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Periodical volume Nr. 170, 22.07.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

geht ins Gebirge, der andere ins Bad, manche machen 
intereflante Segelfahrten, und wieder andere legen sich auf 
den Fischfang. Um den Friedenauern eine vorteilhafte 
Bezugsquelle für Krebse zu eröffnen ist eine Kommission 
bestehend aus den Herren Gärtner vom Birkenwäldchen- 
Restaurant, Herrn Aute Puchler von der Firma Wächter & 
Co. und Herrn Pahle aus WilSmersdorf nach der Oder 
ausgezogen. Die Bemühungen der liebenswüdigen Mit- 
bürger hatten leider bisher wenig Erfolg. Aus Berlinchen 
wo jetzt die löbliche Kommission tätig ist, geht uns die 
Meldung zu, daß dort Krebse nicht zu finden, dagegen 
soll sich die Forelle angesiedelt haben und Spuren von 
Sardellen vorhanden sein. Es sind also mit Sicherheit 
nächstens „Frische Oder-Forellen" zu erwarten. Das Klee 
blatt scheint sich zufolge der gesandten „feuchten" Grüße 
in der besten Stimmung zu befinden, nur eine Klage 
führen sie über das schlechte Wetter, —I eS sei zu feucht! 
t Die 8. diesjährige Bezirks-Vorturnstunde 
des II. Bezirks im Havelländischen-Gaue, zu dem auch 
Friedenau gehört, findet am Sonntag, 30. Juli, Nach 
mittags von 3—5 Uhr in der Turnhalle des Lichterfelder 
Gymnasiums statt. Turnfreunden ist hier Gelegenheit ge 
boten, sich ein Bild von dem regen Turnbetriebe inner 
halb des im Havelländischen Gau größten zweiten Bezirks 
zu machen. Der Zutritt ist jedermann gestattet. 
t Die Meisterschaften von Berlin. Morgen 
Sonntag, Nachmittags 4 l / 2 Uhr veranstaltet auf der 
Zehlendorfer Radrennbahn der Verband Deutscher Herren 
fahrer Meisterschaften über 50 Kilometer mit Motor 
führung und über 1000 Meter. Einen interessanten Ver 
lauf wird jedenfalls das Rennen über die kurze Strecke 
durch die Beteiligung der beiden neuen Bundesmeister 
fahrer Marlens und Kllpferling, sowie des Meister 
fahrers von Preußen, Bruno Götze, nehmen. In der 
50 Kilometer-Meisterschaft starten fünf Fahrer, von denen 
Boldt, Steffen und A. Götze im Training gleich gut 
gefahren sind, so daß es in der Entscheidung zwischen den 
drei Fahrern zu einem erbitterten Kampf kommen dürfte. 
Ein Eröffnungs-, Vorgabe- und Tandemfahren, sowie ein 
starkbesetztes Motorrennen über 10 Kilometer vervollständigen 
das Programm. 
Der kleine Ukps, der bekannte tüchtige Lilipu- 
taner-Humorist, der vor zwei Jahren Friedenau wegen 
Auslands-Engagement verließ, hat wieder Sehnsucht nach 
unserm idyllischen Ort und befindet sich jetzt mit seiner 
Familie auf der Wohnungssuche. 
t Rheinfchlotz. Trotz der ungünstigen Witterung 
der letzten Tage sind die Konzerte der KUnstlerkapelle 
„Apollo" stets gleich gut besucht, sicher der beste Beweis 
für die Beliebtheit, deren sich die Kapelle hier erfreut. 
Auf das morgen, Sonntag, stattfindende Konzert machen 
wir ganz besonders aufmerksam, das Programm weist 
hervorragende Kompositionen sowohl unserer klassischen 
als modernen Meister auf, die gewiß den Beifall aller 
Musikfreunde finden werden. 
f Mechanisches Theater. Von Tag zu Tag 
steigert sich das Interesse, das dem mechanischen Theater 
entgegengebracht wird. Einer sagt es dem andern, alle 
aber sind in dem Urteile einig, daß das Gebotene im Ver 
hältnis zu den Eintrittspreisen steht. Das Unternehmen 
steht in seiner Art einzig da. Es mag wohl schon des 
öfteren versucht worden sein, ähnliches zu bieten, es bleibt 
aber bei den Versuchen, da Herr Pottharst das Geheimnis 
des angewandten Mechanismus strenge wahrt. 
