten-Theater 
zu München, 1200 Sitzplätze, keine Stehplätze, Pflege 
des besseren Schauspiels, Veranschlagung der Baukosten 
auf 1 125 000 M., die bereits zur Verfügung stehen. Durch 
den Eintritt der Ferien sind die Verhandlungen unter 
brochen worden, so daß die Formulierung und der endgiltige 
Abschluß des Vertrages selbstverständlich erst nach den 
Ferien stattfinden kann. Daß dies beschleunigt werden 
wird, geht schon daraus hervor, daß die Kommissions 
mitglieder sich für baldige Inangriffnahme des Baues, wo 
möglich noch in diesem Jahre, ausgesprochen haben und 
auf eine Eröffnung des Theaters zum 1. Oktober 1906 
hinwirken wollen. Angesichts dieser Tatsachen kann von 
einer unrichtigen Meldung unsererseits keine Rede sein. 
Merlin und Mororte. 
8 Der Roland neben dem Haupteingange zum 
Märkischen Museum hat jetzt das Schwert erhalten, das 
ihm bisher noch fehlte und das er in der rechten Hand 
senkrecht nach oben hält. Während die Figur aus Stein 
ist, besteht das ziemlich breite Schwert aus jetzt noch hell 
leuchtender Bronze. Im übrigen ist beim Märkischen 
Museum alles noch beim alten d. h. der Bau ist noch 
lange nicht fertig. 
8 Auf dem Friedrichsfelder Gäusemarkt hat 
jetzt die Hochsaison ihren Anfang genommen. Täglich 
treffen mit der Bahn große Transporte von meist aus 
Rußland stammenden Magergänsen ein, deren Zahl sich 
auf mehrere Tausend beläuft. Die Tiere werden meist 
von den großen Mästereien angekauft, von den es eine 
ganze Anzahl in den östlichen Vororten Berlins gibt. 
Aber auch einzelne Gänse werden von „kleinen" Leuten 
gekauft, die über den nötigen Stall zum Fettmachen der 
Frage. Von dem Moinent an verlor er das Interesse an 
seiner bisherigen Unterhaltung, und als ahne man es, ließ 
man ihn frei, ohne Auffälligkeit. 
Kaum stand er, Irene erst jetzt begrüßend, bei dieser, so 
rief die Marchesa einen jungen Herrn heran und forderte den 
selben auf, der Signorina Ducetti die Familienportraits zu 
zeigen. 
Constanze erinnerte sich sofort. Der unscheinbare Herr, 
mit tadelloser Eleganz gekleidet, war derselbe, den sie auf 
dem Pincio hatten sagen hören, daß ihm die Glocken hier 
stets ein Roma eterna sängen. 
In seinen Mienen verriet nichts das Wiedererkennen. 
Er führte sie höflich und offenbar nicht ungern fort, und bald 
war sie mit ihm in einem lebhaften Geplauder. 
Irene und Ducetti blieben eine ganze Weile allein. Sie 
sah bildschön aus, aber aufgeregt und freudlos — eine ganz 
andere, als die sie an jenem Tage in der Campagna gewesen. 
— Leos Briefe aus Zürich waren der naheliegende Gesprächs 
gegenstand, und er erwärmte das junge Mädchen auch. 
„Wir werden Ihnen nie genug danken können, daß Sie 
Leo möglich machten, seine Studien zu beenden, und sie 
dürfen versichert sein, wir möchten Ihnen diesen Dank beide 
besser als mit Worten abtragen," sagte sie. 
Was hätte näher gelegen für Ducetti als die Antwort: 
„Das können Sie, werden Sie mein Weib!" Er fühlte dies 
auch ganz klar; fühlte, daß sie ihm die Werbung erleichtern 
wollte. ^ Aber diese Wahrnehmung erkältete ihn plötzlich; 
sei» Mißtrauen wurde wach. — Gewiß, sie war schön — sehr 
schön; aber warum kam sie ihm so auffällig entgegen? Sah 
sie in ihm etwa einen reichen Mann, der sie mit dem Luxus 
I überschütten sollte, den sie bei der Marchesa gewohnt ge 
worden? — Er redete das gleichgültigste Zeug und sah immer 
deutlicher, sie war enttäuscht, sie hatte eine Werbung erwartet. 
Tiere verfügen. Ein Teil wandert natürlich auch in die 
Küche der Restaurationen, auf deren Speisekarten „Junge 
Gans" jetzt fast täglich verzeichnet steht. 
Zuschriften. 
Anttegerbeiträge. 
