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Periodical volume Nr. 159, 10.07.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Hriedenaner Grtsteil von Schöneberg nnd den Bezirksverein Sud ° West. 
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Ar. 139. 
Friedenau, Montag den 10. Juli 1905 
12. Iahrg.» 
Aepescherr. 
Hamburg. Die sozialdemokratische Parteileitung 
von Hamburg - Altona bewilligte aus der Parteikasse 
10 000 M. für die russischen Revolutionäre. 
Konstanz. Gestern Nachmittag war hier die Zu 
sammenkunft der internationalen Sozialdemokratie. Es 
waren seit langer Zeit dafür Ansprachen des Abgeordneten 
Caprini aus Rom, des Dr. Adler-Wien, des Nationalrates 
Greulich aus Zürich und des deutschen Reichstags- 
obgeordneten Bebel öffentlich angesagt. Auf der Rhein 
brücke und vor dem Pulverturm war ein Doppelposten 
aufgestellt. Mehrere Kompagnien haben Dienst, scharfe 
Patronen liegen bereit. Die Absingung von Liedern 
jeglicher Art während des Festzuges war verboten. Ebenso 
das Tragen anarchistischer Fahnen. Nach einer Begrüßung 
wurde mitgeteilt, daß durch eine Ministerverfügung aus 
Karlsruhe den Ausländern das Sprechen verboten sei. 
Bebel geht auf den Inhalt dieses Verbotes der badischen 
Regierung näher ein und führt u. a. aus, Jaurds sei 
stets mit Ausdauer dafür eingetreten, daß Deutschland 
Frankreichs Wünsche in Betreff der Marokkofrage berück 
sichtige. Ein Menschenfreund, der erste Vertreter des 
Sozialismus erstrebe den Frieden für beide Nationen. 
Wenn Jaurös in Deutschland dann ein gleiches sagen 
will unter Zustimmung aller Vernünftigen, so verbiete 
man es ihm, anstatt die Ohren und Arme für ihn zu 
öffnen. Bülow habe dadurch seine humanitäre Gesinnung 
dokumentiert. Wenn je ein Staatsmann sich kultur 
feindlich gezeigt habe, so jetzt Bülow. Der Reichkanzler 
habe sich blamiert. Bismarck hätte diese Dummheit nicht 
gemacht. Die Wirkung sei. daß die Sozialdemokratie 
durch die Verbote mehr gestärkt würde, als durch alle 
sozialdemokratische Reden. Genau so handle das badische 
Ministerium. Die ausländischen Freunde ertrügen das 
Verbot; die Wirkung sei aber doch stärker, sie müßten 
einen schönen Begriff von der neutschen Freiheit bekommen. 
Zum Schluß besprach der Redner noch den Zolltarif und 
die Berggesetznovelle. Darauf wird ein Ausflug nach 
Kreutzlingen angekündigt, wo die Ausländer sprechen 
könnten. Dort bezeichnet Greulich das Verbot als einen 
Schwabenstreich der badischen Regierung. Adler-Wien 
führt aus, der Österreicher müsse in die Schweiz kommen, 
um zu seinen deutschen Brüdern zu sprechen. Klug war 
das Verbot nicht. 
Karlsruhe. Bei der Rückkehr nach Konstanz wollte 
Bebel, wie die „Oberrheinische Korrespondenz" meldet, 
abermals sprechen. Doch wurde dies verboten, da eine 
neue Versammlung nicht angemeldet war. 
Lemberg. Trotz des polizeilichen Verbotes haben 
mehrere 100 Studenten und Arbeiter die angedrohten 
Demonstrationen ausgeführt, wobei revolutionäre Ansprachen 
gehalten und Lieder gesungen wurden. Ein Teil der 
Demonstranten ging ruhig auseinander, ein anderer Teil 
vsr entschleierte Bild zu $ais. 
Roman von Dr. F. Stolze. 
(Nachdruck verboten.» 
Und sonderbar! Jetzt, wo alles zu Ende ist, sind Ab 
scheu und Haß, die ich gegen sie empfand, geschwunden. 