j- Schlotz-Diebstahl. Die Sucht sich fremde minder 
wertige Gegenstände anzueignen befiel dieser Tage einen 
Herrn Rheinstraße 21 wohnhaft. Bei einem Einkauf bei 
dem Eisenwarenhändler Herrn W. ließ der Betreffende ein 
auf dem Ladenttsch liegendes besseres Schloß, welches 
repariert werden sollte, mitgehen. Der Geschäftsmann 
hatte den Diebstahl nicht bemerkt und so suchte er stunden 
lang vergebens nach dem Schloß. Schließlich stellte sich 
der Dieb selbst ein, indem er Schlüssel zu zwei Schlössern, 
untern denen sich auch das gestohlene befand, kaufen 
wollte. Letzteres wurde natürlich einbehalten. Man weiß 
bei diesem Diebstahl nicht ob nian sich über die Frechheit 
oder Dummheit des Spitzbuben wundern soll. 
Schöneöerg. 
— Die Freie Bärbier- und Perückeumacher- 
Jnuuug hält am Montag, den 24. Juli 1905, im 
Schwarzen Adler, Hauptstraße 134, eine öffentliche Ver 
sammlung ab. Tagesordnung: Zwangs-Innung. Referent: 
Obermeister Eckert, Vorsitzender der II. Abteilung der 
Handwerkskammer Berlin. Sämtliche Kollegen werden 
hierzu eingeladen. 
— Firmenregister. Bei Nr. 15 648. Samuel 
Cohn senr., Berlin. Der Sitz der Firma ist nach Schöne 
berg verlegt. Inhaber wohnt in Schöneberg. 
Wertin und Wororte. 
8 Kanalisation. Die jetzt in Angriff genommene 
Kanalisation Westends ist eins der größten Tiefbauunter 
nehmen, das Charlottenburg je ausgeführt hat. Sie um 
faßt ein Gebiet von 604 ha und erfordert einen Kosten 
aufwand von 11 Millionen Mark, von denen rund 
21/2 Millionen Mark auf eine neue Pumpstation am 
Fürstenbrumer Weg entfallen. Die Kanalisation erstreckt 
sich auf das eigentliche Westend und das nunmehr aufge 
teilte Neu-Westend, ferner auf das Villenviertel Witzleben, 
die Enklave von Dahlem und das von der Stadt Char 
lottenburg angekaufte Gebiet des Spandauer Bockes. 
Dieses gesamte Terrain liegt etwa 25 in höher als die 
übrigen Stadtteile Charlottenburgs und erhält den Ab 
fluß nach der Spree hin, von wo durch oben erwähnte 
Pumpstatton die Abwässer nach den Rieselfeldern zuge 
drückt werden. Gleichzeitig mit diesen Abwässern werden 
noch die des neu aufgeschlossenen Nordteils von Char 
lottenburg abgedrückt. 
8 Der alte Jnselspeicher wird jetzt im Äußeren 
ausgebessert. Der schon zum größten Teil von selbst herab 
gefallene Putz wird an der nach der Fischerbrücke zu ge 
legenen Front völlig abgeschlagen und die Fassade mit 
einer neuen Putzverkleidung versehen. Das deutet darauf 
hin, daß uns dies häßliche Gebäude noch auf längere Zeit 
erhalten bleiben wird. Nicht besser ist eS um die benach 
barte Insel-Brücke bestellt. Sie wird in der nächsten Zeit 
gründlich ausgebessert werden, da der längst geplante Neu 
bau dieser alten engen Holzbrücke wieder aufgeschoben 
werden muß. Denn der Neubeu kann erst dann vorge 
nommen werden, wenn der Jnselspeicher gefallen ist. Es 
bleibt also vorläufig alles beim alten. 
