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Periodical volume Nr. 168, 20.07.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

burcaus monatlich ein ganz gutes Einkommen bezog, wird 
natürlich durch das neue Gesetz ganz bedeutend geschädigt.. 
Die großen Berliner Bureaus haben ihren Sitz fast alle 
nach Holland verlegt, von wo aus sie sich.mit den Wett 
lustigen brieflich in direkte Verbindung setzen. Es wird 
also lustig weiter gewettet. 
P Bon der Witterung. Der gestrige Tag bescherte 
uns einen unerfreulichen Wettersturz. Regen und Sturm 
brachte eine Abkühlung, die uns vergessen läßt, daß wir 
in den Hundstagen leben. 
t Freigesprochen. Der frühere Stadtverordnete 
von Schöneberg, Herr Schlächtermeister Georg H., hier 
wohnhaft, hatte im November v. Js. von einem Kutscher 
Sammelsteine gekauft. Nachträglich stellte es sich heraus, 
daß der Kutscher die Steine gestohlen hatte. Es wurde 
gegen ihn das Verfahren wegen Diebstahls und da er 
durch seine Aussagen Herrn H. belastete, gegen letzteren 
das Verfahren wegen Hehlerei eröffnet. In dem im 
April d. Js. vor dem Schöffengericht in Charlottenburg 
verhandelten Termin wurde Herr H. wegen Hehlerei zu 
14 Tagen Gefängnis verurteilt. Auf die von dem Ver 
urteilten sofort eingelegte Berufung fand am vorgestrigen 
Dienstag vor der 3. Strafkammer des Landgerichts II zu 
Berlin ein neuer Termin statt. Der Kutscher, der seiner 
Zeit auf der Anklagebank saß, wurde gestern als Zeuge 
vernommen, und nunmehr wurde Herr H. freigesprochen. 
f Kartenkünstlerin. Schon zu wiederholtenmalen 
haben wir darauf hingewiesen, daß leider die Dummen 
nicht alle werden, die zur Kartenlegerin gehen, um sich 
von ihr allerlei möglichen und unmöglichen Unsinn vor 
lügen zu laffen. Unsere Nachbargemeinde Steglitz ist nun 
in der glücklichen Lage nicht eine Kartendeuterin, nein 
eine Kartenkünstlerin zu ihren Einwohnern zu zählen, 
die durch Prospekte zum Besuch ihres „AtelierS" einladet. 
WaS sonst alles auf den Wischen steht, ist geradezu 
lächerlich. Immerhin verfehlten die Ankündigungen nicht, 
daß auch manche Friedenauerin ihr Geld zur Karten- 
künstlerin nach Steglitz getragen hat. Weniger scheinen 
diese Dummen mit der Zeit erfreulicher Weise doch zu 
werden, denn die Steglitzer Kartenkünstlerin kündet an, 
daß sie nur noch kurze Zeit in Steglitz weilen werde, — 
wohl infolge schlechten Geschäftsganges. Vernünftige 
Menschen werden ihr keine Träne uachweinen. 
f Auf der Zehlendorfer Rennbahn finden am 
nächsten Sonntag, Nachmittags 4% Uhr, große Rad- und 
Motorrennen statt. Unter anderem stehen auch die 
Meisterschaften von Berlin über 1 Kilometer und 50 Kilo 
meter mit Motorführung, sowie ein Motorrennen über 
10 Kilometer für die Schrittmacher auf dem Programm. 
Besonders diese Rennen dürften recht spannende, heiße 
Kämpfe ergeben und ihre Anziehungskraft auf das sport 
liche Publikum nicht verfehlen. Außer diesen drei Rennen 
ist noch je ein Hauptfahren, Vorgabefahren und Tandem 
rennen, welche letzteren in Berlin leider ganz vernach 
lässigt werden, vorgesehen.' Es sei darauf hingewiesen, 
daß der Sportplatz Zehlendorf mit der Eröffnung des 
neuen Bahnhofs Beerenstraße (eine Station hinter Zehlen- 
dorf-Wannseebahn) besonders günstig gelegen ist. Während 
man früher vom Zehlendorfer Bahnhof aus den langen, 
unangenehmen Weg durch die Alsenstraße zurücklegen 
mußte, ist die Rennbahn jetzt vom Bahnhof Beerenstraße 
in nur 6 Minuten erreichbar. 
