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Periodical volume Nr. 173, 26.07.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

f M- Mänuer-Turuverein. Die Männer-Abteilung 
unternahm am Sonnabend und Sonntag ihre übliche dies 
jährige Nachl-Turnfahrt. Leider hatten sich verschiedene 
der Angemeldeten, teilweise wohl durch daS unbeständige 
Wetter und besonders durch den kurz vor Abgang des 
Zuges einsetzenden Gewitterregen beeinflußt, abhalten 
lassen, an dieser herrlichen Turnfahrt teilzunehmen. Jedoch 
hatte der Himmel ein Einsehen und zeigte den Turn- 
sahrern fast während der ganzen Turnfahrt ein recht 
freundliches Gesicht. Um 6 Uhr fuhren 18 Teilnehmer, 
darunter 2 Gäste und 1 Turner der Alters Abteilung, am 
Sonnabend Abend vom Stettiner Bahnhof mit der Bahn 
im sogenannten Turner-Abteil nach Chorin und gingen 
zunächst nach der berühmten, sehr gut erhaltenen Kloster- 
Ruine Chorin. Nachdem diese besichtigt und in der 
nahen, sehr hübsch auf einer Anhöhe am Amtssee belegenen 
Neuen Klosterschenke das Abendbrot eingenommen, wurde 
weiter marschiert und zwar wegen der langsam herein 
brechenden Dunkelheit längs der mitten durch den Ebers 
walder Stadtforst führenden Chauflee nach Eberswalde. 
Unterwegs wurde die lustig singende Turnerschar von einer 
Herde schmutziger, nur halb bekleideter Zigeunerkinder, 
welche zu einer am Wege lagernden Zigeunerbande gehörten, 
überfallen; und mancher Nickel mußte geopfert werden, 
um diese unfreiwilligen Begleiter endlich los zu werden. 
Kurz vor Eberswalde erwarteten zwei Turner des dortigen 
Männer-Turnvereins unsere Turnfahrer, um sie durch die 
Stadt in das hübsch belegene Vereinslokal „Schützenhaus" 
zu führen, wo übernachtet wurde. Bevor jedoch das 
Strohlager aufgesucht wurde, fand noch eine kleine, mit 
Rücksicht auf den am nächsten Tage bevorstehenden größeren 
Marsch, leider nur kurze Begrüßung mit dem Eberswalder 
Männer-Turnverein statt. Am nächsten Morgen wurde 
kurz vor 6 Uhr wieder angetreten und führte der Weg 
zunächst nach dem Turnplatz, von wo man einen hübschen 
Überblick über die zu Füßen liegende Stadt Eberswalde 
hat. Dann gings weiter längs einer herrlichen Promenade 
an der Schwärze entlang nach dem Wasierfall. Schnell 
gruppierten sich die Turner an beiden Seiten des Wasser 
falls zu einer photographischen Aufnahme, damit auch die 
„Zuhausegebliebenen" diese Naturschönheilen bewundern 
können. Um 8 Uhr ist das kleine Dorf Spechthausen 
erreicht; hier befindet sich eine Papierfabrik, die das 
Material zu unseren Wertpapieren liefert. Nach einer 
kurzen Rast beginnt der Hauptmarsch, mitten durch den 
ausgedehnten im frischen Grün prangenden Eberswalder 
Forst. Besonders interessant gestaltete sich der Weg von 
Köthen an dem Abhange des Paschenberg zu der langsam 
ansteigenden Höhe Karlsburg bei Falkenberg. Bon hier 
hat man eine herrliche Aussicht; auf der einen Seite der 
Oderbruch der alten Oder mit den in Ferne liegenden 
Höhen jenseits der neuen Oder, auf der anderen Seite 
Freienwalde und die bewaldeten Abhänge. Nach Be 
endigung der hier abgehaltenen Mittagsrast begann der 
Marsch von neuem, am Fuß des Minnen- und Tobben- 
bergs entlang bis zum „Klingenden Fließ", dann hinauf 
zu dem von dieser Seite steil aufsteigenden 102 Meter 
hohen Schloßberg und dem auf demselben stehenden 
Bismarckturm. Letzterer bietet den Beobachtern wiederum 
einen wunderbaren Rundblick auf die romantische Um 
gegend; auf der einen Seite eine ausgedehnte grüne 
Ebene de§ Oderbruchs, auf der anderen Seite die be 
waldeten Berge und Täler der herrlichen Märkischen 
Schweiz. In einem prächtigen Talkessel entspringt das 
kleine Flüßchen, das Klingende Fließ, das sich einige 
Turner noch besonders ansahen. Dann gings wieder den 
Berg hinuter nach dem Garten-Restaurant „Schweizerhaus", 
wo Kaffee getrunken wurde. Nunmehr beginnt der letzte 
Teil der Wanderung durch das Hammertal, den Fischweg 
entlang, an den Heiligen Hallen vorbei» durch den 
Düstern Grund, nach dem Kurgarten von Freienwalde. 