8 Der neue Waldweg, der auf Wunsch des 
Kaisers von der Fähre bei der Pfaueninsel bis zur Peter- 
Pauls-Kirche bei Nicolskoie angelegt wurde, ist jetzt dem 
Verkehr übergeben worden. Der Pfad, ein chauffierter 
Fußweg von 3 m Breite, läuft von Gittern eingezäunt 
durch die schönsten Teile des Potsdamer Forstes. Durch 
den neuen Weg, der eine direkte Verbindung mit der 
Pfaueninsel herstellt, ist unzweifelhaft eine bedeutende 
Verkehrsverbesserung geschaffen worden. 
8 Durch das Kentern eines Segelboots wurde 
gestern Abend auf dem Müggelsee ein Mitglied des 
Friedrichshagener Segler-KlubS Sch. in Lebensgefahr ge 
bracht. Sch. hatte sich trotz des hefttg wehenden Windes 
auf den See hinausgewagt, als unweit des Restaurants 
„Rübezahl" das Boot umschlug und Sch. in das Wasser 
fiel. Es gelang ihm jedoch das Boot zu erfassen und sich 
so lange daran fest zu halten, bis ihm durch ein anderes 
Segelboot Hülfe gebracht wurde. 
8 Treptow-Sternwarte. Am Sonntag, den 
23. Juli, Nachmittags 5 Uhr spricht Direktor Archenhold 
auf der Teptow-Sternwarte über: „Die Sonne", auf der 
jetzt wieder interessante Flecken zu sehen sind; zum 7 Uhr 
Vortrag sind die Plätze vom Verein „Berliner Mechaniker" 
besetzt. Der Vortrag am Montag um 9 Uhr lautet: Stern 
haufen und der Nebelflecke". Mit dem großen Fernrohr wird 
allabendlich Sternhaufen im Herkules und der Ringnebel 
in der Leier gezeigt. 
Etwas vom Lotteriespiel. 
Bon Fritz Ernst. 
(Nachdruck derbsten.) 
UR. Wir haben es schon in der Schule gehört, daß die 
„allen Deutschen", falls die Konjunktur für Krieg und 
Jagd gerade schlecht stand, nichts Besseres zu tun wußten, 
als beim Meth auf der Bärenhaut liegend dem Würfel 
spiel mit größter Leidenschaft zu fröhnen. Warum das 
eigentlich der Jugend immer wieder mit solcher Wichtigkeit 
klar gemacht wird, ist nicht ganz verständlich, denn es 
zeigt doch nur, daß unsere Vorfahren es auch nicht anders 
machten, als andere Völker. Der Hang zum Glücksspiel 
ist überall vorhanden; es hat eben einen eigenen Reiz, 
einen Einsatz zu wagen, um mit diesem einen vielfach 
größeren Wert leicht und mühelos zu erringen — loenn's 
glückt. Die alten Deutschen auf ihren Bärenhäuten ließen 
die Würfel rollen um Haus und Hof, um Weib und Kind, 
um sich selbst; die römischen Kriegsknechte auf Golgatha 
würfelten um den Rock des Nazareners, heute würfelt 
der Proletarier in der Eckdestille um einen Schnaps, und 
der Mann der Gesellschaft — echt oder Talmi — läßt das 
Geschäft von der Maschine besorgen, d. h. er spielt Rou 
lette, wobei er auch mit maschineller Geschwindigkeit und 
Sicherheit sein Geld los wird. Bei solchen Glücksspielen 
können sich aber immer nur verhältnismäßig wenige Per 
sonen beteiligen, cs galt also, einem „dringenden Bedürf 
nis" abzuhelfen, und man erfand die Lotterie. 
Wie auch heute noch nicht immer die Füllung des 
Staatssäckels die Triebfeder zur Veranstaltung einer 
Lotterie ist, vielmehr oft im Gemeininteresse notwendige 
oder doch wünschenswerte große Ausgaben von Spiel 
lustigen gedeckt werden sollen, so waren auch die ersten 
Klassenlotterien nach dem Muster der heute üblichen Wohl 
tätigkeitslotterien. England kann den Ruhm beanspruchen, 
die erste Klassenlotterie veranstaltet zu haben, denn im 
Jahre 1569 fand in London eine Auslosung statt, deren 
Reinertrag zur Unterhaltung der Seehäfen bestimmt war. 
