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Periodical volume Nr. 165, 17.07.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

veranlassen uns, die amtlichen Vorschriften über körperliche 
Züchtigung in Erinnerung zu bringen und folgendes zu 
bestimmen: 
.Auch Schüler der drei unteren Klaffen dürfen ohne Wissen des 
Direktors und Ordinarius körperlich nicht gezüchtigt werden. Schlüge 
an den Kopf sind unter allen Umständen verboten. Von jeder körper 
lichen Züchtigung find di« Eltern oder deren Vertreter sofort in 
Kenntnis zu setzen. Gleichzeitig sehen wir unS veranlaßt, den Ge 
brauch von Schimpfwörtern im Verkehr mit den 'Schülern als unge 
hörig uud als schädigend für daS Ansehen tcS Lehrers zu bezeichnen, 
und ferner zu bestimmen, daß häusliche Arbeiten zum Zweck der 
Strafe unter keinen Umständen aufgegeben werden dürfen.' 
Lokales. 
f Zum Elektrizitätswerksbau. Die Grundplatte 
zum Dieselmotor im Gewicht von 170 Zentner ist bereits 
eingetroffen. Das Kabelnetz ist schon bis zur Hälfte fertig 
gelegt. 
P SubmisfiouS-Resultate. Die Ausschreibung wegen 
Liefererung von Fenster und Türen für das „Auguste 
Viktoria-Krankenhaus" ergab als Meistfordernden (Firma 
Mittag) den Betrag von 86 424,35 M. und pls Mindest- 
sordernden (Firma Kussin) 62 985,45 M. Es ist dies 
eine Differenz von ca. 24 000 M. und man kann ange 
sichts solcher „Submissionsblüten" nur staunen. 
f Schulhausanbau. Der Anbau des zweiten 
Flügels der Schule in der Rubensstraße wird am 1. April 
1906 in Angriff genommen werden. 
f Was nicht steuerabzugsfähig ist. Das Ober 
verwaltungsgericht hat entschieden, daß weder die Kosten, 
die ein Vater für die Unterhaltung seines Sohnes als 
Einjährigfreiwilliger bestreitet, noch die Kosten, die ein 
Vater zum standesgemäßen Unterhalt des Kindes mit 
Einschluß der Vorbildung zu dem gewählten Berufe auf 
wendet, steuerabzugsfähig sind. 
t Ferienkarten für den Berliner Vorortver 
kehr. Während der Sommerferien wurden schon im 
Bereiche des Berliner Vorortverkehrs Zeitkarten, sogenannte 
Ferienkarten, ausgegeben, die e§ den Schulen und deren 
Angehörigen, die keine weiteren Badereisen machen wollen 
oder können, ermöglichen, während der schönen Sommer 
monate tagsüber sich in der Umgegend Berlins zu ergehen 
und zu erholen und Abends in die Stadt zurückzukehren. 
Diese Einrichtung soll nach Anordnung des Ministers von 
Budde jetzt versuchsweise auf den gesamten preußischen 
Staatsbahnverkehr ausgedehnt werden. Für die Zeit der 
Schulferien werden auf allen Stationen unter den gleichen 
Bedingnngen, wie sie für die Monatskarten gelten, Ferien- 
Stamm» und Nebenkarten für alle Wagenklaffen ausge 
geben. Eine ähnliche Anordnung hat die bayerische 
Staatsbahn getroffen. Danach werden bis Ende August 
Karten ausgegeben, die volle 4 Wochen Giltigkeit haben. 
Diese Sommerkarten können aber auch mit einer um eine 
zwei oder drei Wochen verlängerten Giltigkeit gelöst 
werden. 
-s Bahnhofs«erkehr. Nach der soeben fertig 
gestellten amtlichen Statistik haben 128 000 Personen vom 
7. bis 10. d. Mts. den Stettiner Bahnhof verlassen. In 
Berechnung gezogen ist lediglich der Verkehr des Fern 
bahnhofes ohne Vorortverkehr. Gegen das Vorjahr be 
deutet dies wiederum eine Steigerung um 12 000 Personen. 
Besonders auffallend war das Anhalten des starken Ver 
kehrs heute vor 8 Tagen, an dem allein noch 32 800 
Personen abgereist sind oder 9000 mehr als im Vorjahre. 
