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Periodical volume Nr. 161, 12.07.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

familiäre Feier statt, zu welcher auch näherstehende 
Freunde und Bekannte geladen waren. Sie verlief iy der 
schönsten Weise und wird allen Teilnehmern lange in der 
angenehmsten Erinnerung bleiben. Wünschen wir nun Noch, 
daß das Jubelpaar recht viele Jahre im besten Wohlergehen 
unserem Ort treu bleiben möge. 
t Zugverlegung auf der Potsdamer Borort 
strecke. Bon Monjag, den 24. d. Mts. ab, werden die 
Vorortzüge 407 (Werder ab 6.23 Vorm., Potsdam an 
6.41 Vorm.) und 427 (Werder ab 4.53 Nachm., Berlin 
Poisd. Bahnhof an 5.43 Nachm.) wie folgt verlegt: Zug 
407 (W.), Werder ab 6.20 Vorm., Wildpark ab 6.28, 
Charlottenhof ab 6.32, Potsdam an 6.37 Vorm.; Zug 
427: Weider ab 4.50 Nachm., Wildpark ab 4.59, Char 
lottenhof ab 5.03, Potsdam ab 5.10, Neubabelsberg ab 
5.16, Berlin Potsdamer Bahnhof an 5.41 Nachmittags. 
-j- Neuer Nomau. In morgiger Nummer werden 
wir mit dem Abdruck eines neuen Kriminalromans „Die 
Rache ist mein" aus der Feder des bekannten Roman 
schriftstellers L. Haidheim beginnen, der nicht minder 
den Beifall unserer Leser finden wird, als der eben ab 
geschlossene Roman. 
-f Bei den jetzigen heißen Tagen hat der 
Aufenthalt in der schattigen Kühle des Waldes etwas 
ungemein Verlockendes für uns, und freudig preisen wir 
den gütigen Schöpfer, der den herrlichen grünen Dom 
„aufgebaut so hoch da droben". Von jeher hat der Wald 
unseren Vorfahren als ein Asyl der Bedrängten, als ein 
Kurort ersten Ranges gegolten. In die Tiefen des 
Waldes dringt nicht der Lärm der geschäftigen Welt, das 
Gerassel der Wagen, das Schnauben und Sausen der 
Maschinen. Wohl herrscht auch im Walde der Kampf 
ums Dasein, der die ganze Natur durchdringt, aber wie 
Pflanzen und Tiere miteinander ringen, das beobachten 
wir mit ruhigem Gleichmut, uns regt dieser Kampf nicht 
auf. Das Gefühl der Ruhe umfaßt uns im Walde. 
Frieden winkt uns auf Schritt und Tritt in dem mächtigen 
Blättersaal der Natur entgegen. Das Geheimnis der 
Wund^rheilkraft des Waldes liegt in den seelischen Ein 
drücken, die er auf uns ausübt. Wer den Wald aufsucht, 
der kehrt aus der aufregenden Kulturarbeit zu der ewig 
stärkenden Natur zurück. Darum ist der herrliche deutsche 
Hain mit seiner würzigen Luft heute, wo das blasse 
Gespenst der Nervenschwäche so viele bedroht, mehr noch 
als in früheren Zeiten die größte und wirksamste Natur 
heilanstalt unseres Volkes. Möge er auch in diesem 
Sommer Tausenden und Abertausenden Trost und Kräftigung 
ipendenl 
f Der Bereit» der Vororte Berlins zur 
Wahrung gemeinsamer Interessen hält eine Wander 
versammlung am Sonnabend, 22. Juli, in Birkenwerder 
auf Einladung des dortigen Grundbesitzer-Vereins ab. 
Um 44/, Uhr: Besichtigung des neuen Gaswerks unter 
Führung des Direktors Hengstenberg, sowie des Sana 
toriums unter Leitung des Direktors Pretsch. Von hier 
aus Wanderung durch das Briesetal und einen Teil des 
Hof-Jagdreviers nach dem Restaurant St. Hubertus, dort 
um 6 l / 2 Uhr: Geschäftliche Sitzung. Ansprache des 
1. Vorsitzenden des Vereins. Geschäftliche Mitteilungen 
u. a. Petition an die Königl. Eisenbahn-Direktion betr. 
