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Periodical volume Nr. 301, 23.12.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Mädchen, Handfertigkeitsunterricht fürKnaben.fürZeichnen, Turnen 
und Baden. Das alles soll das neue Schulhaus bieten. — 
Das außerordentlich schnelle Aufblühen Friedenaus brachte 
auch auf dem Gebiete des Volksschulwesens gar manche nicht 
leichte Aufgabe für die Gemeindebehörden. Die nachfolgenden 
Ausführungen werden aber aufs deutlichste erkennen lassen, mit 
welcher Opfcrwilligkeit die Gemeinde-Körperschaften die Ent 
wickelung unserer Volksschule gefördert haben. Insbesondere 
möchte ich des Mannes gedenken, mit dem ich nunmehr seit 
10 Jahren zusammen zu arbeiten die Ehre habe, des Schul- 
Schöffen Herrn Geheimrat Bache, der mein Streben um Aus 
gestaltung der Volksschule stets mit warmem Herzen unterstützt 
hat und dem es zu danken ist, daß unser Ort auf diesem Ge 
biete gegen die Nachbarorte nicht zurückgeblieben ist. 
Ueber die Schulräume heißt es: 
Durch Verfügung vom 30. Juli 1875 genehmigte die 
Königliche Regierung die Ausscheidung der Gemeinde Friedenau 
aus dem Schulverbande mit der Gemeinde Deutsch-Wilmersdorf 
und die Einrichtung einer besonderen Schule für Friedenau am 
1. Oktober 1875. Am 1. Dezember 1875 wurde eine Klasse 
gebildet und Ringstraße 49 in Mietsräumen untergebracht. 
Im Jahre 1876 wurde die Villa Albestraße 32 für 30000 
Mk. angekauft. In den Räumen dieser Villa blieb die Schule 
bis zum Jahre 1890. 
Von 1876—1886, also volle 10 Jahre, hatte Friedenau 
nur eine Volksschulklasse und einen Lehrer. 
Im Jahre 1891 wurde auf dem bereits im Jahre 1877 
für den Preis von 4600 Mk. angekauften, neben der Villa 
belegenen Grundstück ein Schulhaus mit 8 Klassenräumen er 
baut. Dem Betreiben des hiesigen Männer-Turnvereins ist cs 
zu danken, daß gleichzeitig eine Turnhalle errichtet wurde. 
Schulhaus und Turnhalle kosteten einschließlich Inneneinrichtung 
rund 68000 Mark. 
Im Jahre 1895 wurde die Villa auf Abbruch verkauft, 
um einem Schulhaus-Ncubau mit 15 Klasten und den erforder 
lichen Nebenräumen Platz zu machen. Bezogen wurde dieses 
Echulhaus im August 1896 und kostete ausschließlich Jnnen- 
Einrichtung 67342 Mark. Zur Erlangung eines ausreichend 
großen Hofes wurde das benachbarte Hewaldsche Grundstück 
für den Preis von 59000 Mark erworben. 
Im Jahre 1897 wurde die neu gegründete höhere Knaben 
schule im alten Schulhause untergebracht. 
Im Jahre 1899 mußte das Hewaldsche Haus umgebaut 
werden, um 4 neue Klastenräume zu schaffen. Der Umbau 
kostete 1716 Mark. 
Ostern 1902 konnte die Uebersiedelung des Gymnasiums 
nach dem neuen Gymnasialgebäude erfolgen. 
Michaelis 1902 mußten einzelne Klaffen der Gemeinde 
schule im Gymnasium untergebracht werden, z. Z. beträgt die 
Zahl dieser Klaffen sieben. 
In den Jahren 1903 und 1904 kaufte die Gemeinde 
für Schulzwccke Grundstücke zwischen Goßler- und Rheingau- 
straße für den Preis von 134810 Mark. 
Dort wird nunmehr ein Schulhaus mit 34 Klaffen und 
den notwendigen Nebenräumen sowie eine zweigeschoffige Turn 
halle erbaut; bezugsfertig soll es am 1. Oktober 1906 sein. 