Da bis zum Abgang des nächsten Zuges noch reichlich 
Zeit übrig war, nahmen die Teilnehmer eine Stunde im 
Kurgarten Platz, in dem eine Musikkapelle ihre Weisen 
zum Besten gab; auch wurde von dem berühmten Quell 
wasser gekostet. ES wurde nachdem noch der Schloßgarten 
besichtigt und der Ruinenberg erstiegen, dann ging eS 
durch die Stadt zum Bahnhof, um die Heimfahrt anzu 
treten. Kaum hat sich der Zug in Bewegung gesetzt, als 
auch das bis dahin so freundliche Gesicht des Wetters zu 
Ende war und ein furchtbares Unwetter losbrach. Um 
'/zll Uhr Abends langten die Teilnehmer wohlbehalten 
in Berlin wieder an, allseitig befriedigt von der groß- 
arsigen, harmonisch verlaufenen Turn fahrt. 
gesetzliche Techarge, cs kam alles in Ordnung, ivas ihm jahre 
lang seine Ruhe gekostet, und niemand wunderte sich, viele be 
neideten den Glücklichen, dessen Genie ihm die Goldquelle er 
schlossen. 
Es sprach sich herum, daß er jüngst einen Hcrzkrampf 
gehabt. Daneben erzählte man, er wolle sich wieder ver 
heiraten. Für zwei Wochen etwa war der Name Ducetti in 
aller Munde, er und seine Verhältnisse wurden in jedem 
Hause, — wahr oder unwahr, besprochen; wohin Ducetti kam, 
blickte alles nach ihm, man drängte sich an ihn, hoffte dies 
und jenes von ihm, bot ihm alle möglichen Dienste an, über 
flutete ihn mit phantastischen Plänen und Bettelbriefen. 
In all diesen Tagen hatte er ab und zu Stunden des 
Bergeisens, aber seine Nächte waren qualvoll. „Verrate Dich 
nur selbst nicht, so kann nichts Dich verraten," sagte er sich 
unablässig, und doch lebte eine stete Angst in ihm, er werde 
es dennoch tun. 
* * * 
Zum Kummer des Brautpaares beschleunigte er die 
Abreite nach Nom. 
Er bildete sich täglich fester ein, seine innere Unruhe 
werde sich legen, wenn ein schönes junges Weib an seiner 
Seite lebe, wie sie sich gelegt hatte an jenem Tage, da er 
mit Leo und Irene in die Campagna hinaus fuhr. 
Als Palmieri seine Braut neben dem Vater zum letzten 
Mal aus dem Fenster des Eiseirbahnzuges grüßen sah und 
dann ctivas nielancholisch vom Bahnhof nach Haus ging, mit 
dem Gefühl, als sei plötzlich ganz Mailand leer und aus 
gestorben, trocknete Constanze bereits ihre Abschiedstränen und 
begann sich auf Roni zu freuen, von dem Palmieri ihr be 
geistert erzählt halte. 
Daß sie es dann so ganz anders fand, wie sie es sich 
f Sportplatz Berlin-Zehleudorf. Im Stunden 
rennen am Sonntag den 30. Juli cr. starten der Welt 
rekordmann Tommy Hall, England, mit den besten 
Schrittmachern der Welt T. Hoffmann sowie Peter Günther, 
Köln, welcher zum ersten Male in Berlin startet. Als 
dritter ist Curt Rosenlöcher, Dresden, engagiert, welcher 
sich momentan in vorzüglicher Form befindet. Zweifellos 
wird dieses Rennen seine Anziehungskraft auf das große 
Publikum nicht verfehlen, denn es ist in diesem Jahr das 
erste Rennen zu Berlin, welches von drei wirklich erst 
klassigen Fahrern bestritten wird. Die Fahrer trafen 
bereits gestern in Zehlendorf zum Training ein. Tommy 
Hall sowie Peter Günther kommen von Antwerpen, wo 
sie die Weltmeisterschaft bestritten haben. Die Rennbahn 
Zehlendorf ist vom neuen Bahnhof Zehlendorf-Beerenstraße 
in 5 Minuten bequem zu erreichen. 
P Die letzte Vorstellung des mechanischen Theaters, 
welche heute Abend stattfindet, bringen wir hiermit in 
Erinnerung und wünschen wir dem Direktor, Herrn Pott- 
harst, zum Schluß noch ein volles Haus. 
