Path:
Periodical volume Nr. 249, 23.10.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

zogenen Bahnkörper erhalten würde. Infolge dessen hat 
sie die Bedingung aufrecht erhalten, wonach sie bei Ver 
wendung von Schlackensteinen den zweigleisigen Ausbau 
nur vornehmen will, wenn sie bezüglich aller in Schlacken 
stein verlegten Geleisstrecke während 10 Jahren von der 
Unterhaltungspflicht befreit bleibt. Der Gemeinde bliebe 
also nur übrig, entweder auf diese Bedingung einzugehen 
und die Unterhaltung während 10 Jahren selbst zu über 
nehmen oder bei der Neupflasterung die gegenwärtige 
Eingeleisigkeit nördlich und südlich des Friedrich Wilhelm 
platzes beizubehalten. Beide Möglichkeiten müssen als dem 
Gemeindeinterefle widersprechend angesehen werden. Hierzu 
kommt noch der Umstand, daß nach den Erklärungen des 
Schlackensteinlieferanten ein dem Bedarf für die Kaiser 
allee entsprechender Vorrat an Schlackensteinen bester 
Qualität nicht vorhanden ist, sodaß einerseits die recht 
zeitige Lieferung im laufenden Jahre in Frage gestellt ist, 
andererseits aber auch nicht genügend sicher gestellt er 
scheint, daß die Gemeinde durchweg bestes Fabrikat er 
hält. Unter Berücksichtigung aller dieser eine völlig neue 
Grundlage für die Beurteilung schaffenden Umstände ist 
der verstärkte Bauausschuß einstimmig zu dem Vorschlage 
gelangt, die Asphaltierung der Kaiserallee von der Rhein- 
straße bis zur Ringbahn einschließlich des Friedrich 
Wilhelmplatzes zu empfehlen, unter Annahme des An 
gebotes der Westlichen Berliner Vorortbahn und der von 
den Anliegern angebotenen Zuschüsse. Letztere sollen unter 
der ausdrücklichen Erklärung angenommen werden, daß die 
Frage, ob die Anlieger zu Beiträgen nach Maßgabe der 
gesetzlichen Bestimmungen herangezogen werden können, 
unberührt bleibt. Erfolgt jedoch später eine solche Heran 
ziehung zu Anliegerbeiträgen, so sollen die jetzt freiwillig 
gezahlten Beträge in Anrechnung gebracht werden. Der 
Ausschuß schlägt ferner vor, an dem Beschlusse des Bau- 
Ausschusses festzuhalten, wonach auch auf der Strecke 
der Kaiserallee zwischen Friedrich Wilhelmplatz und Rhein 
straße Rasenstreifen nach Maßgabe des vorliegenden Pro 
jektes angelegt werden sollen. Dadurch würde ein Schmuck 
für die Straße geschaffen und die Anbringung einer kost 
spieligen und in ihrer dauernden Wirkung doch nicht un 
bedingt zuverlässigen Baumbewässerung vermieden werden. 
Die dabei eintretende Verschmälerung des Straßendammes 
um 1 Meter würde eine Ersparnis von ca. 9000 M. und 
wenn man die Kosten für die Anlegung der Rasenstreifen 
abzieht von ca. 4 bis 5000 M. zur Folge haben. 
t Öffentliche Ausschreibung. Von den hiesigen 
Gewerbetreibenden wurde schon des öfteren Klage geführt, 
daß kommunale Arbeiten von auswärtigen Firmen aus 
geführt werden. Nun erläßt die Gemeinde aber in den 
meisten Fällen vor Vergebung der Arbeiten öffentliche 
Ausschreibungen und es muß sonderbar erscheinen, daß 
die hiesigen Gewerbetreibenden sich doch nur in seltenen 
Fällen an der Submission beteiligen. Wir verweisen 
deshalb auch an dieser Stelle, auf die im heutigen Anzeigen 
teil enthaltene Ausschreibung die Vergebung von Arbeiten 
am Direktorwohnhaus am Maybachplatz betreffend. 