Heiße Wehmut quillt in mir empor, wenn ich an die stür 
mische Liebe denke, mit der sie mich umfing, die mich 
für sie erfüllte! Alles, was edel an ihr war, tritt mir 
wieder vor Augen und der Jammer darüber, was dies 
unglückselige Land aus dem herrlichen Geschöpfe gemacht 
hatte, erwacht von neuem in mir. Wie der Mensch fast 
'immer das Produkt seiner Erziehung und Umgebung ist, 
so auch sie, und ihre Fehler und was hassenswert an ihr 
war, sind die Fehler und Verbrechen ihres Landes! Wie 
konnte ich es über mich gewinnendste mit diesen Händen 
dem Tode zu überliefern, ich, der ich ihrem Vater ver 
sprochen hatte, alles aufzubieten, um sie vor sich selbst und 
aus diesem Höllenpfuhl zu retten! 
Aber ich darf nicht weich werden. Ich darf mich nicht 
widerstandslos dem Verhängnis überliefern. Bis zum letzten 
Augenblick will ich für mein Leben kämpfen und nur dem 
Unabwendbaren mich fügen! 
Der Riegel klirrt. Ein Gefängniswärter öffnet die Tür 
und ein Arzt tritt ein. Er prüft meinen Puls und nickt 
befriedigt. Der Wärter nimmt mir die Ketten ab, hilft 
mir Kleider, Haar und Bart zu ordnen und fragt mich, 
ob ich einen Bissen genießen will, ehe ich vor dem Gericht 
erscheine. Ich lehne ab und bitte nur um wenige Augen 
blicke Zeit zum Niederschreiben einiger Notizen. Der Wärter 
sieht nach der Uhr und gewährt mir eine Viertelstunde. 
Ich werfe diese letzten Zeilen aufs Papier. 
zog demonstrierend vor die Redaktion des „Slowopolski", 
aus dessen Fenster ein Revolverschuß abgegeben wurde, 
der einen Mann verwundete. Die Polizei vertrieb schließ 
lich die Demonstranten. 
Bukarest. Die rumänische Regierung teilt offiziell 
mit, daß sie unter keinen Umständen die Matrosen des 
„Potemkin", die sich ergeben haben, der russischen 
Regierung ausliefern würde. In Konstanza finden Geld 
sammlungen zu Gunsten der Meuterer statt. Es heißt, 
die Mehrzahl derselben werde nach Amerika auswandern. 
Vrigne. In der zweiten Gallerie des Simplon- 
Tunnels erfolgte ein Erdsturz, wodurch neun Pferde 
getötet wurden. Die Arbeiten des Tunnels werden 
infolgedeffen um einen Monat verzögert. 
Rom. Mehrere Hundert Soldaten sind während 
der letzten drei Tage infolge der unerträglichen Hitze 
erkrankt. Viele schweben in Todesgefahr. Auch aus Nord 
italien werden zahlreiche Hitzschläge mit tötlichem Aus 
gange gemeldet. 
Paris. Aus Marseille wird gemeldet, die Besatzung 
des Schiffes „St. Kilda" meldet folgende Einzelheiten 
über die Beschlagnahme des Schiffes durch den russischen 
Hilfskreuzer „Dnjeper": Letzterer gab der Besatzung den 
Befehl, sofort das Schiff zu verlassen, weil dasselbe in 
Grund gebohrt werden solle. Die Ruffen versuchten 
dies durch Torpedos zu erreichen, mußten aber schließlich 
das Schiff bombardieren, Der „Dnjeper" setzte alsdann 
die Fahrt nach Europa fort. Unterwegs begenete er den 
englischen Dampfer „Floris", an dessen Bord die nicht 
europäische Besatzung der „Kilda" aufnenommen wurde, 
wählend der Kommandant des „Dnjeper* dem englischen 
Teile der Bemannung mitteilte, daß sie als Gefangene 
betrachtet würden. Es gelang jedoch einem Manne der 
Besatzung zu entkommen, welcher dem englischen Konsul 
Bericht erstattete. Daraufhin wurden zwei englische 
Kreuzer dem russischen Kriegsschiffe nachgesandt, welches 
zwei Tage später gesichtet wurde. Die englischen Kriegs 
schiffe drohten den „Dnjeper" in den Grund zu bohren, 
falls die Bemannung der „Kilda" nicht sofort frei ge 
geben würde. Dies geschah, und die Bemannung wurde 
an Bord der „Egypten" gebracht. 
