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Periodical volume Nr. 295, 16.12.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

daß wir an unseren eigenen Herzen-Jugendmärchen nicht 
mehr glauben, mag es nun Glaube, Liebe oder Hoffnung 
sein, was der pochende Schlag uns vorsingen möchte, auf 
den wir doch immer .wieder horchen, so laut auch des 
Tages Lärm ihn übertönt. Er wartet seine Zeit ab, der 
längst totgenannte Kindheitswunderglaube, und dann 
spricht er zu uns — im Abenddämmern, wenn im Ofen 
die Flammen zucken, zur Weihnachtszeit» wenn die Tanne ihre 
Lichtblüten trägt, oder wenn wir heimkommen zu der Stätte, 
wo wir Kinder gewesen sind. Dann wandern wir wieder 
mit schauenden, hoffenden Augen die alten Wege, die wir 
im Winterbann herber Lebenswahrheiten begraben wähnten, 
und das Tote wird wieder lebendig, das Kalte wird wieder 
heiß, und wir lernen es, daß wir auch in Leid und 
Kampf geblieben sind, was wir vor Zeiten waren — 
Kinder, die an das Wunderbare glauben und darauf 
warten. 
Lokales. 
1- Die gesundeste» Orte iru Deutschen Reich 
sind nach dem jetzt vorliegenden Jahresdurchschnitt von 
1904 zweifellos die westlichen Berliner Vororte. Unter 
diesen steht wiederum Friedenau an der Spitze. Dort 
starben auf 10 000 Einwohner 102; selbst in Wilmersdorf 
starben etwas mehr, 106. In zwei Orten bis zu 15 000 
Einwohnern im Reiche, werden diese Zahlen einigermaßen 
erreicht; in Wermelskirchen und Wilhelmshaven mit je 109, 
dann folgt alsbald Schöneberg mit 112, Pankow mit 124, 
Steglitz mit 127 und Charlottenburg mit 129, Diese 
günstige Sterblichkeit erreicht allein im Reiche sonst Landau 
mit 121. Überall ist sonst die Sterblichkeit eine bedeutend 
höhere. 
f Beschleunigte Güterabfertigung in Berlin. 
Seit längerer Zeit schon findet auf dem Berliner Hamburg- 
Lehrter Güterbahnhofe die Güterannahme nach den 
Richtungen „Hamburg", „Lehrter" und „Ringbahn-Über 
gänge" statt. Da dieses Verfahren sich bewährt hot, wird, 
wie die Kgl. Eisenbahndirektion Berlin soeben bekannt 
gibt, die nach Richtungen getrennte Stückgutannahme in 
nächster Zeit auch bei den übrigen Berliner Jnnen-Bahn- 
. Höfen eingeführt werden. Die erforderlichen Annahme 
listen werden zu dem Behufe mit entsprechender Inschrift 
gekennzeichnet werden. Gespanne mit geringeren Güter 
mengen sollen aber, auch wenn sie Güter für verschiedene 
Richtungen liegen, möglichst an einer Lucke abgefertigt 
werden. Die neue Einrichtung wird für das Publikum, 
namentlich für die größeren Versender den Vorteil be 
schleunigter Güterabnahine und die Möglichkeit zur so 
fortigen Wester-Verwendung der Gespanne haben; be 
sondere Bedeutung gewinnt die Einrichtung in den Abend 
stunden zur Abwickesung des gesteigerten Annahmegeschäfts. 