Winterfahrplan für den Vorort-Verkehr und Protest des 
Vereins der Vororte Berlins in Sachen Abdeckereianlage 
in Blankenfelde vor dem Kreis-Ausschuß am 21. Juni 
1905. Vortrag: Birkenwerder, seine Entstehung und 
Entwickelung. Referent Pfarrer Lehmann. Nach der 
Sitzung Militär-Konzert, ausgeführt von der Kapelle der 
Haupt-Kadettenanstalt Groß-Lichterfelde, abwechselnd mit 
Vorträgen eines Männer-Quartetts der freiwilligen Feuer 
wehr, Abendessen und Ball im großen Saal St. Hubertus. 
Abends Beleuchtung des Gartens und des Sees und 
Kinderfackelzug. 
-j- Eine Bezirksturufahrt veranstaltete der 2. Bezirk 
des Havelländischen Gaues am Sonntag nach Klein- 
Machnow uüd Zehlendorf, wo sich an die Vormittags 
wanderung ein Wettkampf im Hochsprung, Stabsprung, 
Dreisprung und Gewichtheben anschloß. In diesem 
errangen Falbe-Lankwitz und Buchwald-Schöneberg die 
besten Ergebnisse. Die älteren Turner führten während 
des Bierkampfes Turnspiele aus, Schleuderball und Faust 
ball. Endlich zog alles in das dicht am Turnplatz 
gelegene Sonnenbad des Zehlendorfer Turnvereins, wo 
man unter mannigfachen gymnastischen Übungen und 
Brausebädern den Rest deS schönen Sammeltages zubrachte. 
f Theaterdirektion Behle beginnt mit ihren 
Vorstellungen in der kommenden Saison am Dienstag, 
den 19. September im „Hohenzollern", 
f Kreis-Kriegerverbaud. Der dritte Verbands 
lag wurde am Sonntag unter Anwesenheit des Protektors 
des Verbandes, des Prinzen Eduard zu Salm-Horstmar 
abgehalten. Die Ausstellung in Südende zu Gunsten der 
kämpfenden deutschen Soldaten in Afrika ergab einen 
Überschuß von 1100 M. Zwei Vereine haben ihren Ein 
tritt in den Verband angemeldet. Der Verein Nieder 
lehme soll, um die politische Einteilung nach Kreisen nicht 
zu stören, aus dem Verbände ausscheiden. Die Jahres 
berichte 1903/04 des Preußischen Landes-Krieger-Verbandes 
und des Deutschen Kricgerbundes sind erschienen. Im 
Parkrestaurant Südende findet am 2. August ein Wohl 
tätigkeitsfest statt. Fünfzehn Kameraden find im Laufe 
des verflossenen Vierteljahres gestorben. Über Verbands 
fechterei berichtete Kamerad Schlieper. Die abgelieferte 
Summe ist auf 1047 M. gestiegen. Die Verbandskasse 
weist einen Bestand von 598,75 M. auf. Der nächste 
Abgeordnetentag findet im August zu Kiel statt. Gewählt 
wurden als Abgeordnete der Vorsitzende und der Kassen 
führer des Teltower Kreisverbandes. Beide erklärten sich 
zur Annahme der Wahl bereit, der erstere mit dem Er 
bieten, den Kreisverband auch gegenüber der Verwaltung 
der Bundes-Sterbekasse zu vertreten. Es waren in der 
Versammlung 83 Vereine vertreten, 33 fehlten. Die 
selten hohe Zahl der fehlenden ist wohl dadurch zu er 
klären, daß die Erntearbeiten begonnen haben. 
f Polizeibericht. Als zugelaufen wird ein 
Windhund gemeldet. Näheres im Polizeibureau in der 
Feurigstraße. 
Merlin und Wororte. 