Im September 1905 waren an der Gemeindeschule 
tätig: 1 Rektor, 23 Lehrer, 7 wiffcnschaftliche und 2 technische 
Lehrerinnen. 
Herr Rektor Hannemann ist in Friedenau seit 1. Oktober 
1895 an der Schule tätig. Herr Lehrer Wilhelm Urkow, 
unser ältester Voksschullehrer, ist in Friedenau seit 1. August 
1877 tätig. Am 2. Juli 1902 fand anläßlich der 
25 jährigen Tätigkeit in Friedenau eine erhebende 
Schulfeier in der Turnhalle und Abends im ,Hohen- 
zollern' ein Kommers statt. Die dankbare Gemeinde 
und das Kollegium überreichten dem Jubilar Geschenke. 
Die älteste Lehrerin ist Fräulein Antonie Jaenicke, sie war 
vom 1. Oktober 1899—1. April 1890 Lehrerin bei Fräulein 
Rönncberg; seit 1. April 1890 Lehrerin an der Gemeinde. 
Als Chronik wollen wir noch verzeichnen, daß der erste Lehrer 
Herr Weitling vom 1. Dezember 1875 bis 1. Juli 1877 an 
unserer Gemeindeschule war. (Fortsetzung folgt.) 
Mgemeines. 
0 Zum Güter- und Tier-Verkehr. Im Aus 
nahmetarif 1 (Holz) unter 4 (S. 13 des gemeinsamen 
Heftes II A.) wird mit Giltigkeit vom 1. Februar k. I. 
das Wort „Satzkisten" ersetzt durch „Satz" und andere 
leere Kisten, wenn ineinandergesetzt. — In den Stations 
verbindungen von Zsombolya (Ungarn) nach Berlin, An 
halter, Görlitzcr und Schles. Bahnh., sowie Rummelsburg, 
Rangierbahnh.. werden vom 1. Januar k. I. ab Fracht 
sätze für Pferde in Wagenladungen, sowie Fahrgebühreu 
für Tierbegleiter eingeführt werden. Nähere Auskunft 
geben die beteiligten Abfertigungsstellen. 
Lokales. 
-f Weihuachtsbefcheruug. Wenn sich heute die 
dunklen Fittiche des Abends niedersenken, dann nahet 
leise auf der Dämmerung Flügel die heilige Nacht und 
weithin strahlt der Weihnachtsbaum in hehrer Pracht. 
Auch im engsten Raume brennt die Liebe den Kleinen ein 
Lichtlein an und sucht sie zu erfreuen. Unter dem grünen 
Tannenbaum versammeln sich fröhliche Menschen und in 
den hellen Kinderaugen strahlt des Weihnachtsbaumes 
Lichterglanz wieder. O, du fröhliche, selige Weihnachts 
zeit! Nur ein Gefühl gibt es heute, das der Freude und 
Lust. Jeder, der noch ein Heim hat, wo liebe Menschen 
seiner gedenken, kehrt an diesem Tage dorthin zurück. 
Früher als sonst werden am heutigen Tage die Arbeits 
stätten in den Fabriken und Bureaux geschloffen werden, 
und heim eilen dann die Familienväter zu Weib und 
Kindern; denn noch wenige Stunden und die Weihnachts 
bescherung nimmt ihren Anfang. Die Kinder können 
kaum ihre Unruhe über die bevorstehenden Freuden und 
vermeintlichen Überraschungen zügeln; die Kleinsten 
lauschen an der Tür oder versuchen durchs Schlüsselloch zu 
spähen, ob sie etwas von dem nun endlich erscheinenden 
Christkind zu sehen oder zu hören bekommen; die Größeren 
suchen die seither sorgfältig versteckt gehaltenen Geschenk 
für die Eltern, Geschwister und Anverwandten herbei, sie 
noch immer im Körbchen oder in der Schürze verbergend. 