8 Asphaltausbefferungen. Während der Nacht 
wurde in der Rheinstraße an vielen Stellen wieder aus 
gebessert. 
t Interessante Versuche stellt die Postverwaltung 
seit einigen Tagen in den westlichen Vororten an. Um 
den wiederholten Klagen, die von den dortigen Ein 
wohnern über die zögernde Beförderung von Eilpost 
sendungen und Rohrpostbriefen gemacht worden sind, 
endlich abzuhelfen, will die Postverwaltung eine ent 
sprechende Neuerung binführen. Sie glaubt, die Übelstände 
am besten durch die Einführung des Motordreirades 
beseitigen zu können. Von dem Resultat dieser Versuchs 
fahrten, die augenblicklich täglich zwölfmal erfolgen, wird 
es abhängen, ob das Motordreirad im Postverkehr in 
größerem Umfange Anwendung finden wird. 
-s GrundstückSverkauf. Wie verlautet, soll der 
ganze Block, auf dem sich die Feldkantine „Zum Wilhelms 
höher Brunnen" des Herrn Gastwirts Fritz Behrendt 
befindet, von der Charlottenburger Baugesellschaft an 
einen Herrn in Berlin verkauft worden ssin. 
t Mit dem Abbruch der Baulichkeiten im 
alten Botanischeu Garten wird jetzt begonnen. Zunächst 
fällt das Kalthaus, das gerade 85 Jahre steht, denn es 
wurde im Jahre 1821 nach Schinckels Plan durch den 
Bauinspektor Schramm errichtet. Die schönen Vasen, die 
auf emer Konsole über der Eingangstüre standen und die 
in antiken Mustern nachgebildet sind, hat man bereits 
herunter genommen und nach dem neuen Garten in 
Dahlem gebracht, wo sie in der italienischen Abteilung als 
Blumenvasen Verwendung finden werden. «W 
t Das Borgsystem ist bekanntlich einer der Krebs 
schäden, unter dem besonders der Handwerkerstand, aber 
auch der Kaufmannstand schwer zu leiden hat. Die 
Osnabrücker Handelskammer macht in ihrem soeben 
erschienenen Jahresbericht darauf aufmerksam, daß die 
gewerblichen Kreise selbst dieser Angelegenheit lange nicht 
die genügende Aufmerksamkeit augedeihen lassen; sie 
schreibt in bezug auf die Pflege der Barzahlung: „Die 
Lösung der Frage wäre längst weiter gediehen, wenn 
nicht zahlreiche Handwerker und Kaufleute in der Er 
teilung und Erneuerung ihrer Rechnungen eine geradezu 
unsinnige Gleichgiltigkeit bekundeten. Die Fälle, in denen 
die Vorlage einer Rechnung erst nach wiederholter vergeb 
licher Aufforderung erwirkt wird, sind auch heute noch 
sehr an der Tagesordnung. Solange eine derartige Unsitte 
fortdauert, kann natürlich auch dem saumseligen Zahler 
das Gewissen nicht wirksam geschäft werden." 
f Der Uugezieferkaleuder zur leichteren Be 
kämpfung des Ungeziefers im Monat Juli. Mit geringer 
Mühe vermag man des Ungeziefers im Obst-und Garten 
bau Herr zu werden, wenn man weiß, in welche Zeit die 
Bekämpfung fallen muß. Verschwendung von Zeit und 
Geld ist es, sobald man die gefürchteten Frostspanner im 
Frühjahr oder die Blutlaus im Herbst bekämpft und so 
geht es mit den andern Insekten auch. Jeder Monat 
bringt neue Insekten, die einen verpuppen sich und gehen 
in den Boden, die andern legen Eier an Stamm und 
Blatt, die dritten kriechen aus den Eiern, das muß man 
wissen und sich danach richten. Äamit diese Kenntnis 
allgemein werde, haben wir mit dem Erfurter Führer im 
Obst- und Gartenbau, in dessen Nr. 14 der Ungeziefer 
kalender bei Apfel nnd Birne für Juli erscheint, das Ab 
kommen getroffen, daß diese Nr. unsern Abonnenten aus 
nahmsweise postfrei übersandt wird, wenn sie dieselbe 
mittels Postkarte vom Geschäftsamt des Erfurter Führers, 
Erfurt, verlangen. 
