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Periodical volume Nr. 301, 23.12.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Frir-ennkl FoKtll-Ksstj-kr. 
Gleichzeitig Organ für den Hriedenauer Grtsteil von 5chöneberg und den Vezirksverein Süd-West. 
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Friedenau, Sonnabend den 23. Dezember 1905. 
12. Iahrg. 
tzyristnachl. 
Von Mervarid. 
Durch die Welt, die weißoerschneite, 
Wandert es wie Licht und Strahl, 
Da der Nächte benedeite 
Aufersteht zum andern Mal. 
Wieder ziehen Feierweisen 
HimmelaufwärtS ihre Bahn, 
Wo dieselben Sterne kreisen, 
Die die Rose Jesses sah'n. 
Bon den Türmen dröhnt metallen 
Christnachtsbotschaft in das Land: 
Aufgetan stehn Zions Hallen. 
Tod und Dunkel sind verbannt! 
Von der Ferne steigt es brausend, 
Brausend singts der Himmel fort: 
Von Jahrtausend zu Jahrtausend, 
Wandelt nimmer sich das Wort! 
Wie ein Fels im wilden Meere 
Ragt es in die Ewigkeit. 
Und millionenmal Altäre 
Hat die Menschheit ihm geweiht. 
Und es geht durch alle Räume, 
Harrend auf der Stunde Nah'n, 
Da vor Zeiten Judas Träume 
Selige Erfüllung sah'n, 
Wie ein bebend Betenwollen — 
Bebend, da die Gottheit sprach, 
Und durch alle Sphären rollen 
Tausend Halleluja nach! 
Depeschen. 
Kottbus. In dem Prozeß wegen deS Spremberger 
Eisenbahnunglücks wurde der StationSasststent Etullgys 
zu 1 Jahr 4 Monaten, Weichensteller Schmidt zu 1 Monat 
Gefängnis verurteilt. Der Mitangeklagte Weichensteller 
Wiedemann wurde freigesprochen. Der Staatsanwalt 
hatte gegen Stullgys 3 Jahre, gegen Wiedemann und 
Schmidt je 6 Monate Gefängnis beantragt. 
Hamburg. Der Neffe des ermordeten Jonas 
Danziger in Altona, der vorgestern verhaftet worden war, 
weil man ihn deS Mordes an seinem Oheim für verdächtig 
hielt, wurde gestern wieder freigelassen. 
Frankfurt a. M. Gestern Nachmittag wurde in 
einer Lohnkutscherei auf dem Etrohboden ein Mann unter 
einem Haufen von gebundenem Stroh als Leiche aufge 
funden. Beim Einkriechen in daS Stroh ist der mächtige 
Haufen über ihn zusammengebrochen, sodaß er erstickte. 
Ezeruowitz. Die russische Grenzstadt Nowo Siliza 
wurde von Aufständischen angezündet. Da der Brand 
sehr rasch um sich greift, liegt die Gefahr vor, daß die 
ganze Stadt vernichtet wird. Außerdem glaubt man, 
daß der Brand auf österreichische Seite übergreifen wird. 
Die Lagerhäuser der galizischen Hypothekenbank sind be 
reits ernstlich bedroht. — Ein aus Rußland eingetroffener 
Ingenieur erklärt, daß die JudenmaffakreS in ganz Ruß 
land durch den General Boddanowitsch in Petersburg ins 
zeniert worden seien. 
Wien. Die Bedientesten der Kaiser Ferdinands- 
Nordbahn haben die passive Resistenz eingestellt, da die 
Direktion den größten Teil der Forderungen bewilligt hat. 
Lemberg. Nachhier eingetroffenenMeldungensoll heute 
auf den südrussischen Bahnen der Verkehr eingestellt werden. 
Odessa. Ein Streik der Dienstmädchen ist ausge 
brochen. — Trotz Proteste der Professoren hat der Stadt 
hauptmann die Schließung der Universität verfügt. Ge 
rüchtweise verlautet, daß der mit einem Militäriransport 
von Odessa nach Sevastepvl abgegangene Dampfer „Herzog 
von Oldenburg" von einem meuternden Minenschiff in 
den Grund gebohrt worden ist. 
