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Band Nr. 48, 25.02.1905

Volltext: Friedenauer Lokal-Anzeiger (Public Domain) Ausgabe 12.1905 (Public Domain)

„Es ist also — mangels anderweiter Einwendungen 
— lediglich zu untersuchen, ob dem Kläger das von ihm 
in Anspruch genommene Zurückbehaltungsrecht gemäß § 273 
Bürgerlichen Gesetzbuchs zusteht. Die Fälligkeit des 
Gegenanspruchs des Klägers und die Konnexität der beiden 
Ansprüche steht fest. 
Ob diese Ausübung des Zurückbehaltungsrechts nun 
schon ohne weiteres deshalb zulässig ist. weil die Ge 
haltsforderung des Beklagten in vorliegendem Falle pfänd 
bar war — eilte Frage, die ohne weiteres Material noch 
nicht entschieden werden konnte — kann dahingestellt 
bleiben. Denn das Berufungsgericht schließt sich dem 
Borderrichter dahin an, daß auch gegenüber unpfändbaren 
Lohnforderungen das Zurückbehaltungsrecht ausgeübt 
werden darf. 
Das Bürgerliche Gesetzbuch enthält keine Vorschrift, 
nach der die Geltendmachung des Zurückbehaltungsrechts 
gegenüber einer unpfändbaren Forderung unzulässig ist. 
Aus dem Nichtoorhandensein einer solchen Bestimmung ist 
aber zu schließen, daß es nicht die Absicht des Gesetzgebers 
ist. derartige Einschränkungen zu machen und andernfalls 
hätte er dies ebenso unzweifelhaft ausgesprochen, wie dies 
bei der Aufrechnung im § 394 Bürgerlichen Gesetzbuches 
geschehen ist. 
Daß aber die für die Aufrechnung gezogenen Schranken 
nicht ohne weiteres auf das Zurückbehaltungsrecht ausge 
dehnt werden dürfen, ergibt die Tatsache, daß dieses Recht 
ein viel weniger weitgehendes ist, als das erstgenannte. 
Denn, während die Aufrechnung des Gläubigers die Gegen 
forderung zum Erlöschen bringt, ist das Zurückbehaltungs 
recht nur als ein Sicheruugsmittel anzusehen, welches dem 
Schuldner lediglich das Recht gibt, bis zur Befriedigung 
der eigenen die des Gegenanspruchs zu verweigern, diesen 
Gegenanspruch aber bestehen läßt. Auch der Ansicht, daß 
die Unzulässigkeit der Ausübung des Zurückbehaltungsrechts 
aus den Worten des § 273 Bürgerlichen Gesetzbuchs „so 
fern sich aus dem Schuldverhältnis nicht ein anderes 
ergibt", herzuleiten wäre, ist das Gericht mit der herrschen 
den Meinung nicht beigetreten. Es genügt in dieser Hin 
sicht auf die Zitate zn verweisen, die in großer Anzahl in 
Reumanns „Jahrbuch des Deutschen Rechts," Jahrgang 1 
und 2 zu tz 273 Bürgerlichen Gesetzbuches zusammen 
gestellt sind usw. 
Es ist nunmehr zu hoffen, daß auch die Gewerbe 
gerichte, gegen deren Entscheidung bekanntlich nur in den 
seltensten Fällen Berufung eingelegt werden kann (wenn 
das Objekt über 100 M, ist) der Entscheidung des Kammer 
gerichts folgen werden, um einen geradezu unerträglichen 
Zustand für den selbständigen Handwerkerstand zu be- 
seitigen. 
Allgemeines. 