Gerüchtweise verlautete vor einiger Zeit, eine breto- 
nische Fabrik habe im Auftrage der Regierung mit der 
Herstellung neuer kugelsicherer Panzer begonnen. Diese 
Nachricht bestätigt sich nunmehr, die Fabrik befindet sich 
bei dem Orte Fougöre und beschäftigt 800 Arbeiter. Die 
Erfindung stammt von einem Matrosen, der Panzer be 
steht aus Stahl und ist von außen mit verschiedenen Ge 
weben überzogen und auf der Innenseite mit kleinen 
Sprungfedern versehen. 
London. Die Leitung der englischen Arbeiterpartei 
hat Bebel und Jaurtzs eingeladen, in London ihre Vor 
träge über die Friedensidee zu halten. 
Die Zeit ist um. Die Entscheidung naht. Gütige Vor 
sicht, steh' mir bei! 
19. September 1924, abends. 
Es ist zu Ende. Jetzt endlich hat sich mir das ver 
schleierte Bild zu Sais ganz enthüllt! Ich habe den letzten 
Kampf gekämpft und bin unterlegen. Fassung, Fassung! 
Es sollte nicht anders kommen ! Und wenn ich versuchte, 
das Verhängnis abzuwehren . . . daß es mir gelingen 
werde, durfte ich nicht hoffen. 
Als ich in den Gerichtssaal eintrat, von drei Gefängnis 
wärtern geleitet, blickte ich mich um. Der Anblick wies nichts 
Besonderes. Dort der Richter und seine Beisitzer, hier der 
Ankläger, drüben die Geschworenen. Der Zuschauerraum 
war dicht besetzt. Es fiel mir auf, daß dies nicht wie ein 
Verhör, sondern wie eine endgültige Gerichtsverhandlung 
aussah. Ich nahm meinen Platz ein, und die Verhandlung 
begann. Nach den üblichen Formalien richtete der Vor 
sitzende die folgenden Worte an mich: 
„„Angeklagter! Sie sind beschuldigt, gestern abend in 
öffentlicher Versammlung die Einrichtungen der Vereinigten 
Staaten von Amerika in schändlicher, auf den Umsturz der 
Verfassung gerichteter Absicht, verhöhnt und verunglimpft 
zu haben. — Sie sind ferner beschuldigt, aus der Haft in 
der vergangenen Nacht ausgebrochen zu sein. — Und end 
lich sind Sie beschuldigt, auf eine der schönsten und liebens 
würdigsten Bürgerinnen dieses Landes, Nora Fernbach, 
heute morgen in höchst frevelhafter und unverantwortlicher 
Weise auf der Brooklyn-Brücke einen Mordanfall gemacht 
zu haben. Erklären Sie sich dieser Verbrechen für schuldig 
oder nichtschuldig?"" 
„Ich muß mir die Gegenfrage erlauben, ob dies eine 
Voruntersuchung oder eine wirkliche Gerichtsverhandlung 
ist, und ob man mir in letzterem Falle, da ich die Hierlands 
geltenden Gesetze nicht kenne, nicht einen Rcchtsbeistand 
iuir Seite gestellt hat?" 
„Daily Telegraph" meldet, König Eduard begibt sich 
am 10. August nach Marienbad, wo er mit dem Schah 
von Persien, der Kontrexeville am 25. d. Mts. verläßt, 
zusammentreffen wird. Auch Graf Lambsdorff wird in 
Marienbad eintreffen. Es ist auch wahrscheinlich, daß zu 
dieser Zeit eine Zusammenkunft des Königs Eduard mit 
Kaiser Franz Josef von Österreich in die Wege ge 
leitet wird. 
Nach Meldungen aus Warschau wurden eine Anzahl 
Offiziere des Warschauer Militärbezirks standrechtlich er 
schossen. Die Offiziere hatten sich geweigert, nach der 
Mandschurei zu gehen und hatten erklärt, sie würden dort 
hin nur mit ihren Regimentern gehen. Daraufhin wurden 
4 Offiziere und 20 Unteroffiziere zum Tode verurteilt. 
Eine Abteilung eines littauischen Regimentes wurde be 
auftragt, sie zu erschießen. Die Abteilung weigerte sich, 
dies zu tun, worauf Kosaken mit der Exekution beauftragt 
wurden. Nach Ausführung derselben wollten die Kosaken 
nach ihrer Kaserne zurückkehren, wurden aber unterwegs 
von dem littauischen Regiment angegriffen, wobei über 200 
Kosaken gefallen sein sollen. 
