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Periodical volume Nr. 164, 15.07.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Fnedenauer Grtsteil von Schöneberg und den Bezirksverein Süd-West. 
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Kr. 164. 
Friedenau, Sonnabend den 15. Juli 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
München. Der Ministerpräsident von Podewils 
wäre gestern Abend zum Prinzregenten nach Hohenschwangau 
auch dann gereist, wenn kein Ministerrat vorangegangen 
wäre. Der Ministerpräsident war zum Bortrag geladen, 
um über die Sitzung des Bundesratsausschusses für aus 
wärtige Angelegenheiten usw. zu berichten. Selbstver 
ständlich haben sich die Minister gestern im Ministerrat 
über die innere politische Lage ausgesprochen und der 
Ministerpräsident wird auch hierüber dem Regenten 
referieren. Wie man hört, steht die Regierung auf dem 
Standpunkt, daß Baiern ein konstitutioneller Staat sei und 
die Ministerwechsel nur durch den Willen des Regenten 
bedingt sei. 
Stuttgart. Die bekannte Entschädigungsklage, die 
Freiherr v. Münch gegen den Fiskus auf Zahlung einer 
Entschädigung von 10 000 M. wegen der s. Zt. gegen 
ihn verfügten Einweisung in eine Irrenanstalt angestrengt 
hat, und die bereits an das Landgericht, das Oberlandes 
gericht und das Reichsgericht beschäftigt hat, wurde gestern 
von der Civilkammer des Landesgerichts in Stuttgart 
kostenpflichtig abgewiesen. 
Venedig. Ein furchtbares Gewitter ist gestern 
niedergegangen, zahlreiche Häuser wurden abgedeckt, viele 
Gondeln sind infolge des herrschenden Orkans gesunken. 
Der angerichtete Schaden ist enorm. 
Rom. Der italienische Generalkonsul in Neuyork 
meldet, daß zwei gefährliche Anarchisten sich nach Italien 
eingeschifft hätten, von denen der eine angeblich beauftragt 
sei, den König von Italien zu ermorden, während der 
andere sich den Präsidenten Loubet als Opfer erkoren habe. 
Der italienische Ministerpräsident Portis hatte gestern 
eine längere Unterredung mit dem österreichischen Bot 
schafter. Der Gegenstand der Besprechungen ist nicht 
bekannt, infolgedessen durchschwirren die Stadt allerlei 
Gerüchte über die Unterredung. 
Pari-. Der „Matin" meldet aus San Sebastian: 
Döroulöde sei vom Könige Alfons und der Königin- 
Mutter eingeladen worden, die Königliche Familie zu 
besuchen. Däroulside erklärte' mehreren Freunden, er 
betrachte sich nicht als amnestiert und werde nicht nach 
Frankreich zurückkehren, solange er nicht sein Recht 
erlangt habe. 
„Echo de Paris" berichtet aus San Sebastian, 
Däroultzde habe die Begnadigung abgelehnt. Er werde 
heute nach Barcelona reisen, von wo er sich nach Venedig 
und Wien begeben wolle. In letzterer Stadt werde er 
solange bleiben, bis ein weiterer Beschluß der französischen 
Regierung ihm gestatten werde, im vollen Besitze der 
bürgerlichen Rechte nach Frankreich zurückzukehren. 
Ein einflußreicher Abgeordneter erklärte, Präsident 
Loubet sei entschlossen, Döroulöde völlig zu amnestieren 
und zwar auf speziellen Wunsch des Königs Alfons von 
Spanien. Sollte diese Absicht verwirklicht werden, so 
würde wahrscheinlich der Kriegsminister Berteaux seine 
Demission geben. Dagegen soll Rouvier dem Amnestie 
3. 
ist mein." 
Kriminal-Roman von L. Haidheim. 
(Nachdruck verboten. Alle Rechte vorbehalten.) 