8 Das Gebäude des neue» Amtsgerichts für 
die Stadtteile Wedding und Gesundbrunnen an der Pank- 
straße wird in seinen Seitenflügeln bereits mit der 
inneren Einrichtung versehen. Auch der imposante Mittel 
bau, dessen Errichtung zuletzt in Angriff genommen wurde 
und der ganz in Sandstein aufgeführt wird, geht seiner 
Vollendung entgegen. Der Platz vor dem Gerichtsgebäude 
wird mit Anlagen geschmückt werden. Zugleich werden 
neue Zugangsstraßen zu dem Gerichtsgebäude angelegt. 
Die eine Straße führt von der Hochstraße nach der Pank- 
straße, wo sie gegenüber der Thurneyfferstraße mündet, I 
ferner wird die Schönstedtstraße nach Nordwesten zu unter 
Überbrückung der Panke bis zur Schulstraße verlängert. 
8 Aus Alt-Charlottenburg. Wieder schwindet 
ein Stück des ältesten Charlottenburg dahin. Die Häuser 
Lützow 13 und 13a, deren Hinterland noch vollständig 
das Gepräge der alten Garten- und Ackerstadt hat, werden 
abgebrochen, um modernen Neubauten Platz zu machen. 
Auf dem Hof des Hauses 13z, in dem sich früher eine 
von den alten Berlinern viel aufgesuchte ländliche Gast 
wirtschaft befand, steht noch eine alte Linde, deren Stamm 
von einem in der Mitte ausgeschnittenen, grün an 
gestrichenen Tische und eben solchen Bänken umgeben ist. 
Hier hat gewiß so manche alte Berliner Familie in Be 
haglichkeit gejeffen und die schöne Landluft eingeatmet, 
die noch damals durch das kleine Charlottenburg wehte. 
DerLützow ist bekanntlich der älteste Teil von Charlottenburg. 
8 Eröffnung einer neuen Eisenbahnstation. 
Am 1. August d. Js. wird, wie die Kgl. Eisenbahndirektion 
Stettin bekannt macht, an der Bahnstrecke Berlin, Stettiner 
Bahnhof,-Löwenberg (Mark) und zwar zwischen denStationen 
Oranienburg und Fichtegrund der neue Haltepunkt „Sachsen 
hausen (Mark)" für den Personenverkehr, eröffnet werden. 
8 Am 145. Beobachtuugsabeud des „Vereins 
von Freunden der Treptow-Sternwarte", Mittwoch, den 
12. Juli, Abends 8 Uhr spricht Herr Dozent Jens Lützen 
in einem mit zahlreichen Lichtbildern ausgestatteten Vor 
trag über: „Das Dopplersche Prinzip". Der Vortrag 
wird die Anwendung des Prinzips in der Akustik und in 
der Optik behandeln. Insbesondere die vielfachen An 
wendungen in der Astronomie. Die Beobachtung der 
Linienverschiebung in den Doppelslernen, der Sonne und 
den Planeten und die Möglichkeit, die Entfernung der 
Sterne hiernach zu bestimmen. Mit dem großen Fernrohr 
wird nach dem Vortrag von 9—12 Uhr Abends der Mond 
beobachtet. — Gäste haben Zutritt. 
Wilmersdorf. Die Einwohnerzahl betrug am 
1. Juli d. I., nach den Ermittelungen des Einwohner 
meldeamtes, 59 165 und hat sich seit Beginn dieses Jahres 
um 3243 Seelen vermehrt. Die Einwohnerzahl verteilt 
sich auf die einzelnen Stadtbezirke wie folgt: Berliner 
Ortsteil 27 371, Alt-Wilmersdorf 14 457, Halensee 9762. 
