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Periodical volume Nr. 167, 19.07.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

erstens alle Personen, die versicherungspflichtig sind, wirklich 
auch Marken kleben; zum anderen, wenrr diese Personen 
aus der Bersicherungspfltcht ausscheiden, daß sie auf die 
Wohltaten deS Rechtes der Weiterversicherung aufmerksam 
gemacht werden und zum Dritten, daß sie immer und 
immer wieder die Bestimmungen über das Recht der 
Selbstversicherung bekannt macht, damit dieser möglichst 
zahlreiche Personen zugeführt werden. Beachtet eine Ge 
meinde diese Punkte, so werden dadurch die Armen zwar 
nicht aus der Welt geschaffen, aber immerhin der Verarmung 
entgegen gearbeitet. Es werden alle diejenigen Personen, die 
durch Krankheit und Siechtum verarmen den Gemeinde- 
säckel weniger oder gar nicht belasten, die im Bezüge einer 
monatlichen Rente stehen oder gar in einem Jnvalidenheim 
unter Fortfall der Rente auf Kosten der Versicherungs 
anstalt untergebracht werden können. Auf solchem Wege 
der Verarmung vorzubeugen ist auch eine Armenfürsorge 
der Gemeinde, die den Vorzug hat keinen Pfennig Geld 
zu kosten. Freilich die Gemeinde wird oft tauben Ohren 
predigen, das Dienstmädchen wird sich lieber bei ihrer 
Verehelichung die Hälfte der Beiträge gemäß § 42 des 
Jnv.-Vers-Gesetzes zurückerstatten lassen, als die -Ver 
sicherung freiwillig fortführen und sich dadurch das Anrecht 
auf Einleitung eines Heilverfahrens, Bezug von Kranken- 
oder Invalidenrente zu wahren. Bei eingehender freund 
licher Aufklärung wird sie sichaber doch schließlich eines anderen 
belehren kaffen. Aufgeklärt — nicht mit trockenen Buch- 
staben des Gesetzes — muß in erster Linie der Versicherte 
werden. Jede Gemeinde betrachte es als hohe Aufgabe, 
in solcher Weise bei dem Vollzüge unserer sozialen Gesetze 
mitzuarbeiten, es wird ihr nur zu ihrem eigenen Vorteile 
gereichen. Armin Weiden. 
Allgemeines. 
[] Preußische Zentral-Gcuosscnschaftskaffc. 
Durch Gesetz vom 31. Juli 1895 ist diese staatliche Anstalt 
gegründet worden. In § 5 a. a. O. ist den Instituten, 
mit denen die Preußische Zentral-Genossenschaftskaffe in 
Geschäftsverkehr treten darf, das Recht gegeben, sich bei 
ihr mit Vermögenseinlagen zu beteiligen. Die Provinzial- 
genoffenschaftSkaffe zu Breslau, die Landwirtschaftliche 
Reichsgenoffenschaftsbank zu Darmstadt, die Genoffenschafts 
bank zu Halle, die Landesgenoffenschaftskaffe zu Hannover, 
die Landwirtschaftliche Zentral-Darlehnskaffe zu Neuwied, 
die Provinzial-Genossenschaftskaffe zu Posen, die Nassauische 
Hauptgenoffenschaftskaffe zu Wiesbaden und die Ländliche 
Zentralkasse zu Wormditt haben von dieser Befugnis Ge- 
brauch gemacht und um Zulassung zur Kapitalbeteiligung 
gebeten. Der Herr Finanzminister hat diese Genehmigung 
erteilt. Hierauf ist die Erörterung einer engeren Interessen 
gemeinschaft zwischen derPreußischenZentral-Genossenschafts- 
kaffe und der Landwirtschaftlichen Zentral-Darlehnskaffe zu 
Neuwied in den Tageszeitungen zurückzuführen. Eine 
solche Interessengemeinschaft und die daraus sich ergebende 
wechselseitige Verständigung dürfte dem ganzen Genossen 
schaftswesen nur zum Vorteil gereichen. 
