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Periodical volume Nr. 169, 21.07.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

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Mt* 169. 
Friedenau, Freitag den 21. Juli 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Stuttgart. Die Verfassungskommission erledigte 
gestern in zweiter Lesung die Berfassungsvorlage. Der 
Landtag wird voraussichtlich am Montag vertagt und im 
Oktober zur Erledigung der Versaffungsrevision wieder 
einberufen werden. 
Laodstuhl. Die gestern Vormittag wieder aufge 
nommene und bis zum Abend weiter geführte Wahl 
handlung blieb wieder ergebnislos. Heute Mittag 2 Uhr 
wird weiter gewählt und es soll Hoffnung bestehen, daß 
dann die Wahlschlacht zu Ende geht. Voraussichtlich soll 
es zu einer Einigung dahin kommen, daß zwei Kandidaten 
des Bundes der Landwirte und ein Kandidat des Zentrums 
gewählt werden. 
Wien. Die „Neue Fr. Pr." meldet, in Wiener 
diplomatischen Kreisen verlaute bestimmt, die Anwesenheit 
des Prinzen Arisugawa in London hätte hauptsächlich den 
Zweck gehabt, das Terrain für die Ausgestaltung des 
englisch-japanischen Einvernehmens zu einem Offensiv- und 
Defensivbündnis zu sondieren. Das bisherige erst in zwei 
Jahren erlöschende Bündnis ist nur defensiver Natur. In 
maßgebenden Kreisen Englands sei eine starke Strömung 
für eine derartige Ausgestaltung schon mit Rücksicht aus 
die Gefahr, daß Rußland später sich für die ostastatischen 
Niederlagen in Indien schadlos halten wollte. 
Warschau. Hier herrscht wieder vollkommene 
Ruhe. In den meisten Betrieben wird gearbeitet, viele 
flüchtige Familien sind zurückgekehrt. Alle Vorkehrungen 
sind getroffen, um den jetzigen normalen Zustand zu 
erhalten. 
Bukarest. Angesichts der vielen falschen Nachrichten 
über Ankunft, Übergabe und Auslieferung der Mann 
schaften des „Potemkin", wird der Minister des Äußeren 
eine Zirkularnote an alle auswärtigen Regierungen senden. 
Das Kabel Konstanza—Konstantinopel ist gestern dem 
öffentlichen Verkehr übergeben worden und funktioniert 
ausgezeichnet. 
Saloniki. 38 türkische Bauern aus dem Dorfe 
Kerbesch Islam bei Doiran gingen nach Velesch Plania 
zum Holzfällen. Sie wurden unterwegs von einer 
bulgarischen Bande und zahlreichen Bauern überfallen, 
auseinandergesprengt, erschlagen und mit Bomben beworfen, 
Nur wenige entkamen. Es herrscht infolgedessen große 
Aufregung bei den Tstrken, man befürchtet Repressalien. 
Petersburg. Wie verlautet, werde der Zar morgen 
das Schloß Peterhof verlassen und sich an Bord der Dacht 
„Polarstern" begeben, um eine mehrtägige Kreuzfahrt zu 
unternehmen. Es heißt der Zweck der Fahrt sei der, mit 
dem deutschen Kaiser in den schwedischen Gewässern zu 
sammenzutreffen. Die Abwesenheit des Zaren werde 
jedoch nur 4 Tage dauern. 
Das neuerdings vom Minister des Innern, Bulygin, 
-eingereichte Demissionsgesuch wurde vom Zaren nicht an 
genommen. 
Die Leiche des von den meuternden Mannschaften 
des „Potemkin" ins Meer geworfenen Kommandanten 
»Oie Mache ist mein." 
Kriminal-Roman von L. Haid heim. 
8. (Nachdruck verboten. Alle Rechte vorbehalten.) 
Er beschloß, lhn, so lange er m Rom sein würde, bei 
sich zu behalten für jede einsame Stunde. O, nur nicht allein 
sein! 