Das war der Inhalt der langen, völlig schlallosen Nacht 
lunden. — Wie Icbcube Bilder zu diesem Text tauchten vor 
einer gefolterten Seele zahllose Erinnerungen auf — schöne, 
rievlichr, häusliche Szenen, luftige Karnevalfefte, Reisen und 
Seefahrten in Geiellschast ebenso heiterer, sorgloser und meist 
auch reicherer Freunde. — Alle liebten ihn, wollten kein Ver 
gnügen genießen ohne ihn, behaupteten, dann komme nie die 
rechte Stimmurig auf. Und ihin lat diese Freundschaft so 
ivohl. — Er hatte immer den Trost, wenn der innere Richter 
ihn mahnte und strafte, daß er mit feiner ungewöhnlichen 
Arbeitskraft die verlorenen Stunden und Tage nachholen 
könne — daß er viel Geld verdienen würde. — Rrrr, daß er 
nie dazu kam! — Unordnung riß ein in seinem Geschäft, in 
seinen Finanzen, er sah sich in Schulden und wußte kaum, 
ivie! Er verkaufte ein Papier nach dem aiidern. — Das 
wuchs aber wie eine Lawine! Sein Haus war schon mit 
Hypotheken beladen, er nahm noch eine' letzte auf. — Nun 
blieb ihm nichts mehr als das Gütchen in den Seealpen — 
Santa Alma — ein ziemlich wertloser Besitz, nicht eimnal 
gut genug, dahin zu flüchten mit den Kindern, denn Haus 
und Garten waren seit einem Mcnschenalter verwahrlost. 
Nur die Olivenwälder und die Bergwiesen trugen eine geringe 
Pacht. 
„Ich bin verloren, wenn ich das Geld nicht schaffe; 
Notar Ventili gibt mir keine Stunde länger Frist, er sah mich 
so mißtrauisch und durchdringend an, als er mich neulich mit 
den andern Herren beim Spiel traf! — Und der Richter! 
gedanken keine Schwierigkeiten bereiten, selbst wenn daraus 
eine partielle Ministerkrisis resultieren sollte. 
London. „Exchange Telegraph-Compagnie" meldet 
aus Petersburg, es verlautet, daß General Trepow zum 
Minister des Innern als Nachfolger Bulygins ernannt 
werden soll. 
„Central News" erfährt aus Odessa, daß aus sämt- 
lichen Schiffen der Schwarzmeer-Flotte je 1 / 2 Bataillon 
Infanterie eingesetzt sind, zu dem Zwecke, etwaige Vor 
fälle, wie sie sich auf dem „Potemkin" zugetragen haben, 
zu verhindern. Amtlicherseits wird zugestanden, daß die 
Haltung der Mannschaften sehr unzuverlässig ist. 
Wie aus einem Telegramm des Gouverneurs von 
Bombay an den Staatssekretär von Indien hervorgeht, 
hat die Pest im Laufe des Monats Juni 28 082 Opfer 
gefordert. Auf die Provinz Pundjah allein entfallen 
21 601 Todesfälle. In Bombay sind 3100 Menschen der 
Pest erlegen. Sämtliche Opfer sind Eingeborene. 
Madrid. Der Finanzminister Urzaiz wird durch 
Havarro Revertter ersetzt werden. — Villaverde ist be 
denklich erkrankt. 
Christiania. Die norwegische Regierung wird 
dieser Tage eine Note der schwedischen Regierung über 
mitteln, in welche: um endgiltige Antwort auf den Vor 
schlag ersucht wird, einem Prinzen des Hauses Bernadotte 
die norwegische Krone zu übertragen. In der Note soll 
erklärt werden, daß Norwegen bei einem ablehnenden 
Bescheide seitens der schwedischen Regierung sich an einen 
Prinzen des Auslandes wenden werde. 
Washington. Präsident Roosevelt hat die amtliche 
Notifikation der Ernennung Wittes zum russischen Friedens 
unterhändler erhalten, worauf er ein Telegramm nach 
Petersburg sandte, worin er seiner Befriedigung über diese 
Ernennung Ausdruck gibt. 
Allgemeines. 
0 Eisenbahnverkehr mit Rußland. Auf der 
preußisch-russischen Eisenbahn-Verbindungslinie Herby— 
Czenstochau wird vom 15. Juli ab der bis dahin als 
Privatanschluß betriebene Verkehr zwischen der preußischen 
und der russischen Station Herby dem öffentlichen Verkehr 
übergeben und der Betrieb dieser Verbindungslinie in 
vollem Umfange aufgenommen worden. 
