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Periodical volume Nr. 171, 23.07.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

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»*. 171 
Friedenau, Montag den 24. Juli 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen 
Brünn. Der Sohn des hochangesehenen Kauf 
manns Berger in Alt-Biala ermordete seine Geliebte, um 
die Folgen des Liebesverhältnisses zu beseitigen. Der 
Mörder wurde verhaftet. 
Budapest. Offiziell wird in kategorischer Weise er 
klärt, daß trotz aller Drohungen seitens der Opposition 
und der Presse, die Regierung vor September kaum einen 
neuen Versuch zur Lösung der Krisis unternehmen wird. 
In Regierungskreisen hofft man noch immer, daß bis da 
hin die Zuspitzung der wirtschaftlichen Verhältnisse die 
Führer der koalierten Parteien endlich doch vor die Frage 
stellen wird, ob es angezeigt sei, tatsächliche Katastrophen- 
Politik zu treiben. 
Paris. Petersburger Korrespondenten Pariser 
Blätter versucheu es so darzustellen, als ob man in ein 
flußreichen russischen Kreisen die Zusammenkunft der 
Monarchen nicht gern sehe. Man erblicke in derselben ein 
Gegenstück zu dem plötzlichen Kaiserbesuche tn Tanger. 
Selbst in hohen Kreisen kenne man die Tragweite der 
Entrevue nicht. Freunde Wittes erklären, daß dieser bei 
seiner Abreise von der Ansicht des Zaren keine Kenntnis 
hatte, Witte wünscht den Frieden unter annehmbaren 
Bedingungen und seine Ansicht deckte sich bisher mit der 
zahlreicher bedeutender Persönlichkeiten Petersburgs, welche 
befürchten, daß die Unterredung des Zaren in Frankreich 
wegen der jüngsten Marokkoaffäre einen schlechten Eindruck 
machen könnte und ebenso in London, während Rußland 
gerade nach dem Friedensschlüsse mit Frankreich und 
England das beste Einvernehmen pflegen müßte. — Nach 
Petersburger Meldungen verließ gestern der Zar Petersof 
an Bord der Pacht „Polarstern" und fährt morgen 
zurück. Über den Zweck der Begegnung des Zaren mit 
dem deutschen Kaiser zirkulieren andauernd die ver 
schiedensten Vermutungen. Man fragt sich, ob die 
Äußerungen Kaiser Wilhelms den Zaren in seinem Wunsche 
bestärken werden, Reformen einzuführen und Frieden zu 
schließen, oder ob sie den Zaren ermuntern werden, eine 
reaktionäre und kriegerische Politik fortzuführen. Anderer 
seits glaubt man jedoch überwiegend, daß der Kaiser den 
Zaren dazu bewegen wird, eine gemäßigte Politik nach 
innen und außen zu verfolgen. 
Petersburg. Wie verlautet, soll Großfürst Michael 
den Zaren bei der Begegnung mit dem deutschen Kaiser 
begleiten. — Es heißt, daß die Zusammenkunft des Zaren 
mit dem deutschen Kaiser auf die Initiative des letzteren 
zurückzuführen sei. 
Der Minister des Inneren hat wegen der in der 
letzten Zeit vorgekommenen Mißverfländnisse angeordnet, 
daß von Regierungsbehörden oder amtlichen Personen 
herrührende Mitteilungen im „Regierungsboten" nur mit 
Angabe der Quelle, von der sie herstammen, veröffentlicht 
werden sollen, und daß, wenn diese Angabe fortbleiben 
„Hie Mache ist mein." 
Kriminal-Roman von L. Haid heim. 
10. (NachLri:.. v-rboten. Allk Richte »oikebalten.) 
Inzwischen begrüßten Donna Laura und Constanze den 
Hausherrn und Vater — die letztere hing an seinem Halse 
und küßte ihn, und ihn überlief dabei ein Schauer: wenn 
sie wüßte! 
Er hätte Jahre seines Lebens gegeben für einen Becher 
Lethe — Vergessenheit sich zu trinken! Wer hatte jemals 
diesen Gedanken zuerst gefaßt! O, wer vergessen könnte! 
Vergessen! Vergessen! 