Erwartungsvoll schlagen die Kinderherzen im dunklen 
Zimmer dem Augenblick entgegen, wo eS heißt „herein!", 
wo sich die aller Neugier bis dahin fest verschlossene Tür 
öffnet und hellstrahlend flutet der Lichterglanz des reich 
geschmückten Tannenbaumes auf die überraschte Kinder 
schar! Selig bewegt stimmt die ganze Familie die schönen 
WeihnachtSgesänge: „Stille Nacht, heilige Nacht" oder 
„O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachts 
zeit" an und dann ist alles Harren zu End. Jubelnd 
drängt alles zum Weihnachtstisch, jeder an das ihm vor- 
bchaltene Plätzchen; laute „Ei's" und „Oh's" tönen in 
freudiger Erregtheit bunt durcheinander, immer neue Herr 
lichkeiten werden unter dem Weihnachtsbaum entdeckt und 
Vater und Mutter stehen lächend dabei und freuen sich 
des Jubels der sie umwogt, der eigenen Kinderzeit ge 
denkend, da auch sie fröhlich den Baum umtanzten. 
t Gemeinde Baurat. Um die ausgeschriebene 
Stelle eines Gemeinde-Baurats in unserer Gemeinde haben 
sich 48 Herren beworben. Sämtliche Bewerber sind für 
diese Stelle qualifiziert und haben die Prüfung als 
Regierungsbaumeister bestanden. 
f Elektrizitätswerk. Am 24., 25., 26., 31. Dezember 
und 1. Januar wird im Elektrizitätswerk in der Zeit vom 
11—12 Uhr Vormittags und 4—5 Uhr Nachmittags ein 
Beamter zur Entgegennahme von telephonischen Anfragen 
zugegen sein. 
-f Die diesjährige Volkszählung im hiesigen 
Orte ist in glatter Weise verlaufen. Dies ist in erster 
Reihe der regen und gewissenhaften Tätigkeit der Herren 
Zählkommiffare und Zähler zu verdanken, die ihr mühe 
volles und undankbares Ehrenamt in opferwilliger Weise 
wahrgenommen haben. Der Gemeindevorstand hat jetzt 
den betreffenden Herren durch besonderes Schreiben seinen 
Dank für ihre Mühewaltung ausgesprochen. Aber auch 
die Bürgerschaft hat bei dem Zählgeschäft nicht nur Ent 
gegenkommen, sondern auch richtiges und gutes Ver 
ständnis bewiesen, infolge deffen das Volkszählungs 
geschäft wesentlich erleichtert worden ist. Deshalb gebührt 
auch ihr ein Dank. 
t Versetzung Unser ehemaliger Mitbürger Herr 
Eugen Henning, bisher Handjerystraße 39 wohnhaft ge 
wesen, hat seinen Wohnsitz nach Dresden verlegt. Dort 
hat jetzt Herr Henning die Stelle als 2. Direktor an der 
Dresdener Bank inne. H. war früher ein eifriges Mit 
glied der freiwilligen Feuerwehr, und hatte sich auch s. Z. 
um die kommunalen Verhältnisse des Ortes viel bekümmert. 
Hoffentlich bringt auch der neue Wirkungskreis dem alten 
Friedenauer nur das Beste. 
1° Verkaufszeiten. Zur Information fürs Publikum 
wie unsere Geschäftsleute sei nochmals darauf hingewiesen, 
daß heute bis 10 Uhr und morgen, Heiligabend, bis 8 Uhr, 
wie bisher am „Goldenen Sonntag" die Verkaufsstellen 
geöffnet sein dürfen. Am 1. Feiertag haben bis 10 Uhr 
Vormittags nur die Geschäfte der Lebensmittelbranche 
geöffnet. 