f Graulicher Fund. Im Gelände hinter der 
Ringbahn wurde gestern Nachmittag die Leiche eines neu 
geborenen Kindes gefunden. Das Kind war in einer 
Pappschachtel eingeschnürt. 
Schöneöerg. 
— Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich vor 
gestern in der sehr frequentierten Goltzstraße. Die 
55 Jahre alte Frau des Grunewaldstraße 45 wohnenden 
Arbeiters Julius Lose verließ das in der Goltzstraße 9 
gelegene Milchgeschäft von Mangelsdorf sehr eilig und 
erreichte gerade die Bordschwelle des Bürgersteigs in dem 
Augenblick, als ein 70jähriger alter Herr auf seinem Rade 
an ihr vorbeifahren wollte. Infolge des Windzugs flog 
ein Zipfel ihrer Schürze zwischen die Speichen des Rades, 
das zugleich das Kleid erfaßte und im selben Moment die 
Frau mit solcher Vehemenz zu Boden riß, daß sie mit 
dem Kopf auf die Schienen der Straßenbahn aufschlug 
und, aus einer großen Wunde blutend, besinnungslos 
liegen blieb. Nur das schnellentschlossene Zugreifen des 
Publikums bewahrte die Frau davor, daß ihr Kopf von 
der in voller Fahrt heransausenden Elektrischen zermalmt 
Ter Preis, den inan ihm bot, übertraf die Summe, die 
er sich in seinen kühnsten Träumen vorgestellt, um einige 
tausend Lire: — aber er hatte lange schon nicht mehr davon 
geträumt und gehofft. 
Wie vor den Kops geschlagen saß er da und starrte auf 
die Glücksnachricht, die ihm kein Glück mehr bringen konnte. 
Im Gegenteil, eine Wut loderte in ihm auf, eine grenzenlose 
Wut — ja, auf das Glück, das zu spät kam! Zwei Wochen 
früher, und alles, alles kam anders!" 
Und ivieder stöhnte und ächzte er in lvahnsinnigem 
Jammer! Die Reue, gegen die er sich mit allen Kräften 
wehrte, sie war immer wieder da. 
Nach einer schlimmen Nacht reiste er ab. — Nach Rom — 
das war nicht „zu Haus". — In Rom kannte er nur wenige, 
und die Orte, wo er dieje wenigen treffen konnte, waren zu 
vermeiden. 
Fast eine Woche war überdies vergangen seit — er in 
Santa Alma angekommen. Eine ganze Woche, und niemand 
in der unruhigen Welt da draußen redete noch von — dem 
Ereignis. 
Dagegen brachte Tornelli, der Wirt, gerade am Abend 
vor Ducettis Abreise, die Nachricht aus Bordighera mit, in 
San Nemo sei eine Dame ermordet. — Teresina erzählte 
ihrem Herrn aufgeregt davon; sie war also die erste Person, 
der er mit Blick und Gebärde standhalten mußte. — Es «ing! 
Er fragte sogar weiter — aber Teresina gegenüber gefaßt zu 
bleiben, war auch nicht schiver. Er ivar froh, Tornelli nicht 
mehr zu begegnen. Ueber Turin nahin er seine Reise; bis 
Cuneo brachte ihn eines kleinen Bauern Maultier auf teil 
weise schlimmen Wegen 
Das stundenlange Reisen in der Einsamkeit des Gebirges 
tat ihm wohl. Seine Nerven beruhigten sich mehr und mehr. 
wurde. Der Herr, der bei dem Sturz nicht verletzt 
wurde, und gegen den sich im ersten Augenblick eine, 
wenn auch unbegründete, Entrüstung kundtat, übergab 
sofort unaufgefordert seine Karte dem Publikum und 
erklärte sich zur Deckung aller Kosten bereit. Mit Hilfe 
mehrerer Herren wurde die stark blutende Frau in die 
Goltzstraße 12 gelegene Wohnung des ArzteS Dr. 