Während so in seinen Gedanken stets etwas Dunkles 
und Peinvolles ivar, lächeltell seine Mienen und plauderte er 
mit den beiden Damen. Donna Laura ging ganz auf in den 
Gedanken, der ein brennender Wunsch war, ihre junge Pflege 
befohlene zu verheiraten. — Offenbar machte der junge Richter 
auch ganz entschiedene Anstalten zu seiner Werbung, aber 
man wußte, es handelte sich um seine Versetzung in eine aus 
kömmlichere Stellung, und da lag es auf der Haud, daß er 
bis dahin warten würde. 
Das alles hatte Ducetti schon vor seiner Abreise sich 
selbst klar gemacht, aber während seiner Abwesenheit bot sich 
dem jungen Manne eine Gelegenheit, Donna Laura zur Ver 
tranten seiner Hoffnungen und Wünsche zu machen, und sie 
hielt es jetzt für ihre Pflicht, Constanzes kurze Abwesenheit zu 
benutzen — es war eine arme Frau gekomnien, welche sich 
alte Kleider holen sollte — und dem Vater die genauesten 
Mitteilungen darüber zu machen. 
Die gute, behäbige Donna Laura strahlte vor Stolz und 
Genugtuung. 
Als Constanze dann wieder eintrat, kam die Nach 
barvilla aufs Tavet. 
solle, die Genehmigung des Ministers des Innern ein 
geholt werden müsse. 
In dem eine Stunde von hier entfernten Ort 
Lestroyeze versuchten mehrere 190 Arbeiter Kundgebungen 
zu veranstalten. Nachdem die Polizei einschritt, lieferten 
die revoltierenden Arbeiter die mitgeführten roten und 
schwarzen Fahnen aus. Im Theater von Lestroyeze ent 
stand vorgestern eine große Panik, indem aus dem Publi 
kum heraus verlangt wurde, daß für die gefallenen Opfer 
des 22. Januar eine Seelenmesse gegeben werden soll. 
Diesem Wunsche wurde nicht stattgegeben, als plötzlich ein 
starkes Polizeiaufgebot in das Theater eindrang, floh das 
Publikum panikartig, da das Gerücht verbreitet war, die 
Polizei wolle von Schußwaffen Gebrauch machen und 
sofort feuern. In dem bei der plötzlichen wilden Flucht 
entstandenen Gedränge wurden zahlreiche Personen verletzt 
und meistens Kinder niedergetreten. 
Konstantinopel. Nach Angabe der türkischen 
Geheimpolizei sollen zwei italienische Anarchisten Djavi 
und Rccelni seit einiger Zeit sich in Konstantinopel ver 
borgen halten. Vermißt wird auch seit dem 21. d. M. 
ein angeblich aus Nürnberg zugereister Deutscher namens 
Hans Heller, der in der Pension Müller wohnte. Heller 
wohnte hinter dem Kavallerie-Kordon der Selamlik-Feier 
bei. Eine Erlaubnis bei dem deutschen Konsulat, die das 
Recht gibt, im inneren Kordon dem Selamlik beizu 
wohnen, hatte Heller nicht nachgesucht. Anzeigen weisen 
darauf hin, daß Heller von der türkischen Polizei verhaftet 
wurde. Wie zuverlässig verlautet, wurde es erwiesen, 
daß ein mit einem Strvhhut bekleidetes Individuum zwei 
Minuten vor der Explosion einen Korb an der Stelle, 
wo die Explosion stattfand, hinstellte. In diesem Korbe 
befand sich eine Höllenmaschine. Das Individuum ist 
getötet oder verschwunden. 
Athen. Mehrtägige Versuche zwischen dem kretischen 
Parlament und den Aufständischen zur Erzielung eines 
Einverständnisses über die Antwort auf die letzte 
Proklamation der Schutzmächte sowie über die Verfassungs 
revision und Nationalversammlung sind definitiv ge 
scheitert. Ein Hauptgrund dafür ist die Forderung der 
Aufständischen, daß die Beseitigung des Prinzen Georg 
als offene Frage behandelt werde. Die Kammer votierte 
gestern dem Prinzen volles Vertrauen, und den Mächten 
gegenüber die abermalige Erklärung, daß die Union die 
einzige Lösung sei. 
Neuyork. Der Kongreß tritt am 11. November 
zur außerordentlichen Tagung zusammen. Verhandelt 
wird der Bau des Panama-Kanals, über Maßregeln gegen 
den chinesischen Boykott amerikanischer Waren und vielleicht 
auch die Tarif-Revision. 