sj Verbilligung von Arzneikosten. Zur Ver 
billigung der Arzneikoster'hat der Kultusminister bestimmt, 
daß nach der deutschen Arzneitaxe der Apotheker bei der 
Abgabe von Pillen, Suppositorien, Stäbchen nur einfache 
Gläser oder graue Kruken zu verwenden und zu berechnen 
berechtigt ist. Die Verwendung derartiger fester Gefäße 
ist geboten bei der Abgabe von Arzneien, welche dem Zer 
fließen, Zerbrechen oder Verderben ausgesetzt sind. 
[] Warnung. Das Polizeipräsidium erläßt folgende 
Warnung: Unter-dem Namen „Sterilisol" wird ein Kon- 
seroierungsmittel mit dem ausdrücklichen Hinweis in den 
Handel gebracht, daß es unbeanstandet Verwendung finden 
könne und in gesundheitlicher Beziehung völlig einwands- 
srei sei. Demgegenüber ist durch die im chemischen Labo 
ratorium des kaiserlichen Gesundheitsamtes ausgeführten 
Untersuchungen festgestellt worden, daß Proben des Prä 
parats etwa 21/2 Proz. Formaldehyd enthalten haben. 
Nach einem Gutachten der königlichen wiffenschastlichen 
Deputation für das Medizinalwesen sind aber sowohl das 
Formalin als auch alle Zubereitungen, welche diesen Stoff 
enthalten, als gesundheitlich bedenkliche Konservierungs 
mittel für Nahrungs- und Genußmittel anzusehen. Bei 
der gewerbsmäßigen Zubereitung von Fleisch ist ferner die 
Verwendung von Formaldehyd nach den gesetzlichen Be 
stimmungen ausdrücklich verboten. 
sj Der Frachtverkehr nach Odessa, der wichtigen 
russischen Hafen- und Handelsstadt am Schwarzen Meer, 
ist durch die Meutereien bis jetzt in fühlbarer Weise'unter- 
brochen worden. Die russischen Eisenbahnbehörden machen 
jetzt bekannt, daß die Annahme und die Versendung von 
Fracht nach und über Odessa wieder begonnen haben. 
Für eine bestimmte Lieferfrist übernehmen die russischen 
Bahnen keine Garantie. 
Lokales. 
-j- Asphaltierung der Kaiserallee. Mit den 
Regulierungsarbeiten wurde nunmehr begonnen. Am 
Friedrich Wilhelmplatz wird bereits das alte Steinpflaster 
entfernt. Die ganze Kaiserallee ist für den Reit- und 
Fuhrwerkverkehr gesperrt. 
-j- Der SechSuhrschlusi auf den Güterbahn- 
höfeu. Nachdem der Sechsuhrschluß auf den Berliner 
Güterbahnhöfen seit dem 10. d. M. in Kraft getreten ist, 
wird er auch auf den Güterbahnhöfen der Vororte, die 
zumeist mit dem Berliner Handels- und Speditionsgeschäft 
in innigster Verbindung stehen, eingeführt werden. Auch 
die Provinzialstädte, wo noch der 7- oder 8-Uhrschluß der 
Güterbahnhöfe besteht, dürften bald dem Beispiele Berlins 
folgen. 
t Eine große Kreisbaumschule. Der Kreis 
ausschuß des Kreises Teltow hat das bei Königswuster 
hausen am Todtnitzsee gelegene Gut Körbiskrug in Größe 
von 400 Morgen angekauft, um auf dieser Besitzung eine 
Baumschule im großen Maßstabe anzulegen. Obwohl der 
Kreis bereits einige kleinere Baumschulen besitzt, so konnten 
von deren Ertrag doch nur die Bedürfnisse zur Erneuerung 
der Bäume an den dem Kreise selbst gehörigen Chausseen 
und Wegen gedeckt werden, während bei Neuanlagen 
Privatfirmen in Anspruch genommen werden müßten. Die 
Baumschule in KörbiSkrug soll aber einen derartigen Um 
fang erhalten, daß der Kreis nicht nur im stände ist, 
seine eigenen Bedürfnisse vollständig zu Lecken, sondern 
auch an sämtliche Gemeinden und Besitzer deS Kreises, die 
Wege zu unterhalten haben, Bäume abgeben zu können. 