Wir bekommen ja in der Kaiserallee nun doch Asphalt! Na, wie 
könnte das auch anders sein. Das Ortsparlament hat sich redlich 
bemüht, die Vorlage noch vor den Hundstagen glatt unter Dach und 
Fach zu bringen. Uf. — ' 
Hie Schlackensteinpflaster la, hie Asphalt! Der Kampf wogte 
unentschieden hin und her. Eine Prachtstrabe darf nun mal kein 
Reihenpflaster haben, wie z. B. der Kaiserplatz. Wie ärmlich sieht 
so'n Reihenpflaster aus, auch wenn es erstklassig ist, nicht wahr? Es 
fehlt diesem Pflaster alles, was einigermaßen auf Anständigkeit An 
spruch machen kann. Das sieht man auf den ersten Blick. Wenn 
der Asphalt sich bei der Hitze auch mal ein bischen wellenförmig 
kräuselt, wenn auch der „Friedenaller Lokalanzeiger" fast in jeder 
Ausgabe die „Vorzüge" des Asphalts in der Rbeinstraße in der 
glühendsten Weise hervorhebt lneulich blieb sogar ein Wagen im 
Asphalt stecken), der Asphalt ist nun mal für Friedenau daS, was 
Ahlbeck für die Ostsee ist, ausgerechnet für die Kaiserallee mit dem be 
deutenden Lastwagenverkehr und seinen Prachtbauten?! (die noch ent 
stehen sollen). Was machte, daß die Unterhaltung mindestens drei 
mal soviel wie Reihenpflaster kostet? 
Wir verschmälern einfach die Fahrbahn um 2 Meter, damit wir 
die mit Recht so beliebten Rasenstreifen auch hier gewinnen und unsere 
Bäume weiter gedeihen können. Platz für den Wagenverkehr neben 
den beiden Gleisen der „Elektrischen" wird schon noch bleiben. Die 
„Große" will ja auch nur Asphalt, d. h. wenn sie die anteiligen 
Kosten des billigeren Reihenpflasters bezahlen darf. Die spielt ja 
immer den „Schlauen." Und dann die Anlieger wollen ja Asphalt 
pflaster. Sie wollen in die Tasche greifen und ihre finanzielle Be- 
teiligung in Aussicht stellen. Sie hätten ja am Ende doch wohl 
zahlen müssen, wenn Anliegerbeiträge erhoben werden. 
Anliegerbeiträge? Was ist's mit diesen? Vor einigen Jahren 
schon wurde diese Rarität im Gemeindeparlament aus der Versenkung 
gehoben. Nachdem man sich die Sache von allen Seiten betrachtet, 
entschloß man sich der überwiegenden Mehrheit nachgebend, diesen 
Schatz des Friedenauer Gemeindebudgets wieder in der Versenkung 
verschwinden zu lassen. Bei der Kaiscrallee wurde dieser Schatz durch 
den Antrag Schultz-Berger wieder mal gehoben. -Man hatte so den 
Eindruck, als ob die in wesentlicher Höhe entstehenden einmaligen 
und dauernden Mehrkosten des Asphaltpflasters in irgend etwas aus 
geglichen werden müßten. Das sorgenumwölkte Haupt unserer Ge- 
meinde erhellte sich gewiß sichtlich bei dem Gedanken an die Möglich 
keit, meuchlings neue Einnahmequellen zu erschließen, denn die Bereit- 
Willigkeit, mit der er auf die Sache einging und sogar schon längere 
Zeit einen Sekretär ausschließlich damit beschäftigt hatte, ihm den 
Anliegerbeitragsegen zu veranschaulichen, läßt darauf schließen, daß er 
es nimmt wo er es kriegen kann. „Wir brauchen Geld, viel Geldes 
so raunte man es sich zu, vorläufig noch hinter den Kulissen. „Aber 
Mann, wo denken Sie hin, wir haben soviel Geld, wozu brauchen 
wir weiteres Geld?" Denken Sie mal die große Anleihe und dann 
die 172 000 M. Überschuß aus 1904, die auf die hohe Kante zu 
liegen kommen." Die Steuerkraft schwillt ins Ungemeffene, der Zuzug 
ist ein so großer, daß man keinen glücklicher preisen kann, als uns, 
besonders den Hauseigentümer. Wozu brauchen wir um alles in der 
Welt nun auch noch die Anliegerbeiträge? ES sind ja allerdings die 
laufenden Kosten der Verwaltung, Polizei, Schulen u. dgl. etwas sehr 
angewachsen, alle Augenblicke muß ein Bureauassistent oder ein Ge 
meindediener angestellt werden, auch von einer Badeanstalt und 
anderen nützlichen Einrichtungen wird geredet, aber machen wir uns 
doch nichts weis, deshalb brauchen wir doch jetzt noch keine neuen 
Steuern. — Freilich werden wir über kurz und lang damit rechnen 
müssen, daß die Steuerschraube um ein paar Gewinde angedreht wird. 
Der Kreis ist auch nicht blöde, 39 Proz. Kreissteuer, das war mal. 
Sie meinen, dann käme keiner mehr aus Berlin, wenn wir 110 Proz. 
