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Periodical volume Nr. 174, 27.07.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Zriedenauer Grtsteil von Schöneberg nnd den Bezirksverein Süd-West. 
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Leo Schultz in Friedenau. 
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Fernsprecher: Nr. 129. 
174 
» 
Friedenau, Donnerstag den 27. Juli 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Karlsruhe. Demnächst erscheint eine Verordnung, 
welche die Gleichberechtigung der Abiturienten der deutschen 
Gymnasien, Realgymnasien und Oberrealschulen hinsichtlich 
der Zulassung zu allen badischen Staatsprüfungen aus- 
spricht. Es fallen also die bisher notwendigen Ergänzungs 
prüfungen weg. Dagegen werden die Prüfungsordnungen 
für den höheren öffentUchen Dienst Bestimmungen treffen, 
wie die Kenntnis der alten Sprachen, soweit solche er 
forderlich ist, zu erwerben und nachzuweisen ist. 
In unterrichteten Kreisen verlautete gestern, daß der 
Großherzog in St. Moritz ertrankt sei und das Bett hüte. 
a Triest. Die Mittelmeerlinien werden Ende September 
ein Kartell abschließen, wonach die Zwischendeckpreise ver 
mindert werden. 
Badapest. Die im Bau begriffene Telephonlinie 
Budapest—Bukarest wird Mitte Oktober eröffnet. 
Fiume. Die Frau eines Heizers der ungarisch- 
kroatischen Schiffahrtsgesellschaft ist unter bedenklichen Um 
ständen an Lymphendrüsenentzündung gestorben. Alle 
Vorsichtsmaßregeln sind getroffen worden. 
Rom. Im Alter von 90 Jahren ist der ehemalige 
Kriegsminister, Senator Nezzacapo, gestorben. Die 
Meldung ausländischer Blätter, daß die Beisetzung des 
Papstes Leo XIII. bereits erfolgt sei, ist verfrüht. Die 
Beisetzung erfolgt erst im Oktober. 
Lorieut. Am 31. August findet der Stapellauf des 
Kreuzers „Jules Michelet", welcher der größte Dampfer 
kreuzer der französischen Flotte sein wird, statt. 
Haag. Die Expedition gegen die Aufständischen von 
Macassar ist vollständig gescheitert. In Kolonialkreisen ist 
man der Ansicht, daß 2000 Mann holländische Truppen 
nötig sind, um die 10 000 Aufrührer zu besiegen. 
Cherbourg. Der Dampfer „Kaiser Wilhelm" ist 
von Southampton kommend. hier eingetroffen. Herr 
v. Witte hat sich heute früh 8 Uhr an Bord. desselben 
eingeschifft. 
London. „Daily Telegraph" berichtet aus Kon 
stantinopel, der Bruder des Sultans, Fehmi Pascha, 
sei im Zusammhang mit dem Bombenattentate verhaftet 
worden. 
Der Schwimmer Heaton mußte seinen Versuch, den 
Ärmelkanal zu durchschwimmen, aufgeben, nachdem er 
7 Meilen bei starkem Seegange und Nebel durchschwommen 
und beinahe von einem Dampfer überfahren worden wäre. 
Bom Russisch-Japanische» Kriegsschauplatz. 
Petersburg. Amtlich wird mitgeteilt, daß starke 
japanische Abteilungen an der sibirischen Küste südlich von 
Nikolajew gelandet sind. 
Gewisse Kreise halten .noch immer an der Version 
fest, daß Kaiser 1 Wilhelm bei der Unterredung mit dem 
Zaren auch innere Angelegenheiten Rußlands berührt habe. 
„Nowoje Wremja" versteigt sich sogar zu der Behauptung, 
die Ratschläge des Kaisers hätten sich auf die Zusammen 
setzungen der Streitkräfte bezogen, um den Krieg energisch 
fortzusetzen, der nunmehr zu einem siegreichen Ende 
führen werde. 
Loudou. „Daily Telegraph" meldet aus Tokio, die 
japanische Armee habe mit mehreren tausend Mann die 
russischen Streitkräfte am Tumen mit großer Heftigkeit 
angegriffen. 
Tokio. Die japanischen Truppen an der Front 
legen große Zuversicht an den Tag. Eine Gefahr bildet 
nur für die japanische Linie das Kavalleriekorps 
Mischtschenkos, welches fortwährend Angriffe unternimmt. 
