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Periodical volume Nr. 165, 17.07.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den ßriedenaner Grtsteil von Schöneberg und den Bezirksverein Süd-West. 
Unparteiische Zeitung für Kommunale 
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Leo Schultz in Friedenau. 
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Fernsprecher: Nr. 129. 
»*. 165. 
Depeschen. 
München. Nach den „Münchener N. N." läßt das 
Verkehrsministerium Untersuchungen und Berechnungen 
wegen Ausnützung des Walchen Sees und anderer alter 
Wafferkräfte zu elektrischen Zwecken (Staatsbahnbetrieb) 
anstellen. 
Stuttgart. Der demokratische Landtagsabgeordnete 
des Wahlkreises Freudenstadt, Galler, ist im Alter von 
61 Jahren infolge eines Schlaganfalles gestorben. 
Genf. Gestern erfolgte die Volksabstimmung über 
drei Abänderungen der Kantonsverfassung. Erstens 
Initiative, zweitens Wahlgesetz, drittens Erlangung des 
Bürgerrechts. Alle Änderungen wurden mit großer 
Mehrheit, aber sehr geringer Beteiligung angenommen. 
Mailand. Unweit Turin hat sich gestern Morgen 
ein schwerer Automobilunfall ereignet. Der Turiner 
Gummifabrikant Martiny stieß mit seinem Automobil so 
heftig gegen einen Prellstein, daß der Wagen stürzte und 
5 Insassen unter sich begrub. Zwei von ihnen waren 
augenblicklich tot, Martiny wurde tödlich verletzt. 
Mailand. Ein Anarchist wurde, während er in 
seiner Wohnung Bomben anfertigte, durch die Explosion 
einer solchen schwer verletzt. 
Fünf Männer drangen Nachts in die Villa des 
Admirals Mirabello, eines Bruders des Marineministers. 
Der Admiral wurde von Einbrechern überfallen und mit 
Stockhieben betäubt und verletzt. Glücklicherweise hatte 
eiue Ordonanz das Geräusch gehört, er drang mit einem 
Revolver auf die Einbrecher ein, welche flüchteten; vier 
wurden bereits verhaftet. 
Nom. Bei dem Einsturz der Kapelle in Fermo sind 
außer 26 Frauen 50 Kinder umgekommen, während neben 
32 Frauen 30 Kinder verletzt und ins Spital gebracht 
worden sind. In ganz Italien herrscht große Bestürzung 
über die Katastrophe. 
Die Erhebung auf Kreta nimmt immer mehr zu. 
300 Mann Infanterie werden demnächst Italien verlassen 
und nach Kreta zur Verstärkung der dortigen Truppen 
abgehen. 
Die Zusammenkunft Rouviers und Tittonis wird doch 
und zwar in Aix les Bains stattfinden. Nur die Er 
krankung Tittonis hat eine Vertagung der Begegnung 
herbeigeführt. 
Paris. „Echo de Paris" meldet aus Madrid: 
Gleichzeitig mit dem Ministerpräsidenten Montero Rios 
ist auch der französische Botschafter in San Sebastian ein 
getroffen. Die Reise steht in Zusammenhang mit der 
internationalen Marokkokonserenz, welche voraussichtlich in 
Spanien zusammentreten wird. Der Ort der Konferenz ist 
zwar nicht festgesetzt, wird aber allem Anscheine nach San 
Sebastian fein. 
Ferryville. Das Unterseeboot ist nunmehr voll 
ständig gehoben. „Farfardet" ist gänzlich mit Schlamm 
bedeckt und verbreitet einen fürchterlichen Geruch. So 
bald das Schiff trocken ist, wird es mit frischer Luft ge 
füllt werden. Man ist zur Bergung der Leichen ge 
schritten. 
„sie Kache ist mein.“ 
Kriminal-Roman von L. Haid heim. 
4. (Nachdruck uctboien. 'Wie Rechte BorSdiallrn.) 
Um fünf Uhr etwa verließ Dncettl das Casino wieder — 
wilde Verzweiflung im Herzen, denn er wollte noch nicht sterben 
und konnte doch nicht mehr leben. 