Der stärkste Tag war der letzte Sonnabend mit 39 900 
Personen. An Gepäckwagen waren nicht weniger als 
1290 Achsen an den 4 Tagen erforderlich. Auch auf den 
übrigen Bahnhöfen hat der Reiseverkehr in diesen Tagen 
den des Vorjahrs bedeutend überschritten, namentlich sind 
vom Anhalter Bahnhof viele tausende nach den Alpen 
gegenden abgefahren; die Züge nach Schlesien weisen 
ebenfalls eine bedeutende Vermehrung der Fahrgäste auf. 
t Vom neuen Sportpark. Rüstig schreiten die 
Arbeiten vorwärts von Tag zu Tag vervolkommnet sich 
das Bild und falls nicht unvorhergesehene Ereignisse ein 
treten, besteht Hoffnung das wenigstens Mitte August, die 
ersten Rennen auf der neuen Bahn abgehalten werden 
können. Über die Anlage der Rennbahn selbst weiß eine 
Berliner Zeitung folgendes zu melden: 
Der Bahnkörper besteht zu unterst aus Erdauffchüttungen, die der 
Forin des Geläufs entsprechen, und die über sich zunächst eine Beton 
schicht von insgesamt zwölf Zentimeter Stärke erhalten. In der 
Mitte, also auf sechs Zentimeter, ist ein Netz von 5 Millimeter dicken 
Eisenstäben angebracht, welches auch bei anderen Bahnen zum besseren 
Zusammenhalt des Betons dient und namentlich in den Kurven dessen 
Rutschen nach der Innenkante verhüten soll. In Abständen von etwa 
drei zu drei Metern sind hier in Steglitz außerdem in die obere 
Betonschicht sogenannte Führungsleisten aus Holz eingelassen, die 
aber die Tatsachen sprachen deutlich genug. Alan hatte es 
offenbar mit einer Ticfohmnächtigcn zu tun — oder — ?" 
Irgend jemand schob zart die Augenlider zurück, die fest ge 
schlossen waren. Oder Schlagfluß? — Die alte Dame war 
tot, ohne Zweifel. — Der Schaffner war unterdeß auch her 
beigekommen. — Er wußte ganz genau, daß er zivischen 
Monte Carlo und Roccabrunna die Dame gesehen. — Eher 
nicht. — Das stimmte. War sonst noch jemand in der Ab 
teilung? — Ja — ein paar Herren — später nur einer — 
der ivar aber in Mentone wohl ausgestiegen, später erinnerte 
er sich nicht, ihn gesehen zu haben. — Die Erivähnting der 
Mitreisenden veranlaßte den Polizisten, Herrn Edlvard Floris, 
der seinen Namen sofort genannt- hatte und an dessen Arni 
die sehr erschütterte, blaffe Schwester hing, aufzufordern, in 
den Taschen der alten Dame nachzusehen. Das Erste, was 
der junge Mann herauszog, war das ihm und seiner 
Schwester wohlbekannte Portemonnaie, das eine indische Arbeit 
war und ganz voll Gold steckte. Sogar ein paar einzelne 
Goldstücke zog er mit ihrem Taschentuch heraus. 
Das genügte. Raub oder dergleichen lag nicht vor — 
man hielt den Beweis für erbracht, daß ein Schlagfluß die 
Dame getötet. 
Und nun kamen die von einem dienstfertigen Facchino 
herbeigeholten Leute mit dem Krankenkorb. 
Edward Floris rief einen der nun überflüssigen Polizisten 
und bat ihn, seine Schwester nach dem Hotel Bristol zu ge 
leiten; — er folgte, nach Austeilung einer Menge Trink 
gelder, denn von allen Seiten wurden offene Hände ihm ent 
gegengestreckt, und vorsichtig und still trugen die Männer die 
Leiche der alte:: Frau neben ihm her. 
Im Hotel große Aufregung! Man wollte die Tote 
nicht aufnehmen. Jetzt in der Hochsaison! Welche Zu- 
6 Zentimeter hrch und 3 Z.ntimeter breit sind. Sie haben den Zweck, i 
bei großer Hitze durch ihr Zusammenschrumpfen dem sich ausdehnenden 
Beton so viel Spielraum zu geben daß er sich nicht w rft. Uber dem 
Beton kommt die eigentliche Zementdecke ton rier Zentimeter Stärke. 