Etwas später erfahren wir aus der französischen Haupt 
stadt, daß eine Lotterie in Klassen veranstaltet wurde, deren 
Ueberschuß dazu diente, armen Jungfrauen eine Aus 
stattung zu verschaffen. 
Der Klassenlotterie war es jedoch nicht bestimmt, zu 
nächst allgemein in Aufnahme zu kommen, dies war viel 
mehr dem Lotto vorbehalten. Es dürfte allgemein be 
kannt sein, daß beim Lotto von den Zahlen 1—90 fünf 
ausgelost werden. Es ist interessant zu erfahren, wie man 
gerade auf diese Zahlen kam. Das Lotto hat seine Wiege 
ip der genuesischen Republik, deren großer Rat auf die 
Weise gewählt wurde, daß von je neunzig Edelleuten fünf 
ausgelost wurden. Das Volk benutzte nun die Gelegenheit, 
auf die fünf durch das Los zu bestimmenden Namen Wetten 
abzuschließen, und dieser Brauch verallgemeinerte sich der 
artig, daß der Wettumsatz ein verhältnismäßig ganz enor 
mer wurde. Der Staat, wie er auch heißen möge, hat 
immer eine feine Nase für Einnahme-Gelegenheiten ge 
habt, und so zögerte er auch hier nicht bei diesen Auslosungs 
wetten den Bankhalter zu spielen. Das erste Staatslottö 
der Genueser Republik soll im Jahre 1620 ausgespielt 
worden sein, und da die Sache so schön ging, hatte man 
schließlich keine Lust, immer erst auf den großen Rat zu 
warten, man setzte einfach an die Stelle der neunzig Edel- 
mannsnamen die Zahlen 1—90, und nun konnte das Lotto- 
spiel jederzeit betrieben werden. Die Republik zog daraus 
beträchtliche Einnahmen, denn sie beschränkte die Beteili 
gung nicht auf den eigenen Staatsbereich, sondern hatte 
in allen bevölkerten Städten ihre Vertreter. 
Es war ganz natürlich, daß auch andere Staaten sich 
die neue Einnahmequelle nicht entgehen lassen wollten, aber 
erst ziemlich spät kam das Lotto nach Deutschland, wo es 
erst in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, 
zunächst in Bayern Fuß faßte. Von einem Italiener de 
Santo-Vito eingeführt und zunächst auf eigene Rechnung 
geführt, ging das Lotto 1763 in die Hand Kurfürst Maxi 
milian 111. über, der in Karl Theodor (von der pfälzischen 
Linie) 1777 nicht nur einen Nachfolger auf dem Thron, 
sondern auch im Betriebe das Lotto fand. Unter beiden 
Fürsten handelte es sich aber nicht um eine Staatseinrich 
tung, vielmehr floß der Ueberschuß lediglich in die Kasse 
der fürstlichen Unternehmer. Erst als Bayern bereits ein 
Königreich geworden war, ging das Lotto im Jahre 1807 
in die Leitung des Finanzministeriums über. 
Etwa um dieselbe Zeit wie Bayern wurde auch Preußen 
mit dem Lotto beglückt. Hier gab den Anstoß die Kassen 
leere, in der sich Friedrich II. infolge des Siebenjährigen 
Krieges befand. Der Mittelsmann war auch hier ein Ita 
liener namens Calpaletti (oder Calpabigi), der dem geld 
bedürftigen Preußenkönige seinen Plan .der Einführung 
eines Lotto in einem ausführlichen Schriftsätze unter 
breitete und eine Jahreseinnahme von sünszigtausend Talern 
für den König herausrechnete. Der Italiener drang mit 
seinen Vorschlägen durch und am 11. Januar 1763 erhielt 
er seine Anstellung mit monatlich hundert Talern und 
Anteil am Reingewinn. Ueber die Gründe für die Ein 
führung des Lotto verbreitete sich königliche Patent, das 
vom 8. Februar 1763 datiert war, sehr eingehend. Es 
hieß darin, daß der König noch über hinreichende Mittel 
verfüge, den Krieg mit allem Nachdruck fortzuführen (be 
kanntlich machte schon eine Woche später der Frieden von 
Hubertusburg dem für Preußen zwar ruhmvollen aber 
auch große Opfer heischenden Kriege ein Ende), daß aber 
große Summen nötig sein würden, um den verdienten Per 
sönlichkeiten Belohnungen zuteil werden zu lassen, um 
Handel und Industrie zu fördern und anzuregen und Ver 
schönerungen zu schaffen. Für diese Zwecke dürfe jedoch 
der Kriegsfonds nicht angegriffen werden, und sollten des 
halb die erforderlichen Beträge durch die Lotterie herbei 
geschafft werden, die ähnlich wie die Veranstaltungen 
anderer Städte jedoch mit weit größeren Chancen für die 
Spieler eingerichtet sei. Bei diesem Lotto — denn um 
ein Zahlenlotto handelte es sich auch , hier — konnte aber 
auch jemand etwas gewinnen, der gar keinen Einsatz machte. 