-j- Neuer Fahrplan. Die Personenschiffahrt deS 
Kreises Teltow auf seinem Kanal hat soeben einen neuen 
Fahrplan erhalten. Er ist durch Änderungen im Fahrplan 
der Eisenbahn bedingt. Die Fahrt ab Glienicker Brücke 
6.50 nach Neu-Babelsberg, an 7.14, ist 5 Minuten früher 
gelegt worden, damit der Anschluß an den durchgehenden 
Zug nach Berlin ab 7.16 in Neu-Babelsberg erreicht wird. 
Bei der Fahrt von Potsdam nach Neu-Babelsberg sind 
von 4.26 bis 5.10 Nachm, sämtliche Abfahrtszeiten 
2 Minuten früher gelegt worden. Die Schiffahrt des 
Kreises findet immer mehr Zuspruch. Auch ganze Dampfer 
werden mehr und mehr gemietet, da der Kreis eine 
Agentur in Berlin errichtet hat. 
-j- Alles will jetzt reise», und mit welcher Auf 
regung geschieht das. besonders bei denen, die nun ein 
mal nichts ohne Aufregung beginnen können, besonders bei 
einer Reise. Alle möglichen und unmöglichen Fälle werden 
bedacht, und alles mögliche und unmögliche wird ein 
gepackt. Man wird nicht fertig,, in einer halben Stunde 
geht der Zug, nun heißt es eilen I Man kommt in 
Schweiß, und siehe da, man hat kein Taschentuch bei sich, 
daß man sich nicht einmal die perlenden und brennenden 
Schweißtropfen von der Stirne trocknen kann. Ja, das 
gewöhnliche Schnupftuch ist bei der Reise nach dem Porte 
monnaie das wichtigste. Mit manchem Unnützen hat man 
sich beladen, aber dieses bescheidene Tüchlein rächt sich bei 
Vernachlässigung am meisten. Es ist das wichtigste von 
allen Tüchern. Es ähnelt sogar dem Menschen, denn man 
kann es in Klaffen, je nach seiner gesellschaftlichen Be 
stimmung, einteilen. Der Proletarier unter ihnen dient 
der gewöhnlichen Nase. Es wird meist versteckt gehalten. 
Schon mehr tritt der Schweißtrockner hervor. Das kann 
sich schon vor aller Welt sehen lassen. Der Hochgeborene 
der Feine unter ihnen aber ist das weiße Battisttüchlein, 
das in tadellos weißem Glanze durch sein Leuchten und 
Flattern die letzten Grüße vermitteln soll. Es hat eine 
innerliche geistig-sympathische Aufgabe. Seine Bedeutung 
ist sehr ernst zu nehmen. Denn wenn es immer die 
Wahrheit spricht, dann ist es wohlbestellt um den Frieden 
und das gute Einvernehmen der scheidenden Menschen. 
Geht die zartere Ehehälfte zur Stärkung der Gesundheit 
hinaus zum kräftigenden Landaufenthalt, so ist es das 
Taschentuch, das gewissermaßen das letzte Wort spricht. 
Es ist die Parlamentärfahne, welche von beiden Seiten 
aufgezogen wird zum Zeichen, daß sich beide Teile in den 
Schmerz der Trennung ergeben. Bei manchen soll es 
aber auch einen soundsovielten wöchentlichen Waffenstill- 
stand nach niindestens einjähriger Kriegszeit bedeuten, auch 
kann es das Zeichen sein von Einleitung neuer Kapitu 
lationsverhandlungen seitens des vereinsamten Ehemannes. 
