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Periodical volume Nr. 299, 21.12.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Nach einer längeren Erholungspause kam der zweite Teil 
zur Erledigung, der ganz dem Christfest gewidmet war. 
Weihnachtliche Gesänge und diesem liebe- und freude 
bringenden Fest angepaßte ernste wie heitere Gedichte 
bereiteten den Anwesenden eine recht angenehme inter 
essante Unterhaltung. Mit großer Freude wurden wieder 
die Gesangsdarbietungen aufgenommen und herzlich 
lachte man über die verschiedenen originellen Deklamationen 
der Kleinen, so ganz besonders über „Weihnachts-Heinzel 
männchen", „Sankt Nikolas und das Telephon", „Puppen- 
mutters Traum" und „Puppenmütters Weihnachtswunsch". 
Von allen, die auserwählt waren, den Abend durch 
Wiedergabe der verschiedensten Dichtungen zu verschönen, 
kann gesagt werden, daß sie mit der richtigen Auffassung 
sich ihrer Aufgabe entledigten. Alle waren sie ungezwungen 
und mit überraschender Sicherheit bei der Sache. Korrekt 
war die Aussprache, wirkungsvoll die Betonung und 
ansprechend die Auftrittsweise. Besonders erwähnt sei 
aber die Kleine, die mit ihrer Puppe im Arm selbstbewußt 
und mit bewundernswerter Begabung einen berechtigten 
Wunsch an den Weihnachtsmann stellte. Jedenfalls haben 
die Bemühungen der Herren Lehrer durch Einstudieren der 
vortresslich gewählten Gedichte, die gerade dadurch 
Sympathie und Reiz erwecken, daß sie eben von Kindern 
vorgetragen wurden, gute Erfolge gezeitigt. Den Schluß 
des glänzend verlaufenen Elternabends bildete ein Schnee 
ballreigen, der von Fräulein Garagnon eingeübt war. 
Auch diese ausgezeichnet arrangierte Tanz-Aufführung fand 
wohlverdiente gebührende Anerkennung. Gegen */,11 Uhr 
war die Veranstaltung beendet und alle haben wohl, beseelt 
von dem Gedanken, den Heimweg angetreten, daß dieser 
13. Elternabend wieder viel dazu beigetragen hat, die 
Harmonie zwischen unserer Gemeindeschule und dem 
Elternhaus zu fördern. 
-s Christvesper. In der Nathanaelkirche, Rubens- 
straße findet die Christvesper am 24. Dezember, Nachm. 
5 Uhr statt. 
f Der Winter nimmt am morgigen Freitag um 
I Uhr Nachmitrags mit dem Eintritt der Sonne in das 
Himmelszeichen des Steinbocks seinen Anfang. Wir 
werden aber morgen nicht den kürzesten Tag des Jahres 
haben, sondern dieser wird auf Sonnabend, den 23. fallen, 
an dem die Sonne um 8 Uhr 12 Minuten auf und um 
3 Uhr 46 Minuten untergeht. Morgen, zu Winters An 
fang, geht die Lonne 1 Minute früher, nämlich um 8 Uhr 
II Minuten auf. 
f Firmeneiutragurrg. Bei. Nr. 21 585. (Firma: 
Emil Schütze Baumeister, Schöneberg.) Sitz jetzt: Friedenau. 
Die Prokura des Regierungsbaumeisters Theodor Hamacher 
in Charlottenburg ist erloschen. 
-j- Gruudstücksverkauf. Das Grundstück Cranach- 
Str. 23, dem Rentier M. Stöckel gehörig, ist an Herrn 
Franz Böcklingshaus, Schöneberg, für den Preis von 
243 000 M. verkauft worden. 
f Weißbrotlieferung zum Fest In einer gut 
besuchten Bersaminlung der Vereinigten Bäckermeister von 
Friedenau und Schöneberger Ortsteil beschlossen diese ein 
stimmig, auch in diesem Jahre, um bie Kundschaft für die 
Festtage mit Weißbrot zu versehen, größere Weißbrote zu 
10,^20und 30Pf.,dieam darauffolgenden Tage an Geschmack 
und Beschaffenheit nichts einbüßen, auf besondere Be 
stellung bis Sonnabend Mittag zum 1. Festtag früh an 
zufertigen. Die Brote sind bis 10 Uhr Vormittags am 
1. Festtag abzuheben. Am 2. Feiertag kann kein Früh 
stück geliefert werden, doch sind die Läden wie an Sonn 
tagen geöffnet. 