Das Glück hatte heute mit ihm lgespielt wie die Katze mit 
der Maus — und als er endlich mit höchster Vorsicht und 
unglaublicher Selbstbeherrschung ein Sümmchen zusammen 
gebracht und es nun stehen ließ — mit einem Herzklopfen, das 
ihn fast bewußtlos machte — denn wenn er jetzt gewann, konnte 
er dem Notar Ventili wenigstens eine anständige Anzahlung 
bieten — da — der Gedanke war noch nicht zu Ende 
gedacht — klang das gräßliche rouxe perä ihm ans Ohr, und 
der Croupier strich ebenso mechanisch seine Geldrollen und 
Scheine zu sich her, wie das der anderen, die verloren. Und 
es war doch sein Leben! Seine Rettung! 
Man sente schon wieder; er hatte nichts mehr — nichts; 
glücklicher- oder vielmehr klugerweise reiste er nach Monte Carlo 
nie, ohne gleich Retourbillet zu nehmen. 
Ganz mechanisch, in den Formen der guten Gesellschaft und 
des Spieleranstandes, war er mit unbewegter Miene hinaus 
gegangen. Dennoch sagten die Diener am Eingang leise zu 
einander: »Der hat's!" und einer der älteren lachte und ver 
besserte: „Tie Bank hat's." ... 
Ducetti schritt wie bewußtlos m die Anlagen hinein. 
Er wußte weder, was er tun würde, noch was er tat. Ganz 
betäubt starrte er — auf eine einsame Bank gesunken — vor 
sich hin: — das Nichts grinste ihn an und versteinerte ihn 
iörmlich. — Tann kam ihm nach und nach das Bewußtsein 
Friedenau, Montag den 17. Juli 1905 
London. Der Vlissinger Nachtdampfer „Königin 
Regentin" wurde in der vorvergangenen Nacht bei 
Vlissingen infolge eines Zusammenstoßes schwer beschädigt. 
Er kehrte nach Vlissingen zurück. Passagiere und Post 
kamen in Queenborg auf dem Dampfer „Neederland" 
7 Uhr 23 Abends statt 6 Uhr Morgens an. 
Petersburg. Der chinesische Gesandte begab sich 
gestern in die Villa des Herrn von Witte, der sich jedoch 
weigert, ihn zu empfangen. 
Wie verlautet, beabsichtigen die Revolutionären am 
22. Juli in Erinnerung an das vor einem halben Jahr 
am 22. Januar stattgehabte Gemetzel eine Kundgebung zu 
veranstalten. General Trepow hat, in Voraussicht von 
neuen Unruhen, die Veröffentlichung irgend welcher Pro- 
klationen untersagt. 
Tokio. Katsura bemüht sich zwischen den Führern 
der verschiedenen politischen Parteien ein Einverständnis 
über die Frage der Friedensbedingungen zu erzielen und 
hatte bereits mehrfach Unterredungen mit verschiedenen 
Parteiführern. 
Die Kreisaögaöen. 
Das Bestreben der großen Vororte Berlins geht 
dahin, sobald wie möglich, wenn sie eine Seelenzahl über 
25 000 erreicht haben, Stadtrechte zu erlangen und aus 
dem Kreise auszuscheiden. Diese Kreise um Berlin herum 
sind der Niederbarnimer und der Teltower. Während 
ersterer Kreis noch immer mit 33'/g Prozent Zuschlag zu 
den Personal-, Grundsteuern rc. auskommt, verbraucht 
Teltow, der reichere Kreis, seit mehreren Jahren 39 Proz. 
Zuschlag für seine Zwecke, oder wir wollen sagen Friedenau 
muß fast 2 / s seiner Steuern an den Kreis zahlen. 
Die Wünsche auf Abänderung des Kommunalabgaben 
gesetzes, die in den letzten Jahren wiederholt aus städtischen 
Kreisen laut geworden sind, haben die parlamentarischen 
Körperschaften nicht zu überzeugen vermocht, daß eine 
gesetzliche Änderung oder Neuregelung bereits jetzt eine 
Notwendigkeit sei. Mit Hilfe von seitens der Finanz 
verwaltung erlassenen Anleitungen aller Art ist auf diesem 
Gebiete ein beträchtlicher Fortschritt wahrzunehmen. Wenn 
daher im allgemeinen ein Bedürfnis zu grundsätzlichen 
Änderungen des Kommunalabgabengesetzes nicht anzu 
erkennen sein wird, so erscheint es, nach den „Berl. Pol. 