Paris. Nach einer Londoner Meldung des „Matin" 
soll Campell Bannermann beabsichtigen, die Mächte einzu 
laden zu einer Konferenz und ihnen einen noch auszu 
arbeitenden Entwurf über die Einschränkung der Flotten- 
vergrößerungen vorzulegen. Da England über keine 
bedeutenden Landtruppen verfügt, beabsichtige die englische 
Regierung vorläufig nicht die Verminderung der Landarmeen 
zu beantragen. Sollten jedoch die übrigen Mächte dies 
wünschen, so würde England sich diesem Vorschlage nicht 
widersetzen. Es heißt, die englische Regierung beabsichtige, 
das Projekt zuerst Deutschland zu unterbreiten, aber man 
befürchtet bei der deutschen Regierung auf kategorischen 
Widerstand zu stoßen. 
Paris. Das „Petit Journal" meldet aus Belfort: 
Die Polizei verhaftete auf dem Bahnhöfe von Petit Croix 
einen deutschen Spion namens Kilian, einen 44jährigen 
Tagelöhner aus Mülhausen. Dieser wird beschuldigt, 
Pläne des Forts Bessoncourt beschafft zu haben. Der 
Verhaftete wurde nach Belfort gebracht. — Dasselbe Blatt 
meldet aus Marseille: Die Polizei hat dort zwei Deutsche 
verhaftet, namens Georg Wolf und dessen Sekretär Ludwig 
Wiege. Dieselben waren nach Marseille gekommen unter 
dem Vorwände, ein Patent für Stickmaschinen zu ver 
kaufen. Eine Haussuchung, welche in ihrem Absteige 
quartier vorgenommen wurde, führte zur Entdeckung von 
Dokumenten, durch welche ihre Schuld klar erwiesen sei. 
Die Behörden bewahren über diese Affäre das größte 
Stillschweigen. Die Verhaftung mehrerer Unteroffiziere, in 
deren Begleitung die beiden Deutschen gesehen sein sollen. 
stehe bevor. Das Blatt meint, dies sei nur der Anfang 
von zahlreichen Verhaftungen von deutschen Spionen, 
welche demnächst in Algerien und längs der französischen 
Küstengebiete bevorständen. 
London. Aus Tokio meldet „Daily Telegraph": 
Am Mittwoch Nachmittag versuchte ein stüherer Soldat 
den Ministerpräsidenten Katsura zu ermorden. Es heißt, 
der Verhaftete hatte für diesen Zweck eine Bombe an 
gefertigt; er ist geständig, daß er den Minister habe töten 
wollen und gibt als Grund an, daß Katsura einen für 
Japan schändlichen Frieden geschlossen habe. Seine Tat 
sollte eine Demonstration gegen diesen Frieden sein. Bei 
einer Leibesvisitation fand man einen verborgenen Dolch. 
Tokio. Die letzten Nachrichten bestätigen, daß in 
den nördlichen Provinzen Japans große Not herrsche. Es 
sei eine Hungersnot ausgebrochen und Tausende seien dem 
Tode nahe, wenn ihnen nicht alsbald Hilfe gebracht werde. 
Beiträge zur Geschichte der Ariedenauer 
Hemeindeschule. 
Unter obigem Titel hat Herr Rektor Hanne mann eine 
besondere Zusammenstellung in Broschürenform über die Ent- 
Wickelung unserer Gemeindeschule unter besonderer Berücksichtigung 
der letzten 10 Jahre zusammengestellt. Ein jeder Freund 
unseres Ortes namentlich der Volksschule wird dieses kleine 
Werk gern lesen. Es kann als eine Chronik unserer jungen 
aufblühenden Gemeinde mit angesehen werden. Mit Erlaubnis 
des Verfassers entnehmen wir dem kleinen Merkchen mehrere 
inletessantc Kapitel zur Veröffentlichung. Im Vorwort schreibt 
Herr Nestor Hannemann: 
Die Gmndsteinlegung zum Bau einer neuen Gemeinde 
schule bildet für Friedenau einen wichtigen Markstein in der 
Entwickelung des Schulwesens, denn es soll ein Gebäude er 
stehen, das allen Anforderungen genügt, welche die Neuzeit mit 
Recht an ein Schulhaus stellt. Der Bau wird den Nachweis 
erbringen, daß die berufenen Vertreter der Gemeinde hier die 
selbe Opferwilligkeit beweisen, wie einst beim Bau des Gym 
nasiums, daß sie in ausgiebigster Weise für die gesamte Jugend 
unserer Gemeinde zu sorgen für eine der wichtigsten Aufgaben 
halten, durchdrungen von der Erkenntnis, daß Hebung deS 
Schulwesens mit Hebung des Ortes gleichbedeutend ijt. Gute 
Schulen find die beste Kapitalsanlage einer Gemeinde. Es 
unterliegt nun freilich keinem Zweifel, daß gute Schulen in 
erster Linie gut? Lehrer zur Voraussetzung haben, aber man 
wird auch dafür sorgen müssen, daß alle Bedingungen gegeben 
find, um einen guten Unterrichtsbetrieb zu ermöglichen und die 
Gesundheit der Kinder und Lehrer zu schützen. Dazu gehören 
helle, freundliche, große Klassenzimmer, gute Heizung, tägliche 
Reinigung sämtlicher Räume, plastische Schulbänke und 
Schaffung von Räumen für Haushaltungsunterricht für 
Taufendfäkttg (Unzkück. 