-s Friedenauer Steuographen-Verein Dtolze- 
Schrey. Monatliche Hauptversammlung am Freitag, 
den 14. Juli, Abends 9 Uhr, im roten Saale des 
Restaurants „Rheinschloß". Tagesordnung: Aufnahme 
neuer Mitglieder. Bericht über den Ausflug. Wahl des 
2. Vorsitzenden, sowie des 1. und 2. Bücherwartes. 
Allgemeines. 
f Mechanisches Theater. Das Mechanische 
Theater von H. Pottharst, das vor 15 Jahren bereits mit 
großem Erfolge in Steglitz, Schöneberg und Berlin 
gastierte, wird morgen Freitag hier, Ecke Schloß- und 
Bornstraße mit einem kurzen Zyklus von Vorstellungen 
beginnen. Das Unternehmen steht in bestem Rufe und 
hat überall allgemeinen Beifall gefunden. Die Eröffnungs 
vorstellung findet Morgen Freitag 8V 2 Uhr statt. 
f Wohnungsanzeiger. Wir machen auf den am 
Sonnabend zur Ausgabe gelangenden Wohnungsanzeiger 
ganz besonders aufmerksam und empfehlen ihn zur gefälligen 
Benutzung. Die Anzeigen müssen bis Sonnabend Mittag 
12 Uhr in unserer Geschäftsstelle eingeliefert sein, falls sie 
in der Nummer Aufnahme finden sollen. 
t Danrpfchauffeewalze. Das die Luft verpestende 
große Ungetüm, Dampfchausseewalze genannt, passierte 
heute Vormittag mit einem Anhängewagen unsere Pracht 
straße. Schwarze Rauchwolken machten für längere Zeit 
die Straße kaum passierbar und allgemein wurde darüber 
Klage geführt, daß zur Beheizung nicht Koks verwandet 
wird, nachdem doch auch die Lokomotiven der Ring- und 
Wannseebahn mit Koks geheizt werden müssen, damit 
keine Belästigung für die angrenzenden Straßen erfolgt. 
f Sonnenbäder und ihre Folgen. Daß Sonnen 
bäder nicht immer von heilsamen Folgen sind, beweist 
folgendes. Ein hiesiger Polizeibeamter, der in großem 
Ansehen steht, benutzte seinen Urlaub dazu, sich von seinem 
sonst nicht leichten Dienst in Wannsee zu erholen, indem 
er des öfteren hinausgondelte, um in den Fluten des Sees 
unterzutauchen und nach erfrischendem Wasserbad noch 
ein Sonnenbad zu nehmen. Als der „Badegast" aber 
einmal nach solch einem Sonnenbade nach Hause kam, 
fühlte er am ganzen Körper Schmerzen. Die Gluthitze 
hatte Blasen gezogen, die ihn zwangen, einige Tage auf 
jegliches Bad zu verzichten. Übrigens sollen auch andere 
Friedenauer von solch unwillkommenen Folgen der Sonnen 
bäder befallen worden sein; ein bestimmter Fall wird uns 
aus dem Seebad Wilmersdorf erzählt. 
f Flucht des Zaren und Blutbad in Warschau, 
mit diesen Worten versuchten gestern Abend zwei Männer 
Extrablätter in der Rheinstraße loszuschlagen. Diesem 
Extrablattschwindel wurde aber ein jähes Ende durch 
einen Polizeibeamten bereitet, s der den einen der Ausrufer 
einlud, mit zur Wache zu kommen, während der andere 
es vorzog, die Flucht zu ergreifen. 