Nachr." andererseits doch erwägenswert, ob die diesem 
Gesetze angehängten Bestimmungen über die Kreisabgaben 
den Verhältnissen und Bedürfnissen der Jetztzeit noch 
genügen. Man hat sich bei dem Erlaß des Kommunal 
abgabengesetzes damit begnügt, das Verhältnis der Personal- 
und Realstsuern im Kreishaushalle nach den Grundsätzen 
des Kommunalabgabengesetzes neu zu regeln, es im übrigen 
aber in bezug auf die Kreisbesteuerung völlig beim alten 
zu belasten. Infolgedessen find die Kreise zur Deckung 
ihrer Ausgaben nach wie vor auf Zuschläge zu der Staats 
einkommensteuer und auf die Erhebung von Prozenten 
des Veranlagungssolls der Grund- und Gebäudesteuer 
angewiesen. Sie entbehren also der den Gemeinden bei 
gelegten Berechtigung, besondere Grund- und Gewerbe- 
der letzten Stunden wieder — die Gesichter der Mitspielenden; — 
plötzlich sagte er ganz laut vor sich hin: „Sie gewaiiil — sie 
gewann all mein Geld!" — Und dann wußte er sogar, wie 
man sie genannt: „Mrs. Henderson" war sie von einem Be 
kannten angernfen; — ihre Verwandten sagten „Tante 
Snsanna". — Und sie lachte stolz, als der Herr sie neckte, sie 
werde mit ihrem System die Bank sprengen. — Ganze Hände 
voll Gold senkte sie lose in ihre Kleidertasche. — Aber sie 
hatte heute einen Platz in derselben Reihe mit ihm gehabt, 
vielleicht ihn kaum gesehen. 
Das Bild blieb hartnäckig vor seiner Phantasie. Wenn 
er doch ihr Glück gehabt hätte! Ihr System gekannt! — 
Ihr Geld — o, wenn er ihr Geld hätte! 
Es war ganz still und leer in den Anlagen, alle Welt 
rüstete sich zum Diner — nur auf der großen Terrasse saßen 
noch Menschen, die den Sonnenuntergang sehen wollten, und 
unter der Terrasse am Schießstande knallte es öfter — man 
übte sich im Taubenschießen. Er versank wieder in das ge 
dankenlose Brüten und saß lange da, ohne sich zu einem Ent 
schluß durchzuringen — ganz apathisch, wie lange, wußte er 
garnicht. Ebenso apathisch — er hatte den Luxuszug bereits 
versäumt — stieg er in den Bummelzug, der an allen 
Stationen hält. — Ganz zuletzt kam noch, rot vor Eile, eine 
Gruppe; — man begleitete aber nur eine alte Dame, die in 
folge einer eben erhaltenen Depesche schnell abreiste. 
Er hatte gar nicht darauf geachtet, wenn ihn nicht der 
Anblick der hastig Einsteigenden durchzuckt hätte wie ein Blitz: 
Mrs. Henderson — Tante Susan! 
Was mochte ihm durch den Kopf gehn? Er wurde 
plötzlich kreideweiß, und dann legte sich ein harter, grausamer 
Zug um seinen Mund. 
* * * 
12. Alchrg. 
steuern einzuführen, noch ebenso gänzlich, wie der 
Befugnis, indirekte Abgaben, Gebühren oder Beiträge zu 
erheben, abgesehen von gewissen Verkehrsabgaben, wie 
namentlich dem Chausteegelde. Die bisherige Regelung 
der Kreisbesteuerung mochte ausreichen, solange die 
kommunale Tätigkeit der Kreise sich in engen Schranken 
bewegte. Dies ist aber bei zahlreichen Kreisen längst nicht 
mehr der Fall. Man braucht in dieser Hinsicht nur an 
den Kreis Teltow zu erinnern, der sogar den großen 
Schiffahrtskanal zwischen der oberen Spree und der Havel 
als Kreisunternehmen ausführt und auch sonst eine 
kommunale Tätigkeit entfaltet, die derjenigen der Groß 
städte kaum nachsteht. 