Der Student küßte ihm fast die Hände vor übersiröniender 
Dankbarkeit. Ach, wenn Signor Tucetti wüßte, was das 
heißt, so arm zu sein! So ganz arm! Früher, als der Vater 
noch lebte, waren sie in ganz guten Verhältnissen; — da 
starb er vor zwei Jahren und nun — sie hatten doch die 
paar Schulden erst bezahlen müssen, er und seine Schwester 
Irene; — dann hoffte er, trotz der Armut, seilte medizinischen 
Studien beendigen zu können — aber es ging nicht — es 
ging unmöglich. So dachte er während der Saison als 
Fremdenführer etwas zu verdienen; — niemand kannte ihn 
in Rom — und das Stildium so zuletzt auszugeben, weit 
man kein Geld hatte, das wäre doch ein moralischer Selbst 
mord, schlimmer als der physische. 
So erfuhr Ducetti bereits am ersten Tage Sordeguas 
Lebensgeschichte und sehr viel von seiner Schwester Irene. 
„Sie ist das schönste Mädchen von Bologna gewesen; 
ich habe sie zu einer vornehmen alten Dame gebracht und diese 
beschworen, Irene zu hüten wie ihre eigene Tochter. Tenn 
sie hat ein feuriges Temperament, die Schivestcr, und die 
Schönheit wird einem armen Mädchen leicht zuni Verhängnis, 
Alle Sonntage darf ich sie besuchen, ihre Herrin ist mit ihr 
in Rom, sie wohnt am Fuß des Pincio." 
Ducettis Audienz bei den: Kriegsminister wurde um einige 
Tage hinausgeschoben. Er fuhr mit seinem jungen Freunde 
Golikow wurde bei der Küste von Epatoria ans Land ge 
schwemmt und zur Beerdigung nach Sebastopol über 
geführt. 
Odessa. Der bekannte Publizist und Mitarbeiter 
der Odessaer Nowosti G^o Winogradsky wurde wegen 
seiner liberalen Gesinnung vom General-Gouverneur nach 
dem Gouvernement Olonetzk verbannt. 
Paris. Als zukünftiger Polizeipräfekt an Stelle 
Lepins, welcher einen diplomatischen Posten übernehmen 
soll, wird Lutaud genannt, ein intimer Freund des 
Ministers des Innern, Etienne. Löpin werde zu der 
selben Zeit wie Loubet zurücktreten. 
„Petit Parisien" meldet das wenig glaubwürdige 
Gerücht, wonach außer dem Prinzen von Wales auch der 
deutsche Kronprinz nach Tokio reisen würde. 
London. Aus Petersburg wird berichtet, es sei 
gestern in Moskau zu ernsten Unruhen gekommen, jedoch 
sei es unmöglich, telephonische oder telegraphische Ver 
bindung mit Moskau zu erhalten, da die Regierung den 
Draht für ihre Meldungen mit Beschlag belegt. Man 
glaubt jedoch zu wissen, daß der Militärgouverneur beim 
Zaren um Instruktion gebeten hat. 
Vom Russisch-Japanischen Kriegsschauplatz. 
Petersburg. Der Korrespondent der „Nowoje 
Wremja" in Gundschulin meldet, daß alle Telegramme 
über eine angebliche Umzingelung der russischen Armee 
falsch seien. Im Gegenteil sei die russische Armee damit 
beschäftigt, den äußersten linken Flügel der Japaner zu 
umgehen. Die Japaner befestigen ihre Stellung im 
Zentrum, wo sie neue Schanzwerke auswerfen und Be 
lagerungsgeschütze konzentrieren. 
Schanghai. Hier dementiert man die Meldung, 
wonach Rußland bei Japan um Waffenstillstand nachgesucht 
habe, der jedoch von Japan abgelehnt worden sei. Ruß 
land habe niemals um Waffenstillstand nachgesucht, weil 
General Liniewitsch genug Truppen zur Verfügung habe, 
um Oyama in Schach zu halten. 
Allgemeines. 
[] Manöverbummler und Schadenerfatzpsticht. 
An die Manöverbummler richtet sich nachstehende mili 
tärische Bekanntmachung: Der Aufenthalt von Zivil 
personen in der Nähe übender Truppen ist streng untersagt. 
Die Truppen besitzen die Befugnis, Zivilpersonen durch 
Patrouillen von dem Übungsfeld fernzuhalten. Für die 
durch unerlaubte Annäherung an die Truppen durch 
durchgehende Gespanne, Geschütz- oder Gewehrunfälle rc. 
entstehenden Unglücksfälle von Zivilpersonen gewährt die 
Militärbehörde keinerlei Entschädigung. Für Flurschäden, 
verursacht durch Zivilpersonen, haben diese aufzukommen, 
und werden eventuell durch Patrouillen den Zivilbehörden 
zugeführt resp. an die Feldgendarmen abgeliefert. 