Mendelssohn geschafft, der die ersten Verbände anlegte 
und sie dann nach ihrer Wohnung transportieren ließ. 
— Es liegt ein fremder Kerl im Bett . . . 
Als der Motor- und Fahrradhändler Montag vorgestern 
Abend mit seiner Frau von einer Hochzeit nach Hause 
kam, fand er in der Schlafstube seines Gehilfen eine völlig 
entkleidete Person schlafend. Da der Fremde trotz Rüttelns 
und mehrfacher Ohrfeigen nicht aufwachen wollte, wurde 
er mit Wasser begossen und etwas unsanft bearbeitet. Als 
dem Einschleicher diese Behandlung zuviel wurde, bequemte 
er sich dazu, aufzuwachen, und tat sehr verwundert, daß 
man ihn weckte. Er wurde nun gezwungen, sich anzu 
ziehen und auf das Polizei-Bureau mitzukommen. Auf 
dem Wege dahin wußte er sich aber loszureißen und zu 
flüchten. Nach einer wilden Jagd wurde er aber wieder 
gepackt und aufs Polizeibureau geführt. Hier gab er zu, 
polizeilich nicht angemeldet zu sein, und die Wohnung der 
Montag'schen Eheleute deshalb aufgesucht zu haben, weil 
er noch im Frühjahr dort gewohnt und die Schlüffe! da 
zu besessen habe. Tatsächlich hat jedoch das Montag'sche 
Ehepaar schon seit Oktober vo.igen Jahres diese Wohnung 
inne gehabt. 
Berlin und Bororte. 
tz Der Neubau für das Oberverwaltuugs- 
gericht an der Hardenbergstraße hat in der letzten Zeit 
ungemein schnelle Fortschritte gemacht. Die Vorderfront 
zieht sich einige Meter hinter der eigentlichen Straßenbau 
fluchtlinie hin. Der Mittelbau, der den mächtigen Haupt 
eingang aufnehmen wird, springt gegen die Seitenflügel 
um etwa 2 Mtr. vor. Die sämtlichen Fronten werden in 
Sandstein ausgeführt, eine besonders reiche Gliederung er 
hält die an der Hardenbergstraße gelegene Vorderfront. 
Vor dem Gebäude, daß außer dem Souterrain 3 Stock 
werke enthalten wird, ist eine Auffahrt vorgesehen, während 
2 breite Zufahrtswege an den Seitenflügeln entlang nach 
dem Hof führen. 
8 Über eine Erbschaftsgeschichte mit Hinder- 
uifsen wird uns folgendes geschrieben: In Berlin W. 