Dieses Taschentuch ist sogar von hoher Moral; selbst beim 
Abschiednehmen eines lästigen Besuches, sogar bei dem der 
scharf kritisierenden Schwiegermutter muß das geschwungene 
Tüchlein den Friedensstand wenigstens auf leidlichem Fuße 
erhalten. Vor allem heiratsfähige und heiratslustige 
Jungfräulein dürfen auf der Reise das Schwingtllchlein 
nie vergessen; schon manchmal ist durch sein verlockendes 
Flattern ein Bräutigam ins eheliche Bauer hineingeflattert. 
Irgend einer lustigen Damengesellschaft, bei welcher der 
goldene Sonnenschein und die frische, freie Luft die 
Lebenslust und den Drang nach Geselligkeit angeregt, fällt 
es ein, fremden Mitreisenden die Tücher zuzuschwenken, 
und die Brücke ist geschlagen, die Annäherung versteht sich 
von selbst, und die Herzen fanden sich. So kann man 
diesem kleinen, oft wenig beachteten Flattertüchlein nur 
Gutes nachsagen. Es spielt eine vielsagende Rolle beim 
Reisen und ist auf alle Fälle sehr in Ehren zu halten. 
f Tierquälerei. Eine großartige Tierquälerei ist 
die am Lastwagen nicht wagerecht stehend angebrachte 
Deichsel. Eine Deichsel, die nach vorne sich der Erde 
zuneigt, oder wo sogar die Spitze derselben beim Ab 
spannen auf die Erde fällt, ist für das Zugvieh eine 
Oual, welche viel größer ist, ols man glaubt. Noch mehr 
wird die niederziehende Neigung bestärkt durch einen 
zu langen Halsriemen, verbunden mit der Halskoppelkette. 
Pferde, die derartige Lastwagen ziehen müssen und mit 
ihrem Halse die ganze Last der Deichsel tragen, verlieren 
nicht allein mit der Zeit ihre aufrechte Stellung, sondern 
bekommen durch das Hin- und Herschlagen der Deichsel, 
welche wegen ihrer nicht wagerechten Stellung zu weiten 
Spielraum hat, auf unebenen Wegen an ihren Beinen 
eine Anzahl Fehler, welche die armen Tiere für immer 
behalten. Das Rütteln eines solchen Lastwagens ist oft 
so groß, daß der ganze Körper des Tieres ins Schwanken 
kommt. 
f Friedenauer Männer-Gesangvereiu 1875. 
Die Mitglieder versammeln sich morgen Donnerstag 
Abends 9 Uhr bei dem Mitgliede Gastwirt Kort. Friedrich 
Wilhelmplatz 17. 
f Der Kriegsveteranenverein Friedenau be- 
teiligt sich an der Feier zur 35 jährigen Wiederkehr der 
Tage der Schlachten von Spichern, Wörth, Vionville, St. 
Privat-Gravelotte, die am Sonnabend, den 5. August, 
vom Kriegsveteranenverein „Deutsche Eiche" veranstaltet 
wird. Das Programm der Feier haben wir bereits mit 
geteilt. Die hiesigen Kameraden versammeln sich Nach 
mittags 1 /z2 Uhr bei Kamerad Behrendt. Abends 9 Uhr 
findet im Bereinslokal die Monatsoersammlung statt. 
-j- Mechanisches Theater. Alles amüsiert sich in 
Pottharst's mechanischem Theater; alle Besucher gehen von 
den täglichen Vorstellungen mit der Überzeugung nach 
Hause, daß sie ihr Geld nicht unnütz angewendet, sondern 
daß sie eine Schaustellung gesehen haben, die ihnen selbst 
in Berlin nicht alle Tage geboten wird. Das Gebotene ist für 
Kinder, wie für Erwachsene gleich interessant. Das Pro 
gramm ist allabendlich abwechselnd, sodaß sogar ein wieder 
holter Besuch des Theaters empfohlen werden kann. 