Neuyork. Präsident Roosevelt hatte in Osterbay 
eine Besprechung mit dem Staatssekretär Root. Nach der 
selben wurde bekannt gegeben, daß die Leitung in, der 
Panamaangelegenheit vorläufig beim.Kriegsdepartement 
verbleiben muß. 
„Du willst Mello die Arbeit geben, Vater? Wird er 
drüben für die Floris und für Dich zugleich arbeiten können?" 
fragte die Tochter. 
„Er sagt cs; er wird einfach mehr Arbeiter nehmen," 
erwiderte Ducetti, dem der Name Floris nichts sagte. 
Constanze erzählte ihm dann freudig, daß bei den Nach 
barn eine junge Dame lebe — die Schwester des Herrn 
Floris — welche mit ihr längere Zeit in der Pension be 
freundet gewesen. „Wir begegneten uns, fto_ wollte eben ihr 
Gärtchen verlassen, ich kam zurück ans der Stadt, und kaum 
sahen wir uns, so lagen wir einander in den Armen. Sie 
ist eine elegante Wienerin, Papa, aber sie haben Trauer. 
Ihre Tante, von der sie sehr viel geerbt haben, war die 
Dame, die man an der Riviera in einem Eisenbahnzuge er 
mordete. — Sie hatte just das Haus gekauft, die alte Dame, 
um sich hier niederzulassen. — Die Floris sind nun sehr reich 
geworden, Ellen hat noch einen verheirateten Bruder, der mit 
seiner Frau in Niz —. Aber, Papa, um Gottes willen! 
Wie sichst Du aus? Was ist Dir?" unterbrach sich das 
junge Mädchen entsetzt. 
Ter Vater, blaugrau aussehend, sank keuchend und nach 
Atem ringend auf den ersten Stuhl — seine Stirn, bedeckte 
sich mit dicken Tropfen, die bleichen Lippen zuckten. 
„Vater! Vater! Was ist Dir?" — flehte Constanze. 
„Ich — ich — weiß nicht —." 
Sie war zur Tür gestürzt, einen Arzt holen zu lassen; 
hätte er auch gewollt, er wäre ganz außer Stande gewesen, 
ihr zu wehren. 
Das war wieder der Herzkrampf, den der jähe Schrecken 
hervorgerufen. Er hatte nicht die geringsten medizinischen 
^Kenntnisse, aber daß es dies war, erriet er doch schon beim 
ersten Male in Santa Atmn 
Constanze kam zurück, brachte kaltes Wasser, Lau eis 
Coiogne — Donna Laura erschien ebenso erschrocken. „Wir 
Vom Rusfisch-Jrpanische« Kriegsschauplatz. 
Petersburg. Der Korrespondent der „Nowoje 
Wremja", der sich beim 11. sibirischen Armeekorps befindet, 
meldet, daß japanische Torpedoboote unter dem Schutze 
dichten Nebels und Regens versuchen, in die Wladiwostok 
benachbarten Buchten einzudringen und für die Landung 
von Truppen Vorbereitungen zu treffen. Mehrfach sind 
bereits Truppen gelandet worden. Man glaubt, daß dies 
der Beginn von weiteren bedeutenden kriegerischen 
Operationen gegen Wladiwostok sei. 
London. „Daily Telegraph" meldet aus Tokio: 
Die Japaner errangen auf Sachalin neue Erfolge. Ver 
schiedene russische Abteilungen wurden zurückgetrieben. 
Größere Truppenabteilungen sind in die Berge geflüchtet. 
Lokates. 