Kommunalsteuern, oder auch wohl 30 M. Hundesteuer, 200 M. Luxus 
automobilsteuer, 10 M. Klaviersteuer usw. nehmen? Na, dann um 
gehen wir das und nehmen lieber die Anlieger für voll, so haben wir 
bei Licht besehen, ja auch eine Steuer, eine sogenannte indirekte 
Mietersteuer, denn in der Hauptsache wird sich wahrscheinlich wohl der 
Mieter das zweifelhafte Vergnügen leisten müssen, die Anlieger- 
beiträge nicht zu knapp zu verzinsen. Oder der Hauswirt, diese sorg, 
loseste aller Klassen von existenzberechtigten Menschen verzichtet auch 
wohl mal auf die teure Sommerreise, wenn die Mieter sich kein 
Schröpfen gefallen lassen wollen und seine Wohnungen leer stehen. 
Er verzehrt hier, wenn die Sonne den Asphalt schmort, sein Geld in 
aller Ruhe hinter den heruntergelassenen Jalufien. 
Meiner Ansicht nach ist es ganz in der Ordnung, daß alle 
Bewohner eines Hauses zur Verzinsung der Anliegerbeiträge bei 
steuern, denn sie alle sind an den Vorzügen der Straßen beteiligt, 
aber nicht in Form der Erhebung von Anliegerbeiträgen. Meiner 
Ansicht nach gehe man ruhig an eine Erhöhung der Kommunalsteuern 
heran, wenn es sich in der Folge als nötig erweist. Denn hierbei 
wird doch wenigstens einigermaßen nach Recht und Gerechtigkeit ver 
fahren, während bei dieser versteckten Anliegerbeitragsteuer der heran 
gezogene Hausbesitzer sicher nichts bezahlen wird. Er wird jede sich 
darbietende Gelegenheit benutzen, um seine an und für sich schon 
schmale Rente aus dem Besitze sich zu erhalten. Allerdings bleibt ihm 
die Plackerei mit dem Vermieten. 
Hoffentlich fließt noch viel Waffer durch den Teltowkanal, bevor 
eine lex Schultze-Berger zustande kommt und der Segen der Anlieger- 
beiträge sich in unseren Gemeindesäckel ergießt; auch wird man über 
die rechtliche Verpflichtung zur Zahlung vielerorts streiten können, an 
Straßen, soweit sie der Gemeinde als fertige Straßen seinerzeit über 
geben sind. Höchstens könnte eS sich an diesen Straßen um die 
Erstattung der Kosten handeln, soweit Bürgersteige bei Gelegenheit 
der Neupflasterung reguliert find, also um Bordschwellen und Mosaik 
pflaster, da diese Kosten in jedem Falle vom Anlieger, der ein 
Grundstück bebaut, getragen werden müssen. Daß später angelegte 
neue Straßen auf Kosten der Grundstücksbesitzer gepflastert werden, 
Beim Abschied hielt die Marchesa Ducetlr noch eine kurze 
Weile zurück. 
Sie war ganz Wohlwollen. „Meine Freunde prophezeien 
Ihnen eine große Karriere, Signor Ducetti!" sagte sie, „und 
ich freue mich derselben für Sie und Irene. Laden Sie sie 
für morgen ein, mit Ihnen und» Ihrer Tochter nach Frascati 
zu fahren!" 
Ducetti mußte sich geschmeichelt fühlen von dem mütter 
lichen Ton der Marchesa. — Er küßte ihr die Hand, konnte 
aber nicht umhin, zu denken, sie komme seinen Wünschen nicht 
nur entgegen, sondern zuvor. 
Sie aber rief es schon Irene und Constanze zu, daß es 
morgen nach Frascati gehe; sie selbst wollte wieder zu ihrem 
kranken Bruder. 
So handelte sie für ihn, schob ihn energisch vorwärts. 
Und er widerstrebte nicht, aber etwas in ihm empörte sich 
gegen die Bevormundung. Dagegen sah Irene so froh aus, 
wie er sie den ganzen Abend nicht gesehen. 
* * 
In der Frühe des nächsten Morgens empfing Ducetti 
schon wieder ein Billet der Marchesa, des Inhalts, daß sie 
Ducetti bitte, den jungen Advokaten Signor Monto, einen 
ihrer Freunde, mit nach Frascati zu nehnicn. Signorina 
Constanze werde an ihm einen interessanten Kavalier haben. 
Sie arrangierte also bereits wieder. Ducetti ärgerte sich, 
aber Constanze versicherte ihm, der Herr sei ein sehr angenehmer, 
bescheidener Mensch und kenne ihren Verlobten von der 
gemeinsam besuchten Schule her. 
„Werde ich mich heute entschließen?" fragte Ducetti sich. 
Die stete Zerstreuung hatte ihm eine wohltuende innere Ab 
lenkung gegeben; er fühlte sich freier und sagte sich hoffnungs 
voll, er werde sich geioöhnen an die geheime Last, die er nie 
mehr abwerfen konnte. (Fortsetzung folgt.)
        
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