Gerüchtweise verlautet, die Russen befänden sich in 
der Nähe des Tumentales in Nordkorea. Es bestätige 
sich, daß sie 40 000 Mann Verstärkung erhalten hätten, 
welche sämtlich aus frischen Truppen beständen. 
Am 21. d. M. fand ein ernstes Gefecht 36 Kilometer 
nördlich von Takumen statt, über dessen Ausgang noch 
nichts bekannt ist. Alle japanischen Zivilisten, mit Aus 
nahme derjenigen, welche in den Kantonnements beschäftigt 
sind, müffen sich von der Front entfernen. Heute begeht 
man den Jahrestag der Verwaltungsübernahme von 
Nuitschwang. 
Gunschulin. Am 21. und 22. d. M. fand eine 
erneute Rekognoszierung bei Denschantschenzy statt. Die 
Japaner räumten freiwillig die Stellungen, die vorüber 
gehend von den Ruffen besetzt wurden. Im Zentrum 
entwickelte sich ein unbedeutendes Vorpostengefecht. Prinz 
Friedrich Leopold wohnte dem Zuge nach Kodjaedjan bei. 
Oysterbay. Baron Takahira hatte eine längere 
Unterredung mit Komura und alsdann eine Konferenz 
mit dem Präsidenten Roösevelt wegen der Friedens 
verhandlungen. Komura wird morgen von Roosevelt 
empfangen werden , und an dem Familiendiner teilnehmen. 
Allgemeines. 
0 Anderweite Abgrenzung eines märkische» 
Bahngebiets. Die Teilstrecke Treuenbrietzen-Beelitz der 
Linie Treuenbrietzen-Nauen ist aus dem Bezirk der Eisen 
bahndirektion Berlin ausgeschieden und dem Bezirke 
Halle a. S. zugeteilt worden. 
Lokales. 
t Die Anfichtspostkarten-Jndnstrie steht wiederum 
in vollster Blüte, zumal ihre Erzeugnisse in diesem Jahre 
zu wohlfeileren Preisen auf den Markt gebracht werden. 
Die Zeilen, wo man für eine illustrierte Postkarte 25 Pf. 
und mehr zahlte, sind vorüber; man erhält jetzt fast 
überall hübsch ausgestattete Karten für 10 Pfg. das Stück. 
Die Konkurrenz hat indeß die Preise noch weiter herab 
gedrückt; wie in den Großstädten, so werden auch am 
Strande die Ansichtskarten weit unter einem Nickel ange 
boten: zwei Stück zu 16 Pfg., sechs zu 25 Pfg., ja, drei 
für 10 Pfg. Und diese „Schleuderpreise", wenn man es 
so nennen will, haben auch schon im Auslande Platz 
gegriffen. Man macht daher heute kein gutes Geschäft 
mehr, wenn man sich, wie früher, die Karten zu Hause 
kauft, in Berlin z. B. das Dutzend für eine Mark, es sei 
denn, daß man die leidige Schreiberei vor der Abreise 
und nicht in fremder Herren Land erledigt wiffen will, 
wo man mit dem Postmarkenkauf ohnehin noch genug zu 
tun hat. Aas häusliche Verfahren bietet freilich den 
Vorteil, daß man am eigenen Schreibtische die Adressen 
der p. t. Empfänger kennt, während man im Ausland 
vergeblich nach dem Adreßbuch fragt. Für Briefmarken 
liebhaber bildet die Kartenversendung eine besondere Reise 
sorge; sie pflegen nicht die gewöhnlichen Zehner und 
Fünfer zu verkleben, sondern gruppieren die bunten 
Bilderchen hübsch neben- oder untereinander, z. B. vier 
Marken zu 1, 2, 3 und 4 oder drei Marken zu 2, 3 und 
5 Münzeinheiten, und so bietet denn auch die Adreßseite 
für sich wieder eine niedliche Illustration, über die sich 
nur der Postbeamte, der sie drei- bis viermal abstempeln 
muß, ärgern könnte. Man will auch die Beobachtung 
gemacht haben, daß solche mehrfach beklebten Postkarten 
leichter verschwinden, d. h. nicht ankommen, als Karten 
mit Einzelmarke. Gefährlich für den Empfänger sind die 
Neuerungen der Ansichtspostkarten-Jndustrie. Da werden 
z. B. „Karten mit Drehscheibe" verkauft, auf denen man, 
durch Bewegung der Scheibe, verschiedene Ansichten er 
scheinen lassen kann. Wenn nicht als Drucksache, sondern 
als Postkarte versandt, verwandeln sich diese „Nouveautees" 
in Briefe und kosten dem Empfänger mehr an Strafporto, 
als sie wert sind. Ebenso gefährlich wie diese Sorauer 
Drehscheiben sind die Karten mit geteilter Adreßseite, die 
zum Beschreiben einladet, aber beschrieben im Verkehr mit 
verschiedenen Ländern als Postkarte nicht zugelassen wird. 
