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Periodical volume Nr. 158, 08.07.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Fm-rimtl Fok«l-A«jeiser. 
Gleichzeittg Organ für den Hriedenauer Grtsteil von SchSneberg nnd den Vezirksverein 5nd - West. 
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Kr. 158, 
Friedenau, Sonnabend den 8. Juli 1905. 
12. Kahrg. 
Aepeschen. 
Budapest. Der Spezialkorrespondent des „Magyar 
Hirlap" in Odessa telegraphiert seinem Blatte: Montag 
Nacht wurden im Hofe des dortigen Polizeigefängnisses 
über 100 Personen ohne Urteil hingerichtet. Stadt 
hauptmann Neidhardt, vom Korrespondenten hierüber 
interviewt, erklärte, daß kein Urteil erfolgt sei und daß 
die Hinrichtungen in Folge eines Mißverständnisses aus 
geführt wurden. 
Nischz. Unbekannte Täter versuchten auf das hiesige 
Pulvermagazin ein Attentat, welches nur durch die Wach 
samkeit des Militärpostens vereitelt wurde. Einer der 
Attentäter wurde erschossen, die andern entkamen. Man 
glaubt, daß Bulgaren das Attentat verübt haben. 
Cette. Bor der Wohnung des Steuereinnehmers 
explodierte gestern früh eine Bombe, welche großen 
Schaden an dem Gebäude verursachte. Anscheinend 
handelt es sich um einen Racheakt. 
Rom. Nach hier aus Mailand eingetroffenen 
Meldungen soll der dortige Sozialistenbund den Antrag 
angenommen haben, wonach die Zugehörigkeit zur Frei 
maurerei für unwürdig und unvereinbar mit den Inter 
essen der sozialdemokratischen Partei erklärt wird. 
Paris. Das Parlament wird sich nach Annahme 
des Amnestiegesetzes sowie des Etats der direkten Steuern 
vertagen. 
Nach der „Petite Republique" erhielt Jaurös gestern, 
Freitag, den Besuch des deutschen Botschafters. 
Der Minister des Innern und der Kultusminister 
werden dem Präsidenten Landet ein Dekret zur Unter 
zeichnung vorlegen betreffs Schließung von über 100 kon 
greganistischen Lehrinstituten. 
Die Demission des spanischen Gesandten steht in 
keinem Zusammenhang mit dem französisch-spanischen Ab 
kommen, sondern erfolgt gemäß dem Brauche, bei jedem 
Kabinettswechsel die Demission einzureichen. 
Chalons. Wie sich nach eingehender Untersuchung 
ergeben hat, ist das Luftschiff Lebaudys weniger beschädigt, 
als anfänglich befürchtet wurde. Nur die Hülle hat 
gelitten, während die Maschinerie intakt geblieben ist. 
Petersburg. Wie es heißt, hat der Zar dem 
Admiral Krieger brieflich seine Mißbilligung über sein 
Verhalten gegenüber den Meuterern ausgesprochen. 
Odessa. Die Polizei hat zahlreiche Personen, welche 
liberaler Ideen verdächtig sind, ausgewiesen, darunter 
befinden sich angesehene Bürger, Professoren und Rechts 
anwälte, und ihnen gleichzeitig verboten, Aufenthalt in 
größeren Städten Rußlands zu nehmen. 
Tanger. Major Lowther, der seinen Bruder, den 
englischen Sondergesandten nach Fez begleitet hatte, ist 
hierher zurückgekehrt und wird sich demnächst nach Süd 
afrika begeben, um dort bei der Untersuchung gegen die 
var entschleierte Bild zu $ai$. 
Roman von Dr. F. Stolze. 
(Nachdruck oerboten.) 
' Hier wurde ich durch den während meiner letzten Worte 
immer lauter werdenden Lärm völlig unterbrochen. Tau 
sende von Fäusten erhoben sich gegen mich, und die Menge 
drängte wütend gegen die Rednerbühne vor. Abermals setzte 
Brown seine ganze Kraft ein, sich Gehör zu verschaffen; 
laut tönte seine Glocke durch den Raum und er rief: 
„„.Mitbürger, ich bitte euch! Bleibt doch ruhig, bleibt 
kalt. Laßt den Mann doch zu Ende kommen. Er wird uns 
ja Rechenschaft für seine schmachvolle Verhöhnung unseres 
Staatswesens geben müssen und für die Angriffe, die er 
gegen uns gerichtet hat!"" 