Den Spediteuren und größeren Versendern werden Ver 
zeichnisse der für jeden Güterbahnhof festgesetzten Ver 
kehrs-Richtungen übersandt worden. 
s- Härter als Diamant! Das neue Metall, 
welches die A.-G. Siemens & Halske in die Beleuchtungs- 
Industrie eingeführt hat, das „Tantal", hat bei den 
weiteren Versuchen, die an dasselbe geknüpften Erwar 
tungen voll und ganz erfüllt. Die wunderbaren Eigen 
schaften dieses Edelmetalls, namentlich seine Härte und 
Zähigkeit traten sogar noch deutlicher bei Bohrversuchen 
hervor, zu welchen man den besten Diamantbohrer be 
nutzte. Obgleich! dieser 72 Stunden lang auf ein Millimeter 
starkes Tantalblech einwirkte — wobei er in der Minute 
6000 Umdrehungen machte! — gelang es doch nur eine 
unscheinbare Mulde von 1 / i Millimeter Tiefe hervorzu 
bringen. Die Zähigkeit des „Tantal", das weicher als 
Stahl ist, erwies sich beim Zerreißen größer (93 Kilo 
gramm pro Quadratmillimeter) als die des Stahls (75 
Kilogramm) und der Schmelzpunkt bedeutend höher 
(2275» C.), als der des Gußstahls (1375°) und des 
Platins (1775»). ,Dazu kommt noch die ungeheure Be 
ständigkeit des neuen Metalls, das durch Kochen in den 
schärfsten Säuren, mit Ausnahme der Flußsäure, nicht 
angegriffen wird, sowie die Widerstandsfähigkeit gegenüber 
den Temperatur-Einflüssen. Es ist bekannt, daß Eisen 
bahnschienen sich im Sommer „werfen" (verbiegen), wenn 
bei ihrer Verlegung in kälterer Jahreszeit kein Zwischen 
raum zwischen den Stößen gelassen worden ist -(der letztere 
beträgt auf die Schienenlänge bis zu 3,2 Millimeter) das 
„Tantal" hingegen zeigt bei einem Temperatur-Unterschied 
von 60» (also z. B. von 4- 30» bis — 30») nur die 
winzige Längendifferenz vom achtmillionsten Teile eines 
Millimeters! Alle diese Eigenschaften ^rechtfertigen die 
Einführung des neuen Metalls in die Beleuchtungs- 
Industrie; denn kein anderes Material erreicht die gleiche 
Leuchtkraft und Brenndauer. Die Siemenssche „Tantal"- 
Lampe verbraucht bei gleicher Spannung, Lichtstärke rc. 
nur etwa halb so viel Strom, als die Kohlenfadenlampe, 
und in Ansehung ihrer Nutzbrenndauer und Widerstands 
fähigkeit gegen Erschütterungen ist sie jener bei weitem 
überlegen. Man findet das weiße, angenehme Licht mit 
den sternförmigen Glichfäden jetzt schon vielfach im Ge 
brauch. so in dem neuen Warenhause von Grünfeld in 
der Mauerstraße, in den Geschäftsräumen von Siemens 
& HalSke, von August Scherl rc. Einen Fehler hat das 
„Tantal" freilich noch — es ist sehr teuer, sonst wäre es 
das idealste Material für unsere Panzerschiffe. Gegen 
wärtig muß man mit ihm noch sparsam wirtschaften, und 
für 45 000 Lampen reicht ein einziges Kilogramm schon 
hin . . . 