f Verdiente Strafe. Große Heiterkeit rief gestern 
Nachmittag ein Betrunkener in der Moselstraße hervor, der 
von einer großen Kinderschar verfolgt, in Selbstgesprächen 
allerlei Unsinn faselte und schließlich gegen zwei des Wegs 
kommende Zeitungsträgerinney zu Felde zog. Als er 
dann schließlich noch behauptete, die Kinder, die ihn aus 
lachten, seien Kinder der Zeitungsfrauen, die ihre Kinder 
besser erziehen sollten und beleidigende Ausdrücke gegen 
die Frauen aussprach, da stellten diese ohne Säumen ihre 
Zeitungen beiseite und verabfolgten dem Trunkenbold eine 
Portion ungebrannter Asche, durch die er vielleicht doch 
anderer Ansicht geworden sein mag. Das Publikum lobte 
die Frauen für ihre Tapferkeit. 
Schöneöerg. 
— ZwangsversteigeruygsergebuiS. Es standen 
zum Verkauf die Grundstücke Hanau- und Honnefstraßen- 
Ecke in Dt.-Wilmersdorf, dem Maurermeister Wilhelm 
Friedrich zu Berlin gehörig. 10,85 Ar. Mit.dem Gebot 
von 18 000 M. bar und 24600 M. Hypotheken blieb 
der Kaufmann Louis Lebbin iy Schöneberg, Friedenauer- 
straße 19, Meistbietender. 
— Aufgehoben wurde das Verfahren betr. die 
Zwangsversteigerung der nachbezeichneten Grundstücke: 
Pallasstraße 22 in Schöneberg/, dem Kaufmann F. Rohr 
und Frau gehörig. Hohenstaufenstraße 59 in Schöneberg, 
dem Maurermeister Max Meyer in Steglitz gehörig. 
Werkn und Wororle. 
8 Mit der Anlage einer neuen Verbindung»- 
straße zwischen der Chausseestraße und dem Platz am 
Stettiner Bahnhof zur Entlastung der Jnvalidenstraße 
wird auch die an diesem Platze gelegene alte Fabrikruine 
verschwinden, die allerdings cm ; die glänzenden Zeiten des 
Berliner Maschinenbauwesens erinnert, da sie früher einen 
Teil der Maschinenfabrik von Schwartzkopff bildete. Einst 
rührten sich hier viele fleißige Hände, seit langen Jahren 
steht dieses große Fabrikgebäude aber vollständig leer und 
geht namentlich im Innern scsinem vollständigen Verfall 
entgegen. Die Fenster sind sämtlich eingeworfen, sodaß 
das .Haus der Gegend im höchsten Maße zur Unzierde 
gereicht. Namentlich auf die vielen Fremden, die mit der 
Stettiner Bahn ankommen, mächt das Haus einen sehr 
schlechten Eindruck, sodaß sich die Anwohner über den 
bevorstehenden Abbruch schon jetzt freuen. 
8 Das Hauptportal der Bartholomäus-Kirche, 
die augenblicklich einer durchgreifenden Erneuerung unter 
zogen wird und demnächst auf ein 50jähriges Bestehen 
zurückblicken kann, ist, wie wenig bekannt sein dürfte, eine 
getreue Nachbildung der Tür der Schloßkirche zu Witten 
berg, an die Luther seine 95 Thesen angeschlagen hat. 
Die Kirche ist im Jahre 1854 bis 58 nach einem Stüler- 
schen Entwurf von Adler erbaut und schon einmal, im 
Jahre 1883, in ihrer äußeren Architektur vollständig 
erneuert worden. 