Aber selbst sein Einfluß war vergebens, und 'seine 
Stimme verhallte im Getümmel. Man faßte mich, man 
zerrte mich von der Rednerbühne und ich weiß nicht, was aus 
mir geworden wäre, wenn mich nicht plötzlich ein in eine 
phanatstische Uniform gekleideter Mann an der Schulter 
gepackt und gerufen hätte: 
„Ich verhafte sie im Namen des Gesetzes!" 
„„Der Sheriff, der Sheriff!"" tönte es laut, zunächst 
in meiner Nähe, dann durch den ganzen Saal, und bald 
drückten donnernde Cheers dem Beamten den Beifall für 
sein (Angreifen aus. 
Man schleppte mich durch die aufgeregte Menge zur 
Tür hinaus. Ein tobender Haufe gab uns das Geleit durch 
die Straßen, bis sich endlich das Tor eines düsteren Ge 
bäudes vor mir auftat. Der Sheriff und ich traten ein, 
während die Menge draußen blieb. Ich atmete förmlich 
auf, denn hier war ich doch wenigstens sicher vor Miß 
handlungen, und ich fühlte mich dem Beamten dafür ordent 
lich zu Dank verbunden. Er übergab mich dem Hauswart, 
und nun sitze ich hier in dieser Zelle. Sie ist einfach, aber 
in den Militärskandalen verwickelten Persönlichkeiten mit 
zuwirken. 
Verschiedene Blätter verbreiten die Ansicht, daß der 
vom Grafen Tattenbach abgeschlossene Handelsvertrag im 
Jahre 1906 ablaufe und erneuert werden müsse. An 
unterrichteter Stelle ist man der Ansicht, daß der Vertrag 
ohne beiderseitige Genehmigung überhaupt nicht kündbar 
und keine automatische Ablaufsfrist enthalte. Eine 
Revision des Handelsvertrages sei zur Zeit nicht wahr 
scheinlich. 
Chardin. Die Friedensgerichte werden hier wenig 
beachtet. An einen baldigen Frieden glaubt man im 
Hauptquartier nicht. Kleinere Zusammenstöße finden 
häufig statt. 
Mgemeines. 
fj Beirat für Arbeiterstatistik. Im Kaiserlichen 
Statistischen Amt fand unter dem Vorsitz des Präsidenten 
Dr. van der Borght am 5. Juli die letzte Sitzung des 
Beirats für Arbeiterstatistik vor der Sommerpause statt. 
Den Hauptgegenstand der Beratungen bildete der Bericht 
des Ausschusses über die Ergebnisse der Kontorerhebung 
und die Beschlußfassung über ihre weitere Behandlung. 
Es fanden im wesentlichen die Vorschläge des Ausschusses 
Annahme, wonach eine gesetzliche Regelung auf der Grund 
lage der Festsetzung einer Mindestruhezeit empfohlen werden 
soll. Der Beirat beschäftigte sich ferner mit der Fest 
setzung des Grundplanes für eine Erhebung über die 
Arbeitszeit in Plätt- und Waschanstalten. Die Erhebung 
soll durch eine schriftliche Umfrage eingeleitet werden, 
auf Grund eines Fragebogens, in welchem nach der 
Arbeitszeit in der zweiten Oktoberwoche 1905 gefragt wird. 
Bezüglich der Ehebung über die Lohnbücher in der Kleider 
und Wäschekonfektion wurde beschlossen, eine Vervoll 
ständigung der bisherigen Ergebnisse durch die mündliche 
Vernehmung weiterer Auskunftspersonen herbeizuführen. 
sj Chauffeegeld für Kraftfahrzeuge. In Ge 
mäßheit des Erlasses des Ministers der öffentlichen 
Arbeiten erteilt der Regierungspräsident zu Potsdam im 
Einvernehmen mit dem Provinzial-Steuerdirektor zu 
Berlin jetzt zehn Kreisen bezw. Gemeinden der Provinz 
Brandenburg die Genehmigung, auf Grund des Nachtrags 
zum Chausseegeld-Tarife vom 24. Februar 1840 Chaussee 
geld für Kraftfahrzeuge zu erheben. Insgesamt sind es 
rund 140 Hebestellen, an denen die Schnaufe! werden an 
halten müssen, von diesen kommen allein 46 auf den 
Kreis Teltow. Das Gebiet der Reichshauptstadt tangieren 
u. a.: die Berlin-Pasewalker Chaussee über Ahrendsee 
und Lanke nach der Biesenthaler Grenze (Hebestelle Utz 
dorf), Berlin-Prötzel, (Hebestellen: Hohen-Schönhausen, 
Hönow und Radebrück), die Berlin-Cottbusser-Staatsstraße, 
Marieudorf-Marienfelde-Heinersdorf-Großbeeren (Bhf.), die 
nicht schlecht eingerichtet. Nur das vergitterte Fenster und 
die cisenbeschlagene Tür erinnern an das Gefängnis. 