t DiejKoste« des Teltowkanals werden jetzt, wo 
vus Riesenunternehmen des größten Landkreises der preußi 
schen Monarchie seiner Vollendung entgegengeht, auf rund 
40 Millionen Mark berechnet. Als im Jahre 1900 
die Kreisoerwaltung an den Bau herantrat, veranschlagte 
sie die Kosten auf 25 1 /* Millionen. Die enormen Mehr 
kosten find zum Teil auf die in den letzten Jahren erfolgte 
allgemeine Erhöhung der Löhne für die Bauarbeiter, sowie 
der Materialpreise zurückzuführen. Ferner machten unvor 
hergesehene Schwierigkeiten in der Kanalausführung eine 
Verlängerung der Bauzeit und damit auch eine wesentliche 
Kostcnerhöhung notwendig. Nicht geringen Anteil an den 
Mehrkosten verursachte der teilweise ebenfalls nicht vor 
gesehene Grunderwerb für die Kanalstraße. Für diese 
Zwecke waren ursprünglich nur 4 Millionen Mark in den 
Voranschlag eingestellt worden. .In Wirklichkeit werden 
aber rund 8,7 Millionen Mark gebraucht, so daß der Kreis 
noch ueuerdings 4,7 Millionen Mark hierfür nachbewilligen 
muß. Die Höhe dieser Summe wird begründet mit dem 
außerordentlichen Anwachsen der Bodenwerte an der 
Kanallienie. Um bei dieser Grundstücksspekulation eben 
falls zu profitieren, hat der Kreisausschuß beschlossen, für 
1,862,000 Mk. am Kanal liegende Terrains zu einer 
„aussichtsvollen Kapitalanlage" zu erwerben. Schließlich 
chat eine erhebliche Erweiterung des ursprünglichen all 
gemeinen Bauentwurfs — es ist stellenweise eine Er 
weiterung des Kanalprofils erfolgt, die Hafenanlagen und 
Ladeplätze sind vergrößert worden — eine wesentliche 
Ueberschreitung der Baukosten zur Folge gehabt. — Um 
einen Ueberblick über die bisher geleisteten Arbeiten zu 
gewinnen, genügen einige Zahlen: Die Ausschachtung von 
7,200,000 Kubikmtr. Bodenmasse, sowie die Anschüttung 
von Dämmen am Kanal kosten bis jetzt rund 9 Millionen; 
die 68 Kilomtr. lange Uferbefestigung erfordert nahezu 
700,000 Mk. Eine Million kostete die doppelte Kammer 
schleuse nebst Freiarche für Hochwasserabführung. Für. 
3,8 Millionen wurden Brückenanlagen über den Kanal 
hergestellt. Hierzu kamen noch fünf Straßenbrücken, die 
323,000 Mk. kosteten. Unvorhergesehene Störungen durch 
elementare Ereignisse verursachten eine Ausgabe von 
260,000 Mk. Insgesamt wurden bis Ende 1904 rund 
28 Millionen für den Kanalbau verausgabt. 
-j- Die Wertschätzung des Turnens an höheren 
Lehranstalten erfährt eine eigenartige Beleuchtung aus 
einer neueren statistischen Zusammenstellunp. In Deutsch 
land erwirbt ein Schüler einer höheren Lehranstalt das 
Reifezeugnis für den Hochschulbesuch mit 20 000 bis 
25 000 Schul- und Hausarbeitsstunden bei im ganzen 
etwa 1000 Turnstunden, in Frankreich mit etwa 
19 000 Schul- und Hausarbeitsstunden bei 1300 Turn 
stunden, in England mit etwa 16 500 Schul- und Arbeits 
stunden bei etwa 4500 Turnstunden. In England wird 
den Leibesübungen der Jugend demnach ‘t 1 / 2 mal mehr 
Zeit gewidmet als bei uns. Daß die Mehrzahl der 
deutschen Schüler höherer Lehranstalten nicht zur Vollkraft 
des menschlichen Körpers gelangen, ist danach begreiflich. 
f Gute Schulfrenndfchaft, auch beim letzten 
Gange, bewies die zahreiche Beteiligung der Schülerinnen 
bei der gestrigen Beerdigung der nach schwerem, 
langem Leiden verstorbenen 11jährigen Tochter Lotte des 
Blumenhändlers Poüin. Fast sämtliche Mädchen ihrer 
Klasse waren mit dem Lehrer derselben, Herrn Grünig, 
erschienen und erwiesen dev kleinen Schulkameradin die 
letzte Ehre: Als äußeres Zeichen der Ehrung wurde ein 
prächtiger Kranz aufs Grab niedergelegt. 