f Volkstümlicher Lieder- und Balladeu-Abond 
Den Reigen der Konzertsaison des neuen Jahres wird ein 
volkstümlicher Lieder- und Balladen-Abend im Saale 
des Hotel Rheinschloß am 5. Januar eröffnen, bei dem 
hervorragende Kräfte mitwirken werden. Der Eintritts 
preis soll so niedrig bemessen werden, daß e§ allen 
Schichten unserer Einwohnerschaft ermöglicht wird, das 
Konzert zu besuchen. 
1- Ein peinlicher Vorfall spielte sich gestern in 
der fünften Nachmittagsstunde an der Haltestelle Kaiser- 
Eiche ab. Dort wartete eine Dame mit ihrem etwa vier 
jährigem ,Sohne auf die Elektrische. Das Kind betrug 
sich unartig und wild, daß die Passanten aufmerksam 
wurden und die Dame sich schließlich genötigt sah, das 
Kind auf den Arm zu nehmen. Und nun — es klingt 
kaum glaublich — erlebte man das erhebende Schauspiel, 
daß der Bengel seiner Mutter unausgesetzt mit beiden Händen 
in das Gesicht schlug. Die Entrüstung der Umstehenden war 
so groß und das Verlangen nach einem Rohrstock wurde 
so deutlich ausgesprochen, daß die zärtliche Mutter sich 
endlich zu dem sanften Vorwurf herbeiließ: „Aber stehst 
du nicht, Kind, wie du mich blamierst!" (! I) Da dies 
natürlicherweise die Entrüstung des Publikums nur noch 
steigerte, zog es die Dame vor, mit ihrem Goldsöhnchen 
schmollend das Weite zu suchen. — Man muß sich an 
gesichts solcher Tatsachen die Frage vorlegen, was wir bei 
einer derartigen Erziehung von unserer Heranwachsenden 
Jugend erwarten dürfen. Jedenfalls sind es recht bedenk 
liche Aussichten, die sich da für die Zukunft eröffnen! 
t Von einem Schwindelanfall betroffen stürzte 
heute Früh 7 Uhr, der auf dem Wege zur Arbeitsstätte 
befindliche Arbeiter Grunewald, in der Handjerystraße so 
unglücklich nieder, daß ihm das Kinn zertrümmert wurde. 
Dem Verunglückten wurde auf der hiesigen Sanitätswache 
ein Notoerband angelegt. 
1- Fahrlässige Brandstiftung. Wie fahrlässig oft 
Frauen mit der aus den Öfen entnommenen glühenden 
?'kche umgehen lehrt folgender Fall. Gestern Früh gegen 
8 Uhr wurden die Mieter im Hause Friedeau, Handjery- 
Str. 63, durch sich verbreitenden Qualm und Rauch, 
welcher aus dem Parterre kam, erschreckt, eine Frau hatte 
die Asche aus dem Ofen genommen und dann dieselbe in 
ihrer Küche stehen lassen, während sie sorglos einer Auf- 
Wartung im selben Hause, 2. Etage nachgegangen war. 
Die glühende Asche hatte in dem Eimer weiter geglimmt, 
und dadurch Gardinen, Röcke, Küchenspind rc. rc. gefaßt, 
so daß bald dicker Qualm aus Tür und Fenster drang. 
Dank deS Hinzueilens der jungen Herren aus dem Spediteur- 
Kontor war dem Weitergreifen noch glücklich vorgebeugt und 
größerer Brand vermieden worden. Die Lehre daraus ist 
also diese, man soll stets Wasser auf die Asche gießen 
und nicht so stehen lassen, am allerwenigsten nicht in 
Räumen, wo sich leicht brennende Sachen befinden, wie 
in dem erwähnten Fall. 
t Feuerlärm ertönte heute Früh vor 6 Uhr. Am 
Schillerplatz, Ecke Wiesbadenerstr. war die den Herren 
Rein und Haak gehörige Baubude auf bisher unomfgeklär- 
te Weise in Brand geraten. Das Feuer griff schnell 
umsich und verbreitete einen weit sichtbaren Feuerschein, 
der zunächst die Steglitzer Feuerwehr zur Brandstelle rief. 