t Zum goldenen Sonntag Der sogenannte 
goldene Sonntag, — der letzte Sonntag vor Weihnachten 
ist morgen und so haben die weihnachtlichen Vorbereitungen 
doch nahezu ihren Höhepunkt erreichr. Das ist ein ge 
schäftiges Treiben in den Straßen und in den Läden, als 
wäre es nicht ein Tag des Herrn, ein Tag der Andacht, 
der Ruhe und der Erholung, sondern ein Werktag, an 
dem es gilt, noch mehr zu schaffen, als sonst in Arbeits 
reicher Zeit. Jeder, den, der Weihnachtsabend als ein 
liebliches Fest der Freude und des Beglückens winkt, der 
im Kreise der Seinen die Seligkeit des Beschenkens ge 
nießen will. beeilt sich heute, wo ihm die Werklagsarbeit 
nicht die Zeit beschränkt, die letzten Einkäufe zu besorgen, 
die auch in der kleinsten und ärmsten Familie notwendig 
sind, um an den kommenden Festtagen wenigstens einen 
Strahl deS Glückes in die von Alltagssorgen verkümmerten 
Herzen flammen zu lassen. Das Geld im Beutel ist lose 
geworden, und selbst der sparsamste Haus- und Familien 
vater greift tiefer in die Tasche und dreht das Mark- oder 
50 Pfennigstück nicht erst nach allen Seiten, bevor er es 
ausgibt. Mit Paketen beladen, eilt die freudig gestimmte 
Menge der Käufer durch die Straßen. Pakete überall, 
wo man Publikum sieht! In den Läden drängt es sich 
in Überfülle, doch nirgends steht man mißvergnügte Ge 
sichter. Schmunzelnd werden die Geschenke ausgesucht, 
denn die Geber genießen schon im Geiste die Vorfreude, 
sich die angenehm überraschten Mienen derer vorzustellen, 
für die jene Gaben bestimmt sind. Möchte der heutige 
goldene Sonntag für unsere Geschäftsinhaber in Wahrheit 
zu einem goldenen werden, damit auch sie eine von materi 
ellen Sorgen freie, fröhliche — selige Weihnachten feiern 
können. 
-f Da der Silvestertag in diesem Jahre auf einen 
Sonntag fällt, hat der Herr Landrat die Polizeiverwaltungen 
und Amtsvorsteher des Kreises ermächtigt, am 31. Dezember 
für den Handel mit Back- und Konditorwaren, einschließlich 
Konfitüren eine verlängerte Verkaufszeit bis 7 Uhr Abends 
zuzulaffen. 
-f Geschäftliche Forderungen. Bei dem bevor 
stehenden Jahresschluß muß es besonders für jeden 
Geschäftsmann eine unaufschiebbare Pflicht sein, seine 
Bücher daraufhin durchzusehen, welche Außenstände etwa 
mit dem Ablauf des Jahres 1905 verjähren, um eventuell 
noch rechtzeitig Maßnahmen für die Unterbrechung der 
Verjährung treffen zu können. Unter Verjährung versteht 
man bekanntlich einen Rechtsgrund, der dadurch herbei 
geführt wird, daß eine Forderung nach einer gewiffen Zeit 
verfällt, und nach welcher der Schuldner sich weigern darf, 
seiner Verpflichtung seinem Gläubiger gegenüber nachzu 
kommen. Die Verjährungsfrist ist nicht bei allen 
Forderungen die gleiche; die regelmäßige Verjährungsfrist 
beträgt nach § 195 des R. G.-B. dreißig Jahre. Geschäft 
liche Forderungen, d. h. solche von Kaufleuten, Fabrikanten 
und Handwerkern, die durch Lieferung von Arbeiten aller 
Art, Besorgung fremder Geschäfte einschließlich der Aus 
lagen, sofern die Leistung nicht fünden Gewerbebetrieb 
des Schuldners erfolgt ist, entstanden sind, verjähren nach 
zwei Jahren. Auch bei den Forderungen, die durch Ver- 
abreichüng von Speisen und Getränken im Gastwirts 
betriebe und durch gewerbsmäßigen Verlauf solcher, sowie 
durch gewerbsmäßige Vermietung beweglicher Sachen rc. 