Madrid. Die Hitze in Andalusien ist unerträglich. 
Hunderte von Personen sind an Sonnenstich erkrankt oder 
gestorben. In Lissabon herrscht tropische Hitze, die zahl 
reiche Opfer fordert. 
Sofia. Hier tritt mit Bestimmtheit das Gerücht 
auf, daß die Proklamation Bulgariens zumKönigreich im 
Laufe deS Monats August erfolgen werde. Alle Vor 
bereitungen seien bereits getroffen. 
Konstantinopel. Der Dampfer „Pera" der deutschen 
Leoantelinie passierte gestern ohne Belästigung türkischer- 
seits. Die flüchtigen deutschen Familien bleiben infolge 
der beruhigteren Situation in Odessa zurück. 
Konstanza. Ein russisches Eskarde bestehend aus 
zwei Panzerschiffen, vier Torpedobootzerstörer ist gestern 
Vormittag hier eingetroffen. Nach Abgabe der üblichen 
Salutschüsse begab sich der rumänische Marinekommandant 
auf das russische Admiralsschiff und gab die Erklärung ab, 
daßdieMannschaft des „Potemkin",weil unter eigentümlichen 
Verhältnissen stehend, die Erlaubnis erhielt, das Land 
zu betreten. Der „Potemkin" stehe zur Verfügung der 
russischen Regierung. Der „Potemkin" wurde unter den 
üblichen Formalitäten dem russischen Admiral übergeben 
und nach Sewastopol gebracht. 
Auf die Aörderung des Wädchenlurnens 
sucht der Kultusminister durch einen Erlaß an die könig 
lichen Regierungen hinzuwirken. Es wird darin lobend 
hervorgehoben, daß eine Anzahl von Orten auch für die 
Volksschülerinnen Turnunterricht eingeführt haben. Es 
sind damit durchaus günstige Erfahrungen gemacht worden. 
Im wesentlichen wird in dem Ministerialerlasse ausgeführt: 
Es ist anzustreben, daß in den Städten und stadtähnlichen 
„„Angeklagter! In unserem freien Lande kennt man 
die Einrichtung der Rechtsbeistände nicht, die nur die Ver 
hüllung der Wahrheit zum Zweck haben würde. Ebenso 
wenig gibt es Voruntersuchungen, wo es sich um so klare 
Fälle wie der ihrige handelt. Also antworten Sie."" 
„Ich gebe alle Tatsachen als solche zu, bestreite aber 
im ersten Falle jede Absicht des Umsturzes und der Ver 
höhnung der hiesigen Einrichtungen, auf deren Mängel 
und Uebelstände ich nur die Versammliing aufmerksam machen 
wollte. — Was den zweiten Punkt betrifft, so bin ich aus 
dem Gefängnis nicht ausgebrochen, sondern habe es, da 
ich die Türen offen fand, nur verlassen, indem ich dabei 
ein allgemeines Menschenrecht geltend machte. — Daß ich 
endlich meine ehemalige Frau, Nora Fernbach, die mich 
auf der Brooklyn-Brücke in gewaltsamer, ganz ungerecht 
fertigter Weise in der Absicht, mich mit Hilfe ihrer Begleiter 
der Freiheit zu berauben, anfiel, in dem sich hieraus 
entwickelnden Ringen, bei dem ich mich im Stande der 
Notwehr befand, so unglücklich niedergeworfen habe, wie 
es geschehen ist, rechtfertigt in keiner Weise die Bezeichnung 
eines Mordanfalles." 
„„Es wird sich sogleich zeigen, inwieweit die Behaup 
tungen des Angeklagten zutreffend sind,"" erwiderte der 
Präsident. „ „Wir wollen zunächst Punkt 1 ins Auge fassen. 
Man setze den Phonographen in Tätigkeit."" 
Und sogleich begann aus dem rätselhaften Instrumente, 
dessen man sich hier allgemein zur Fixierung der öffent 
lichen Reden bedient, meine Rede vom gestrigen Abend 
herauszuschallen, der das Kollegium, die Geschworenen und 
die Zuschauer mit gespannter Aufmerksamkeit folgten. Als 
sie zu Ende war, stellte der Präsident die Frage an mich: 
„„Angeklagter, geben Sie zu, dies alles gesagt zu 
haben?"" 
(Fortsetzung folgt.)
        
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