Fünf Minuten später traf dann die Friedenauer und dann 
die Wilmersdorfer ein, welch letztere nicht mehr in Aktion trat. 
Die Steglitzer Wehr griff von der Wiesbadener- die Friede 
nauer von der Stubenrauchstraße an, doch war es nicht 
mehr möglich irgend etwas von dem Gebäude zu retten. 
Sämtliche dort aufgehängten Sachen der Arbeiter und 
auch der Hund des Bauwächters kamen in den Flammen 
um. — Sonderbar erscheint es uns, daß bei einem Brande 
in Friedenau die Steglitzer Wehr die erste zur Stelle war. 
Hier zeigt sich wieder einmal der Mangel an Feuermeldern 
und einer Feuerwehrmache. 
f Brand. Heute Mittag entstand auf bisher un 
aufgeklärte Weise im Keller unweit des Akkumulatoren- 
Raumes unseres Elektrizitätswerkes Feuer. Dort waren 
Kisten mit Holzwolle, der Firma Lahmeyer gehörig, in 
Brand geraten nnd die Flammen hatten bereits ein eben 
falls dort lagerndes gefülltes Petroleumfaß ergriffen. 
Durch das tatkräftige Eingreifen des auf dem Werke an 
gestellten Herrn Rehmer, Mitglied unserer Feuerwehr, der 
sofort die Schlauchleitung des Werkes benutzte und aus 
dieser große Wassermengen in den Raum entsendete, wurde 
Schlimmeres verhütet. Als erste war die Schöneberger 
Feuerwehr erschienen, dann die Friedenauer und Steglitzer, 
doch traten die Wehren nicht weiter in Aktion, da das Feuer 
bereits gelöscht war. Der Strom wurde sofort abgestellt 
und lagen kurze Zeit verschiedene Betriebe still. Bemerken 
möchten wir noch, daß der Brand nicht durch Kurzschluß 
entstanden ist, wie allgemein heute Mittag die Meinung 
verbreitet war. 
f Einbrecher, die die Berliner westlichen Vororte 
heimsuchten, sind in dem Steglitzer Sonnenbad fest 
genommen. Sie hatten es auf Metalldrähte, eiserne 
Gebäudeteile usw. abgesehen, und trugen auch wirklich 
eine ansehnliche Beute in einem Sack davon. Ehe sie 
ihren Raub aber in Sicherheit gebracht hatten, fielen sie 
der Polizei in die Hände. Sie wurden als der Straf 
behörde schon wohlbekannte „schwere Jungen", namens 
Karl Reinke und Paul Globe festgestellt. Sie werden 
diesen winterlichen Besuch im Sonnenbad mit einem 
Weihnachtsfest hinter Schloß und Riegel bezahlen. 
Schöneöerg. 
— Ergänzungswahlen. Für die Wähler des 2., 
6. und 8. Bezirks der 3. Abteilung hat der Magistrat 
Termin auf Donnerstag, den 11. Januar n. I., Vorm. 
11 Uhr bis Abends 8 Uhr angesetzt. 
Berlin und Bororte. 
8 Der Wagenpark der Nord-Südbah«. Die 
Wagen der künftigen Nord-Südbahn sollen, wie schon 
kurz gemeldet, ein etwas größeres FaffungSvermögen er 
halten, alS die der Hochbahn, welche bekanntlich 72 Sitz- 
und Stehplätze enthalten. In den städttschen Schnellbahn 
wagen sollen 52 Personen bequem sitzen und 48 stehen 
können. Ein Wagen hat danach 100, ein Zug von 6 
Wagen 600 Plätze. Da ein 3 Minutenverkehr zu Grunde 
gelegt ist, würden stündlich in beiden Richtungen 40 Züge, 
24 000 Personen befördern können. Da nun Durchschnitt 
lich jeder Fahrgast nur 4 km weit fahren soll und die 
Nord-Südbahn etwas über 8 km lang ist, so rechnet man 
mit rund 48 000 Fahrgäste pro Stunde! Diese „theoretische" 
Berechnung soll indes nicht gleich für die ersten Betriebs 
jahre gelten; denn beim Kapitel „Wagenpark" nimmt der 
Erläuterer nur Züge von 4 Wagen an, die sich in 3 Minuten- 
Abständen folgen; daraus würde sich ein vorläufiger Be 
darf von 56 Wagen, und einschließlich 20 % Reserven, 
von 68 Wagen ergeben, welche bei der Beschaffung 1 745 000 
Mark kosten würden. Ihre Haltbarkeit wird mit 10 Jahren, 
ihr Altwert mit 30 °/ 0 - 523 500 M. angenommen, so- 
daß bei einem zu tilgenden Kapital von 1 221 500 M. 
bei 31/3 °/ 0 Verzinsung eine Rücklage von jährlich 103 950 M. 
erforderlich wäre. 