-j- Ein rücksichtsvoller Hauswirt. Man hört 
sonst nur immer von Hauswirten, die ihre Mieter, wenn 
sie die Miete nicht bezahlen können, exmittiert oder 
gepfändet haben. Wenn die Hauswirte dabei oft in zu 
schwarzen Farben gemalt werden, so wird aber doch 
nachstehender Fall vielleicht einzig dastehen und gewiß 
dazu dienen, unser Friedenau als einen idealen Wohnort 
zu preisen. Unser Friedenau ist nämlich in der glücklichen 
Lage, einen Hauswirt zu besitzen, der seine Mieter, auch 
roln sie ein halbes Jahr und noch länger die Miete 
rückständig bleiben, nicht mit dem Gerichtsvollzieher 
belästigt, sondern sie ohne jede Behelligung ruhig ihres 
Weges gehen läßt, ihnen sogar noch Geld (in einem Falle 
400 M.) zuzahlt. Daß aber Undank der Welt Lohn ist, 
mußte der brave Wirt erst vor kurzem erfahren, indem er 
durch einen solchen Mieter noch in ein strafgerichtliches 
Verfahren verwickelt wurde und anfangs nächsten Monats 
nach Moabit wandern muß. 
-j- Zur Jetztzeit ärgert uns nicht nur die Fliege 
„an der Wand", sondern allerorten und mit wahrer 
Wollust eröffnen wir den Vernichtungskampf gegen das 
quälerische Insekt. Dieser Krieg hat in jeder Beziehung 
seine Berechtigung, — denn die kleine Fliege kann uns in 
große Gefahr bringen. Sie, die sich auf unser Brot, auf 
Käse, Fleisch, Obst usw. setzt und an unserem Milch- und 
Honigtopf nascht, kann vorher bei einer Leiche, einem Tier 
kadaver, auf Mist, Jauche oder giftigen Stoffen gewesen 
sein und nimmt an ihren rauhen, klebrigen Füßchen und 
an den netzartigen Flügeln Bakterien und Ansteckungs 
keime mit fort, die dann auf die bequemste Art und Weise 
unseren Nahrungsmitteln, unserem Organismus zugeführt 
werden. Die Fliegen sind also nicht nur lästige und ekel 
hafte, sondern auch höchst gefährliche Schmarotzer. Sehr 
töricht ist es auch, die kleinen Feinde mit der Hand oder 
mit einem Tuch oder dergleichen totzuschlagen bezw. die 
in der hohlen Hand gefangene Fliege zwischen den Fingern 
zu zerquetschen. Wenigstens sollte man sich nach einer 
solchen Prozedur im eigenen wie im Interesse seiner 
Mitmenschen die Hände tüchtig mit Seise waschen. 
j- Jnvattditätskartendiebstahl. EinMassendiebstahl 
von Jnvaliditäts-Quittungskatten ist auf dem Neubau zu 
Wilmersdorf, Kurfürstendamm 179, ausgeführt worden. 
Die Quittungskarlen, 28 an der Zahl, welche den an dem 
Bau beschäftigten Bauarbeitern und Maurern gehören, 
waren in der Baubude aufbewahrt. Die Diebe sind in 
der Nackt in die Baubude, die ebenso wie der Neubau 
unbewacht war, eingebrochen und haben nicht bloß die 
Jnvaliditätskarten, sondern auch dem Polier gehörige 
Kleidungsstücke gestohlen. Bis jetzt fehlt von den Tätern 
jede Spur. 
f Nächtliche Ruhestörung verursachen die Auto 
mobile, die in unserem Orte anhalten. Besonders die 
Rheinsttaße hat sehr darunter zu leiden und gerade zu 
einer Zeit, wo sonst die Menschen am besten zu schlafen 
pflegen. Wenn es von Berlin keine andere Fahrgelegen 
heit mehr nach Friedenau zurück gibt, dann nehmen die 
nachtschwärmenden Friedenauer am liebsten ein Auto und 
eilen mit diesem den heimatlichen Penaten zu. Dagegen 
ist natürlich nichts einzuwenden, es muß jedermann über 
lassen bleiben, wann und wie er von Berlin zurückkehrt, 
Fraglich erscheint es aber, ob dagegen nichts einzuwenden 
wäre, wenn die Chauffeure dann ihre Fahrzeuge längere 
Zeit in der Straße stehen lassen und durch den Anttieb 
einen Skandal verüben, der selbst den besten Schläfer aus 
geträumt, daß sie sich grenzenlos enttäuscht fühlte, hätte sie 
gar niemanden eingestchcn inögen. 