Lokales. 
f Bürgermeister Schnackenburg. Eine er 
freuliche Kunde durcheilte heute Vormittag unseren Ort: 
jeden Tag hinaus in die Umgegend. Sie kannten beide nichts 
davon; — Leos jubelndes Entzücken, seine heiße enthusiastische 
Freude an all dem Interessanten, was in ihm tausend kluge, 
klare Gedanken erregte, rissen Tucetti mit fort. Seine „Wohl 
tat", die ja nur aus eigensüchtigen Motiven entsprang, machte 
sich reichlich bezahlt, dennoch fühlte sich Leo Sordegna ihm 
fortdauernd unaussprechlich dankbar. 
Sie wanderten nach Olevano, Albano; sie streiften in der 
Canipagnu umher, bis Frascati, und als eines Tages Leo 
geäußert, Irene komme nur Sonntags aus dem Hanse, mit 
ihm, ihre Herrin verlasse dasselbe nur sehr selten und nur, 
um bei ihren Freunden, hohen geistlichen Würdenträgern, 
Besuche zu machen, da forderte Ducetti ihn auf, Irene morgen 
zu einer Fahrt nach Tivoli einzuladen 
Daß er dem jungen Mädchen auch einmal eine Freude 
bereiten konnte, machte ihm selbst Vergnügen; — er wollte 
Schwester und Bruder plaudern lassen und still, zuhören. 
Tenn eine tiefe, unbeschreibliche Schwermut bemächtigte sich 
seiner, je mehr ihn der fröhliche Sinn des jungen Studenten 
fesselte. — Leos Harmlosigkeit, seine Ansprnchslosigkcit gegen 
über dem Leben, „den Andern" — für Ducetti waren diese 
Andern stets nur die Reichen gewesen — erschienen ihn: uner 
klärlich, aber ach, so beneidenswert, und er — er konnte nie 
wieder unbefangen fröhlich sein! — 
Darum — das schone Mädchen eingeladen! Nur Zer 
streuung! Nur immer neue Ablenkung, der Bruder allein 
genügte Ducetti bereits nicht mehr. 
Als dann aber Irene Sordegna aus deni Hause ihrer 
Herrin trat, wohin der Bruder vorausgegangen und wo daun 
Ducetti vorfuhr — da war dieser doch völlig überrascht, ja 
bestürzt von ihrem Anblick. — Eine Schönheit ersten Ranges! 
— Ganz blendend! Die großen dunklen Augen, dunkel umrahmt. 
Unserem allgemein beliebten Herrn Amts- und Gemeinde 
vorsteher Schnackenburg wurde durch Ministerialerlaß 
der Kgl. Regierung nach besonderer Befürwortung durch 
den Herrn Landrat der Titel „Bürgermeister" verliehen. 
Große Freude ruft diese Kunde in der gesamten Bürger 
schaft hervor, die auch ungeteilt ist, den wohl niemand 
wird mit der bisherigen Amtstätigkeit unseres Ortsober 
hauptes unzufrieden sein. Mit juristischem Scharfblick 
stand er den schwierigsten kommunalen Fragen gegenüber, 
stets wurde die Materie richtig von ihm erfaßt und die 
günstige finanzielle Lage unseres Ortes ist nicht zum 
mindesten seinem umsichtigen Verwalten des Gemeinde 
säckels zu verdanken. Friedenau hat sich ganz entschieden 
unter der Leitung des Herrn Gemeindevorstehers 
Schnackenburg in die Höhe geschwungen, er hat den 
richtigen Weg zur gedeihlichen Entwickelung des Ortes ein 
geschlagen, der Herr Bürgermeister Schnackenburg wird 
auf demselben Wege weiter schreiten zum Wohle unserer 
Gemeinde. Dem Glückwunsch, den ihm als erste seine 
Beamten darbrachten, schließt sich wohl ganz Friedenau 
an, wir können nur wünschen: Herr Bürgermeister 
Schnackenburg möge unserem Orte noch viele, viele 
Jahre erhalten bleiben. 