Roman von H. Hill. 
19. <Rachdr»ck mb»»OL) 
Er wandte sich ungestüm zu Herzog und bemerkte dabei, 
daß sein Gesicht ein finsteres Aussetzn zeigte. 
.Ich werde krank." brach er los. „meine Nerven halten 
die Anspannung nicht länger aus! Eine Seesabrt könnte mich 
neu beleben. Ich werde das ganze Ding abschütteln und 
mich ausgeben, wenn ich nicht nach Lymington und zurück 
auf diesem Dampfschiffe fahren kann. Es ist die einzige Aus 
sicht für Sie. mich zu dem zu bringen, was Sie wollen." 
Seine Augen hefteten sich mit einem durchbohrenden Aus 
drucke aus die des Sprechenden, aber plötzlich verzog sich sein 
Gesicht zu einem sardonischen Lächeln. Ein unglückseliges 
Geräusch drang an ihr Ohr . . . das Plätschern der Räder 
des Tampfers! 
,Mil dem besten Willen könnte ich Ihre Bitte nicht er- 
füllen: es ist zu spät." sagte er. . „ 
Es war nur allzu wahr. Das Boot war in Bewegung, 
und selbst wenn Rivinglon ihnr nachgesprungen wäre, hatte 
es ihn bereits weit hinter sich zurückgelassen. Sein Gefährte 
schien ihm etwas von diesein halb gefaßten Entschlüsse vom 
Gesichte abzulesen, denn seine Hand legte sich sanft und ab 
wehrend auf seinen Arm. . ^ . 
Kommen Sie, mein Freund, ein Spaziergang zu den 
Needles wird Ihnen soviel Seeluft geben, als Sie brauchen, 
und Sie werden mit mir um ein gut Teil sicherer sein als 
mit Herrn Roger Marske." . ^ ^ .. s , tVTfl 
Und er führte ihn vom Damme fort, indem er ihn durch 
die plaudernde 'X'lenge der eleganten Sommergäste steuerte bis 
zu der grüucu Promenade, von wo sie eure letzte Auvflcht auf 
das Tamv'boot hatten, das alle Hoffnungen und Befürchtungen 
Rivuiglons mit sich trug. ...... 
Ms cs cic Spitze von Clifs End umschiffte und ver 
schwand, hätte er vor Wut weinen können. 
„Sehen Sie." sagte Herzog, indem er ihn lauft auf «ne 
Bank niederdrückte. „Sie wünschen Ihren Hals zu retten, 
nicht wahr? Nun, Ihr Benehmen ließ mich beinahe jürchlen, 
daß Sie es vergessen hätten." 
„Warum?" fragte Rivington düster. 
„Sie wollten auf das Schiff mit Marske gehen, um einen 
Streit mit ihm zu suchen, weil er Ihre Identität argwöhnt, 
vielleicht sogar, um ihn in Ihrer angeborenen Wildheit zu 
erwürgen oder über Bord zu stürzen — nicht?" 
„Sie können denken, was Sie wollen." 
„Haben Sie keine Angst, das tue ich schon," erwiderte 
Herzog trocken und ließ ihn wieder einmal im Zweifel darüber, 
ob nicht all seine Listen und Ausflüchte an diesen scharf 
sinnigen Kenner menschlicher Naturen verschwendet waren. 