[] Auf der Eisenbahnlinie Hirschberg-Bruch- 
tal ist die Strecke Ober-Schreiberhau bis Jofephinenhütte 
wieder frei, während der Bahnbetrieb auf der weiteren 
Strecke bis Bruchtal noch nicht aufgenommen werden 
konnte. 
sj Eine Erleichterung in der Abfertigung der 
Gefangeuen-Tranöporte auf der Eisenbahn hat der 
Minister der öffentlichen Arbeiten angeordnet. Danach soll 
vom 1. April d. Js. ab für die Beförderung von Ge 
fangenen und deren Begleiter in Sammel-Transporten, 
nie in besonderen Wagen, eine Pauschvergütung berechnet 
und von der Generalstaatskasse vierteljährlich an die Eisen 
bahn-Hauptkasse gezahlt werden. Diese Einrichtung kommt 
gewissermaßen auch dem reisenden Publikum zu statten; 
da es weniger durch die Begegnung mit „geschlossenen 
Gesellschaften" belästigt wird. Die Begleiter der in den 
Gefangenenwagen reisenden Personen haben nämlich künftig 
weder für sich noch für ihre Schutzbefohlenen Fahrkarten 
zu lösen, wodurch ein etwaiger Aufenthalt der Gefangenen 
in den Schalterräumen vermieden wird. 
Lokales. 
t Eine Gemeindevertreter-Sitzung, die sich 
mit der Beratung des Voranschlages befassen wird findet 
nächsten Donnerstag statt. 
ff- Auszeichnung. Den Kronenorden IV. Klasse 
haben erhalten die Geheimen Sekretäre im Auswärtigen 
Amte Herr G. Sauer, Albestraße 17, und Herr 
P. Lehmann, Handjerystraße 78 und der Geh. expedierende 
Sekretär und Kalkulator im Reichsschatzamt Herr 
R. Hof mann, Cranachstraße 49. 
f Beerdigung. Unter großer Teilnahme wurde 
estern Nachmittag 3 Uhr die edle Wohltäterin unserer 
Gemeinde, Frau Professor Büsing, beerdigt. Herr Pastor 
Görnandt widmete der teuren Entschlafenen einen tief 
empfundenen warmen Nachruf. Hinter dem Sarge folgten 
nach den Hinterbliebenen unter anderem unser Herr AmtS- 
und Gemeindevorsteher Schnackenburg mit Herren der 
Gemeindevertretung, Herr Direktor Busch und Mitglieder 
des Parochialvereins, dem die Verstorbene sehr nahe stand. 
Kränze wurden vom Verein der Ferienkolonie, dem 
Parochialverein und der Erholungsstätte Lenzheim nieder 
gelegt. So hat sich nun die schwarze Grabeskluft über 
der so hochverdienten Frau geschlossen, so ruht sie denn 
an der Seite des geliebten Gatten, der Name Büsing aber 
ist so eng mit unserem Friedenau verknüpft, daß das 
Andenken an die Familie unauslöschlich sein wird. 
f Anläßlich der Douiwcihe fällt auf Allerhöchste 
Anordnung in den Schulen Berlins und der Vororte der 
Unterricht aus. 
-j- Sportpark und kein Ende. Wie mir erfahren, 
ist Herr Direktor Knorr nicht gewillt, auf die von der 
Gemeinde ihm für die Weiterbenutzung des Sportparkes 
zur Bedingung gemachte Zahlung der Summe von 5000 
Mark einzugehen, wahrscheinlich deshalb, weil er in 
zwischen in Hannover eine Rennbahn gepachtet hat. 