8 Der Weihnachtsverkehr auf den hiesigen Bahn 
höfen war im Laufe des gestrigen Tages und besonders 
am heutigen Vormittag ein ganz kolossaler. Die Züge, 
die in die Bahnhöfe einliefen, waren fast stets überfüllt 
und führten ganz gewaltige Scharen solcher Personen mit 
sich, die die Feiertage in Berlin verleben wollen. Da sah 
man Schüler und Schülerinnen, die in auswärtigen Schulen 
oder Pensionaten untergebracht sind, sowie Beamte und 
sonstige Angestellte, die ihre Ferien oder den Urlaub bei 
ihren Berliner Anverwandten zu verbringen gedenken, vor 
allem aber zahlreiche militärische Weihnachtsurlauber, die 
entweder auf der Durchreise unsere Stadt passierten oder 
hier das Ziel ihrer Reise fanden. Dazu kommen noch 
Leute aus der Provinz oder aus den Vororten, die hier 
ihre Weihnacht-Einkäufe machten. Auch die abfahrenden 
Züge waren besonders mit Soldaten und anderen in 
Berlin alleinstehenden Personen stark besetzt, die ihren in 
der Provinz oder im Reiche lebenden Angehörigen einen 
Festbesuch abstatten wollen. 
8 „Thaborkirche", nicht „Taborkirche" lautet die 
Bezeichnung für das neue Gotteshaus, das gestern am 
Görlitzer Ufer in Gegenwart des Kaiserpaares eingeweiht 
worden ist. Da beide Schreibweisen für den Berg, auf 
dem die Verklärung Christi stattgefunden hat, vorkommen, 
so hat die Kaiserin, die Protektorin der Kieche, sich für die 
zuerst genannte entschieden. 
8 Die alte Domküsterei ist von dem Hause Oranien- 
burgerstr. 80 neben dem Schloß Monbijou nach dem neuen 
Dom verlegt worden, wo für sie an der Wasserfeste helle 
und luftige Räume geschaffen worden sind. Der Eingang 
zur Küsterei findet von dem Portal 11 aus neben 
der Kaiser Wilhelmbrücke statt. Das alte Küstereigebäude 
in der Oranienburgerstr., eines der wenigen noch vor 
handenen „Frei-Häuser", die aus der Zeit Friedrich Wil 
helms I. und Friedrich des Großen stammen, wird später 
zugleich.mit dem benachbarten Jnterimsdom abgerissen 
werden. 
Steglitz. Die kürzlich eröffnete Grunewaldbahn hat 
den ersten Betriebsunfall zu verzeichnen. Gestern Vor 
mittag gegen % 10 Uhr fuhr an der Ecke der Albrecht- 
und Düppelstraße ein Berliner Geschäftswagen mit einem 
Straßenbahnwagen dieser Linie zusammen. Das Privat- 
fuhrwerk kam mit leichten Beschädigungen davon. Der 
Vorderplatz des Straßenbahnwagens aber wurde vollständig 
zertrümmert. Dabei erlitt der Wagenführer eine leichte 
Verstauchung an der Hand. 
