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Periodical volume Nr. 168, 20.07.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Friedenaner Ortsteil von Schömberg und den Bezirksverein 5üd - West. 
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»». 168. 
Friedenau, Donnerstag den 20. Juli 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Hanau. Dem etwa 40 Jahre alten Landwirt August 
Heil von Windecken wurden auf dem Felde beim Frucht 
mähen von den Messern der Mähmaschine beide Füße 
abgeschnitten. 
Basel. Die streikenden Straßenbahner haben in 
einer Eingabe an das Schweizer Eisenbahndepartement 
wegen teilweiser Betriebsfortführung durch ungeschultes 
Personal und der damit verbundenen Gefährdung des 
Publikums reklamiert. Die Regierung hat eine Extra 
sitzung abgehalten. Ein Mitglied erklärte, daß alle Be 
schwerden geprüft und in einem Zirkular die Straßenbahner 
auf ihr ungesetzliches Verhalten und die sich daraus er 
gehenden eventuellen Konsequenzen aufmerksam gemacht 
werden. 
Ragnsa. Anläßlich einer Dienstübung auf hoher 
See fand auf dem Kriegsschiffe „Habsburg" beim Ab 
schießen eines 15 Zentimeter-Geschützes infolge mangels 
Schlusses des Verschlusses eine Explosion statt, wobei ein 
Mann getötet und einer verwundet wurde. 
Nom. Der päpstliche Geheimkämerer Monseigneur 
Mac Nut wurde wegen Sittlichkeitsdelikts zu 3 Monaten 
Kerker verurteilt. 
Der Minister Majoran« ist aus Tripolis zurückgekehrt. 
Trotz aller Dementis über den politischen Zweck seiner 
Reise verlautet, daß der Minister in der Frage von Kon 
zessionen für Hafenbauten in Tripolis an eine italienische 
Gesellschaft tätig gewesen sei. 
Seit einigen Tagen wird Rom von Mosquitoschwärmen 
heimgesucht. Obgleich die Stiche bei gesunden Personen 
nur eine erregte Stimmung hervorrufen, bewirken sie bei 
Kranken und Kindern Ohnmachtsanfälle. Die Arzte 
können sich diese Erscheinung nicht erklären. 
Paris. In hiesigen wohlinformierten Kreisen wird 
bestätigt, daß Witte mit den weitgehendsten Vollmachten 
zum Abschluß des Friedens ausgestattet ist. Infolgedessen 
werde sein Aufenthalt in Amerika auch nur acht Tage 
dauern. 
Dem „Matin" zufolge stehe der Minister des Äußern 
augenblicklich in Unterhandlungen mit der amerikanischen 
Regierung wegen Entsendung eines französischen Geschwaders 
nach den amerikanischen Gewässern. 
Der „Eclair" berichtet aus Spezia: Ein ernster 
Zwischenfall, der trotz des Geheimnisses, welcher ihn um 
gibt, durchgesickert ist, ruft großes Aufsehen hervor. Eine 
Meuterei soll an Bord des „Maravini", der augenblicklich 
im Hafen von Spezia liegt, ausgebrochen sein. 36 Offiziere 
und Matrosen seien an der Meuterei beteiligt. Ursache der 
Meuterei seien die übermäßigen Anstrengungen, welche der 
Kommandant in den letzten Tagen von der Besatzung 
uerlangt hatte. 
Nach einer Meldung aus San Sebastian erklärte 
Montero Rios in einem Interview über die marokkanische 
Frage, Spanien sei entschlossen, der internationalen Kon 
ferenz zuzustimmen unter der Bedingung, daß das Pro 
gramm vorher Spanien zugestellt werde und daß die be 
stehenden Verträge nicht berührt würden. Er erklärte, er 
sei Anhänger des französisch-englischen Abkommens und 
entschlossen, das Einvernehmen mit diesen beiden Mächten 
in der Marokkofrage aufrecht zu erhalten. Der Minister 
fügte hinzu, er werde in den nächsten Tagen eine Unter 
redung mit dem französischen Botschafter in Madrid haben, 
bei welcher Gelegenheit auch die Fragen, welche Gegen 
stand des Konferenzprograinmes bilden, diskutiert werden 
sollen. 