Hier dienen demselben Zweck wie die Führungsleisten beim Beton, 
mit Asphalt ausgegoffene Rmnen. die in gleichen Abstäuien genau 
auf den Leisten quer über den Zement-Estrich laufen. Bei höheren 
Temperaturen dehnt sich der Estrich, dtekFahrstäche wird rngleichmäßig 
und verursacht schließlich umständliche Reparaturen. Bei den in der 
Sonnenhitze weich werdenden Asphaltrinnen ist das unmöglich. Es 
ist das ein neues Verfahren, das feine Aufgabe hoffentlich in vollem 
Maße erfüllen wird. Das intereffanteste ist natürlich der Bau der 
Kurven. Die Erdaufschüttungen gehen hier nur bis zur Hälfte der 
Kurvenhöhe. Ihre Fortsetzung bis auf insgesamt elf Meter Breite 
bilden eine Anzahl gemauerter Pfeiler, welche zwischen sich Ra.m für 
Kabinen laff-.n und durch offene Rundbogen im Mauerwerk die Trag- 
kra't der oberen Teile erhöhen. Auf die Pfeiler werden große Zement- 
platten gelegt, auf welche Beton und Estrich in denselben Stärkcoer- 
hältniffe wie in den Geraden und ebenfalls mit Hol,-Führungsleisten 
und Afvhaltfugen versehen, gebracht werden. Die Nordkurve ist im 
Rohbau vollendet, an der Sudkuroe werden die Erdarbeiten eben in 
Angriff genommen, die Längsseiten sind inklusive des Betons fertig, 
und am Mitte och wurde auf der den Tribünen gegenüberliegenden mit 
der Zementierung begonnen. Täglich sind feit dem letzten Maitage 
150 Arbeiter tätig, um den stattlichen Bau zu fördern. Eine gan,e 
» l arbeitet über den 6 Uhr-Feierabend hinaus bis 10 Uhr abends. 
en beiden, für je 500 Pers.nen beregneten Tribünen steht die 
eine, wie gemeldet, im Rohbau bereits fertig, bei der anderen ist erst 
der gemauerte Unterbau vollendet. Durch diese Unterbauten, in 
welchen die Restaurationsräume und Bureaux eingerichtet werden, 
kommen die Tribünen bedeutend höher über dem Bahnniveau zu 
stehen als in Friedenau, was der Übersicht siäerlich nicht schadet. 
An der Zielseite wird neben der Einlautskurve in deren höchster Höhe 
ein gleichfalls zementiertes Plateau von sechs Meter Breite für die Motor- 
Maschinen aufgeschüttet. Von hier werden die Schrittmacher über die sanfte 
Senkung znr Bahn heransausen, wenn die Dauerfahrer starten oder wenn 
deren Motore gewechselt werden sollen. Auf der B hn wird keine Maschine 
stehen, so daß Behinderungen oder gar UnglückSfäll-, wie sie sonst 
schon dadurch verursacht wurden, hier ausgeschlossen sind. Zu dem 
Plateau führt von rückwärts ein langer Anberg, über welche» die 
Schrittmacher ihre Maschinen auS den Kabinen und Unie ständen der 
Nordkurve auf das Plateau schaffen können, ohne die Bahn -u 
passieren. Bon den Kabinen, die mit einer Breite von 3,60 Meter 
und einer Tiefe von 4 Met r bedeutend geräumiger sind alS in 
Friedenau, und von denen unter der Nordkurve 32, unter der Süd- 
kurve 35, insgesamt 67 rorhand.n sind, leitet eine Unterführung 
durch jede Kurve direkt auf den Innenrau i. so daß auch kein Fahrer 
die Bahn zu kreuzen braucht. Die Direktion ist bestrebt, die Be 
förderung der Bahnbesucher soviel als möglich zu erleichtern. ES 
wird nur geplant, den alten Güterbahnhof Steglitz, der fast unmittel- 
bar neben dem Sportplatz sich b.findet, als Kvpfstation für Sonder 
züge auszugestalten, die vom Potsdamer Hauptbahnhvf abgelassen 
werden könnten, sondern der Eisenbahnfiskus hat bereits die ersten 
Schritte getan, um eine Verbindung des Bahnhofs EberSstraße mit 
der Wannfecbahn herbeiführen. Die Verwirklichung dieser Absicht 
würde einen direkten Verkehr von der gesamten Stadt- und Ringbahn 
mit Steglitz ermöglichen, allerdings mit einmaligem Umsteigen auf 
Bahnhof Ebersstraße. 
f Der Sockel für das Graf Moltke-Denkmal, 
900 Zentner schwer, wurde am Dienstag in das Atelier 
des Herrn Bildhauers Professor Casal geschafft, wo bekannt 
lich das Denkmal gefertigt wird. Am Denkmal selbst hat 
man heute Morgen begonnen, das Standbild auf das 
Postament zu heben. Es geschieht dies mittels eines 
hohen Montierungsgerüstes und dreier starker, auf Schienen 
laufender eisernen Winden. 