Lichterfelde. Der von der Wahlkommission präsentierte 
Kandidat, vr. zur. Alfred Domino, juristischer Beigeordneter 
der Stadt Rheydt, wurde einstimmig von der Gemeitrde- 
vertretung zum 2. besoldeten Schöffen gewählt. 
gerichtliches. 
k Wege« widerrechtlicher Z«eig««ug von GaS aus der 
Schöneberger GaS-Anstalt ist gegen einen hiesigen Einwohner K. vor dem 
Schöffengericht verhandelt worden. In seiner Wohnung befindet sich eine 
von der Gasanstalt angelegte Gasleitung nebst Gasmeffer. Im 
Laufe von 2 Jahren hatte K. die Leitung benutzt, jedoch war eS der 
Verwaltung der Gasanstalt längst aufgefallen, daß die GaSuhr am 
Gasmeffer stets und ständig einen ganz abnorm geringen Verbrauch 
von Gas anzeigte. Ein GaSmcffer wurde vor etwa Jahresfrist 
gegen einen andern ausgewechselt Es zeigte sich, daß der erste Gas 
meffer derartig beschädigt war, daß Gas auS dem Zuleitungsrohr in 
das Ableitungsrohr überströmte, ohne die GaS-Uhr zu passieren. Der 
alte Apparat wurde unter das alte Eisen geworfen. Damals bestand 
die Auffaffung, der GaSmeffer fei im defekten Zustande geliefert 
worden. AIS der zweite Gasmeffer längere Zeit gestanden hatte, 
zeigte sich ebenfalls wieder der auffallend geringe Konsum. ES 
wurde, weil zeitweilig gar kein Konsum von der Gas-Uhr angezeigt 
wurde, ein dritter Gasmesser aufgestellt. Bei der Untersuchung de» 
abgenommenen «weiten GaSm ffers entdeckte man in der Blechtrommel, 
die im Innern des Gehäuses angebracht ist, ein etwa 7 Millimeter 
großes Loch, das mittels eines spitzen Gegenstandes in das Blech 
hineingetrieben war. Die Durchlochung hatte zur Folge, daß das aus 
dem Hauptrohr zuströmende Gas direkt, aber ohne die GaSuhr (den 
Ziffernzähler) zu passieren, in die Ableitungs- (LerbrauchS-)Röhren 
strömte. Auch dieser zweite Gasmesser wurde durch einen dritten 
ersetzt. Es blieb trotzdem bei derselben Erscheinung. Entweder fand 
der Kontrolleur, der die Gasuhr revidierte, gar keinen oder nur sehr 
wenig Konsum. Bei Abnahme deS dritten Gasmessers fand man 
ebefalls die defekte Beschaffenheit der Blechtrommel. K. wurde be> 
schuldigt, durch strafbare Manipulationen die Gas-Anstalt rechtswidrig 
übervorteilt und das GaS dadurch entwendet zu haben, daß er die 
Blechtrommel unter dem Ableitungsrohr durchkochte. Im gestrigen 
Termin war der Angeklagte ebenso wie in einem früheren Termin 
an Gerichtsstelle nicht erschienen. Er hatte ein ärztlich beglaubigtes 
Krankheitsattest eingereicht, inhaltsdeffen bescheinigt wurde, daß der 
Angeklagte krank im Bett liege. AI» Belastungszeugen waren der 
Ober-Inspektor der Gasanstalt mit mehreren Sngestelllen erschienen. 
DaS Schöffengericht erachtete den ausgebliebenen Angeklagten für 
entschuldigt und beschloß Vertagung der Sache zu einem neuen Termin. 
(:) Die Observanz! von prinzipieller Bedeutung ist eine 
Entscheidung des Kammergerichts. Ein Volksschullehrer B. war auf 
Grund einer Polizeiverordnung vom l. Dezember 1984 in Strafe 
genommen worden, weil er vor dem Hause, in dem sich seine Dienst 
wohnung befand, bei Glätte nicht die Straße best eut hatte. Ab 
weichend vom Schöffengericht erkannte das Landgericht gegen B. auf 
eine Geldstrafe. An und für sich liegt zwar die Pflicht zur Straßen- 
reinigung und zum Bestreuen der Bürgersteige den Gemeinden ob. 
Die Reinigungspflicht könne den Anliegern oder Bewohnern der Häuser 
nicht durch Polizciverordnung auferlegt werden; durch eine Polizei- 
verordnung dürfe lediglich eine durch Rechtssatz, d. h Gesetz oder 
Observanz auferlegte Reinigungspflicht geregelt und deren Nichterfüllung 
unter Strafe gestellt werden. Vorliegend habe sich eine Observanz 
gebildet, nach der es dem Lehrer obliege, die Straße zu reinigen und 
zu bestreuen. In seiner Revision betonte B., die Reinigung»- und 
Sireupflicht liege der Gemeinde ob, § 15 des LebrerbesoldungS- 
gesetzes vom 3. März 1897 schreibe ausdrücklich vor, die von der 
Dienstwohnung zu entrichtenden öffentlichen Lasten seien von dem 
EchulunterhaltungSpflichtigen zu tragen. DaS Kammergericht hob die 
Vorentscheidung auf und sprach den Lehrer frei, da aus den §§ 68 
und 4! des Kommunalabgabengesetzes zn folgern sei, daß außer den 
unmittelbaren und mittelbaren Staatsbeamten auch die Geistlichen und 
Elementarschullehrer von Naturaldienstcn, soweit diese nicht auf den 
ihnen gehörigen Grundstücken lasten, befreit seien. 