Ortsteil am Ringbahnhof Wilmersdorf-Friedenau 6731 
und Rheingau 844. Bon der Bevölkerung sind 48 897 
Einwohner evangelisch, 6089 katholisch, 3831 jüdisch und 
348 eines anderen Bekenntnisses. Seit der letzten Volks 
zählung hat sich die Bevölkerung um 28 494 Seelen oder 
um. 92,9 v. H. vermehrt, also nahezu verdoppelt. Inner 
halb der letzten fünf Jahre hat die Bevölkerung am 
stärksten im Berliner OrtSteil zugenommen, wo der Zu 
wachs rund 17 740 Seelen beträgt; erheblich geringer 
stellt er sich in den übrigen Bezirken, und zwar in Alt- 
Wilmersdorf auf 5560, in Halensee auf 4350, im Ortsteil 
am Ringbahnhof auf 3230 und im Rheingau sogar nur 
auf 175. Im Jahre 1867 hatte Wilmersdorf nur eine 
Einwohnerzahl von 1277 Personen zu verzeichnen. 
Gerichtliches. 
(:) Zur Begründung der Selbstverficherung gemäß § 14 
Absatz 1 deS Jnvalidenversich-rungsgesetzeS genügt eS, wenn eine ent- 
sprechende Willenserklärung vor der Vollendung deS 40. Leben», 
jahres abgegeben und die Selbstversicherung durch Verwendung 
mindestens einer Beitragsmarke vor der Vollendung des 41. Lebens- 
jahres durchgeführt wird. DaS ReichS-Vcrsicherungamt hat bereits tu 
einer früheren Entscheidung ausgeführt, daß sich die Seibstverficherung 
nicht ohne eine entsprechende Willenserklärung des Berechtigten voll 
ziehen könne, und daß diese regelmäßig in dem Antrag auf Au». 
Fertigung einer Quittungskarte zum Zwecke der freiwilligen Ver- 
sicherung zum Ausdruck kommen werde. Hieraus ist gefolgert worden, 
daß die Selbstversicherung erst vom Zeitpunkte der Willenserklärung 
an wirksam werde, nicht schon von einem früheren durch 8 146 Satz 2 
des JnvalidenvcrsicherungsgesetzeS bestimmten Zeitpunkt an. Diese 
einschneidende Bedeutung der WillenSarklärug muß aber auch dann 
anerkannt werden, wenn ihr die Entrichtung der Beiträge zur Selbst- 
Versicherung in der durch tz 146 Satz 2 M JnvaiidenversicherungS- 
gefetzes zugelassenen Frist nachfolgt. Voraussetzung ist dabei, daß 
die Willenserklärung vor der Vollendung des 40. Lebensjahres ab- 
gegeben worden war. Ist dies der Fall, so hat sich der Berechtigte 
zunächst durch die Willenserklärung sein Recht auf die Selbst- 
versicherung erhalten und zwar unter der weiteren Voraussetzung, 
daß er dann auch längstens innerhalb der im § 146 Satz 2 a. a. O. 
festgesetzten Grenze, also vor der Vollendung seines 41. Lebensjahres 
mindestens eine Beitragsmarke zum Zwecke der Durchführung der 
Eeibstversicherung wirksam verwendet. Die danach der Willens 
erklärung zukommende Bedeutung folgt aus der Natur der frei- 
willigen Versicherung als eines von der freien Entschließung des 
Berechtigten abhängigen Rechtsgeschäfts. Aus dem Gesagten ergibt 
sich, daß cS genügt, wenn der Betreffende vor Vollendung seine» 
40. Lebensjahres bei der Ortsbehörde einen Antrag auf Ausstellung 
einer Quittungskarte stellt, diese ihm aber erst nach Vollendung de» 
40. Lebensjahres, jedoch vor Ablauf des 41. Lebensjahres ausgestellt 
wird, sofern dabei Marken rückwärts für die Zeit vor Vollendung deS 
40. Lebensjahres verwendet werden. 
Auf das laute Nein des Obmannes gab er dem öffent 
lichen Ankläger das Wort. 
„„„Wohl selten,""" begann dieser, „„„ist mir mein 
Amt durch den Angeklagten selbst so leicht gemacht worden. 