starb vor einiger Zeit ein Herr S., der ein naher Ver 
wandter des ehemaligen Bürgermeisters Höne der kleinen 
Stadt Lauenburg in Hinterpommern war. In dem jetzt 
aufgefundenen Testamente des S. war u. a. dem Städtchen 
Lauenburg die Summe von 15 000 M. vermacht. Die 
Zinsen dieses Vermächtnisses sollten von dem dortigen 
Magistrat nach einer Testamentsbestimmung zur Anlage 
oder Unterhaltung von Schmuckplätzen oder der noch viel 
notwendigeren Ausbefferung des Straßenpflasters ver 
wendet werden. Der Stadt Lauenburg soll aber nur 
dann die Erbschaft zufallen, wenn sie das auf dem dortigen 
evangelischen Friedhose befindliche Erbbegräbnis der 
Familie Höne würdig und dauernd in Stand hält. Bis 
hierher ist die Testamentsgeschichte sehr einfach und die 
Klausel leicht zu erfüllen, wenn die Sache nicht einen 
Haken hätte. Vor 3 Jahren wurde der Teil des Fried 
hofs planiert, auf welchem sich auch das Erbbegräbnis 
der Höhne'schen Familie befand. Das Erbbegräbnis 
wurde abgerissen und die großen Gedenksteine als billiges 
Material zum Neubau für eine Kapelle benutzt. Nun ist 
guter Rat teuer. Die Lauenburger möchten gern die Erb 
schaft antreten, was aber erheblichen Schwierigkeiten be 
gegnet; und die Stadtväter zerbrechen sich den Kopf, wie 
aus der unliebsamen Situation herauszukommen sei. Da 
die Bedingungen, unter denen die Erbschaft vergeben 
werden soll, nicht erfüllt werden können, so wird wohl 
weiter nichts übrig bleiben, als daß die Lauenburger zu 
Gunsten der Berliner Erben verzichten. 
8 Die Rundfahrten durch Berlin auf der sogenann 
ten „Meilcoach", die seit Anfang Mai täglich Vormittags 
um 10 Uhr und Nachmittags um 3 Uhr stattfinden und 
ihren Ausgang von der Ecke Friedrichstraße und „Linden" 
(Nordseite) nehmen, habeu sich recht gut hier eingebürgert 
und finden lebhaften Zuspruch, so daß an manchen Tagen 
die Touren mit 2 bis 3 Wagen unternommen werden 
mußten. Bekanntlich wurden Meilcoachfahrten bereits im 
Jahre 1896 während der Gewerbe-Ausstellung hier einge 
richtet, fanden aber keinen rechten Anklang. Jetzt werden 
er dachte logischer nach und arbeiicte nch mit der ihm eigenen 
Schlauheil einen Plan für die Zukunft ckiis. 
Was geschehen mar, war geschehen! Keine Reue! Er 
bezahlte die unterschlagene Summe bar aus und blieb ein 
wohlhabender Mau». — Alis keinen Fall würde er sich unter 
kriegen lassen von törichten Gefühlsduseleien. Genießen wollte 
er, was das Leben ihm bot, Zerstreuung, Vergnügen suchen. 
Was mar denn das Leben anders als ein Kampf aller gegen 
alle! Es beschäftigte ihn so intensiv, sich mit allen erdenk 
lichen Sophismen hinweg zu setzen über seine Tat, daß er 
an Ort und Stelle ivar, ehe er es dachte. 
* * * 
* 
Rom! Das Osterfest war nahe, die Stadt überfüllt von 
Fremden. Aber er hatte sich iin bl ölst «Je T.oudrea Quartier 
gesichert und fand somit keine Schwierigkeiten. — Wie ihm 
dieses Menschengewimniel jetzt wohltat! — Ucberall, wo es 
was zu sehen gab, streifte er durch die ihm ganz fremde 
Menge; der Corso, der Pincio, die Billa Borghese und die 
Billa Doria Pamphili, alle boten ihm Zerstreuung. Er nahm 
sich einen Führer, u,n mir nicht allein zu sein, und ließ sich 
die Sehenswürdigkeiten Roms zeigen, wie ein gründlicher 
Engländer, der sein Reisehandbuch abarbeitet. — Zum Glück 
hatte er einen seingcbildeten, armen Schlucker getroffen, der 
fast verhungert war und der ihm seine Liberalität durch sein 
heiteres Geplauder dankte. Er nahm ihn mit zum Tiner ins 
Ristoranto Milatio. — Leo Sordeguas Augen leuchteten, uiid 
seine eingefallenen Backen röteten sich bei demAnblick der 
vorzüglich servierten Uild bereiteten Speisen. 