8 Die Bebauung der Frobeustraße ist jetzt auch 
in der zweiten Hälfte der Westseite in Angriff genommen 
worden, so daß die Straße noch im Laufe dieses Sommers 
vollständig mit Wohnhäusern besetzt sein wird. Früher 
lagen auf der Westseite bekanntlich die Höfe und Stallungen 
der Omnibus-Gesellschaft. Die Frobenstraße ist eine der 
jüngeren Straßen des Westens, denn sie wurde im Jahre 
1871 von dem Kommisstonsrat Hübner als Privatstraße 
angelegt und hieß zuerst „Hübnerstraße". Im Jahre 
1873 erhielt sie ihre heutige Bezeichnung. 
Wilmersdorf. Der hiesige Gärtner-Verein hat 850 
Topfpflanzen für Schulkinder zur Pflege geschenkt. Den 
künstlichen Dünger liefert ein Samenhändler unentgeltlich. 
Die bestgepflegten Pflanzen werden im Herbst prämiiert. 
gerichtliches. 
P. Bei der Speditionsfirma Schuhmacher hieiselbst war der 
Schmied Paul Bosse als Kutscher angestellt. Eines Tages hatte er 
dem Auftrag gemäß !2 M. 60 Pf. für Rechnung der Firma einkassiert. 
Das einkassierte Geld behielt B. aber für sich zur eigenen Verwendung. 
Er hatte sich damit der Unterschlagung schuldig gemacht. Um diese 
Unterschlagung zu verdecken, fälschte er mit dem Namen der Firma 
eine Privaturkunde. Da dies in der Absicht geschehen war, sich einen 
rechtswidrigen Dermögensvorteii zu verschaffen, so lag schwere Urkunden 
am uacysleu wären, und leise iuu einander ssusierleiy rechnete 
diese wieder weiter, und nur einmal nnlerbrach Nesse Franz 
sie darin, indem er seine Hand ans ihren Arm legte. 
„Glaubst Du wirklich an Dein System, Tante Susan?" 
fragte er lächelnd. 
„Ob ich daran glaube? Gewinne ich nicht fast immer 
damit? Und wenn ich den kleinen Fehler entdecken könnte, 
ivenn ich nur ahnte, wo er ungefähr steckt, so würde ich die 
Bank sprengen." 
„Schade, es ist aber hienieden nichts vollkommen!" 
spottete er. 
„Ich schlage Dir eine Wette vor, mein Junge! Wenn 
rch auf den Hunderter Edwards nicht mindestens Fünfhundert 
gewinne, so —" 
„Zahlst Du mir eben so viel?" 
„O no! Aber einen Hunderter setze ich dämm." 
„Pfund Sterling oder Francs, Tante?" 
„Pfunde? Sollte mir einfallen — aber Francs —• 
Man war an Ventimiglia, Mentone vorüberacflogen, jetzt 
hielt der Zug in Monte Carlo. 
* • 
Nicht ein Wort hatte der stumme Reisende mit der alt 
Dame gewechselt; dennoch erkannte sie ihn sofort wieder o 
er in später Abendstunde die Säle betrat, in welchen Irer 
et quarante gespielt wird. 
Das Gefühl stummer, bänglicher Ehrfurcht, womit Neulin 
diese verrufene Stätte der Sünde und des - Lasters betrete 
um nach eurer Stunde sich zu sagen, daß sie sich dieselbe u 
ihre -oesucher doch so ganz anders gedacht — war ihm fcu 
noch erinnerlich aus seinen Jüngiingsjahrcn. so oft hatte 
hrer mit wechselndem Glück gespielt; fast alljährlich war 
geb b * ^ < "' t Kommen., dem Reiz der Aufregung na 
Er sah nicht die prachtvolle, wenn auch überladene Aus 
stattung der Säle, nicht diese Fülle der extravaganten und 
luxuriösesten Toiletten, nicht diese schönen Frauen, deren man 
kaum in irgend einem Ort der Welt so viel findet, ivie in 
den Spiclsälen von Monte Carlo! Er hatte auf diese Physiog 
nomien nicht acht, die jeden Typus und jede Nuance darstellen, 
vom raffinierten Gauner und rettungslosen Spieler bis zum 
Biederinann und weltfremden, nicht Böses ahnenden Pensions- 
töchtcrchen; nichts hatte ihm sonderliche Beachtung abgewonnen. 