t Aus eine Ivjahrige Tätigkeit bei der Firma 
Paul Heitmann, Haustelegraphen- und Telephonbau-Anstalt, 
Handjerystr. 81, konnte gestern der Monteur Herr Wahl 
zurückblicken. Herr Wahl ist ein tüchtiger Mann in seinem 
Fach, der immer die Zufriedenheit seines Chefs zu er 
werben wußte. Gewiß ist auch diese 10jährige Tätigkeit 
ein erfreuliches Zeichen für das gute Einvernehmen,, das 
zwischen Prinzipal und Angestellten vorherrscht. Wir 
hoffen, daß dieses gute Arbeitsvcrhältnis noch recht lange 
bestehen bleiben möge. 
f Der 13 Elternabend der Gememdeschule findet 
am Mittwoch, den 20. Dezember,. Abends 7 ! / 2 Uhr,, im 
„Hohenzollern" statt. Das allseitige Interesse, das diesen ! 
Elternabenden entgegengebracht wird, läßt auch für diesen ! 
Abend einen zahlreichen Besuch erwarten. , 
f Haus- und Grundbesitzer-Verein. Der 
Bericht über die gestern Abend im „Hohenzollern" statt- i 
gehabte, gutbesuchte Versammlung erscheint in der Montag- 
Nummer unseres Blattes. 
f Konzert. Kammer-Virtuos Herr Felix Meyer, 
unser geschätzter Mitbürger, hat in diesem Winter ver 
schiedene erfolgreiche Konzertreisen absolviert; er wirkte 
mehrfach in größeren Orchesterkonzerten mit und bewies 
überall aufs neue seine oft gerühmte Meisterschaft. Ui a. 
schreibt der Rostocker Anzeiger vom 13. d. Mts.: An das 
Violinkonzert von Beethoven können sich nur wenige Aus 
erwählte mit vollem Erfolg wagen, der Geiger Felix 
Meyer ist einer von diesen. Das hat er uns gestern be 
wiesen. Er entlockte seinem herrlichen Stradivari-Instru 
ment Töne von Fülle und Weichheit, mit denen er die 
ihm ganz zu eigen gewordene Tonschöpfung Beethovens 
aufs seelenvollste wiedergab. Seine eminente Technik war 
ihm nichts dabei als Mittel zum künstlerischen Zweck. 
Das zeigte sich selbst bei der Ausführung eingelegter 
Kadenzen eigener Komposition. Vornehme Zurrückhaltung 
ließ er dabei walten. Darum konnte im ersten Satze der 
Übergang von der Kadenz zum Beethoven-Tema so ent 
zückend wirken. Außer dem Beethovenkonzert, mit dem er 
Stürme des Beifalls erregt hatte, spielte der Künstler 
noch Ungarische Lieder von Ernst, Stücke mannigfachen 
Kolorites, die er höchst temperamentvoll, gleichsam ohne 
ihrer Schwierigkeit zu achten, ausführte, auch damit die 
Hörer zu enthusiastischem Beifall bewegeud. So stark 
wurde der Beifall, daß Herr Felix Meyer schließlich noch 
eine Zugabe spendete, die Herr Prof. Thierfelder am 
Klavier begleitete. 
Friedeuaner Parochialverein. Die Weihnachts- 
feier des Vereins findet am Montag, den 18. Dezember, 
Abends 3 /*8 Uhr im Kaiser Wilhelm-Garten statt. Die 
Festrede wird Herr Pastor Kleine halten, die Weihnachts 
lieder werden von Mitgliedern des Kirchenchores, die 
anderen Darbietungen, darunter eine kleine, sehr an 
sprechende Weihnachtsaufführung von Damen und Herren 
des Vereins ausgeführt werden. Die Verlosung findet 
bereits Nachmittags 1 j 2 4 Uhr statt, zu welcher jedes Mit 
glied Zutritt hat und Spenden noch gern angenommen 
werden. Wie bereits mitgeteilt, wird der Besitzer des 
Kaiser Wilhelm-Garten zur Entlastung der gewöhnlichen 
Garderobe vorn im Zimmer neben dem Saal noch eine 
zweite bequeme Garderobe einrichten und auch für eine 
weihnachtliche Ausschmückung des Saales Sorge tragen. 