O, agnello arrosto! Und forcierte cardi und zum Nach 
tisch sogar zuppa inglese! Tie kindliche Freude des jungen 
Menschen erregte in Ducettis Innern so etwas wie einen 
Widerhall, und dafür war er Leo Sordegna dankbar — o, so 
dankbar! (Fortsetzung folgt.) 
sie in erster Linie von den Fremden benutzt, die auf der 
Fahrt durch die hervorragendsten und schönsten Teile der 
Stadt von den hochgelegenen und bequemen Plätzen des 
Wagens aus einen guten Überblick über Berlins Sehens 
würdigkeiten und Straßenleben haben. Aber auch Berliner 
laffen sich nicht die Gelegenheit entgehen, namentlich an 
Sonntagen einmal auf der Meilcoach eine Fahrt durch das 
Tiergartenviertel bis Charlottenburg zu machen, denn bis 
dorthin erstreckt sich der erste Teil der Fahrt. 
8 Ein neuer Zeitungs-Kiosk wird jetzt auf der 
Nordseite des Leipziger Platzes in dem halbkreisförmigen 
Einschnitt errichtet, wo bisher eine Ruhebank stand. Die 
Bank wird auf derselben Seite des Platzes neben der 
Trinkhalle wieder aufgestellt, wo sich ebenfalls eine solche 
Einbuchtung befindet. 
8 Ein Riesenabbruch wird jetzt an der Kottbuser 
Brücke ausgeführt. Es fallen die Häuser Gräfcstraße 93, 
Plan-Ufer 96, 97, Kottbuser Damm 1 und 2 und die 
zahlreichen Baulichkeiten des OmnibuS-DepotS, die sich südlich 
daranschließen. Auf dem freigelegten Grundstück wird eines 
der größten Warenhäuser Berlins entstehen. 
Wilmersdorf. Mit der Verlegung deS großen 
Druckrohres für die Neukanalisation ist jetzt auf dem 
Hohenzollerndamm sowohl auf Wilmersdorfer als auch 
auf Schmargendorfer Gebiet begonnen worden. DaS nach 
den Klärgütern bei Stahnsdorf führende Druckrohr wird 
in drei Losen verlegt, wovon das erste bis zum September, 
das ziqMe bis zum November d. I. und das dritte bis 
zum Februar n. I. fertiggestellt sein sollen. In der an 
der Nachodstraße gelegenen Pumpstation werden gegen 
wärtig die Hilfsmaschinen aufgestellt und die Generatoren- 
und Beleuchtungsanlagen ausgeführt. Für die Klär 
anlagen bei Stahnsdorf gelangen der Abfluß nach dem 
Teltowkanal, der Aufbau der Sprinkler und die Hochbauten 
zur Ausführung. Bereits im März n. I. wird der Probe 
betrieb erfolgen können. 
Schmargendorf. Gegen den 8 Uhr - Ladenschluß 
haben sich auf die vom Amtsvorsteher veranstaltete Um 
frage hin 26 Handel- und Gewerbetreibende ausgesprochen, 
während nur 23 für die Verkürzung sich erklärten. Die 
Geschäfte werden nach wie vor erst um 9 Uhr Abends ge 
schlossen. — Eine Sanitätswache hat die Gemeinde ein 
gerichtet, zu welchem Zwecke ein mit der Polizeiwache im 
Rathause verbundenes Zimmer dient. Hier stehen Ver 
bandskästen, die zur ersten Hilfeleistung erforderlichen 
Apparate, Sauerstoffflaschen rc. zur sofortigen Benutzung 
bereit. 
Köpenick. Ein tragikomisches Vorkommnis wird 
uns aus Köpenick gemeldet. Dort erschien bei dem Möbel 
polier Georg K., Schönerlindelstraße, eine Deputation des 
Vereins der Möbelpolierer Berlins und Umgegend in 
Stärke von 50 Mann mit einem mächtigen Kranze und 
Widmungsschleife, um der Beerdigung des Köpnicker 
Kollegen beizuwohnen und ihm die letzte Ehre zu erweisen. 