Die Tat an sich hat er zugegeben. Zu ihrer Entschuldigung 
hat er nicht Anstand genommen, einen der hervorragendsten, 
ja vielleicht den bedeutendsten unserer Mitbürger in geradezu 
unerhörter Weise mit Kot zu bewerfen. Er hat dadurch nur 
bewiesen, ein wie gefährlicher Mensch er ist. Ich bin davon 
überzeugt, meine Herren Geschworenen, daß Sie wie ich 
ihn des Mordanfalles unter erschwerenden Umständen für 
schuldig befinden werden.""" 
Kaum hatte er sich gesetzt, so erhob sich der Obmann 
der Geschworenen. Der Präsident erteilte ihm das Wort, 
und er wiederholte die Worte des öffentlichen Anklägers. 
„„„Schuldig des Mordanfalles unter erschwerenden 
Umständen." " " - 
Ich sank in mich zusammen und blickte dumpf brütend 
vor mich hin. 
Inzwischen hatte sich der Gerichtshof in das Neben- 
-immer zurückgezogen. Um mich her wogte die Menge. Die 
wenigsten nahmen von mir Notiz. Nur Norris Auge war 
wiederholt mit dämonischer Genugtuung auf mich geheftet. 
Der Gerichtshof trat wieder ein. Es wurde still, und 
der Präsident begann: 
„ „Angeklagter, erheben Sie sich Hon Ihrem Platze."" 
Ich gehorchte mechanisch. 
.. „Nachdem Sie schuldig befunden sind des Hochver 
rates, begangen durch den Versuch, die Verfassung der 
Vereinigten Staaten von Amerika umzustürzen, nachdem 
Sie ferner schuldig befunden sind des Mordversuches, be 
gangen an einer Bürgerin dieses Landes, werden Sie für 
das erste dieser beiden Verbrechen mit fünfzigjähriger Ver 
bannung, für das zlveite aber zum Tode durch den elek 
trischen Strom verurteilt. Als Strafverschärfung soll die 
Todesstrafe nicht von vornherein durch den starken Strom 
Mr Ausführung gelangen, sondern es soll mit dem mittleren, 
begonnnen werden, der allmählich zu steigern ist, bis der 
Tod erfolgt. Dies Urteil soll sogleich telephonisch dem 
Präsidenten der Bereinigten Staaten zur Vestätiqung über 
mittelt werden."" 
Ich sprang empor. 
m .. »Auch ich wünsche telephonisch ein Gnadengesuch an den 
Präsidenten zu richten, und bitte die Strafe in ewige Ver 
bannung umzuwandeln!" 
„„Der Gerichtshof versagt ihnen wegen ihrer ganzen 
Haltung und wegen der hohen Gefährlichkeit ihrer Ver 
brechen die Ausübung des Petitionsrechtes."" (Jubelnder 
Beifall.) 
Ich schwieg. Mein Schicksal ist besiegelt, so wollte ich es 
denn auch mit Würde tragen. 
Nach wenigen Minuten erhob sich der Vorsitzende 
wieder: 
„ „Der Präsident hat das Urteil gegen den Dr. Fritz 
Werner bestätigt. Es wird morgen früh um 8 Uhr vollstreckt 
werden. Verurteilter, haben Sie noch etwas zu sagen?"" 
Ich wehrte mit der Hand ab. Man führte mich in 
meine Zelle zurück. Als die Tür hinter mir geschlossen 
war, warf ich mich auf mein Lager und iveinte, weinte, 
wie ich seit meiner Kindheit nicht geweint habe. 
Der Gefängniswärter trat ein, und reichte mir grin 
send eine Depesche. Ich erbrach sie und las: 
„Lieber Fritz! Gott sei gelobt, daß Du gerettet bist! 
Komm schnell in die Arme.Deiner Lieben! 
Deine Cousine." 
Ich stand vernichtet. O, dieser Hohn des Schicksals war 
zu groß! 
Man hat mir auf Verlangen meinen Koffer und meine 
Papiere aus dem Gasthof gebracht. Ich habe mein Tage 
buch vollendet, meinen letzten Willen aufgezeichnet, nach 
der Heimat geschrieben. 