f Der Kriegsveteranen-Verein von Frieden«« 
und Umgegend begeht seine diesjährige Weihnachtsfeier 
nicht durch eine allgemeine Kinderbeschcrung, wie in den 
früheren Jahren, sondern durch eine Zusammenkunft der 
Kameraden mit ihren erwachsenen Angehörigen, sowie der 
Witwen verstorbener Kameraden und findet diese Feier am 
Donnerstag, den 21. Dezember cr., von Abends 7 l / 2 Uhr 
ab, im Vercinslokal „Kaiser-Eiche", Rheinstraße 54, statt. 
Die Anwesenheit von Verwandten und Bekannten ist 
gestattet. 
t Der Verein der Gast- und Schankwirte 
veranstaltet am Donnerstag, den 21. d. Mts., Abens 7 Uhr, 
sein Weihnachtsfist in deck Festsälen des „Kaiser Wilhelm 
garten", Rheinstr. 65. Noch nicht gemeldete Kinder, 
welche vom Verein beschenkt werden sollen, sind bis 
Montag Abend beim Rendanten und Festausschuß Kollegen 
I. Kiewitz, Kirchstr. 15 zu melden. 
f Hohenzolleru-Theater. Da bei der Kinder 
vorstellung am vorigen Dienstag ein so gewaltig großer 
Andrang herrschte, daß viele Kinder, ohne Billetts zu 
erhalten, wieder nach Haus gehen mußten, hat sich 
Direktor Behle entschlossen, am nächsten Dienstag, den 
19. Dezember, eine zweite Kindervorstellung zu veranstalten 
zu denselben kleinen Preisen (60 Pf. und 30 Pf.) Zur 
Aufführung gelangt „Hänsel und Gretel". Auch die 
Gratisverlosung, welche bei den Kindern hellen Jubel 
erregte, wird am Schluß der Vorstellung wieder statt 
finden. Man versehe sich rechtzeitig in den Voroerkaufs 
stellen mit Billetts, da schon wieder große Nachfrage 
herrscht. Abends 8 Uhr gelangt dann auf allgemeinen 
Wunsch Hermann Sudermanns „Das Glück im Winkel" 
neueinstudiert zur Afführung. Diese Nachricht dürste von 
allen hiesigen Theaterfreunden mit größter Freude auf 
genommen werden, denn „Das Glück im Winkel" ist eins 
der erfolgreichsten und heißumstrittensten Werke der neuen 
Bühnenliteratur.^Das Lessing- und das Schiller-Theater 
zählt „Das Glück im Winkel" zu ihren beliebtesten 
Repertoirstücken, das bei jeder Aufführung den stürmischen, 
begeisterten Beifall des regelmäßig ausverkauften HauseS 
findet. Schon lange war es der Wunsch aller hiesigen 
Theaterfreunde, daß Direktor Behle wieder einmal „Da8 
Glück im Winkel" zur Aufführung bringen möge und 
feine vortreffliche Künstlerschar wird uns am Dienstag 
sicher eine sehenswerte Vorstellung bringen. 
f Im Rheinschlotz findet morgen Nachmittag 
5 Uhr wieder großes Künstler-Konzert statt. Die italienische 
Kapelle „Piccollo Vesuvia", die so allgemeinen Anklang 
gefunden hat, wird wieder ihre fröhlichen Weisen erklingen 
lassen und ist daher ein Besuch nur zu empfehlen. 
f Wenn man eine Reise tut . . . Ein hiesiger 
Gastwirt fuhr am Donnerstag nach Berlin und stattete u. 
a. auch einigen Kollegen Besuche ab. Die Stimmung 
wurde eine gemütliche, die Zeit verrann schnell und erst 
spät schickte sich unser Mitbürger an, die Rückfahrt anzu 
treten. Im mollig geheizten Eisenbahnwagen übermannte 
ihm jedoch der Schlaf, und als er wieder erwachte und 
ausstieg befand er sich in — Kaulsdorf. Zurück gab's 
nicht mehr und so mutzte unser Mitbürger, da in dem 
kleinen Nest zur Nachtzeit eine Unterkunft nicht mehr zu 
finden ist, bis morgens früh in Wind und Wetter auf 
den Straßen zubringen. Vollständig durchnäßt langte 
der verirrte Friedenauer mittels ersten ZugesZ hier 
wieder an. 