Als die Deputierten in Trauergewändern das Trauerhaus 
betraten, gab es plötzlich ein allgemeines Staunen, das 
seinen Höhepunkt erreichte, als die schwarz gekleideten Ge 
stalten mit dem Riesenkranz die Wohnung betraten. Und 
als nun erst die Deputierten sahen, daß ihr „toter" 
Kollege sich inmitten seiner Familie fidel und munter be 
fand, glaubten sie kaum ihren Augen zu trauen. Der 
Totgeglaubte, für den der Kranz gestiftet war und zu 
dessen Beisetzung sie soeben von Berlin gekommen waren, 
stand leibhaftig in voller Lebensfrische vor ihnen. Die 
Wirkung dieses Augenblicks war eine -geradezu über 
wältigende. Unter vielen Entschuldigungen zogen sich die 
verlegenen Vereinskollegen schließlich zurück. Den Riesen 
kranz behielt der Totgeglaubte als „Andenken" für sich. 
Ob hinter der Affäre böswilliger Scherz eines Dritten oder 
eine unselige Verwechsluug zu suchen ist, dürfte die Unter 
suchung ergeben. 
Wanöver-Maudereien. 
Bon M. v. R.» Friedenau. 
(Fortsetzung.) 
Nach einer halbstündigen Ruhepause, während der 
man sich sein Fußzeug in Ordnung gebracht hat, geht eS 
weiter. Doch bald macht sich die heiße Augustsonne 
wieder bemerkbar, und der Staub in der engen Marsch 
kolonne erschwert das Atmen. Zwar hat der Bataillons 
kommandeur seinen Adjutanten und die Radfahrer voraus 
geschickt, damit die Einwohner des nächsten Dorfes 
Trinkwasser an die Straße setzen, das im Vorbeimarschieren 
geschöft wird, doch fast will es nicht mehr gehen. Da 
elektrisiert plötzlich den Ermüdeten der Anblick der 
Quartiermacher, die an einer Straßengabelung stehen, — 
zahlreiche Dorfjugend kommt jubelnd angesprungen — 
nun kann es nicht mehr weit sein, und richtig, da liegt 
schon unten im Grunde das Pfarrdorf, wohin der 
Bataillonsstab und zwei Kompagnien kommen. Die 
3. Kompagnie biegt links, die 4. rechts ab, im Marschieren 
werden die Quartierbilletts verteilt, ein kurzes Kommando 
wort des Hauptmanns: „Bataillon Halt! — Heut Nach 
mittag 6 Uhr Gewehrappell — weggetreten! und bald 
liegt unser Soldat auf seinem Lager. Nachdem die erste 
Müdigkeit überwunden, geht es ans Mittagbrot. Beim 
Bauern oder kleinen Mann liegt der Soldat sehr gern. 
Da gehört er mit zur Familie, er hilft mit bei der Ernte 
arbeit, er fühlt sich bald wie zu Hause. Schlimmer ist es 
für ihn auf einem großen Gute. Hier muß eine Scheune 
ausgeräumt werden, und oft die ganze Kompagnie liegt 
in dem einen Raume auf Stroh, zum Zudecken den 
Mantel benutzend. Natürlich ist die Verpflegung auch 
eine mäßigere, denn wo sollte der Gutsbesitzer wohl Milch. 
Butter, Eier und dergl. für so viel Leute herbekommen. 
Für die Offiziere gestaltet sich das gerade umgekehrt, und 
so wechseln die Schicksale ab. 
Der Soldat hat eine sehr feine Empfindung für das 
Entgegenkommen seines Quartierwirts. Im allgemeinen 
muß man sagen, daß er zufrieden ist, wenn er steht, daß 
es nicht besser gegeben werden kann. Wehe aber dem 
geizigen, unfreundlichen Wirte, er hat allerlei kleine 
Chikanen zu erwarten..' Inschriften am Torwege wie 
„Hungerturm", „Dr. Tauners Privatklinik" oder ange
        
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