•t Unfall. Eine schwere Verletzung zog sich gestern 
Nachmittag beim Abladen von Steinen der Kutscher 
Thomsen auf dem Ringbahnhof zu, indem er vom Wagen 
herunterfiel und sich das rechte Schienbein bis auf den 
Knochen aufschlug. Aus unserer Sanitätswache wurde dem 
Bedauernswerten, der längere Zeit erwerbsunfähig sein 
dürfte, die erste Hilfe zuteil. 
Schöneöerg. 
— Von der Staatsanwaltschaft freigegeben 
wurde die Leiche deS Negers Jean-Jean, der, wie wir 
unseren Lesern mitteilten, auf so tragische Weise um daS 
Leben kam. An den tragischen Tod hatten sich zahlreiche 
Gerüchte angeknüpft. So wurde vielfach geglaubt, daß 
der Schwarze einem Eifersuchtsdrama zum Opfec gefallen 
sei. Die Obduktion hat jedoch keinerlei Merkmale dafür 
ergeben, daß an dem Toten ein Verbrechen verübt worden 
ist. Die Todesursache ist lediglich auf einen Schädelbruch, 
den sich der Reger bei dem Sturze vom Dache zugezogen 
hatte, sowie auf innere Verblutung zurückzuführen. Unter 
außerordentlich starker Beteiligung ist gestern die Leiche 
des Negers auf dem Friedhofe in der Maxstraße beigesetzt 
worden. Die Kosten der Beerdigung hat die Stadt 
Schöneberg übernommen. 
Berlin und Wororte. 
§ Der Charlottenburger Polizeipräsident an 
erkennt die Unsicherheit in Charlottenburg, über 
die Unzulänglichkeit der Polizeibeamten in Charlottenburg 
ist in der Presse schon mehrfach geklagt worden. Jetzt hat 
auch der Polizeipräsident von Steifensand den Mangel an 
Sicherheitsbeamten anerkannt. Anläßlich der vielen unlieb 
samen Vorkommnisse, wüste Schlägereien, rasende Fuhr 
werke, Einbrüche usw., hatte ein Stadtverordneter an den 
Magistrat die Anfrage gerichtet, ob bei der Polizei Schritte 
getan seien, um durch schärfere Beaufsichtigung des Fuhr 
werks wieder größere Sicherheit auf den Straßen herbei 
zuführen. Der Magistrat hatte sich anläßlich dieser Anfrage 
an den Polizeipräsidenten gewendet, der jetzt folgende Ant 
wort dem Magistrat zugestellt hat: „Die mir längst be 
kannten Unzuträglichkeiten haben mir wiederholt, insbe 
sondere noch in letzter Zeit Gelegenheit gegeben, die Auf 
sichtsbeamten zu energischem Einschreiten anzuweisen. Wenn 
nun ein Erfolg bislang noch nicht erreicht worden ist, so 
liegt der Grund in der unzureichenden Anzahl von Exekutiv 
beamten, deren Vermehrung ich bis jetzt stets vergeblich 
angestrebt habe. Jedenfalls werde ich nach wie vor auf 
die Beseitigung der Mißstände Bedacht nehmen. 
§ Ein ehemaliger Teil des alten botanischen 
Gartens befindet sich mitten in Berlin und wird auch 
nach dem vollständigen Eingehens des alten Gartens be 
stehen bleiben. Es ist dies der kleine, aber sehr schöne 
botanische Garten der Universität im Kastanienwäldchen. 