Der Wärter brachte mir ein einfaches Abendessen und 
Licht. Ich habe die Zeit bis zum Schlafengehen benutzt, 
die Erlebnisse dieses Nachmittags aufzuzeichnen. So llar 
stand mir alles vor der Seele, daß ich mich jedes Wortes 
erinnerte. 
19. September 1924, morgens 4 Uhr. 
Es ist doch eine tolle Welt hier! Ueberall dieselben ver 
rotteten Zustände! Nun, mir kann's recht sein, denn es ge 
reicht mir zum Vorteil. 
Ich hatte in der Nacht schlecht geschlafen. Es war kein 
Wunder bei der Aufregung. Und abermals stellte sich mein 
Traum ein, diesmal aber noch scheußlicher als sonst. Ich 
stand auf einer hohen Kippe und Nora umarmte mich. Und 
wieder verwandelte sie sich in das gräßliche Reptil, hauchte 
mich mit ihrem giftigem Atem an und preßte mich mit 
ihren Ringen, daß ich laut aufschrie. 
Ich wachte in Schweiß gebadet auf. Mein Herz schlug 
furchtbar. Endlich beruhigte es sich und ich fand tiefen, 
traumlosen Schlummer. 
Ein Lichtschein weckte mich. Ich rieb mir die Augen 
und sah mich verwundert um. Es war Nacht. Ein Ge 
fängniswärter mit einer Laterne in der Hand stand neben 
dem Bett und leuchtete mir ins Gesicht. Es war derselbe 
Mann, wie gestern abend. 
„„Sind Sie endlich wach?"" fragte er auf deutsch. 
„„Das muß ich einen gesunden Schlaf nennen, in Ihrer 
Lage!" " 
„Sie sind ein Deutscher?" fragte ich. Er nickte. „Warum 
soll ich nicht schlafen," fuhr ich fort, „was kann mir groß 
geschehen?" 
Er sah mich verwundert an. 
„ „Und - da fragen Sie noch»? Wenn ich Ihnen nicht 
davonhelfe, sind Sie heut abend ein verlorener Mann!"" 
Ich sprang mit einem Satze aus dem Bette. 
Straße vom Rollkrug bei Berlin über Britz, Buckow, 
Gr.Ziethen nach Glasow, die Berlin-Cöpenicker-Chaussee, 
ab „neuer Krug", Adlergestell, Bahnhof Grünau und 
Bohnsdorf bis zur Berlin-Königs-Wusterhausener-Chaussee, 
die Berlin-Treptow-Kanner-Chaussee über Britz, Marien 
dorf, Südende, Steglitz und Dahlem bis zur Grunewald- 
Grenze, die Berlin-Königs-Wusterhausener-Chaussee über 
Schönefeld nach Waßmannsdorf usw. 
Q Im deutschen Eisenbahn-Personen- und 
Gepäcktarif vom 1. April v. I. (Teil 1) ist die neue 
Zusatzbestimmung zu § 11 der Verkehrs-Ordnung (als 
Ziffer 5) jetzt in Kraft getreten, nach welchen die deutschen 
Kriegs-Invaliden bei Reisen zum Besuch von Kurorten 
und der Rückfahrt in 2. und 3. Wagenklasse nur den 
halben Fahrpreis zu zahlen haben. In Betracht 
kommen: die vom Komitee der deutschen Vereine vom 
Roten Kreuz (vom bayrischen Landeshilfsverein usw.) 
unterstützten Mitkämpfer der Feldjäger von 1864/6 und 
1870/1, ferner die von der Viktoria National-Jnvaliden- 
stiftung in Berlin ünterstützten Kriegsteilnehmer von 1866 
und die von der Kaiser-Wilhelm-Stiftung für deutsche 
Invaliden unterstützten Kriegsteilnehmer von 1870/1. 