entstanden sind. tritt eine Verjährung nach Ablauf von 
zwei Jahren ein. Mit dem Schluß dieses Jahres ver 
jähren also sämtliche im Jahre 1903 entstandenen 
Ansprüche, die auS einem Vertragsverhältnis der oben 
angeführten Art hergeleitet werden können. Nach vier 
Jahren, also wenn im Jahre 1901 entstanden, verjähren 
die Forderungen von Zinsen (mit Einschluß der Amorti 
sationsbeträge), von Mieten und Pachtzinsen rc. — Die 
Unterbrechung der Verjährung tritt ein: 1. wenn der 
Schuldner dem Gläubiger gegenüber deffen Forderung 
anerkennt oder während der Verjährungsperiode eine 
Abschlagszahlung oder Zinszahlung geleistet oder irgend 
eine Sicherheit gestellt hat; 2. wenn der Gläubiger Klage 
auf Befriedigung oder Feststellung seiner Forderung erhebt 
und ein Vollstreckungsurteil beantragt. Der Erhebung der 
Klage gleichgeachtet werden: a) Die Zustellung eines 
Zahlungsbefehls im Mahnverfahren; b) die Anmeldung 
der Forderung im Konkurse; c) die Geltendmachung des 
Anspruchs im Prozeß, von deffen Ausgang der Anspruch 
abhängt; d) der Antrag auf Zwangsvollstreckung und die 
Vornahme einer Vollstreckungshandlung. Das sind in 
zusammengedrängter Form die gesetzlichen Bestimmungen 
über die Verjährung kaufmännischer Forderungen, deren 
Beachtung, wie schon gesagt, gerade zum Jahresschluß 
nicht dringend genug empfohlen werden kann. 
f Wichtig für Eltern nnd Lehrer. Vertrautheit 
der Lehrerschaft mit denjenigen Erkrankungen, deren Ver 
kennung in der Schule zu schwerer Schädigung des kranken 
KindeS, sowie seiner Mitschüler führen kann, forderte der 
Kinderarzt Dr. Walter Fürstenheim in seinem kürzlich vor 
der pädagogischen Kommission des Erziehungs- und Für- 
sorgeoereins für geistig zurückgebliebene Kinder im Slädt. 
Schulmuseum gehaltenen und mit Beifall aufgenommenen 
Vortrage „Der Veitstanz". Diese Krankheit pflegt in 
ihren ausgeprägten Formen selbst dem Laien bekannt zu 
sein, in ihren Anfangsstadien aber wird sie zum Schaden 
der Kinder von Schule und Elternhaus häufig verkannt 
und mit Ungeschicklichkeit, Nachlässigkeit, Ungezogenheit 
verwechselt. Strafen sind geradezu gefährlich, da sie 
ein ohnehin schon erkranktes, leicht erregbares Nerven 
system treffen; sie sind überdies völlig zwecklos, da die 
Ungeschicklichkeit und Unruhe der Kinder bei jedem Versuch, 
sie zu unterdrücken, nur stärker wird. Das einzig Richtige 
ist die sofortige Entfernung aus der Schule und Ein 
leitung einer ärztlichen Behandlung. Wie wenig das 
Publikum diese Regel befolgt, ist daraus zu ersehen, daß 
ein großer Teil der in der Königl. Charitö zur Beobachtung 
kommenden Kinder bereits seit Wochen und Monaten 
krank ist. Derartige „verbummelte" Fälle trotzen nun 
monate-, ja jahrelang jeder Behandlung. In etwa 25 bis 
30 Prozent der Fälle verschwindet die Krankheit, um in 
kürzeren oder längeren Pausen wiederzukehren. Aber selbst 
die rechtzeitig erkannten und behandelten Fälle beanspruchen 
eine mindestens 2—3 monatliche Heilungsdauer. Mit 
dem ursprünglich so bezeichneten „Veitstänze", d. h. An-' 
fällen von Tanzwut, zu deren Heilung man Wallfahrten 
zu den Reliquien des heiligen Beit empfahl, hat die 
Erkrankung nur noch den Namen gemein. Gegenwärtig 
versteht man darunter eine durch eigentümlich willkürliche 
Bewegungen charakterisierte Krankheit, die in engster 
Beziehung zum Gelenkrheumatismus steht und die darum 
auch im Frühjahr und bei Beginn des Winters besonders 
häufig auftritt. Schwächliche, nervöse Kinder sind besonders 
gefährdet. Bei ihnen kommen auch zweifellos Fälle von 
„psychischer Infektion", d. h. Übertragung durch Nach 
ahmung, vor. Schon aus diesem Grunde ist sofortige 
Entfernung des erkrankten Kindes aus der Schule geboten, 
zumal anderweitige, persönliche Schutz- und Vorsichts 
maßregeln gegen die Erkrankung ganz unbekannt sind. 