-j- Der Dtationschef im Dreimaster. Mit 
Beginn des Sommer-Fahrplans werden die Stations 
vorsteher der preußischen Staatsbahn bekanntlich die amt 
liche Bezeichnung „Fahrdienstleiter" erhalten, es wird 
ihnen dann auch freistehen, mit dem sechssilbigen Namen 
zugleich die alte Dienstkleidung abzulegen. Nach einem 
Erlaffe des Ministers erhalten nämlich die mittleren 
Beamten des Bahnhofs- und Abfertigungsdienstes, zu 
denen die „Fahrdienstleiter" gehören, statt der bisherigen 
Dienstabzeicheir an jeder Setter des Kragens zackige ver 
goldete Sterne. Die Stationsvorsteher erster Klasse, 
„Gütere;peditions"-Vorsteher und Stationskassen-Rendanten 
je drei, die Stationsvorsteher zweiter Klasse, Güter 
expedienten und Stationseiunehmer je zwei, die Stations- 
Assistenten und -Verwalter je einen S:ern. Die Armel 
aufschläge an den Dienströcken sollen nicht mehr aus 
Sammet, sondern aus Stoff mit orangefarbenem Vorstoß 
bestehen. Für die Zugbegleitungsbeamten ist statt der 
einreihigen eine zweireihige Joppe in Litewkenform vor 
geschrieben. Es ist den Beamten aber gestattet, die 
jetzigen Uniformen noch aufzutragen, wozu ihnen bis Ende 
September k. I. Zeit gelassen werden soll. Die Stations 
vorsteher erster Klasse haben nun bekanntlich bei feier 
lichen Gelegenheiten und sonstigen wichtigen Anlässen 
„Gala-Kleidung" zu tragen. Hierzu gehört u. a. Degen 
und Mütze. Da die letzten vom militärischen Stand 
punkte aus für „feierlich" nicht angesehen werden kann, 
so ist diesen und den ihnen gleichgestellten Beamten 
(Güterexpeditions-Vorsteher und Stalionskassen-Rendanten) 
gestattet worden, als Kopfbedeckung einen schwarzen Hut 
mit goldener Agraffe, goldenen Kordons und preußischer 
Kokarde zu tragen. Zweifellos wird der „Fahrdienst 
leiter" im Dreimaster auf festlich geschmücktem Bahnsteige 
eine bessere Figur haben, als der Stationschef mit der 
Mütze. 
-j- Die wahren Gründe für den Mietsausfall 
von nahezu 1% Millionen Mark in Schöneberg, den 
kürzlich eine Notiz feststellte, ergeben sich ganz von selbst, 
wenn man nur mit der Zahl der leerstehenden Wohnungen 
in die Summe des Mietswerts dividiert. Darnach entfällt 
auf jede der 1018 unvermieteten Wohnungen eine Miets 
summe von über 1200 M. Wer kann denn so viel für 
eine Wohnung anlegen? Doch nur Leute mit mindestens 
4500 M. jährlichem Einkommen. Und die sind in der 
Minderzahl. ES wird eben, so meint einer unserer Leser, 
zu unsinnig darauf los gebaut. Immer herrschaftlich und 
hochherrschaftlich, als wenn es nur hohe Herrschaften gäbe! 
Ohne Zentralheizung kann es neuerdings schon gar nicht 
mehr gehen, und gerade diese hat ihre Schattenseiten, weil 
sie erstens unzuverlässig ist und zweiten» einen Miets 
zuschlag auf die Wohnung bedeutet, der höher ist, als der 
Etat für Heizmaterial fein würde, deffen die Familie sonst 
benötigte. Gin MietLauSfall ist stets die natürliche Rück 
wirkung einer unvernünftigen Bauerei. Wenn daher in 
Schöneberg mit Mietskaserne und Hinterhaus so weiter 
gewirtschaftet wird, kann man sich nicht wundern, daß 
die Mieter lieber wo anders hinziehen. 
-j- Die Genralversammluug der Friedenauer 
Spar- und Darlehnskaffe findet am Mittwoch, den 8. d. M., 
im „Hohenzollern" statt. Auf den Geschäftsbericht der 
Bank für das abgelaufene Jahr konimen wir noch zurück. 
f Parochialverein. Der gestrige UnterhaltungS- 
abend wieß trotz der Ungunst der Verhältnisse einen un- 
gemein starken Besuch auf, gegen 300 Personen füllten 
den Saal des „Hohenzollern". Zu Beginn der Versammlung 
gedachte der Vorsitzende in warmen Worten der ver 
storben Frau Professor Büsing zu deren ehrendem Ange 
denken sich die Versammlung von den Plätzen erhob. 
Eingeleitet wurde das Programm mit Mozarts Sonate 
Nr. 8 in 6 stur für Klavier und Violine und dem 
stimmungsvollen Abendlied von Dessau für Violine. 
Herr Schacht bewährte sich wieder als talentierter Künstler, 
der seiner Aufgabe völlig gewachsen mar. Frau Seeler 
sang hierauf das Lied des Pagen aus den „Hugenotten" 
und „Kennst Du daS Land" aus „Mignon" und erzielte 
hierfür wohlverdienten Beifall. Herr Provinzial-Schulrat 
Voigt, sprach *in längeren Ausführungen über „Der Ur 
sprung der prophetischen Erkenntnis im alten Bunde." 
Außer zwei gesanglichen Vorträgen von Herrn und 
Frau Seeler, brachte Herr Schacht noch „Ständchen" von 
Schubert und das v-<1nr Menuett von Mozart-Burmeister 
recht ansprechend zu Gehör. Der Parochialverein hat 
somit auch mit diesem Programm wieder einen recht genuß 
reichen Abend seinen Mitgliedern und Gästen bereitet. 
8 Hohenzollern-Thcater. Die hochinteressante 
Schulkomödie „Flachsmann als Erzieher" von Otto Ernst 
wird Direktor Behle am Dienstag den 28. Februar auf 
allgemeinen Wunsch neueinstudiert zur Aufführung bringen. 
Das Stück hat bei seinen unzähligen Aufführungen an allen 
deutschen Theatern, wegen seiner eigenartigen Tendenz, 
das größte Aufsehen erregt. Mit trefflicher Charakteristik 
und urwüchsigem Humor hat Otto Ernst in seinem Flachs 
mann, die heutigen Schulzustände geschildert und amüsiert 
sich das Publikum stets aufs köstlichste über diese famose 
Satyrs. In letzter Zeit wurde die Komödie auch in das 
Repertoire des König!. Schauspielhauses in Berlin auf 
genommen, was berechtigtes Aussehen erregte, aber auch 
hier war der Erfolg ein durchschlagender und ausverkaufte 
Häuser an der Tagesordnung. Allen Theaterfreunden sei 
es daher bestens empfohlen sich am Dienstag, Flachsmann 
als Erzieher" anzusehen. Es wird wieder ein hoch 
interessanter Theaterabend. 
-j- Opernvorstellung im Rheinschlost. Für die 
am Mittwoch, den 1. März, stattfindende Aufführung deS 
„Faust", Oper von Gounod in 5 Akten ist das Orchester 
auf 20 Musiker verstärkt. "* Die Partie der Margarethe 
singt Olga Orsella; ebenso liegen die anderen Partien 
sämtlich in ersten Händen, so daß ein genußreicher Abend 
bevorsteht. Die Direktion hat es sich angelegen sein 
lassen, auch für eine würdige Ausstattung der Oper — 
soweit es die kleine Bühne irgend gestattet — zu sorgen. 
Wir machen noch besonders darauf aufmerksam, daß 
während des Vorspieles die Saaltüren unbedingt geschloffen 
bleiben müssen und empfiehlt eS sich daher, pünktlich 8 Uhr 
anwesend zu sein. — ES sind von nächstem Mittwoch ab 
noch Gallerie-Plätze geschaffen morden. Die Billetts für 
diese Plätze sind jedoch nur an der Abendkaffe zu erhalten 
und zwar für 50 Pfg. pro Platz. Wir wünschen der 
regen Direktion auch weiterhin recht volle Häuser, die 
Leistungen sind derartig gute, daß mir den Besuch der 
Vorstellungen aufs Wärmste empfehlen können. 
-j- Alt-Wandervogel. Der Bund für Judend- 
wanderungen, Alt-Wandervogel (Beirat Schriftsteller Wolf 
gang Kirchbach), veranstaltet am morgigen Sonntag einen 
Vormittagsausflug nach dem Grunewald. Um 1 / 4 9 Uhr 
treffen alle Ortsgruppen am Stern im Grunewald zu 
sammen. Die Friedenauer marschieren um 7 Uhr von der 
richtend. »Sie will doch nur Georg da haben,' dachte sie da 
bei in eifersüchtiger Regung, »sie fürchtet, er kommt nicht ohne 
uns andere alle.* <Äne leichte Röte stieg in das schöne 
Gesicht der vor ihr stehenden schlanken Gestalt. Dann neigte 
sie sich zu chr, den Arm um ihre Schulter legend. 