Daß er noch nie auf Janet angespielt hatte, war kein Beweis, 
daß er das Geheimnis nicht erriet; im Gegenteil, es würde 
sogar ganz seiner Art entsprochen haben. Rivington im Un 
klaren darüber zu lassen, bis er sich darauf stürzen, es ihm 
entreißen und für feine eigenen Zwecke nutzbar machen konnte. 
Aber während des Spazierganges, den sie über die heibe- 
krautumwucherlen Hügel machten, zeigte er wieder die Laune 
eines angenehmen Gefährten, und kein Wort von seinem 
schrecklichen Plan kam über seine Lippen, bis sie wieder in 
ihrem Wohnzimmer in Springthorpe saßen. Ein mit einer 
Krone verziertes. Kouvert, das an „Herrn Martin" adressiert 
war, lag auf dem Tisch. Herzog nahm es in die Hand, öffnete 
es kaltblütig, als hätte es seinen eigenen Namen getragen, 
und nachdem er seinen Inhalt gelesen hatte, sagte er ruhig: 
„Eine Einladung für uns beide, morgen abend m Ard- 
more zu dinieren. Lady Muriel ist, wie Sie sehen, ihres 
Vaters halber sehr dringlich. Da Sie widerspenstig werden, 
mein Freund, sollen Sie Ihren Willen haben. Bevor die 
Soiree zu Ende ist, werden Sie Gelegenheit finden, den stolzen 
Kops Seiner Lordschast in den Staub zu legen." 
12. Kapitel. 
Als Janet Chilmark in diese schreckliche Situation versetzt 
worden war. hatte sie noch sehr wenig von dem gesehen, was 
die Welt „das Leben" nennt; den größten Teil ihrer Zeit und 
Sorgfalt hatte sie ihrem leidenden Vater in ihrem kleinen 
Hause bei Bayswater gewidmet, bis sie eines Tages Arthur 
Rivington aus einem Balle den eine Freundin gab, begegnete. 
Ihre Bekanntschaft führte bald zu einer Liebe, die nur zu 
rasch durch die Tragödie seiner Verhaftung und seiner Ver 
urteilung verdunkelt wurde. Es folgten Tage, die ihr wie 
ein fürchterlicher Traum erschienen und in denen sie nur 
Muriel Crawshays zärtliche Teilnahme tröstete. . 
Noch ehe sie London erreichte, wurde sie selber sich dessen 
bewußt. Die frische Fahrt über den Solent hatte sie belebt, 
und sie hatte die kurze Reise mit dem Zuge von Lymington 
bis nach dem geschäftigen Knotenpunkt in Brockenhurst ohne 
Abenteuer zurückgelegt, als sie, nachdem sie vom Neben- auf 
den Hauptperron gegangen ivar. konstatierte, daß der Erpreß 
nach London erst in zehn Minuten fällig war. Sie ging zum 
Zeitungsständer und las zum Zeitvertreib die Titelblätter, 
als zu ihrem Entsetzen eine höhnische Stimme an ihr Ohr 
schlug. 
„Interessieren Sie sich noch immer für den entsprungenen 
Mörder, Fräulein Chilmark?" 
Sich rasch umwendeild, stand Janet Roger Marske gegen 
über, den sie in Totland mit Lord Alphington und Lady 
Muriel vom Landungsplätze hatte weggehen sehen — gerade 
dem Manne, auf dem ihr unbestimmter Perdacht ruhte. Er 
mußte im letzten Augenblick das Schiff betreten und an 
scheinend während der Neberfahrt und während der Ankunft 
in Lymington vermieden haben, ihr vor die Augen zu kommen. 
Weshalb hatte er wohl ans so plötzlichem Antriebe gehandelt? 
Um seine Lift dem schivachen Scharfsinn des jungen Mädchens 
entgegenzustellen und das Unternehmen zu durchkreuzen, bas 
sie nn Sinne trug? Dies war die einzige Erklärung, die sich 
Janet zu geben vermochte, und sie war ihr natürlich eine 
weitere Bestätigung ihres Verdachtes. 
„Entsprungener Mörder?" rief sie aus. sich tapfer be 
herrschend. „Was macht Sie glauben, daß ich so krankhafte 
Interessen hege, Heu Marske?" 
(Fortsetzung folgt.)
        
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