An den Vortrag schloß sich eine rege Diskussion. Dabei 
war es besonders lehrreich, in den Schilderungen zweier 
Väter über das Verhalten ihrer mit Veitstanz behafteten 
Kinder praktische Belege für die Darlegungen des 
Referenten zu erhalten. Die Frage des Vortragenden, ob 
der Veitstanz häufig in der Schule auftrete, wurde von 
den anwesenden Lehrern dahin beantwortet, daß die aus 
geprägte Form selten, dagegen die veitstanzähnliche 
Bewegung, besonders in den Nebenklaffen für schwach 
sinnige Kinder, öfter zu beobachten sei. 
f Vorortswüusche für die Eisenbahnver 
waltung. Der Berliner Vorortverein wird der Eisen 
bahndirektion Berlin für den Sommerfahrplan 1906 
folgende Wünsche unterbreiten: Einrichtung besonderer Ab 
teile für Reisende mit Tragelasten auf der Stadt- und 
Ringbahn (wie bei den Vorortbahnen), Anbringung von 
Schildern mit der Aufschrift „Nicht ausspucken" in den 
Abteilen, Einrichtung von Frauenabteilen im Stadt- und 
Vorortbahnverkehr, um Belästigungen von Frauen und 
jungen Mädchen vorzubeugen, bessere Beleuchtung der Ab 
teile, Einführung von Halbmonatskarten für verloren 
gegangene Monatskarten, Einführung des Fahrradbillcls 
auf allen Vorortlinien, Verbreiterung der oberen Triit- 
bretter der Wagen, um ein Ausgleiten mit den Füßen zu 
verhindern. 
t Firmeneintragung. Bei' Nr. 26 096. (Offene 
Handelsgesellschaft: Carl Ludwig & Co, Dt. Wilmers 
dorf.) Die Gesellschasr ist aufgelöst. Der bisherige Ge 
sellschafter Carl Ludwig, Friedenau, ist alleiniger In 
haber der Firma. Die Firma hat jetzt ihren Sitz in 
Friedenau. 
-f ZwangSverftcigerungsergebuiS. Stubenrauch- 
straße 70, dem Schloffermeistec Paul Klakow, hierselbft, 
gehörig. 12,13 Ar. Nutzungswert 10 800 M. Mit dem 
Gebot von 36 680 M. bar und 13 000 M. Hypotheken 
blieb Klempnermeister Standke in Rixdorf, Kncsebeckstr. 139, 
Meistbietender. 
-j- Kalender 1986. Für unsere geschätzten Abonnenten 
liegt der heutigen Nummer ein Wandkalender für das Jahr 
1906 bei, den wir ein Plätzchen im Haushalt anzu 
weisen bitten. 
-j- Die Wohnuugskündigungen zum 1. April k. I. 
stehen nächster Woche bevor. Zur Ankündigung der dann 
anderweitig zu vermietenden Wohnungen empfiehlt sich
        
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