Petersburg. Infolge Weisung der Zensurbehörde 
dürfen die Blätter über den Moskauer Kongreß nicht 
berichten. Die geplante Vereinigung des Fabrikanten- 
Kongresses mit dem Landschafter-Kongreß ist gescheitert. 
Shanghai. Man glaubt, daß die hohen chinesischen 
Beamten, welche angeblich zum Studium der fremden 
Staatseinrichtungen nach Europa gehen, auch beauftragt 
sind, bei den Mächten dahin zu wirken, daß eine inter 
nationale Konferenz zwecks Regelung der Verhältnisse in 
Ostasien zusammentrete. 
Tokio. Angesichts der herzlichen Aufnahme, welche 
Prinz Arigusawa in England gefunden hat, drückt man 
hier den Wunsch aus, daß der Prinz von Wales seine 
Jndienreise auch nach Japan ausdehnen möge, wo er 
eines herzlichen Empfanges sicher sein könne. 
Vom Russisch-Japanischen Kriegsschauplatz. 
Petersburg. Nach Meldungen sowohl aus Wladi 
wostok wie aus Gunschulin bestätigen sich die Gerüchte 
von einer angeblichen Landung der japanischen Armee 
südlich von Wladiwostok nicht. 
London. Nach einer Meldung des „Daily Telegraph" 
aus Tokio ist der Pekinger russische Gesandte, der an den 
Friedensverhandlungen in Washington teilnehmen wird, 
in Nagasaki auf dem Wege nach Amerika eingetroffen. 
Warschau. Ein Teil der Mannschaft des nach dem 
Kriegsschauplatz abgehenden Kexholmschen Regiments ist 
desertiert. 
Tokio. Wie aus der Mandschurei hierher gemeldet 
wird, habe der Zar unlängst an den General Liniewitsch 
einen Brief gerichtet, worin er ihn ermutigt und ihm 
verspricht, die notwendigen Mannschaften und Munition 
zu senden, soviel er irgend braucht. Der Zar soll die 
Mobilmachung von vier weiteren Armeekorps ange 
ordnet haben. 
Paris. Herr von Witte wird vor seiner Abreise 
nach Washington mit Rouvier einewichtige Besprechung haben. 
Allgemeines. 
[] Nach einem Urteil des König!. Ober-Ver 
waltungsgerichts, VI. Senats sind Baumschulbetriebe 
steuerfrei, aber nur insoweit, als der eigene Baumschul 
betrieb in Frage kommt. Ist mit diesem Betrieb ein 
Handelsgewerbe oder eine kaufmännische Einrichtung zum 
Vertrieb fremder Produkte verbunden, dann ist dieser Teil 
des Betriebes steuerpflichtig, und es muß nach Abschätzung 
des Ertrages aus dem gewerbesteuerpflichtigen Zweige des 
Betriebes re. Gewerbesteuer entrichtet werden. 
«Oie Mache ist mein." 
Kriminal-Roman von L. Haid heim. 
7. (Nachdruck verboten. Alle Rechte vorbehallen.) 
Zwei Tage hatten hingereicht, Ducetti seine Lage klar und 
besonnen erfassen zu lassen. 
Um seiner Kinder ivillen hatte er die Schande nicht auf 
sich laden wollen, als Betrüger ins Zuchthaus zu wandern. 
Daß er Betrüger wurde, war seine Schuld, seine ganz 
alleinige — daß er, weil er die Strafe fürchtete, zum Mörder 
wurde, auch das war seine eigene alleinige Schuld. Er 
konnte niemand anklagen, als sich selbst und Satanas, dem 
er Macht über seine Seele gegeben. — Er allein niußte 
dafür büßen, und er wollte es — wollte alles tun, seine 
Kinder davor zu bewahren, daß des Vaters Sünde an ihnen 
heimgesucht würde. 
In diesem letzten Gedanken gipfelte fortan sein Denken 
und Handeln. 
Er wußte ganz genau, daß sein Gewissen und die Angst 
vor Entdeckung ihm nie, niemals mehr Ruhe lasseil ivürden, 
denn er war ja ursprünglich ein guter Mensch gewesen, ein 
Ehrenmann! Aber wenn auch die Hölle alle ihre Teufel aus 
sandte, ihn zu peinigen, er mußte es tragen — um seiner 
Kinder willen. — Wenn die dereinst versorgt waren, dann 
durste er sterben! Eher nicht. Sie sollten nicht als Bettler 
zurückbleiben. — So lange die Maske vor! 