Ich bin ruhig und gefaßt. Vor dem Unabänderlichen 
schwindet der irdische Trotz. Schon dämmert in meine Zeit 
lichkeit die Morgenröte der Ewigkeit hinein. 
Und nun will ich versuchen, zu schlafen. Ich will stark 
und gefaßt ins Jenseits hinübergehen. 
20. September 1924. 
Ich hatte tief und fest geschlafen, als man mich weckte. 
Es ist schon 7y 2 Uhr. Nur noch eine halbe Stunde sehlt an 
dem ftirchtbaren Moment. Ich mache mich schnell fertig und 
genieße einige Bissen. Man führt mich die Treppen hinab; 
ich besteige mit meinen Begleitern ein schivarzes Automobil 
und rolle in die sonnenhellen Straßen hinaus. Alles ist 
dicht mit Menschen besetzt, deren Augen mit entsetzlicher 
Neugier auf mich gerichtet sind. 
Das Automobil rollt auf einen weiten, mit Menschen 
bedeckten Platz, zu einem schwarz behangenen Gerüst. Ich 
schreite die Stufen hinan, und nehme auf einem schwarzen 
Sessel Platz. Man verliest das Urteil. Zwei Männer treten 
heran und ziehen von den Seitenlehnen die schwarze Hülle 
herab. Sie sind von glänzendem Metall. Jetzt packen sie 
meine Hände, und drücken sie darauf. Ein furchtbares Zucken 
geht durch meinen Körper. Ich schreie laut auf und . . . 
„„Aber Fritz,"" tönt die Stimme des Onkels Pro 
fessor in mein Ohr, „ „was hast Du denn, daß Du so ächzst 
und stöhnst? Laß Dich doch nur erwecken! Du willst wohl 
mit Geivalt den Zug verschlafen? Es ist fast 10 Uhr und 
um 11i/» Uhr müssen wir auf dem Bahnhof sein!" " 
Ich richte mich verstört auf und öffne die Augen. 
Es ist dunkel um mich, und der Onkel steht mit einem Licht 
in der Hand neben mir am Bett. Verwirrt blicke ich um 
mich und reibe mir die Stirn. Es unterliegt keinem Zwei- 
fel, ich bin in Berlin, in meinem Schlafzimmer. Wie elek 
trisiert springe ich vom Bett, fasse den Onkel krampfhaft 
bei der Hand und rufe: 
,Onkel, um Gotteswillen, sage mir, ist es wahr, ich 
habe nur geträumt und all dies Entsetzliche nicht erlebt? 
Es ist noch immer der zweite Mai 1905? Ich bin nicht 
tätowiert worden, und soll nicht hingerichtet werden?" 
„„Aber Junge, daß muß ja ein grauenhafter Traum 
gewesen sein! Komm doch ordentlich zu Dir! Und nun be 
eile Dich, sonst wirst Du den Zug verpassen!"" 
Ich umarmte den alten Herrn stürmisch, während mir 
die Tränen aus den Augen stürzten. 
,Onkel," sagte ich, „lieber Onkel, ich denke nicht mehr 
an Reisen, ich bin kuriert! Keine zehn Pferde ziehen mich 
jetzt von der teuren .Heimat fort! Welch ein Narr ich war! 
Ich sehe es jetzt ein, Onkel, die Welt, wie sie ist, ist doch 
stets für den Augenblick die beste und allein mögliche, und 
wer sie gewaltsam umzuformen sucht, schafft nur Verder 
ben und Unheil! — Aber nun, Onkel, komm zu den Freun 
den. Ihr sollt erfahren, was ich geträumt, was ich erlebt 
habe. Und nicht bloß ihr sollt davon vernehmen, sondern 
ich will es in die Welt hinausrufen, damit die, welche, 
wie ich, ihr gesundes Urteil für den Augenblick verloren 
haben, das entschleierte Bild zu Sais sehen, wie ich es 
gesehen habe. 
Ende.
        
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