-j- Es wird ernst. Wie wir bereits berichteten ist 
die Kaiserallee in ihrer ganzen Länge vom Ringbahn 
hof bis zur Rheinstratze für den Fuhrwerks- und Reit 
verkehr gesperrt. Nur die Elektrische hat das Recht, die 
Strecke zu durchfahren, so daß dieser Verkehr noch ohne 
Umsteigen aufrecht erhalten bleiben kann. Sowohl an der 
Kirche als bei der Rheinstraße und am Ringbahnhof ist 
das alte Steinpflaster bereits aufgerissen, so daß die An 
wohner der Kaiserallee bald ihre Fenster schließen dürfen, 
wenn die großen Teeröfen ihre schwarzen Rauchwolken 
aufsteigen lassen. Bis zum Oktober soll bekanntlich die 
Straße vollständlich asphaltiert sein. 
's Sobald die elektrische Straßenbeleuchtung 
in der Rheinstratze fertig ist, wird die ehemalige Pots 
damer Provinzialchaussee vom alten Botanischen Garten 
bis zum Steglitzer Schloßpark elektrisch beleuchtet sein. 
In Steglitz ist bereits die aus der alten Chaussee ent 
standene Schloßstraße mit elektrischer Beleuchtung ver 
sehen. In Schöneberg hat in diesem Frühjahr die Haupt 
straße von der Berliner Grenze bis zum Kaiser Wilhelm 
platz am Rathaus elektrische Bogenlampenbeleuchtung 
erhalten, und nun will die städtische Verwaltung auch für 
den übrigen Teil der Hauptstraße und für die Friedenauer- 
straße die elektrische Beleuchtung einführen, sodaß dann 
vom alten Botanischen Garten bis zum Schloßpark in 
Steglitz der ziemlich eine Meile lange Straßenzug durch- 
gehends elektrisches Licht aufweisen kann. In den drei 
Gemeinden, die die alte Provinzialchaussee von Berlin bis 
hatten einen ernsten, seltsamen Blick; — erst später erklärte 
er ihn sich — es lag der Hunger, das hilflose Sehnen nach 
Glück und Freude darin, und sie leuchteten aus dem ovalen 
blassen Gesichtchen ihm heute so dankbar entgegen. Ter 
Diode entgegen, oder schon um ein Jahr voraus, trug sie das 
dunkle, leicht gewellte, überaus üppige Haar in glatten 
breiten Scheiteln, eine ganz schmucklose Frisur, welche die reine 
niedrige Stirn und das klassische Ebenmaß der stolzen, ruhigen 
Züge nur um so mehr hervorhob. — Nach Art der 
Italienerinnen trug sie lebhafte, kontrastierende Farben, einen 
großen dunkelgrünen Sommerhnt mit kostbaren Federn in 
verschiedenem Rot. — Die veilchenblaue Seidcnbluse und 
der schwarze Scidcnrock — das alles machte keineswegs die 
Erscheinung eines Aschenbrödels aus ihr, sondern im Verein 
mit der vornehmen Haltung weit eher eine vornehme Dame. 
Dieser Widerspruch ließ Ducetti momentan stutzen, aber 
er war welterfahren genug, um sehr batd die Ueberzeugung 
zu gewinnen, daß die Marchese dies Kleinod von einem 
Mädchen in der Tat sorglich genug behütete, und daß diese 
elegante Toilette aus den abgelegten Kleidern der kürzlich ver 
heirateten Tochter derselben hergestellt war, „damit Irene die 
Besucher des Hauses — lauter Intime des Vatikan — in 
gebührender Weise empfangen könne." 
Das junge Mädchen, obwohl zuerst belangen, trug Ducetti 
eine ebenso warme Dankbarkeit für seine Güte gegen Leo 
entgegen, wie dieser selbst. Sehr bald war die erste Fremdheit 
überwunden, und wenn je ein Mann seine „Almosen" reichlich 
vergolten sah, so war cs der Ingenieur, dem die jungen Leute 
allen Respekt bewiesen, den sie vielleicht ihrem Vater erzeigt 
hätten. Etwas anderes in ihm zu sehen als den älteren Herrn, 
der selbst schon eine erwachsene Tochter hatte, siel ihnen gar 
nicht ein.
        
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