-fVersteigerung. In öffentliche: Versteigerung wurden 
vorgestern die Ladeneinrichtungen nebst Warenbeständen 
des Herrn Zigarrenhändlers Feller, Handjerystraße 81 und 
Moselstraße 1 u. 2 an die Meistbietenden verkauft. Die 
erzielten Preise sollen äußerst niedrig sein. 
f Vermieters Freuden? Die Suche nach Woh 
nungen hat seit dem 1. Juli wieder begonnen. Aus 
diesem Anlaß geben wir ein humoristisches Zwiegespräch 
unseren Lesern zum Besten: 
.Guten Tag, Herr Müllerl Meine Name ist Meyer. Sie haben 
eine 4 zimmeriqe Wohnung im 2. Stock zu vermieten?" Sehr an- 
genehm, Herr Meyer, — jawohl, Herr Meyer. Bitte, wollen Sie mir 
folgen?' — .Hm, hm, No dseite, wie mache ich das nur mit meinen 
Orchideen? Sie brauchen notwendrg Sonne, Herr Müller?" .Aber 
bitte, das vierte Zimmer geht ja nach Süden heraus, sehen Sie hier, 
der schönste Sonnenschein, Herr Meyer!" .Richtig, ja, wahrhaftig, 
sehr nett, daS ginge. Aber diese Tür zur Nebenwohnung kann inan 
da nicht alles hören? Wenn nun die Leute nebenan neugierig sind und 
horchen?" .O, Herr Meyer, erstens ist's eine von mir verschlossene 
Doppeltür — na, und dann kann ich ja eine Blende einmauern lassen, 
wenn Cie das wünschen." „Sehr schön, Herr Müller, ich bitte 
darum! Sehen Sie, cs ist auch deshalb besser für uns und die An 
wohner, weil, hm, nun, weil wir etwas Kleines erwarten, verstehen 
Sie?" „Soso, ja, dann allerdings, jawohl, ich werde gleich den 
Maurer bestellen, Herr Meyer." .Wie hoch ist der Preis, Herr 
Müller?" .800 M., Herr Meyer. Sie stben, ich suche nicht, wie 
viele andere Hausbesitzer, hartnäckig die früheren Miete» zu halten, 
wo es schließlich bei der fabelhaften Bautätigkeit doch nichi mchr zu 
erzwingen ist, sondern füge mich den Verhältnissen " „Sehr wohl, 
ganz richtig, Herr Müller, 800 M. sind für die Wohnung nicht zu 
viel. Pränumerando?" „Jawohl, natürlich pränumerando, Herr 
Meyer. Sie können monatlich, vierteljährlich oder halbjährlich voraus- 
bezahlen?" „Nun, sagen wir aljo halbjährlich, Herr Müller, aber 
postnumerando — ich habe jetzt viele Beschaffungen wegen'des zu er 
wartenden Ereignisses, auch andere außergewöhnliche Unkosten —" 
mutung! Endlich gab der Wirt in einem Seitengebäude einen 
Raum dazu her; als er aber dann erfuhr, daß die Tote die 
„berühmte, schwer reiche" Mrs. Henderson sei, die früher 
jahrelang in seinem Hotel gewohnt, da bereute er seine 
Schroffheit sehr und entschuldigte sich, er sei eben ein junger 
Anfänger und müsse sorgen, daß seine Gäste keinen peinlichen 
Eindrücken ausgesetzt wären. Dafür erbot er sich aber um so 
beflissener, die Aufbahrung usw. durch geeignete Leute be 
sorgen zu lassen. — Das nahm Herr Edward Floris gern 
qn, und während seine junge Frau und Ellen tief ergriffen 
später der teuren Toten selbst gern alle diese letzten Dienste 
zu tun bereit waren und doch von der energischen Signora, 
die dazu herbeigerufen worden, gar nicht zugelassen wurden, 
besorgte er ebenso erschüttert all die notwendigen Telegramme, 
die Anzeigen bei der Obrigkeit, und was sonst unerläßlich. 
In alle diese für die übrigen Hotelgäste ganz spurlos 
vorübergehende, stille Unruhe fiel plötzlich die Schreckens 
nachricht, daß die alte Dame ermordet sei. Die energische 
Signora schickte zunächst nach Aerzten und dann zur 
Kriminalpolizei. — Die jugendlichen Verwandten hatten es 
gar nicht glauben wollen, es war ja so unfaßbar — Tante 
Susan ermordet? Sie die keinen Feind hatte? Die zahllosen 
Unglücklichen Wohltaten erwiesen? 