Er wurde im Jahre 1821 durch die Direktion des 
botanischen Gartens angelegt und erst im Jahre 1878 
von dessen Verwaltung abgezweigt. Heute steht er unter 
der Leitung des Ordinarius für Botanik Geh. Reg.-Rat 
Prof. Dr. Schwendener und des Unioersttäts-Garten- 
inspeklors Lindemuth. Der Garten ist Jedermann zu 
gänglich. Pflanzenliebhaber finden außerdem in der Stadt 
Gelegenheit zu Studien in der botanischen Abteilung des 
Humboldheims. Ein kleiner botanischer Garten befindet 
sich u. a. auch noch auf dem Hofe des Friedrich Wilhelms- 
Gymnasiums in der Kirchstraße. 
8 Die Linieustratze, deren östlicher Teil zwischen 
dem Schönhauser- und Prenzlauer-Tor zum Schennen- 
viertel gehört, kann jetzt auf ein 200jähriges Bestehen 
zurückblicken. Mit der bevorstehenden Beseitigung des 
Scheunenoiertels wird natürlich auch dieser Teil der 
Linienstraße eine vollständige Umgestaltung erfahren. Die 
Straße wurde im Jahre 1705 als Zirkuswallationslinie 
von der Oranienburger- bis zur Frankfurterstraße abgesteckt 
und für die Bebauung freigelegt. Im Anfange führte 
die Straße die Bezeichnung „Linie", woraus später der 
heutige Namen entstand. Der Teil zwischen Prenzlauer- 
und Neuer Königstraße führte nach dem Nr. 5 und 6 be- 
legenen Schützenplatze, welcher im Jahre 1747 hier an 
gelegt wurde, den Namen „Neue Schützenstraße". Im 
Jahre 1821 erhielt auch dieser-Straßenteil den Namen 
„Linienstraße". 
8 Die Neiterfigur eines Kosaken ist jetzt an 
dem Neubau Pallisadenstraße 2, wo früher das alte 
Kosakenhaus stand, angebracht morden. Da die alte aus 
Ton bestehende Figur sich nicht ausbessern ließ, hat man 
sie dem Märkischen Museum belassen und eine neue dauer 
haftere hergestellt, die viel wirkungsvoller als die alte ist. 
Mit eingelegter Lanze sprengt der Kosak auf dem sich 
hochaufbäumenden Rosse einher. Darunter liest man das 
Datum: „20. Februar 1813". Es ist dies der Tag, an 
dem das bekannte preußenfreundliche Eindringen der 
Russen in das von den Franzosen besetzte Berlin statt 
fand. Dies Datum fehlte an dem alten Hause. Es giebt 
aber auch, wie nicht allgemein bekannt sein dürfte, einige 
preußenfeindliche Andenken in Berlin, die von den Russen 
herrühren und jetzt gerade 145 Jahre alt sind. Es sind 
dies die 3 Kanonenkugeln auf einem Kellerhals des Eck 
hauses an der Markgrafen- und Lindenstraße. Sie er 
innern an die Beschießung Berlins durch die Russen im 
Jahre 1760 während deS 7 jährigen Krieges. 
8 Neuer Bahnhof. Der neue Bahnhof in Schön 
holz ist heute Vormittag eröffnet worden, nachdem in der 
vergangenen Nacht die letzten Arbeiten zur Höherlegung 
der Nordbahnstrecke Pankow—Schönholz vollendet wurden. 
Der neue Bahnhof ist der größte Berliner Vorortsbahnhof 
geworden. Er weist etliche 20 Gleise auf und soll von 
nun an zur Entlastung für den Güterbahnhof „Schönhauser 
Allee" dienen. Ein besonderes Anschlußgleise nach diesem 
Bahnhof ist hergestellt worden. Die Bahnhalle dieser 
Vorortsstation Schönholz-Reinickendorf ist um etwa 200 
Meter nach dem Bahnhof Pankow verlegt morden. 
8 Mordversuch. Einen Mordversuch aus Eifersucht 
verübte in der Nacht zum Montag der 16jährige Schiffs 
junge Müller, der auf einem bei Erkner verankert liegenden 
Lastdampfer beschäftigt ist. Er Hatte trotz seiner Jugend 
bereits eine Braut, die ihm angeblich untreu geworden ist
        
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