-f Racheakte. Ein junger Bettler treibt in unserem 
Orte sein Unwesen. Es sind der Kriminalpolizei eine 
Anzahl Anzeigen zugegangen, in welchen Klage darüber 
geführt wird, daß in den Häusern teilweise die Treppen 
läufer zerschnitten und entwendet, auch Treppengeländer 
und die Fensterrahmen in der nichtswürdigsten Weise be 
schädigt werden. Im Hause Saarstraße 5- z. B. verschwand 
vor einigen Tagen ein Sack mit Mörtel,, während über 
Nacht die Nägel aus den Treppenläufern herausgerissen 
und Stücke davon entfernt wurden. Diese Taten unter 
nimmt der bisber leider noch nicht ermittelte junge Mensch 
jedenfalls nur in solchen Häusern, deren Mieter mit 
Recht vorziehen, einem derartigen arbeitsscheuen Gesindel 
lieber nichts zu geben. Im allgemeinen Interesse und der 
Sicherheitwegen wirddasPublikumgebeten.imBetretungsfalle 
den Attentäter festnehmen zu lassen und ihn der Polizei 
zu überliefern. 
Berlin und Mrorte. 
8 Für die neue Anlegestelle der Spree-Havel- 
Dampfschiffahrtsgesellschaft „Stern" auf dem linken Spree 
ufer zwischen der Jannowitz- und Waisenbrücke ist jetzt 
das Bollwerk fertig, sodaß mit der Planierung der Ufer 
promenade, die sich unterhalb, der Straßen „Branden 
burger Ufer" hinzieht, begonnen worden ist. Die Anlage, 
die auf Kosten der Gesellschaft in vornehmer und ruhiger 
Weise hergestellt wird, soll nicht weniger als 12 Dampfer- 
Haltestellen mit bequemen Ern- und Ausgängen enthalten. 
Sowohl vom Wasser, wie von der Straße aus wird sich 
die Anlage gärtnerisch präsentieren. Oben werden 
Lindenbäume eingepflanzt werden, die durch Feftres, be 
stehend aus dauernd blühenden Rosen miteinander ver 
bunden sind. Dahinter wird sich eine grüne Hecke aus 
breiten, die durch ein 1,60 Meter hohes, schweres Eisen 
gitter eingefaßt wird. Zur Uferstraße führen sowohl von 
der Jannowitz- wie von der Waisenbrücke 4 Meter breite, 
massive Treppen hinab, deren Stufen aus schlesischem 
Granit und deren Wände aus rheinischem Kalkstein be 
stehen. Der obere Teil der grünen Uferböschung wird 
bis etwa zur Hälfte abgetragen und unten durch eine 60 
Zentimeter hohe Wand aus bruchrauhem Rüdersdorfer 
Kalkstein abgesteift. Davor werden große Ruhebänke in 
nordischem Stil errichtet und in der Mitte der durch 16 
elektrische Bogenlampen erhellten Anlage wird sich ein 
ebenfalls in nordischem Stil gehaltenes Haus erheben, in 
dem alkoholfreie Getränke verschänkt werden sollen. Die 
geräumige Anlage wird vornehmlich als Sammelort für 
die Massendampferfahrten dienen, welche Vereine und 
Schulen unternehmen, sie wird, aber auch als Erholungs 
stätte dem Publikum geöffnet sein, das keine Dampfer 
benutzt. