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Periodical volume Nr. 1, 02.01.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

ben Strotzen wurde es nach Ladenschlutz ruhig und auch 
in h«\ Kaffce'S und Restaurationen war der Besuch an 
fangs ein flauer, da viele den Anbruch deß neuen JahreS 
in der Familie zu Hause abwarteten. Stetig schritt der 
Stundenzeiger vorwärts, um die Punschbowle hat sich die 
Familie vom Nesthäkchen Ibis zur Tante vierten Grades 
versammelt, der heiße Trank macht gesprächig. Lautlos, 
unhörbar ist noch ein Gast eingetreten, der sich mit dem 
Bawlcngeist vereint und unter dessen Banne wir bleiben 
bis mit ehernem Schlage die Uhr das neue Jahre ver 
bindet: die Erinnerung. Mächtig dringt sie in diesen 
letzten Stunden des Jahres auf uns ein, mächtiger denn 
sonst und stürmischer denn je. Das neue Jahr bricht an! 
Bon den Kirchtürmen klingen die Glocken hinaus in's 
Land und läuten seinen Einzug ein. Auf den Straßen 
wird es lebhaft, besonders unsere Rheinstraßc zeigt ein 
verändertes Bild; „Prosit Neujahr" schallt es hinüber und 
herüber. Droben in den hellerleuchteten Gesellschafts 
räumen klingen die Gläser aneinander, der Festredner er 
hebt sich zur Festrede, die auch hier wieder in ein „Prosit, 
dem neuen Jahre!" ausklingt. In den Restaurationen 
wird es lebhaft, überall fröhliche Menschen, die das neue 
Jahr herzlich willkommen heißen. Als der Neujahrs 
morgen anbrach, da lächelte die Sonne und lockte hinaus 
irr den kalten Winter. Einen gutrn Besuch konnten 
rvährend des ganzen Tages die Eisbahnen ausweisen; am 
Abende waren die Restaurants und Cafös wieder gut 
besetzt. 
1' Eine geheime Gemeindevertreter-Sitzung 
findet kommenden Donnerstag, Abends 6 Uhr, statt. Auf 
der Tagesordnung steht Zuschlag der Bauausführung des 
Elektrizitätswerkes. 
f Stiftung. Frau Baumeister Hancke hat zum 
Andenken an ihren verstorbenen Galten, der sich als 
Direktor des Berlin-Charlottenburger Bauvereins, in 
unserem Orte sehr verdient gemacht hatte, und anläßlich 
des Ortsjttbilänms eine Siiftung von 5000 M. zum Fonds 
für verschämte Arme der Gemeinde zukommen lasten. 
t Todesfall. In Trauer versetzt wurde Herr Marine 
maler Professor Hans Bohrdt durch das am Neujahrstage er 
folgte Ableben seines Schwiegervaters des Malers und 
Illustrators Herrn Karl Koch. Die Beerdigung findet 
a:n Donnerstag, den 5. Januar 1905, Nachmittags 3 Uhr 
von der Leichenhalle deS Fri--denauer Kirchhofes aus statt. 
Gedenktag. 250 Jahre find gestern verflossen 
seit dem Tage, da Christian Thomasius zu Leipzig als 
Sohn des Rektors an der dortigen Thomasschule das 
Licht der Welt erblickte. Schon frühzeitig wendete sich 
der nachmalige berühmte Gelehrte dem Studium der 
Philosophie zu. allein diese ivac zu jener Zeit durch die 
Scholastiker noch stark in die spanischen Stiefeln der 
Pedanterie geschnürt und da blieb es denn nicht ver 
wunderlich, daß dem nach Befreiung von diesen Festeln 
ringenden ThonrasiuS die Schriften eines Pufendorf und 
Hugo Grotrus als Wegweiser zur Beschreitung neuer 
Bahnen dienten. Nachdein er sich bis zum Jahre 1679 
Frankfurt a. O. aufgehalten hatte, folgte er einem 
Gräuel der Folter und suchte reformierend auf die Be 
stimmungen der Gerichtshöfe einzuwirken. Eine gerade 
offene Natur, wie die seine, verschmähte in den gegebenen 
Darlegungen natürlich alle philosophichen Spitzfindigkeiten 
und so wurde der tapfere Kämpe der Wissenschaft durch 
den großen Einfluß, den seine Lehren zusehends gewannen, 
zum Förderer einer allgemeinen philosophischen Bildung, 
die, entgegen derjenigen der Scholastiker, mehr einen 
praktischen Wert für das Leben besaß. Trotzdem er treu 
zur Kirche hielt, verstand er es doch in Wort und Schrift 
der zu jener Zeit bei den orthodoxen Theologen reichlich 
vorhandenen Anmaßung für immer den Boden zu ent 
ziehen, ein Borgehen, das ihm den reichsten Beifall seiner 
unzähligen zeitgenössischen Anhänger eintrug. Am 23. Sep 
tember 1728 setzte der Tod dem rastlosen Streben des 
73jährigen.Ritters vom Geiste ein Ziel, in der gebildeten 
Welt aber wird der Name Thomasius fortleben für alle 
Zeiten. 
-j- Ter Januar, benannt nach dein Gotre Janus, 
ist in der Regel der kälteste und rauheste Monat des 
Jahres. Schon Karl der Große nannte ihn in richtiger 
Erkenntnis der Tatsache, den Winterharmanoth. und unser 
Kalender bezeichnet ihn heute noch als Wintermonat. 
Schnee und Kälte, Schlittenfahren und Schlittschuhlaufen 
sind seine äußeren Kennzeichen. Die Härte des Winters 
empfindet immer die Armut am meisten. Denn die 
knappen Vorräte an Winterfenerung sind dann bald ver 
braucht, so daß ein solcher Haushalt sich äußerste Be 
schränkung auferlegen muß. um die Mehrausgaben für 
Holz und Kohlen decken zu können. Jeden einzelnen 
mahnt übrigens die Winterszeit, recht auf seine Gesundheit 
bedacht zu sein, da der Übergang von der erwärmten 
Stubenluft in die kalte Außenluft leicht Erkältungen mit 
sich bringt. Wer sich eine anschauliche Porsteilung von 
der um diese Jahreszeit herrschenden Katarrh- und Husten- 
epidemie machen will, der gehe nur in das Theater oder 
in ein Konzert. Mit Beginn des Januar sind bereits 
die kürzesten Tage des Jahres überwunden. Die Zeit, in 
der unsere Sonne am meisten mit ihrem Lichte, ihrer 
Wärme kargte, liegt wieder hinter uns und von Tag zu 
Tag steigt unser Zentralgestirn höher am Himmel empor 
und verweilt immer länger über uns. 
s Wintersreuden gab es am gestrigen Sonniag 
bei 6 Grad Kälte und hellem Sonnenschein in großer 
Zahl. Auf den künstlichen Eisbahnen herrschte von früh 
an bis zu den späten Abendstunden ein überaus lebhaftes 
Treiben, so daß die Pächter, zumal sie erhöhtes Einlrits- 
geld nahmen, ein ausgezeichnetes Geschäil gemacht haben. 
Zum ersten Male in diesem Winter konnten auch die 
Schlitten in Betrieb gesetzt werden, und selbst im Innern 
der Stadt sah man sie auf glatter Bahn bei hellem 
Glockengeläut einhcrsausen. Das ziemlich abschüssige Auf 
marschterrain neben dem Viktoria.Park, auf dein der 
Schnee liegen geblieben ist, benutzte die Jugend zu lustigen 
Hörnerschlittenfahrten. Aber auch iver zu Fuß eine 
Wanderung durch den Tiergarten oder in die weitere 
llmo^npnb ffi'-’ UM? s?in- Nlofti'i'iiia, 
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ordnung als den einzigen und besten Weg zur Regelung 
der Arbeitsbedingungen. 
f Da» Königliche Institut für Meereskunde, 
Gevrgenstraße 34/36, veranstaltet in dieser Woche. 
Abend- 8 Uhr. folgende öffentliche. Herren und Damen 
zugängliche Borträge: Donnerstag, den 5. Januar, spricht 
Herr Professor Roderrberg-Kiel über „Die Kontinental 
sperre"; Freitag, den 6. Januar, Herr Prof. Philippson- 
Bern über „Küstenbildnngen", mit Lichtbildern. Einlaß 
karten sind zum Preise von 25 Pfg. von 12 bis 2 Uhr 
Mittags und an den Vortragsabenden selbst van 6 Uhr 
Abends ab im Institut erhältlich; außerdem in der Zeit 
von 9 bis 4 Uhr in „Deutschen Flotten-Berein , 
Bernbnrgerstraße 35 1. 
t In» Verband Deutscher Bücher Revisor.« 
hat die Ortsgruppe Berlin kürzlich die Hauptversammlung 
abgehalten. Der Vorsitzende erstattete den Jahresbericht, 
betonte besonders das erfreuliche Wachsen der Mitglieder 
zahl, die sehr günstigen Kaffenverhältnisse und dos Wohl 
wollen drr Handelskammer, welches der Ortsgruppe 
erzeigt ist. In den Vorstand wurden neu- resp. wieder 
gewählt die Kollegen Detlev Schönmandt - Friedenau, 
Rudolf Holst. Oskar Krause. Pan! Buhl und Max 
Bnchholz; die Geschäftsstelle befindet sich W 0, Köthener 
straße 46. 
t Hoheuzollern-Theater. Mir der Ausführung 
der berühmten Posie „Die Maschinenbauer von Berlin" 
am Dienstag, welche, wie mir schon mitteilten, mit voll 
ständig neuer Kostümaußstaltnng der vierziger Jahre in 
Szene geht dürste Herr Direktor Behle einen sensationellen 
Erfolg erzielen und dürste der Zuspruch zu dieser Auf 
führung ein ebenso großer sein, wie dies lut allen 500 
Au'sührnngen in Berlin der Fall war. Ais inan vor 
kurzem in Berlin „Die Maschinenbaue!" neu cinstudicrt 
ini Berliner und Schiller-Theater zur Ausführung brachte, 
war der Erfo'g ein ganz überraschender. DoS feinste 
Publikum von Berlin W füllte allabendlich das Theater 
bis aus den letzten Platz und amüsierte man sich auf daS 
köstlichste über ten unvergänglichen Witz und die höchst 
originelle Handlung dieser alten Posie, die tausendmal 
besser ist. als alle Posien neueren Genres. Die Damen 
in ihren Krinolinen-Kostüinen wirkteir direkt zwerchfel 
erschütternd. Die Hauptrollen liegen bei uns in Händen 
der Herren Direktor Behle, Hermann Norden, Alwin 
Cordes, Albert Heinrich, Frl Hanna Buschbrck vom Hof 
theater in Oldenburg als Gast, Elle Römer, Johanna 
Suhr. Wir können den Besuch nur nochmals aufs aller 
beste empfehlen. 
f Sternhimmel im Januar. Merkur, im 
! Schützen, anfangs unsichtbar, eilt der Sonne stark v. in 
\ und ist Mitte des Monats 1'/ 2 Stunde, am End. ne 
j Stunde tief im Südosten vor Sonnenarstgang sieb' . — 
1 Venns, im Slcinbock rrnd Waffermann, Abendstern, geht 
! anfangs um 7 1 / 2 zum Schlich um 9 Uhr Abends unter. 
I OT> t.t S,ir CV im.sirtti rtn | Ul^t ^sfiorgenS 
anfmv 3 12*/,, 
at:n Bein- 
2r 51/, 
A JOT 
Abends gegen 8 Uhr stehen in Berlin in dc. .von 
Süden nach Norden folgende Slernbi der. Fische, Widder, 
Andromeda, Perseus, Cassiopeja, Kleiner Bär, Drache, 
Iroßer Bär. J,n Osten: Trier, Fuhrmann. Zwillinge, 
'snr Wcsterr: PegasrrS, Schwan. Leier. — Dauer der 
Dämmerung im Jannar: 43 Minuten. 
7 Bauernregeln im Januar. „Januar muß 
Kälte knacken — Wenn die Ernte soll girr sacken' sagt 
Landnianrr. Auch schireieir soll es rm ersten Monat 
Jahres rechr stark, denn: „Jairuar Schnee zu 
— Dann Bauer halt' -den Sack ans" rrird Schnee 
Januar — Machet Dung für's ganze Jahr". „Ist 
Jänrrer hell riird rveiß — Wird der Sommer sicher 
Aber: „Januar warm, — Daß sich Gott erbarm!" 
Wächst das Gras in, Januar — Wachst es schlecht 
ze Jahr", dagegen- Die Witterung rin Januar soll 
lch für die kommenden Monate sein, denn: „Schön 
- Ssim.-t das ganze Jahr", dagegen: „Neu- 
— Bringt das ganze Jahr viel Noti 
er wünscht sich den Januar recht trocken, 
un der Januar ist naß — Füllt sich nicht 
.es Faß." „Rebe! im Januar — Gibt ein 
.bjns)!‘ und „Im Januar Regen oder Schnee 
Bäumen. Saalen, Wiesen weh". Für gewisie 
Januar gellen folgende Baneinregeln: „Am 
. um oeucui; oic Joorocttüt, or 
jt abgegriffen war. sah aus. als ob man sU seit Je 
-sinct hätte. v 
'»'sch, komisch." reflektierte Gordon und sah mit pv 
uck um sich; dann ging er um daS Haus herum 
. f cv schmutzige Hof, der eS von dem Nebengrund- 
chloß war Mit allerlei Unrat vollgcworsen, die Fenster 
-weh beschmutzter als vorn, und durch die »erbrochen« 
n sah man rn die leeren, mit Spinnweben bedeckt« 
«t hmem. 
■ glaube, ich vertrödele meine Zeit hier unnütz, den» 
\\t doch wirklich nicht« hier drin, meinte Gordon ,u sich 
b 5 öcfte _ auf den Griff der Hinteren Tür. er ging leicht 
genug; aber sie war verschloffen und da er keinen Schlüffe! 
•ulnatutel rou & te ” "icht. in welcher «rt da« Schloß auf. 
^Unentschlossen begab er sich wieder nach vorn, guckte m 
ic okuster, horchte hinein, aber c« blieb alle» drinnen still: 
Q? sr« "nd offen da. In jede? Fenster saß « 
nochmals h"w»i; alle Stuben waren leer und schmutzig und 
machten den Eindruck der völligen Verlassenheit. Kein Lau» 
war zu Horen, nicht die Spur der geringsten Benutzung »n 
bemerken"^ mc ^ tä oon irgend welchen früheren Besucher« zu 
Um mich völlig zu überzeugen, brauchte ich ja nur dit 
Hintertür aufzubrechen, sagte er ,n sich selbst. Aber od t« 
auch der Muhe lohnt? Usher blieb doch gar nicht so langt 
ma dnn; vielleicht wollte er jemand hier treffen und der war 
schon weg gegangen! Und «aS kann ich dann in dies« 
öden, verlassenen Höhle finden? Denn «S scheint ja. bet Gott. 
n,N)tv. nichts drn, zu jvnl tecrlsetzung folgt.)
	        
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