Der Abbate war beerdigt* Die Leute von Santa Alma 
hätten gern alle geerbt, sie beneideten Ducetti. Er aber streute 
mit freiaebiger Haild kleine und größere Gaben aus. „Zu 
Ehren des teuren „Zio" übergab er dem Pfarrer 500 Lire 
und ließ die Leute das Märchen glauben, er habe ein unge 
heures Vermögen vom Abbate geerbt, ein Gerede, welches 
Teresina in Umlauf setzte. Sehr bald erzählte man sich von 
einer Höhle in der Mauer des Hauses, und Teresinas 
Phantasie wurde immer üppiger, je mehr sie sich dadurch zu 
einer wichtigen Persönlichkeit werden sah. 
Daß Ducetti äußerst ruhelos ivar, fiel niemand auf. Er 
hatte in den wenigen Tagen ja auch viel zu ordnen. Und in 
den freien Stunden lief er in die Berge, bald hier-, bald dort 
hin. — Das Dolchmesser hatte er schon in den ersten Stunden 
nach dem Morde auf den: Wege nach Aquadolce an einer 
wüsten Stelle in der Erde versteckt, so tief er in dem steinigen 
Boden mit demselben ein Loch graben konnte. — Damals 
hatte er in seiner Erstarrung nichts davon gefühlt; das Check 
buch auf dem Küchenherde zu verbrennen, nachdem er Teresina 
ins Dorf geschickt, kostete ihm viel mehr Rervcnkraft. Aber er 
tat's; — legte auch die elegante Juchtentasche, worin es sich 
befand, dazu und ging nicht eher fort, als bis auch der letzte 
kleine Rest Asche geworden. 
Teresina wunderte sich nachher, als sie zurückkam, über den 
sonderbar brenzlichen Geruch im Hause, war aber viel zu 
stumpf und gleichgültig, darüber nachzudenken. 
So wäre denn jetzt alles erledigt gewesen, und nichts 
hätte Ducetti verhindert, nach Hause zu reisen, in die Welt 
zurückzukehren. 
Und doch bangte ihm davor mit einem förmlichen Grausen. 
Seine Briefe und Zeitungen waren angekommen, die ersteren 
gleichgültige Geschästsmitteilungen, die letzteren nur erst die 
kurze Anzeige des Aufsehen erregenden Mordes enthaltend und 
danach eine Schilderung der Entdeckung. — Er hatte beides 
u.it brennenden Augen gelesen. Immer wieder kam ihm das 
sonderbare Gefühl, er sei ja gar nicht dieser Mörder, er könnte 
sj Gepäck-Sonderzüge. Zur Bewältigung des um 
fangreichen Gepäckverkehrs werden am 9. August zwei 
Reisegepäck-Sonderzüge gefahren. Ein Zug fährt von 
Düsseldorf nach Erfurt, ein Zug von Köln nach Hamburg. 
Sehr zu wünschen wäre, wenn auch von Berlin nach 
Stettin und von Berlin nach München, resp. Wien, Ge 
päckzüge eingelegt würden. 
Lokales. 
ch Amtsjubiläum. Wie bereits einmal mitgeteilt, 
kann Herr Pastor Görnandt am Sonnabend, den 
22. d. M., auf eine 25 jährige Amtstätigkeit zurückblicken. 
25 Jahre Seelsorger, gewiß eine schöne Zeit, reich an 
Arbeit. Die Kirchengemeinde Friedenau wird gewiß nicht 
versäumen, ihrem Oberhaupte die herzlichsten Glückwünsche 
darzubringen. Möge Herr Pastor Görnandt unserer 
Gemeinde noch lange erhalten bleiben. 
f Die Linie 88 schreitet in ihrem Ausbau rasch 
vorwärts. Die Geleise sind nunmehr bereits durch die 
Beckerstraße bis über die Friedenauer Brücke gelegt. Mit 
der Anlage der Oberleitung wird in nächster Zeit begonnen 
werden. 
f Ferienspiele Die auf Antrag des Herrn Stadt 
verordneten Turnlehrer Zobel in Schöneberg veranstalteten 
Ferienspiele erfreuen sich einer wider Erwarten regen 
Beteiligung und zeigen, daß wirklich ein dringendes Be 
dürfnis für eine derartige Einrichtung vorhanden war. 