t Die Jugend an den Regentagen während 
der Ferien genügend zu beschäftigen, hat oft seine 
Schwierigkeiten, umsomehr als man ja in die Sommer 
frische nur wenig oder gar kein Spielzeug mitzunehmen 
pflegt. Eine vorsorgliche Mutter wird daher immer 
einige Bücher mit in den Koffer packen, um durch deren 
Zaubermacht gegebenen Falles die kleine „Rasselbande" 
in Ruhe halten zu können, denn die meisten Kinder lesen 
gern, namentlich, wenn die Geschichten, die man ihnen 
gibt, „recht schön", d. h. ihrem Verständnis voll angepaßt 
sind. Kinderbücher aber sollen nicht nur „schön", sondern 
in erster Linie „gut" sein, denn: „Für die Jugend ist das 
Beste gerade gut genug!" und dieser Grundsatz gilt am 
meisten aus dem Gebiete der Jugendliteratur. Sollen 
unsere Kinder schon frühzeitig ästhetisch erzogen werden, 
so müssen wir zunächst bei der Wahl eines Bilderbuches 
für die Kleinen darauf achten, nur gute, textlich und 
illustrativ einwandfreie Werke in ihre Hände gelangen zu 
lassen. Die Zeit der oft greulich verzeichneten und noch 
furchtbarer vertuschten „Ruppiner Bilderbogen" ist vorbei. 
Da sind die Münchner schon besser. Unsere besten 
Jugendschriftsteller, Kinderliederdichter und Bilderbuch 
zeichner liefern in neuerer Zeit unter Verständnis der 
Verleger recht gute Sachen. Für das zweite bis vierte 
Jahr ist es dem kindlichen Seelenleben entsprechend, 
wenn Bilder mit reinen, scharfen Konturen, mit oder 
ohne Farbengebung, beschafft werden. Die Bilder für 
diese Stufe dürfen nicht zu viel Gegenstände auf einer 
Seite aufweisen. Der kleine Geist konzentriert sich gern. 
Tiere sehen die kleinen Buben und Mädchen am liebsten, 
leblose Gegenstände und Menschen ihrer Umgebung 
interessieren sie noch wenig. Szenen aus dem kindlichen 
Leben, wie aus Märchen und Geschichten fesseln die Kinder 
erst im Alter von sechs bis neun Jahren. Ein Bilderbuch 
— es braucht nicht teuer zu sein — sollte jedes Kind 
haben. Auf dem Gebiete der eigentlichen Jugendschriften 
gibt es nun alljährlich eine wahre Hochflut neuer; es 
erscheinen neben guten und empfehlenswerten auch viele 
— recht fade und seichte Machwerke. Eine gute Jugend 
haben jetzt den Doktor nebenan; — es wird keine fünf Mi 
nuten dauern," tröstete sie, ich habe zu Herrn Floris —" 
Ducettis Entsetzen steigerte sich, der Herzlrampf auch, aber 
ihm blieb immer' noch so viel Besinnung, daß er sich sagte: 
„Tn bist verloren, sobald Du Dich selbst verloren gibst." 
Das half ihm etwas. Und der Gerufene kam nicht; er 
sei nicht zu Haus, meldete der Diener. 
«Laßt! — Laßt! — Es wird — besser. Ich hatte es 
schon einmal --- in Santa Alma. — Es wird von selbst." 
Er hing unendlich ermattet in den Armen Donna 
Lauras, Nach einer kleinen Weile verlangte er zu liegen, und 
von den Damen geleitet, erreichte er die Chaiselongue. Der 
Anfall war vorüber. — Zu sprechen wagte er nicht, so schloß 
er die Augen und ließ sie glauben, er schliefe. Aber er 
wachte ganz klar und dachte über seine Situation nach. — 
Ihm half nichts als eiserner Wille, und eisern mußten 
seine Nerven werden. 
Eine Viertelstunde später kam ein ihm wohlbekannter 
Arzt. Er seufzte erleichtert auf. 
Und dann erzählte er ganz wahrheitsgetreu, daß er in 
Santa Alma diesen Krampf zuerst bekommen. 
Er war immer froh, wenn er einmal die Wahrheit 
sagen konnte, jetzt, wo sein ganzes Sein Lüge hieß. 
„Einfach Ueberarbeitung, Signor Ducetti! Sie müssen 
ausspannen, ganz Ihrer Gesundheit leben, einen organischen 
Fehler entdecke ich bis jetzt nicht," erklärte der Arzt nach län 
gerer Untersuchung. 
Kein organischer Defekt! Wie Ducetti aufatniete. 
„Ich hatte viel Aufregung! Habe mein Patent verkauft; 
— kann es nun ruhig ansehen!" erzählte er, und seine bleichen 
Mienen verrieten, das Geschäft war brillant. So wollte 
er es. 
„Sie werden jetzt zu schlafen suchen. — Abends wissen 
Sic nichts mehr von dem Anfall! — Sollten Ihr Herz nur
        
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