Aber die Tatsache stand fest — mitten ins Herz hatte sie 
das Stilet — eine ganz dünne, dreischneidige Klinge des 
Mörders getroffen, so tief und sicher, daß sie kaum einen 
Laut ausgestoßen haben mochte. Und kein Tropfen Blut mar 
in ihre äußere Kleidung gedrungen — der feine Riß in dem 
Brustteil ihres Seidenkleides kaum zu sehen. — Erst, als 
man ihre Oberkeider abgenommen und einen kleinen Blutfleck 
i in der Wäsche entdeckte, war die Signora aufmerksam ge- 
' worden. 
.Wie, was? Nee, jetzt hab' ich's aber'sait, sehr geehrter Herr! Erst 
kommen Sie mit Orchideen, dann mit Horchideen, nachher mit Storch, 
ideen und nun gar mit Borgideen! Wissen Sie was, ich danke ganz 
ergebenst, adieu, Herr Meyer?" 
f Der Verein der Deutschen Kaufleute (Un 
abhängige HandlUngsgehilfenorganisation, Sitz Berlin), 
hat soeben seinen Jahresbericht für 1904 herausgegeben, 
aus dem hervorgeht, daß der Verein auch in dem ver 
gangenen Jahre wieder einen lebhaften Aufschwung ge 
nommen hat. Die Mitgliederzahl war am Schluffe des 
Jahres von 10 451 auf 13031 gestiegen und ebenso hat 
sich auch die Zahl der Ortsvereine auf 167 vermehrt. 
Die außerordentliche Leistungsfähigkeit des Vereins auf 
sozial-politischem Gebiete hat ihn zu einer der beliebtesten 
Organisationen innerhalb der Handlungsgehilfenbewegung 
gemacht. So zahlte der Verein an stellenlose Mitglieder 
1904 28 740,15 M. Unterstützungen und an außer 
ordentliche Unterstützungen 996 M. Aus diesen Zahlen 
geht deutlich hervor, daß die Stellenlosenfürsorgetätigkeit 
des Vereins allen anderen Vereinen gegenüber als muster- 
giltig bezeichnet werden muß. Aber auch auf allen anderen 
Gebieten der Fürsorgetätigkeit für die Handelsangestellten 
hat der Verein außerordentlich Ersprießliches geleistet. 
So wurden an die Pensionskaffe abgeführt: Mark 13 381,26, 
für Rechtsschutz gezahlt Mark 1 622,38, für die Stellen 
vermittlung Mark 11 263,04. Die Krankenkasse des 
Vereins zahlte Mark 148 650,68 an Krankenunter- 
stütznng und Begräbnisgeld. Der Verein hat auch im 
verflossenen Jahre eine kräftige Tätigkeit für die Reform 
bestrebungen im kaufmännischen Berufe entfaltet und 
zahlreiche Versammlungen in allen Teilen des Reiches 
veranstaltet. Der für jeden Sozialpotitiker höchst inter 
essante Jahresbericht zeigt wiederum, daß auch die Hand 
lungsgehilfen immer mehr erkennen, wie notwendig für 
sie eine unabhängige, wirtschaftliche Berufsvereinigung 
ist und die notwendigen Opfer dafür zu bringen be 
reit sind. 
f Die Heilsarmee hat nach Londoner Muster eine 
„Trinker-Rettungsbrigade" eingerichtet, die am Sonnabend 
in der Nacht von 12 bis l / 2 4 Uhr in Tätigkeit getreten 
ist. Eie stellt sich die Aufgabe, schwer betrunkene Leute 
zu führen, sie vor Beraubung zu schützen und womöglich 
sicher in ihr Heim zu bringen. Für ganz schwer 
Betrunkene steht der Brigade auch eine Tragbahre zur 
Verfügung. Die weiblichen Mitglieder tragen nicht den 
bekannten Hut, sondern eine Mütze mit dem Abzeichen 
der Heilsarmee auf dem Kopfe. Auf der linken Brustseite 
jedes Mitgliedes hängt an einer breiten roten Schnur eine 
Signalpfeife, durch die sie sich gegenseitig verständigen. 
f Engen Zitzmann, dem bekannten Zither- 
Meisterspieler, der dieser Tage das neu eröffnete Restaurant 
Roland an der Ecke der Rhein- und Roennebergstraße 
übernommen hat, dem Freund aller Künstler und Literaten, 
widmete einst Julius Donny von schwerem Krankenlager 
die folgenden stimmungsvollen Verse, die den „Lauten 
meister" und den Dichter gleichermaßen ehren: 
Nun ich sterben soll, schließt die Fenster zu, daß mir Frieden 
werde in des Abends Ruh! Tretet still beiseite, sprecht kein lauteS 
Wort! leise will ich schweben von der Erde fort! 