Gegen 400 Kinder finden sich täglich auf dem großen 
Spielplatz ein und spielen dort unter der Aufsicht von 
Lehrern und zwar Vormittags von 9—12 Uhr die Mädchen 
und Nachmittags von 4—7 Uhr die Knaben. Auch die 
Eltern bezeugen ihr Interesse für die gute Sache dadurch, 
daß sie, meist in den Abendstunden zum Spielplätze 
kommen und dort dem Spiele ihrer Kleinen und Kleinsten 
zu sehen. Der Andrang zu den Spielen ist übrigens so 
zahlreich, daß die Spielleitung bereits verdoppelt werden 
mußte. Herr Michalsky, Inhaber der Firma Milchalsky & 
Katz, spendete 100 M. für die Ferienspiele. 
t Für Reisende mit Hunden hat die königl. 
Eisenbahndirektion eine wichtige Verfügung erlassen. 
Danach sollen alle Wagenabteile, die für Reisende mit 
Hunden bestimmt sind, Plakate erhalten' mit der Anzeige, 
daß Reisende, die ohne Hunde im sogenannten Hunde 
abteil Platz genommen haben, diesen verlassen müssen, 
sofern noch jemand mit einem Hunde hinzukommt und 
seinen Platz in Anspruch nehmen will. Zweck dieser 
Maßnahme soll in erster Linie sein, daß Hundebesitzec 
nicht gezwungen sind, in andere als die für sie bestimmte 
Wagenabteile einzusteigen, was häufig zu Ärgernissen 
Anlaß gibt, weil andere Mitreisende sich durch die Hunde 
belästigt fühlten. 
t Das neue Lotalisatorgesetz, das morgen in 
Kraft tritt, macht den vielen in Berlin vorhandenen Wett- 
vermittelungs-Bureaus mit einem Schlage ein Ende. So 
mancher kleine Restaurateur und Zigarrenhändler, der 
durch das Vermitteln von Wetten von den großen jSport- 
cs nicht gewesen oder müßte in dem Augenblick wahnsinnig 
gewesen sein. Ja, sicher wahnsinnig! Aber dann kam ihm 
die so einfache Schlußfolgerung zum Bewußtsein: Du hattest 
einen Zweck dabei! Und Du willst den Vorteil des Raubes 
genießen. 
Ja! — Das war es! — Und ganz entmutigt gestand 
er sich, daß er auf ewig ein Verlorner sei — unrettbar. 
Aber er gewann schon seine Energie wieder. Jede Stunde 
der inneren Qual steigerte seinen Trotz. 
Man sandte ihm täglich seine Zeitungen, die jetzt große 
Spalten über den Mord enthielten. Es stärkte ihn, beruhigte 
ihn unendlich, daß auch nicht im entferntesten an ihn dabei 
gedacht wurde. 
Constanze schrieb ihni — seine Söhne sogar mit der noch 
ungelenken Schülerhand. 
Tann aber kam ein Brief, der ihn wieder unaussprechlich 
niederschmetterte. Und doch enthielt er eine Freudenbotschaft, 
die Erfüllung einer schoir völlig aufgegebenen Hoffnung; die 
Bieldung, daß das Glücksschiff, ans das er so vergebens ge- 
wartet. angekommen sei. 
Tics Schreiben kain aus dem Kriegsministerium. Die 
Erfindung des Ingenieurs Ducetti war geprüft worden und 
hatte sich als von so hoher Wichtigkeit erwiesen, daß damit 
den betreffenden Korps eine weit erhöhte Leistungsfähigkeit 
gegeben wurde. 
Das Kriegsministerium forderte von dem Ingenieur 
Ducetti den Alleinbesitz seiner Erfindung für die Armee und 
tiefste Geheimhaltung des Ankaufs derselben. Es forderte 
ferner die Gewährleistung für verschiedene andere Punkte und 
luv den Ingenieur Ducetti ein, sich am letzten Diärz aus 
dem Kriegsniinisterinm cinznfinden, um mit Sr. Exzellenz dem 
Grasen v. H. den Abschluß des Geschäfts zu vereinbaren.
        
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