An den Roulettischen in den vorderen Sälen, wo mau mit 
ängstlichen, sorgenvollen Mienen sein Fünffrancsstück setzte, 
war er achtlos vorübergeschritten — nach den Sälen, wohin 
sich die eigentlichen Spieler magnetisch gezogen fühlen. 
Ein seltsam mildes, gedämpft scheinendes und doch 
wundervoll klares Licht geht von den Wandlampen und den 
großen, in eisernen Ketten hängenden, grün beschatteten Hänge 
lampen aus, welche über den Spieltischen schweben — einfache 
und doch so kunstvolle Petroleumlampen, denn Gas und alle 
andern Beleuchtungmateriale der Neuzeit sind viel zu leicht 
in einem Nu zu löschen. — 
Ta saß sie, seine Reisegefährtin! Er sah sie zuerst von 
der ganzen Korona der Spieler, die sich um die lange grüne 
Tafel reihten. Bor sich hatte sie ein Stückchen Karton, wie 
die meisten, und in der Hand ebenso die lange Nadel, mit 
welcher sie die Spielchancen fixierte, sobald die Taille beendet 
war. — Daneben lag ein stattliches Häufchen Goldstücke — 
quer vor ihr mehrere dieser Tausend- und Fünshuudettfrancs- 
billets. Und mit großer Gelassenheit in Bewegungen und 
Mienen setzte sie bei jedem neuen Spiel bald große, bald 
geringe Summen, "hier einen der interessanten Scheine, dort 
vier — zehn und mehr Goldstücke. Sie verzog keine Miene, 
aber er, der sie am Nachmiltag in voller Gemütsruhe ge 
sehen, erkannte sofort an den tieferen Linien nnd der graueren 
Farbe ihres Gesichts, daß diese Ruhe nur eine scheinbare war. 
Ist doch die äußere Signatur aller dieser von Leidenschaft, 
qualvoller Angst und Sorge, oder triumphierender Freude 
erfüllten Spieler die kälteste Ruhe und Gelassenheit. — Ist 
doch jede Szene, jeder Ausbruch irgend welcher starken Er 
regung einfach verpönt und treffen doch jeden Unvorsichtigen, 
der gegen dieses Gesetz des „Spielanstandes" sich verfehlt, 
von allen Seiten der ganzen Tafelrunde Blicke so tiefer Ver 
achtung, eines so vornehm-überlegenen Staunens ob der Un 
gebühr — daß diese Kritik einer vollständigen „Vernichtung" 
gleichkommt. — 
Und doch, trotz dieser allgemeinen Ruhe und Selbstbe 
herrschung richteten sich auf die graue alte Dame immer öfter 
die Blicke der Mitspielenden, denn sie setzte mit einem in der 
Tat staunenswerten Glück. Hatte der Croupier sein rion no 
va plus gesprochen — und es fiel so maschinenmäßig, so leise 
von seinen Lippen, daß die Nichtspieler es oft kaum hörten, 
die hinter den Stühlen in dreifacher Reihe standen und zu 
schauten — so häufte sich der Einsatz der grauen Dame fast 
jedes Mal, und die Goldstücke wuchsen höher an; einen nach 
dem andern großen Schein, oft mehrere zugleich, schob der 
Croupier ihr mit unbewegter Miene hin. Zuiveilen, nach 
dem sie auf ein Elfenbeintäselchen in ihrer elegant behand 
schuhten Linken gesehn, ließ sie die Einsätze stehen, ein Mal, 
zwei Mal und so weiter, und dann starrte alles auf diese 
t äuschen Goldes, und ein lautes Aufatmen ging durch den 
reis, wenn sitz plötzlich verloren waren. — Aber das geschah 
nicht oft und veränderte keine Miene in ihrem Gesicht. — 
(Fortsetzung folgt.)
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.