Lokales. 
t An Strohwitwern und Strohwitwen ist zur 
jetzigen Zeit kein Mangel. Den ersteren werden — ob 
mit Recht, das sei dahingestellt — allerlei schlimme Dinge 
nachgesagt, die auf junggesellenhaften Leichtsinn schließen 
lassen, während die letzteren ob ihres meist durch eifrige 
Reinemachetätigkeit ausgefüllten, schneckenhaft zurück 
gezogenen, häuslichen Daseins nur Lob verdienen. Man 
kann also hier nicht sagen: Der eine ist von Stroh, — 
die andere ebenso — obgleich sie beide jenen sonderbaren 
Titel tragen. Das Stroh spielt in ^unseren bildlichen 
Volksredensarten eine besondere Rolle. Von jemanden 
heißt es, e: hat Geld wie Stroh, man spricht von stroheren 
Banden, die ihrer geringen Haltbarkeit wegen die ver- 
schiedenen Personen nur lose verknüpfen. Das Bett 
armer Leute ist mit Stroh gefüllt: daher die Redensart: 
auf dem Stroh liegen, d. h. in Not und Armut sein. 
Man kann einen Menschen bis aufs Stroh bringen, d. h. 
aus besseren Verhältnissen in bittere Armut. Von einem 
gedankenlosen Schwätzer sagt man, er drischt leeres Stroh; 
eine rasch aufflammende, aber ebenso rasch wieder ver 
fliegende Begeisterung bezeichnet man als Strohfeuer. 
Auffallen muß es, daß man wohl vom Strohmann, nicht 
aber von der Strohfrau spricht, wenn man einen Menschen 
bezeichnen will, der nichts bedeutet und nichts vermag. 
Unter Strohmann versteht man aber auch eine Person, die 
an die Stelle eines Berechtigten oder seines strafbaren 
Täters vorgeschoben wird. 
t Über die Gemeindevertreter Wahlen in den 
Berliner Vororten hat kürzlich die Regierung in Potsdam 
eine wichtige Entscheidung gefällt. Bisher war es in den 
Vororten üblich, nur alle zwei Jahre bei den regelmäßigen 
Wahlen zur Gemeindevertretung Wählerlisten aufzustellen 
und auszulegen. Hiedurch wurde die Agitation für die 
einzelnen Pateien fast unmöglich und verschiedentlich 
wurde die Behauptung aufgestellt, das die Auslegung der 
Wahllisten nur nicht erfolge, um den nach den Vororten 
gezogenen Berlinern die Wahlbeteiligung zu Gunsten 
der Alteingesessenen zu erschweren. Da die Landgemeinde 
ordnung Zweifel über die Verpflichtung zum Auslegen 
der Wählerfisten in jedem Jahre, y""- gleich, ob Wahlen 
stattfinden "'^der nicht, »E-^Anen läßt, so betraten 
Pankower Gemeindevertreter Beschwerdeweg. Der 
Landrat stellte sich auf den Standpunkt der Gemeinde 
vorstände, die Liste brauche nur alle zwei Jahre zwei 
Monate vor der Wahl ausgelegt werden. Auf eine 
weitere Beschwerde an die Regierung zu Potsdam ist 
jetzt folgende Antwort des Landrats eingegangen: 
„Im Aufträge des Herrn Regierungspräsidenten teile ich Ihnen 
auf Ihre gegen meinen Bescheid vom 8. April 1905 gettchtete Be- 
schwerde.vom 24. April ergebenst mit, daß im Gegensatz zu der bis- 
herigen Übung künftig die Wählerlisten auf Grund der berechtigte» 
Gemeindegliederliste alljährlich aufgestellt und ausgelegt werden wird." 
In Friedenau wurde in diesem Sinne schon immer 
verfahren, die Wählerlisten gelangen alljährlich im Früh 
jahr zur Aufstellung und Auslegung. 
f Submissions-Termin ausgeschrieben von der 
Gemeinde Friedenau, für Lieferungen der verschiedenen 
Kohlen und Brennholz, fand heute Mittag 12 Uhr im 
Bau-Bürau Zimmer Nr. 26 statt. Neun Bewerber hatten 
ihre versiegelten Offerten dazu abgegeben und zwar von 
den hiesigen größeren Händlern Mar Davidsohn und 
Richter, ferner die Berliner Großhandlungen Johann 
Weiß, Dahlmann & Uno, Reiher & Behm und mehrere 
andere. In der Hauptsache drehte es sich um die Haus 
brandkohlen, Preßkohlen, Anthracit, Koks und Brennholz 
sowohl für die Gemeindzwecke selbst, als für Armenunter 
stützung ebenso für die Schulen und das Gymnasium. 