Vermischtes. 
* Denkmal»-Sorge» in Amerika. Nachdem der „alte Fritz" 
drüben endlich Unterkunft gefunden, bewegt ein neues Denkmal die 
Gemüter in Washington. Diesmal handelt eS sich um da» Reiter- 
standbild für den ehemals preußischen Offizier, nachmaligen amerika 
nischen General Baron von Steuben, der sich durch Reorganisation 
der Armee und seine KriegStaten als Generalstabschef Washingtons rc. 
hervorgetan hat. Vor 2 Jahren schon hat der Kongreß beschlossen, 
durch Errichtung deS Denkmals im Lasayette-Park die alte Ehren- 
schuld abzutragen; denn bereits vor 100 Jahren lag ein ähnlicher 
Beschluß vor! Jetzt aber soll au» der Sache Ernst werden, nachdem 
der Deputierte für Et. Louis Mr. Bartholdt, dem Kongresse seine 
Sünden vorgehalten hat. In der Corcoran-Galerie sind gegenwärtig 
8 Entwürfe zu dem Reiterstandbild ausgestellt; die Modelle stammen 
sämtlich von deutsch-amerikanischen Bildhauern. Das Komitee hat 
nun die Wahl, denn das Notwendigste, Geld und Platz für das 
Denkmal, ist vorhanden. Friedrich Wilhelm von Steuben ist ein ge- 
borener Magdeburger (1730); mit 27 Jahren trat er in ein preußisches 
Regiment und machte als Offizier den 7 jährigen Krieg mit. Nach 
demselben fungierte er als Ho marschall des Fürsten von Hohenzollern- 
H.chingen. 1878 trat er als Generalmajor in die Dienste der Ver- 
einigten Staaten; diese ließe» den verdienten KriegSmann nach seiner 
Verabschiedung sieben Jahre lang auf Gehalt und Pension warten, 
v. Steuben starb auf seiner Farm Oneida County im Staate 
Nevy:rk. "• 
* Dhomastag. Wie die AndreaSnacht, so gehört auch die 
Thomasnacht — sie ist die sog. Rauhnacht — zu jenen Nächte», 
welche es gestatten, mit der Gcisterwelt in Verbindung zu treten und 
deshalb zur Erforschung der Zukunft am geeignetsten find. In ihnen 
steht den Menschen eine Frage an das Schicksal frei, weshalb wir 
mancherlei Gebräuche finden, die besonders von den ledigen Personen 
beiderlei Geschlechis angewendet werden. Mancher Brauch findet sich 
schon an der Andreasnacht. In Oberbayern stellt sich z. B. das 
Mädchen in der ThomaSracht vor dem Schlafengehen auf den Beit- 
schemel und spricht die Worte: 
Bettlade i tritt di, 
HI. TdomaS i bitt di, 
Laß mir heut Nacht erschein' 
Den Herzallerliebsten mein; 
und legt sich ins Bett. In der Nacht erblickt sie dann den Freier, 
der sich im künftigen Fahr einstell n wird. Es wird auch während 
des Hersagens obigen Spruches ein Zwetschgen- oder Weichselbaum 
geschüttelt. 
* Meyerbeer war bei seiner herkulischen LeibeLzröße ein starker 
Esser und Trinker. Eines TageS trat er in ein Pariser Hotel und 
vertilgte ein Abend ffen für drei. Lange mußte er warten, bis ihm 
endlich die Geduld riß „Wann bekomme ich denn mein Essen?" 
fragte er. „Wir werden sofort auftragen, wenn die Gesellschaf 
kommt" — „Dann bringt aber das Essen xrestissiwo, denn ich bür 
die Gesellschaft."
        
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