Um die Unternehmung von Anfang an möglichst populär 
zu gestalten, war nämlich die Bestimmung getroffen, daß 
bei jeder Ziehung (es waren fünfzehn im Jahre vor 
gesehen) fünf Jungfrauen ausgelost werden sollten, um 
aus den Ueberschüssen des Lotto eine Aussteuer zu er 
halten. Die Kriege des großen Friederich hatten viele 
Waisen geschaffen, denen man zum Teil eine Versorgung er 
möglichen wollte. Um die Gewinne sicherzustellen, wurde 
bei der kurmärkischen Landschaft ein Depot von fünfhundert 
tausend Talern in guter Münze hinterlegt. 
Die Ziehung erfolgte nun auf diese Weise, daß die 
Zahlen von 1—90 in Gemeinschaft mit je einem Namen 
eines Mädchens einzeln in Kapseln verpackt in das Glücks 
rad gelegt wurden. Von diesen neunzig Büchsen zog dann 
ein Waisenknabe öffentlich fünf heraus, auf welche die Ge 
winne fielen. Ein Flugblatt, bestimmt die Lottv?Jdee mög 
lichst zu verbreiten, rechnete aus, daß auf eine Quaterne, 
vier der fünf gezogenen Nummern, bei dem höchst er 
laubten Einsatz von einem Taler ein Gewinn von 1475 000 
Talern falle, doch ist nicht mehr zu ermitteln, ob dieser 
Glücksfall jemals eingetreten ist. 
Unter reichlicher Verwendung von Beamten und Militär 
fand am 31. August 1763 die erste öffentliche Ausspielung 
auf der krampe des Finkensteinschen Palais in der Wi^ 
Helmstraße zu Berlin statt und zwar wurden von der Hand 
des Waisenknaben die Zahlen 35, 43, 74, 13 und 22 dem 
Glücksrade entnommen. 
Die Hoffnungen, die man auf das Lotto gesetzt hatte, 
zerschlugen sich, mochte es nun sein, daß die damaligen 
Preußen nicht erpicht darauf waren, mühelos reich zu 
werden, oder fehlte dem Unternehmer das Betriebskapital, 
genug, es kam gar nicht zu fünfzehn Ziehungen pro Jahr, 
da schon am 28. Juli 1764 die zehnte und letzte Ziehung 
in der ursprünglichen Weise stattfand. Nachdenr der 
Italiener das Lotto vorübergehend pachtweise betrieben 
hatte, übernahm es der Staat aufs neue, um es nunmehr 
als „kleine Lotterie" weiterzuleiten, bis mit dem Jahr 
hundertswechsel die heute noch bestehende Klassenlvtterie 
ins Leben trat. 
Zuschriften. 
Anfrage: Wann wird die berühmte Bedürfnisanstalt fertig 
werden oder soll damit vielleicht eine Weihnachtsüberraschung geplant 
sein, oder will man einen Rekord vor dem RcgicrungSbau an der 
Goßlerftraße erzielen. Wettheim hat seinen großartigen Neubau in 
einer einen Monat kürzeren Fttst fix und fertig gestellt und unser Herr 
Ratsbaumeister H. ist mit diesem Unikum von Bauwerk noch nicht fettig. 
Mehrere Friedenau«. 
Vermischtes. 