Aber der Einzige, der sie danach hätte fragen können — 
ihr Vater, — kümmerte sich um ihre Eindrücke durchaus 
nicht. — Während der Fahrt hatte er sich sehr ungleich be 
nommen, bald gestöhnt und geseufzt, daß sie in große Angst 
geriet, bald überaus lebhaft mit den Mitreisenden geredet, 
oder sich in seine Gedanken vertieft, daß er ihre Anreden 
gar nicht hörte. 
Sie wohnten an der Piazza di Spagna, man behandelte 
Ducetti — nach welchem bereits ein sehr vornehmer Herr 
aus dem Kriegsministerium im Hotel gefragt — mit größter 
Hochachtung und Beflissenheit, aber das Hotel war fast leer, die 
Saison vorüber. Die letzten Fremden verließen die Stadt, 
sagte man Constanze; das arme Kind langiveilte sich. 
Dncettis erster Besuch hatte der Marchesa gegolten, der 
er schriftlich seine Ankunst angezeigt. 
Trotzdem fanden er und seine Tochter die Damen nicht 
zu Haus und fuhren enttäuscht weiter. 
Constanze hatte sehnsüchtig auf die Bekanntschaft dieser 
jungen Dame gehofft, von der ihr Vater ihr erzählt, daß sie 
Constanze Gesellschaft leisten werde; sie war zu arglos, um 
auf ihres Vaters Ansregung zu achten. 
Ducetti fragte sich ganz fassungslos: Bedeutete dies „nicht 
zu Haus" einen indirekten Korb? War Irene Sordagna der 
projektierten Heirat abgeneigt oder die Marchesa anderen 
Sinnes geworden? 
Mit dem verlorenen Tage wußte er nichts Rechtes 
anzufangen. Pflichtgemäß führte er Constanze nach dem 
Forum Äomannm, dem Palatin, aber er war innerlich viel zu 
sehr mit sich selbst beschäftigt, zu verletzt, um seiner Tochter 
ein guter Erklärer zu sein. 
den schönsten Träumen aufschreckt. Dagegen sollte ebenso 
etwas getan werden, wie gegen daS übermäßig rasche 
Fahren der ^Motor-Zweiräder am Tage, das geradezu 
menschengefährlich ist. , 
t Allgemeine Heiterkeit rief gestern Abend ein 
Betrunkener hervor, der an der Haltestelle der Elektrischen 
an der Roennebergstraße aufsteigen wollte. Die Be 
mühungen auf den Wagen zu kommen, waren erfolglos 
und ein Zuhilfekommen des Schaffners wies der Betrunkene 
stolz zurück. Da der Schaffner nun nicht mehr länger 
warten wollte, zog der Betrunkene es vor, zu Fuße 
Steglitz zuzuschwanken. 
Schöneöerg. 
— Eine neue Bedürfnisanstalt wird auf dem 
Großgörschenbahnhof errichtet, während der bisher dort 
befindliche kleine Bau entfernt wird. 
— Handelsgerichtliche Eintragungen. Nr. 3160. 
Gesellschaft für Spezialbauausführungen mit beschränkter 
Haftung. Sitz: Schöneberg. Gegenstand des Unternehmens: 
die gewerbliche Übernahme und Ausführung von Spezial 
bauarbeiten jeder Art für fremde Rechnung. Das Stamm 
kapital beträgt 500 000 M. Geschäftsführer: Ingenieur 
Wilhelm Maelzer in Charlottenburg. Maurermeister Franz 
Mietsch in Deutsch-Wilmersdorf. Kaufmann Christian 
Boalth in Schöneberg. Die Gesellschaft ist eine Gesell 
schaft mit beschränkter Haftung. — Bei Nr. 21422. 
(Offene Handelsgesellschaft: Paul Ahrend & Co., Schöne 
berg.) Der Kaufmann Paul Ahrend in Berlin ist aus 
der Gesellschaft ausgeschieden. Zur Vertretung der Ge 
sellschaft sind die verbleibenden Gesellschafter ein Jeder 
selbständig ermächtigt. — Bei Nr. 2167. (Firma Felix 
Goldschmidt, Berlin): Der Sitz der Firma ist nach Schöne 
berg verlegt. Inhaber wohnt in Schöneberg. 
— In dem Konkursverfahren über das Ver 
mögen des Kaufmanns Martin Jacobi in Schöneberg, 
Luitpoldstraße 17, ist zur Abnahme der Schlußrechnung 
des Verwalters und zur Erhebung von Einwendungen 
gegen das Schlußverzeichnis der bei der Verteilung zu be 
rücksichtigenden Forderungen der Schlußtermin auf den 
16. August 1905, Mittags 12 Uhr bestimmt. 
Merlin und Wororte. 