Eine solche Karte, von Frankreich, Italien u. a. Ländern 
nach Deutschland geschickt, kommt hier mit dem P-Stempel 
an und kostet dann „nur" 26 Pfg. Strafporto. Vielfach 
werden sie daher zurückgelegt und, da der Absender meist 
nicht zu ermitteln ist, unbestellbar gebucht. Post. und 
Publikum würden darum wohl besser stehen, wenn die 
Ansichtskarten-Jndustrie den internationalen Postregeln 
mehr Beachtung schenken möchte. 
f Zollhafen am Teltowkanal. Eine Bahnver 
bindung nach dem neuen Zollhafen am Teltowkanal in 
der Berliner Straße zu Tempelhof stellt zur Zeit die Klein 
bahngesellschaft der Bahnlinie Rixdorf—Mittenwalde her. 
Die Zollhafenbahn wird in der Nähe des Mariendorfer 
Weges bei dem Rixdorfer Hafen abgeleitet und an dem 
Kanal entlang nach dem Zollhafen führen, wo ausgedehnte 
Ladeanlagen hergestellt werden. Hierdurch wird eine 
Bahngütervermittelung von resp. nach Berlin geschaffen, 
da die Mittenwalder Bahnstrecke Anschlußgeleise nach dem 
Stadtring unterhält, über welche der Güterverkehr nach 
den Stationen des Nord- und Südringes geleitet wird. 
Die neue Bahnstrecke wird vorläufig nur dem Güterver 
kehr dienen, doch ist in Aussicht genommen, später Per 
sonenbeförderung einzurichten, falls ein Bedürfnis hierfür 
eintreten, sollte. 
f Über den diesjährigen Ferien-Verkehr sind 
bereits einige Zahlen mitgeteilt worden, die aber nur auf 
Schätzung beruhten und daher auf Genauigkeit keinen 
Anspruch machen können. Jetzt liegt die amtliche Statistik 
vor, welche ein interessantes Bild über den Gesamtverkehr 
ie Aache ist mein." 
Kriminal-Roman.von L. Haid heim. 
13. (Nachdruck verboten. Alle Rechte »orbebalteu.) 
Das Abendrot bildete einen golvigen Hintergrund fü, 
die Kuppel von Sankt Peter — Es ivar ein Anblick von solcher 
Großartigkeit und stillen Größe, das selbst Constanzes junges 
Herzchen davon höher schlug i:nd sie davor allen bunten Tand 
vergaß. . . 
In einem Wagen neben dem ihrigen sagte eme jugendliche 
Männerstimme eben als Antwort aus eine Bemerkung seiner 
Begleiterinnen: „Mir ist, als riesen die Glocken hier immer: 
„Koma eterna! Koma eterna!" Rom ist das Herz der Welt, 
und wie alle Wege nach Rom führen, so geht von Rom aus 
das Licht und überstrahlt die Erde!" 
Unwillkürlich hatte Constanze sich nach dem Sprecher 
umgesehen, der in so ernstem Ton seiner Bewunderung Worte 
gab und so streng geschnittene Züge hatte. , 
Er seineiffeits sah ihre rasche Bewegung. So trafen sich 
beider Blicke — Constanze sah errötend zur Seite, beschämt, 
daß sie den fremden Herrn auf sich aufmerksam gemacht. 
Er war ein bartloser, klug aussehender Mann, eher häß 
lich als hübsch; sie hatte ihn die nächste Minute schon ver 
gessen. 
Ducctti ließ den Kutscher weiterfahren. 
Als sie ins Hötel zurückkamen, wurde ihm ein Brief ein 
gehändigt. Der Blick des Portiers verriet dabei das Ver 
wundern desselben über die vornehmen Verbindungen dieses 
schlichten Signor Ducetti, denn ein Diener in der Livree eines 
der vornehmsten, wenn auch nicht der reichsten Häuser der 
Stadt halte diesen Brief gebracht. 