• Der heutige SS. Juli bildet einen Gedenktag von welt 
geschichtlicher Bedeutung. Heute vor 100 Jahren erfochten die Engländer 
unter Rob. Calder den berühmten Seesieg bei Kap Finisterre über die 
französisch. spanische Flotte, die den Befehlshabern Villeneuve und 
Gravina unterstand. 
• Allerlei a«S Rußland. Den deutschen Hausfrauen, die 
wohl zurzeit alle über die hohen Preise der Lebensmittel seufzen, 
erzählt die praktische Wochenschrift „Fürs Haus" durch den Mund 
einer Mitarbeitettn, wie billig alle die wichtigsten Nahrungsmittel in 
Petersburg sind: „Ich habe häufig Gelegenheit, mich mit einer zurzell 
hier lebenden Rufsin, PeterSburgerin, zu unterhalten, und habe von 
ihr schon viel Interessantes erfahren. Also zuerst zu den Lebens 
mitteln. Ein Pfund des besten Fleisches kostet dort 30 Pfg., 1 Pfund 
Butter 30 Pfg., 10 Eier 30 Pfg., I Huhn 50 Pfg., Gänse das Pfund 
15 Pfg., Milch 10 Pfg., Sahne 20 Pfg. der Liter, Brot daS Pfund 
5 Pfg., Gemüse und Obst auch dementsprechend billig. Midchenlöhne 
sind auch äußerst niedrig, eine perfekte Köchin erhält 10 M. monatlich, 
ein Mädchen für alles 6—8 M. Allerdings halten die mttsten 
t ausfrauen mehrere Dienstboten. Eine Waschfrau erhält 60 Pfg. pro 
ag, fängt früh 5 Uhr an und wäscht bis AbendS 11 Uhr. Eine 
Schneiderin, welche ins Hans kommt, erhält ebenfalls 60 Pfg. pro 
Tag. Fertigt sie bei sich zu Haufe ein elegantes Kleid an, so erhält 
sie dafür 10 M. Für 1 Bluse 1 M. Ein Kinderkleid 1—2 M. Im 
übrigen spielt der Hausportier eine große Rolle im russischen Hause. 
Er besorgt die Feuerung aus dem Keller herauf. (ES wird trotz der 
großen Kälte, häufig 30°, nur mit Holz, welches auch sehr billig ist, 
gefeuert.) Er klopft die Teppiche und Decken, er trägt den Mülleimer 
fort, er richtet die Waschküche zur Wäsche ein usw. Es find jedoch in 
jedem Hause 4—5 Portiers, sonst könnten sie auch nicht alle diese 
Obliegenheiten bei den Mietern erfüllen und außerdem die den HauS- 
eingang Passierenden Tags und Nachts kontrollieren. Tags und 
Nachts kontrollieren? fragst du, liebe Leserin. Ja, ja, so ist eSl 
Einen Hausschlüssel besitzt kein Mieter; wer Nachts ins HauS will, 
muß läuten, der Portier öffnet und überzeugt sich, ob die Personen, 
die Einlaß begehren, ins HauS gehören. Ist etwa ein Gast, ein 
Verwandter dabei, so hat er den Betreffenden sofort der Polizei zu 
melden. Ist ein Gast schon Abends erschienen und bleibt länger wie 
1 Uhr Nacht», so klingelt der Portier, und ersucht den Betreffenden, 
zu verschwinden. Manchmal ist er allerdings auch für einen inhalt- 
reichen Händedruck empfänglich. Wie gefallen den deutschen Haus 
frauen diese Zustände? Am meisten können sich die Schulkinder 
freuen in Rußland. Denn da vom 1. Mai bis 1. September Fetten 
find und überdies über 100 Feiertage im Jahre, so haben die lieben 
Kinder nur 5 Monate Schule. Auch ein Vergnügen für die viel- 
geplagte Hausftau und Mutier I Für diesen knapp bemeffenen 
Unterttcht hat man aber das Recht, 240 M. jährlich zu bezahlen. 
Ich glaube, liebe Hausfrauen, wir tauschen doch nicht und sind zu» 
frieden mit dem, wie es im lieben Vaterlande ist." 
Hierzu eine Beilage.
        
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