„Ach, die anderen,' sagte sie leichthin, »die sehe ich so oft 
und Du, kleines Schätzchen, machst Dich gar so rar; da mußte 
ich schon extra kommen und Prinzeßchen einladen.* 
Llli antwortete nicht. Ihre Blicke flogen den Weg entlang, 
ver nach dem Dorf führte — warum kam Georg heute gar 
nicht? — Und als hätte Wally dm gleichen Gedanken gehabt, 
fragte sie unvermittelt: »Glaubst Du, Georg Hartwich könne 
heute noch zu Euch kommen? Ich hatte die Absicht auch ihn 
rinzuladen; es ist — es wär« doch so herrlich, chn wieder 
einmal spielen zu hören.' 
Das klang so unbefangen — aber Wally verstand schon 
sich zu beherrschen. 
»Möglich ist eS schon,* entgegnete nun auch Lili an 
scheinend gleichmütig. »Gr kommt ja fast täglich, um nach 
Papa zu sehen.* 
»Nur darum?* lächelle jetzt di, ander« schelmisch. »Man 
erzählt sich in der Nachbarschaft ganz andere Dinge.* 
»So, war erzählt man sich denn?" stagte Lili. Der Ton 
sollte harmlos klingen, doch er gelang ihr schlecht. Sie fühlte 
ihr Herz freudig klopfm. Ihre ganze Umgebung mied so 
geflissentlich, Georg zu erwähnen, während man in allm 
Tonarten Möllers ausgezeichnete Charaktereigenschaften lobte, 
vaß sic glücklich wor. einmal ein anderes Wort zu hören. 
Wally neigte sich, zu ihrem Ohr: „Man erzählt sich, daß 
rin fciioncx, .bfmm^elvckter Jünglingholdes Dornröschen 
liebe, da» sich in einem MchnüiqranktM Häuschen, einspinnen 
möchte..., c jfjj jtßjtijoV 7«tü ;mi r-hhci 
Wie 'MM, Langen,, Mychy,ziecsmd«n, Wort«, da^n be 
freite sie sich au» den sie umschlingenden Arnim und flyg.Mst 
heißen Wangen, dn^,Berg hjnan» zWmp Du,»och weiter 
solchen Unsinn schwatzest, komme ich gar uichh? .rief ste lachend 
zurück. 
Empfehlen Sie mich bestens dm Herrschaften; ich erlaube mir 
in den nächsten Tagen eine persönliche Anfrage nach deren 
Befinden. Lebe» Sie wohl und Ihnen nochmals vielen Dank.* 
»Nun, wie Sie dmkenl Leben Sie wohl und grüßen 
Sie Tante Minchen!" — Möller war schon im Walde ver- 
schivunden, als ihm der Freiherr noch diese Worte nachrief. 
Der Freiherr ritt kopfschüttelnd weiter. »Da könnte Ulan 
sich nun so von Herzen frmm, aber es ist wieder nichts. 
Augenblicklich hat der gute Junge verteufett wenig Aus 
sichten, das mertt ein jeder, nicht bloß er allein,' brummte 
u, halblaut vor sich hin — »So ein Kindskopf! Solch Glück 
kommt nicht so leicht zum zweiten Mal! — O, da ist ja 
unsere Kleine, wen hat sie da neben sich?' 
Er kniff die Augen zusammm und schaute scharf den 
beiden Mädchengestaltm entgegen, welche leichtfüßig die An 
höhe hinabgeeilt waren und nun grüßend und mit Tüchern 
ivehend ihn eriöarteten. 
»Ah, die Wally Stmdell. — Habe wirklich recht, nebm 
der kraftvollen Gestalt fällt es noch mehr ins Auge, was für 
ein Meißener Porzellanfigürchen unser Liliput ist. Hab's ja 
gesagt — muß unter Glas und Rahmen! — Na warte nur, 
mein Junge, der atte Onkel wird schon sein möglichstes tun!' 