Tucetti sah und börle mchv, ganz hingenommen von der 
Lektüre des kurzen Briefchens, strahlend vor Genugtuung. 
Die Marchesa schrieb ihm, ihr Bruder, der Kardinal, sei 
in Castel Gandolfo plötzlich erkrankt, sie habe eilig hinfahren 
müffen und Irene anstandshalber nicht zu Haus lassen 
können. 
Unterdeß kamen die anderen Gäste des Hotels zurück 
und starrten Constanze neugierig an, die wieder einmal ihren 
Vater rücksichtslos fand. 
Zum ersten Male kam ihr zum Bewußtsein, daß er sich 
gegen sie in letzter Zeit verändert habe — er, der sie früher 
abgöttisch liebte. 
Den Gedanken zu verfolgen, hatte sie keine Zeit. 
„Die Marchesa schreibt uns eine Einladung auf morgen 
Abend —" berichtete ihr Vater ihr und erklärte ihr des 
Weiteren, daß die Dame morgen ihren jour fix habe und daß 
er hoffe, sie habe eine passende Toilette dazu mitgebracht. 
O, gewiß! Sie hatte ia das neue rosa Seidenkleid! 
Wenig Sorge machte sich das weltfremde junge Ding, ob es 
wohl. auch geistig in solchen Kreisen werde bestehen können, 
und Ducetti dachte ebenso wenig darüber nach. 
Jetzt hatten sie aber Eile, sich für^das Diner des Hotels 
zurecht zu machen. Die neue weiße Seidenbluse mit grüner 
Stickerei kleidete Constanze reizend. Vater und Tochter fielen 
den übrigen Gästen auf; — man erkundigte sich heimlich beim 
Oberkellner, und dieser erzählte mit wichtiger Miene, daß Sig 
nor Ducetti ein Mann von Bedeutung sein müsse, da sich 
heute der Conte Caldieri aus dem Kriegsministerium zum 
zweiten Male nach ihm erkundigt, um ihm seinen Besuch zu 
machen, und ebenso habe der Diener der Marchesa Leri ihm 
einen Brief gebracht. 
Seltsam! dieser einfache, scheu blickende Mann in Ver 
bindung mit dem Qnirinal und dem Vatikan? 
Alan wunderte sich und beschloß, zu beobachten. 
♦ * * 
Wenn vor sechs Monaten noch der Ingenieur Ducetti 
nicht im Traum daran gedacht, daß eine große Dame, eine 
der Vertrautesten der päpstlichen Partei, ihn einladen, daß 
man im Kriegsministerium Wert auf seine Beteiligung an 
einer geheimen Konferenz in Rüstungsfragen legen würde, so 
kam ihn: das jetzt schon vor, als müsse es so sein. 
Sein Selbstbewußtsein wuchs empor mit einer unglaub 
lichen Schnelligkeit, und für Stunden fühlte er sich stolz und 
glücklich. Erbetrog sich selbst; zuweilen erkannte er das auch; 
aber es gelang ihm dennoch wieder, sich in die Idee einzu 
spinnen, daß Irene es sei, die einen so wohltuenden Einfluß 
schon jetzt auf ihn übte. 
In dieser Stimmung betrat er mit seiner Tochter zur fest 
gesetzten Stunde den kleinen Palazzo der Marchesa. 
Feierliche Stille, ernst, ja fast düster ausgestattete Räume, 
würdig blickende Diener in dunklen Livreen empfingen die 
beiden. Zwei lebhaft und angeregt plaudernde Geistliche 
standen vor einem Spiegel und bürsteten das volle Haar, in 
welchem eine sehr kleine Tonsur ihren Stand verriet. 
Ein paar alte, zerschossene Fahnen und Trophäen von 
Waffen aus der Zeit der Türkenkriege, eine uralte, riesige 
Schiffslaterne, von der Decke herabhängend, und stark nach 
gedunkelte, kaum noch erkennbare Schlachtenbilder, das alles 
diente als Schmuck der Halle dazu, die Eintretenden zu er 
innern, wie viel Kriegsruhm sich seit Jahrhunderten an den 
Namen der Leri knüpfte. 
Die beiden geistlichen jungen Herrn hatten Vater und 
Tochter mit einem gewissen Befremden angesehen, jetzt standen
        
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