Die verschiedenen abgegebenen Preise, für die einzelnen 
Constanzes Freund und Verehrer! — Noch ahnt ei nichts. — 
Wenn er um sie werben sollte — ich glaube es! — Dann — 
dann wäre sie geborgen! 
Das Geld! Tas Geld! Ich muß es haben!" 
Der Mond stand hoch am Himmel, das leise bewegte 
Meer mit Fluten von Silber übergießend. Ducetti ging auf 
seinen Balkon. — Tie ganze unbeschreiblich schölle Szenerie 
von Monte Carlo lag vor ihm in diesem unendlich klaren 
Licht, das jede Linie, jeden zackigen Fels hervorhob — die 
Blätter der Palmen wie Mondstrahlen spiegeln ließ und die 
Farben der Blumen, die sich an der Terrasse gegenüber empor 
rankten, erkeililbar machte. 
Eine zaubcrschölrc "Nacht, würden glückliche Menschen 
sagen. — Dem friedlosen Manne schauerte es plötzlich! Wie 
sah dies alles so unerbittlich aus! So scharf und steinern 
dies Felsengebirge — ohne jede Spur von Erbarmen! Wie 
drohend ragte die Wand der Turbie fast lotrecht in den 
blauen — stahlblauen Nachthimmel auf! Wie dunkel dieses 
entzückende Monaco! Selbst die Sterne funkelten höhnisch auf 
seilte Qual herab und der Mond — so fühllos! . 
Er schlich wieder in sein Zininier, veitn ihnl wurde kalt. 
Aber vergeblich suchte er zu schlafen. Erst als der Tag schon 
hell heraufzog, waren ihm die Augen zugefallen; aber ein 
mitleidloser, greller Sonneitstcahl fand nur zu bald den Weg 
in sein Zimmer und aus sein bleiches, zerwühltes Antlitz. 
Ach — erst acht Uhr! Noch vier Stunden, bis die 
Spielsäle wieder geöffnet wurden! 
Denn die waren sein erster, sein einziger Gedanke: „Ich 
muß das Geld haben! Ich muß es geivinnen!" 
Er wünschte sich Glück, daß er sich einen Rest Geldes 
mit altgewohnter Vorsicht in seinem Koffer versteckt hatte. 
Versteckt vor sich selber, nach dem Rat eines alten Mannes, 
der als Geivohnheitsspieler eine der allbekannten Typen des 
Spielsaals geworden.' 
Jetzt fiel ihm erst ein, er hatte seinen alten Bekannten, 
den zu begrüßen er nie versäumte, gestern abend nicht gesehn. 
Sollte er tot sein? 
Inzwischen quälte er sich, das mit raffinierter Um 
ständlichkeit zwischen die Ledcrteile einer der inneren Koffer- 
laschen vernähte Geld herauszulösen. Er ließ das Experiment 
allemal durch einen Lederarbeiter machen, und darum saß 
es auch so sicher »lud fest, daß er zu bequem gewesen war, 
es bei seiner letzten Reise hierher herauszunehmen. Ueberdies 
hatte er damals stark gewonnen. 
Endlich hatte er es. Er überzählte die Goldstücke und 
Scheine. Es waren mehr als er gehofft. Das hob seine 
Stimmung. 
Gemächlich zog er sich an, nachdem er ein kaltes Bad 
genommen. — Es blieben ihm noch drittehalb Stunden. Es 
war zum Verzweifeln! Und er kannte Monte Carlo wie 
seine Hand. — Aber Bekannten zu begegnen, hatte er erst 
recht nicht die Stimmung. 
So stieg er denn nach Monaco hinauf, — da war es 
sicher einsam, während in Monte Carlo schon alles bei der 
Mufik promenierte. 
Wie zwei mächtige Felsbollwerke ragen die beiden steilen 
Wände in das blaue Meer hinein — zwischen ihnen kauert 
sich ein Tal, den Hafen vor sich, das kleine Condamine, in 
welches sich das bürgerliche Gewerbsleben geflüchtet hat, für 
das es eben in dieser Welt des höchst gesteigerten Luxus sonst 
so recht keinen Platz mehr gab. 
Ducettis überreizte Nerven peinigte dies Wagengerasscl, 
das Geschrei der Händler, das Surren und Klingeln der 
elektrischen Bahn und das eintönige Singen der Matrosen,
        
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