Meinem Lautenmeister aber trauervoll saget, weil ich sterbe, 
daß er kommen soll! Sagt ihm, daß er leise in das Zimmer tritt, 
und er soll mir bringen seine Laute mit'. 
Dann zum letzlenmale, eh' die Sonne flieht, soll er leise -spielen 
mir ein Sterbelied! Will noch einmal hören todessurchtgefeit seine 
alten Lieder aus der alten Zeit! 
Will noch einmal fühlen, eh's zu Ende geht, seiner Melodieeu 
klingendes Gebet! Laßt mich selig sterben lautentonumwallt, 
wie ein Sang im Winde schwindet und verhallt! 
f Pottharft'sches Mechanisches Theater. Die 
ersten Vorstellungen sind gegeben und kann der Erfolg 
sowohl für den Unternehmer als auch fürs Publikum als 
ein guter bezeichnet werden. Man hat es hier nicht mit 
einem gewöhnlichen Kaspertheater oder einem zugelaufenen 
Puppenspieler zu tun, sondern es handelt sich um eine 
Schaustellung die für Friedenau ganz neu ist. Was da 
alles geboten wird läßt sich hier nicht aufzählen und be 
schreiben; man muß es eben sehen. Eigenartig und ver 
blüffend wirken die Darbietungen und man muß sich über 
den Mechanismus der zahlreichen Figuren wundern. 
Prachtvolle und künstlerisch gemalte Landschaften aller 
Erdteile ziehen an uns vorüber und die verschiedenartigen 
Sitten und Gebräuche des betreffenden Völkerstämme werden 
mittelst diesen vortrefflich von Herrn Pottharst selbstherge- 
stellten Figuren ausgezeichnet veranschaulicht. Egyptische 
Karavanen, wilde Tiere, eine Löwenjagd, der Untergang 
eines Dreimasters, das Leben uud Treiben der Lappländer, 
schwimmende Eisberge und Eisbärenjagd, Angriff vor und 
Beschießung von Port Arthur durch die japanische Flotte, 
Der Kriminalbeamte tat unzählige Fragen. Man stand 
vor einem Rätsel. 
Das Drachenportemonnaie enthielt eine ansehnliche 
Summe in Goldstücken. — Aus der Tasche des Kleides Holle 
man auch noch eine Anzahl. — Weiteres Geld fand sich 
nicht. — Aber — wo war die Tasche mit dem Scheckbuch, 
in welche sie 'auch ihr Papiergeld zu tun pflegte? — Man 
suchte vergebens danach. 
Gleichwohl war doch nicht anzunehmen, daß ein Raub 
mörder das ihm völlig wertlose. ,« ihm geradezu gefährliche 
Scheckbuch sich aneignete, um die Goldstücke — eine so große 
Summe, die er überall in der Welt ungefährdet ausgeben 
konnte — zu verschmähen? 
Ein Rätsel! Ein unlösbares Rätsel, denn auch die 
Diamantbrosche — die kostbaren Boutons, aus drei großen 
Diamanten von edelster Qualität bestehend, hatte der Räuber 
nicht genommen. 
„Es ist anzunehmen, daß das Scheckbuch, das heißt, die 
neben demselben in der Tasche etwa befindlichen Wert 
papiere ihn befriedigten " sagte der Beamte; — aber ihm 
selbst erschien die Sache sehr ratseihast. 
Ob Tante Susan gewonnen? Ob nichts? Das ließ sich 
durch gerichtliche Nachforschungen leicht feststellen. — Wie 
heiter hatte man den hundertmal schon wiederholten Scherz 
gegen sie ausgesprochen: „Tante Susan, Tu wirst mit 
Deine'.» System die Bank sprengen!" Ta lag das kleine 
Täfelchen von Elfenbein noch, man hatte es mit den andern 
Sachen in ihrer Tasche gefunden. 
„Welches sind die nächsteir Blutsverwandten der Dame?" 
fragte der Beanite. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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