Dann ein Schnalzen mit der Zunge und in wenig Sätzen 
hielt er nebm dm beidm Mädchm. »Ach, viel Ehre! Viel 
Ehre! Na, Kinder, laßt mich nur erst vom Gaul, dann 
kommt die Begrüßung!' Das war ganz der alte, joviale Ton 
und niemand nierkte, welche emste Unterhaltung er soeben 
geführt. Dabei schüttelle er die dargereichten Hände so kräftig, 
baß die Mädchm leicht aufschrien, strich Llli liebkosend über 
den goldig schimmernden Scheitel und schritt endlich, sein 
Pferd am Zügel führend, neben ihnen her. 
-Ich freue mich sehr, Herr Baron,* begann Wally sofort, 
„daß ich das Glück habe. Sie z« sehen, ich nehme auch sofort 
die Gelegenheit wahr. Sie um Ihren Beistand zu bitten.' 
„Schon wieder meinm Beistand?" dachte der alte Herr. 
Laut sagte er scherzmd: »Meinen Beistand? Der ist Danien 
stets gern gewährt, besonders wenn sie jung und schön sind.' 
Wally lachte, daß die weißen Zähne blitzten. »Davon bin 
ich überzeugt, Herr Daran, und vollends bin ich Ihrer Zu 
stimmung gewiß, wenn Sie härm, um was er sich handelt. 
Ich bin «gens herübergekommen, um Lili und selbsttedend 
auch die anderen Herrschaften zum nächsten Mittwoch bei uns 
rinzuladen — S ist nämlich mein Geburtstag, und waS ant- 
ivortet mir die Kleine? — Es ginge nicht I* — 
„Nein, liebe Wally, so sagte ich nicht,' unterbrach Lili 
vie Sprecherin. „Ich habe geantwortet," sie wendete sich zu 
vc»i Freiherrn, »und Du, Onkel, ivirst mir recht geben, daß 
unser Kommen von Papas Befinden abhänge. Könne er uns 
nicht begleiten, und das ist doch kantn zu ermatten, dann 
müsse auch ich auf das Vergnügen verzichten, denn ich lasse 
ihn nicht einen ganzen Tag allein. Nun, Onkelchen, wer hat 
mm recht." 
»Na, da sitze ich schön in der Klemme,' lachte der Ge- 
'ragte. »Ja, meine Damen, Sie haben natürlich beide recht! 
F uulein Wally mit ihrer Einladung, und Du, Putchen, mit 
Deiner nur bedingten Zusage. — Doch, Kind, auch ohne dm 
u. iH>st könntest Du doch einmal in eine frohe, junge Gesell- 
Ichast gehen. Er bleibt ja nicht allein und ist doch in den 
besten Händen, wenn Mademoiselle da ist. — So muß ich 
also dieses Mal Ihnen beistehen, mein schönes Fräulein, selbst 
aus die Gefahr hin, es mit meinem Putchen gründlich zu 
verderben.' 
Wally lachte fröhlich auf. »O, das ist reizend, ist zu 
nett von Ihnen, Herr Baron!" Dabei umarmte sie die kleine 
Gefährtin. „Gelt, Llli, wenn es der Onkel sagt, dann tust 
Du es?" schmeichelte sie und schaute sie fast zärtlich mit den 
vnnklen Augen an. , ■ ; >i 
„Jetzt machen die Damen das wohl ohne mich ab-*:-rief 
ver Freiherr, „ich werde inzwischen meine Freunde begrüßen.* 
Er übergab dem herbeigeelltm Friedrich die 'Zügel seine- 
Pferdes mit der Weisung, - dasselbe »ach dem „Schloßt'-»u 
führen, er käme in einer Stund« zum Abendessen- dan« niktte 
:r den beiden Mädchen zu und trat unter die Veranda, ünw 
„Sage, Wally, was liegt Dir nun gerade an meinem 
Kommen so viel? Du hast doch andere in Menge bei Dir,* 
sagte Llli, die großen blauen Augen forschend auf Wally J 
(Fortsetzung folgt.)
	        
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