Ein Unternehmen wie der Teltowkanal ist Sache des 
Staats. Auf alle Fälle werden die jetzt erhobenen 
39 Prozent in Zukunft nicht ausreichen und müssen, 
namentlich diejenigen westlichen Berliner Vororte, die gar 
keinen Nutzen vom Kanal haben, mitbluten. Man hofft 
nach Etablierung von Fabrikanlagen seitens Privater an 
dem Kanal den Kreis steuerkräftiger zu machen, aber zu 
solchen Summen, wie der Verzinsung von rund 30 Mill., 
gehören gewaltige Unternehmungen. Ob diese in zwanzig 
Jahren sich am Kanal angebaut haben werden, ist sehr 
fraglich. Ortschaften, wie Teltow, werden nach dem jetzt 
eingetretenen Aufschwung rapid wachsen. Haben sie erst 
25 000 Seelen erreicht, dann treten sie aus den Kreis, 
zahlen eine kolossale Abfindung und der Kreis hat das 
Nachsehen. Man kann es daher dem Herrn Landrat nicht 
verdenken, wenn er sich gegen Stadtwerdungen und Aus 
scheidungen aus dem Kreis sträubt. Bei Orten, die bereits 
Stadt sind, wie Köpenick und Teltow, geht die Sache 
schneller. Selbst nach der großen Entschädigung von 
Wilmersdorf wird der Kreis einen großen Steuerausfall 
haben. An ein Hinuntergehen der Kreissteuern ist nicht 
zu denken. Das Gegenteil wird eintreten. 
Aber auch andere Kreise haben namentlich auf dem 
Gebiete des Verkehrswesens und der Gesundheitspflege so 
umfangreiche kommunale Einrichtungen getroffen und dem 
zufolge einen so starken Kreishaushalt, daß die unvoll 
kommene Regelung des Kreissteuerwesens ihnen die sach 
gemäße Deckung ihrer Ausgaben empfindlich erschwert. 
Bereits bei dem Erlasse des Kommunalabgabengesetzes ist 
in den Verhandlungen des Landtages darauf hingewiesen, 
daß die damit verbundene Ordnung des Kreissteuerwesens 
nur ein Provisorium bedeuten könne. Nachdem inzwischen 
die kommunale Tätigkeit der Kreise sich in so reichem 
Maße entwickelt hat, wirft sich jetzt die Frage auf, ob 
nicht der Zeitpunkt gekommen sein möchte, dieses 
Provisorium durch eine endgiltige Ordnung des Kreis- 
steuerwesens nach den Grundsätzen des Kommunalabgaben 
gesetzes zu ersetzen. 
Allgemeines. 
fj Über das Züchtignngsrecht der Lehrer 
höherer Unterrichtsanstalten hat das Provinzialschul 
kollegium jetzt folgende Verfügung erlassen: Mehrere Fälle 
von Überschreitung des Züchtigungsrechts durch Lehrer rc. 
In Bordighera verließen mehrere Reisende deiOZug: — 
dasselbe war schon in Roccabrmia und in Mentone geschehen 
— auch aus dem letzte» Wagen im Zuge stieg ein Herr und 
schritt langsam dem 'Ausgange zu. Er schien hier bekannt, 
denn erfragte niemand um den Weg. 
Niemand achtete auf ihn. Gemächlich schritt er vom 
Bahnhof gerade aus die breite Chaussee hinaus, die sich eine 
Strecke weiter oben mit der Ltrncka romanu kreuzt. Dort bog 
er nach links — später wieder nach rechts und dann hatte 
er sich in den Olivengärten, des Tales, das sich hier nach 
Norden zieht, verloren. 
llnterdeß erreichte der Zug San Remo. 
„Tante Susan! Wo ist Tante Susan? Sie ist nicht 
mitgekommen!" rief das junge Mädchen, welches diese Dame 
noch gestern Ellen nannte, ihrem Bruder Edward zu, der 
seinerseits auch in die Wagen blickte. 
Alan verließ schon den Bahnhof. 
Auf einmal ries einer der Zngbcamten dem Geschwister- 
paar zu: „Sie suchen eine Dame? Im letzten Wagen liegt 
eine Tote!" Sie verstanden den Italiener nicht. — Miß 
Ellen fragte den Bruder: „Was mag er wollen?" Da trat 
ein anderer heran, der in mühsam gesuchten englischen 
Worten den jungen Herrn benachrichtigte, eine alte Dame 
liege ohnmächtig im letzten Wagen, tot sei sie wohl nicht, er 
hosse, es sei nur Ohnmacht. 
Eine alte Dame? Als die Geschwister, begleitet von einer 
Anzahl Neugieriger, angstvoll dort ankamen, trat schon ein 
Polizist herzu. Ihm machte alles Platz. 
Und dann stieß Ellen einen Schrei aus: „Edward! 
Edward, sie ist cs, sieh nur, sich!" 
„Sie kennen also diese Dame?" fragte der Polizist. Es 
war für die Oesterreichcr nicht leicht, seine Worte zu begreifen.
        
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