8 Der für den Neubau des Werderscheu Gym 
nasiums bestimmte Platz an der Bochumerstraße im 
neuen rheinisch-westfälischen Stadtviertel an der Unterspree 
wird bereits von allen Seiten eingebaut. Auf diesem um 
fangreichen Gelände, das sich nordwärts bis zur Elber- 
felderstraße erstreckt, wird sich das Gymnasium zusammen 
mit einer Gemeinde-Doppelschule erheben. Das Gym 
nasium soll an der Straßenfront mit eigenen Eingängen 
errichtet werden, während die Gemeinde-Doppelschule auf 
dem Hinterlande erbaut werden soll. Für das Gymnasium, 
das sich unweit des neuen über die Spree führenden 
Brückensteges erheben wird, sind 25 Klassenzimmer vor 
gesehen worden, für den astronomisch-physikalischen Unter 
richt wird über dem nordwärts gelegenen Treppenhause 
ein Turm errichtet werden. Die Bochumerstraße ist von 
ihrer nördlichen Hälfte schon vollständig mit Häusern 
bestanden. 
§ Das alte von der Dichtkunst verklärte Garten 
haus an der Friedrichsgracht unweit der Gertraudtenbrücke 
ist jetzt im Innern und Äußeren erneuert worden und um 
das kunstvolle Eisengitter des Balkons rankt sich frisches 
Grün. Heinrich Seidel hat es zum Schauplatz eines 
hübschen Phantasiestückes gemacht, das den Titel führt: 
„Was sich am Morgen meines fünfzigsten Geburtstages 
ereignete". Durch die an der Straße liegende mit Eisen 
beschlagene Eichentür, die bei den Erneuerungsarbeiten seit 
langer Zeit zum ersten Male wieder geöffnet wurde, läßt 
er die Geister abgeschiedener großer Dichter eintreten und 
in dem Hause eine Zusammenkunft abhalten, in die auch 
zufällig Heinrich Seidel hineingerät. An das Haus, das 
jetzt gerade 170 Jahre alt ist, grenzt ein schöner Garten 
mit uralten Bäumen, dessen an der Straße gelegene Mauer 
ebenfalls ausgebessert worden ist. Rechts und links von 
diesem in Alt-Berlin wohl einzig dastehenden Idyll erheben 
sich mächtige vierstöckige Häuser, die den Zwecken einer 
bekannten Berliner Eisenwaren-Großhandlung dienen. 
8 Der Berliner Wein hat bereits ganz gute 
Trauben angesetzt, so daß, wenn der August noch den 
erforderlichen Sonnenschein bringt, eine reichliche Ernte zu 
erwarten ist. Alte schöne Weinstöcke gibt es noch eine 
ganze Menge in Berlin, so an dem Waldeckpark zu ge- 
Wenn doch nur Leo Sordagna dagewefen wäre! Aber der 
studierte jetzt in Zürich und schrieb die dankbarsten Briese. 
Ducetti. nahm, um selbst schweigen zu dürfen, einen der 
umherlungernden Führer. Aber ivas gingen der armen 
Constanze die römischen Kaiser, die Jahreszahlen und Baustile 
an, von denen der Mensch da mit schrecklicher Eintönigkeit 
deklamierte? 
Endlich fuhren sie zurück. Es war eben Korsozeit. Sie 
schlossen sich der langen Reihe von Wagen an. Ueber den 
Korso und die Piazza del Popolo ging's nach der Villa Borghese 
hinaus. 
Das reiche bunte Leben dorr, die eleganten Toiletten, 
der Viererzug der Königin Margherita, die dunklen Livreen 
und die ernste Miene des Königs, das alles gefiel Constanze, 
entzückte sie; dafür hatte sie Verständnis und Interesse. Jetzt 
entbehrte sie ihres, Vaters Teilnahme nicht inehr. 
O, wie schön das war! Wie wundervoll! Ihr war, als 
habe sie nicht Augen genug, um das stets wechselnde Bild in 
sich aufzunehmen. 
Ja — hier war Rom und römisches Leben! 
Die Sonne sank hinter Sankt Peter, als sie dann nach 
dem Pincio hinauffuhren. — Auch dort Militärmusik, rauschende 
Weisen, ein buntes Gewimmel von Wagen und Menschen; 
und dies alles mehr auf einen kleineren Raum zusammen 
gedrängt! 
Auf der Terrasse hielten sie und schauten auf die ewige 
Stadt herab, die zu ihren Füßen lag. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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