Als Ausweis haben dieselben eine auf den Namen 
lautende Bescheinigung des Zentralkomitees beizubringen; 
ein Schnellzugszuschlag wird von ihnen nicht erhoben, 
wohl aber die übliche Platzkartengebühr. 
sj Offenstehende Wagentüren haben auf den 
Eisenbahnstationen schon des öfteren Unheil angerichtet, 
indem sie beim Einfahren der Züge auf den Bahnsteigen 
wartende Personen verletzen. Im Stadt- und Vorort 
verkehr hilft das Publikum in dankenswerter Weise mit, 
den Beamten die Arbeit des Türschließens zu erleichtern, 
es kommt aber trotzdem vor, daß der Letzte der Aus 
steigenden die kleine Mühe, die Tür hinter sich zuzu 
werfen scheut oder vergißt und der Türschließer beim Vor 
überrollen der Wagen, das Versäumte nicht nachzuholen 
vermag oder die angelehnte Tür übersieht. Die Ver 
waltung erinnert nun aber mit vollem Recht daran, daß 
das Türenschließen unter allen Umständen gewissenhaft 
auszuführen und sofort durch telephonische Rückfrage fest 
zustellen ist, wen die Schuld an der Nichtbefolgung dieser 
Vorschrift trifft. Vielleicht genügt dieser Hinweis, um auch 
das Publikum zu veranlassen, auf versehentlich unver 
schlossen gebliebene Wagentüren zu achten. 
Lokales. 
f 8 Nhr-Ladenschluß. Nicht seit Wochen und 
Monaten, nein seit Jahren macht sich hauptsächlich in 
kaufmännischeu Kreisen die Bestrebung geltend, daß ein 
allgemeiner 8 Uhr-Ladenschluß zur Einführung kommen 
soll. Neuerdings stehen nun sogar zahlreiche Laden 
geschäftsinhaber einem allgemeinen 8 Uhr-Ladenschlusse 
„Ein verlorener Mann?" rief ich. „Was habe ich denn 
Schlimmes getan?" 
„„Den Leuten die Wahrheit gesagt. Das ist genug. 
Und nun machen Sie, und ziehen Sie sich an. Um des alten 
Vaterlandes willen helfe ich Ihnen. Und noch um eins. 
Ich will selbst fort von hier. Sie werden mir dankbar sein 
und mir drüben forthelfen. Nicht?"" 
„Gewiß werde ich das. Wer man wird meine und 
Ihre Flucht bemerken! Was dann?" 
,,„J wo! Ihre Flucht, meine nicht. Hören Sie. Als 
Sie gestern eingeliefert wurden, faßte ich sofort meinen 
Plan. Ich hatte meinen freien Abend, und meine freie 
Nacht. So eilte ich schnell nach dem Hafen, um mich nach 
einem deutschen Schiff umzusehen, das in den nächsten 
Tagen abfahren würde. An der Neuyorker Seite fand ich 
nichts. Als ich aber nach Brooklyn hinüberging, lief soeben 
ein Schiff in den Nordhafen ein, welches ich als ein deutsches 
erkannte. Denn an seinem Gallion stand unter der Schiffs 
figur groß und breit der Name „Hoffnung.""" 
Stürniisch unterbrach ich ihn. „Die „Hoffnung"?" rief 
ich. „Gottlob, dann bin ich am Ende meiner Leiden! Aber 
weiter!"" < 
„ „Nun, ich ging an Bord, und sprach mit dem Kapitän. 
Er sagte mir, er habe in Neuyork nicht viel zu schaffen, da 
er voll befrachtet sei. Er müsse aber hier auf einen Herrn 
Fritz Werner warten, der von San Francisco quer durch die 
Vereinigten Staaten hierherkommen werde, und den er nach' 
Europa hinüberbefördern solle . . ."""" 
„Und da dachten Sie an mich?" rief ich. „Ich bin es!" 
„„Ich merkte es gleich, als er sie mir beschrieb. Der 
Name paßte auch so ziemlich. Und da war auch eine junge 
Dame mit dunkler Hautfarbe . . ."""" 
„Meine Birmanesin!" 
„„Jawohl, die mich lachend und weinend in ge 
brochenem Deutsch beschwor. Sie zu retten;! Und ich ver- 
sprach's nun doppelt gern.""" 
Ich drückte dem Manne sprachlos die Hand.
        
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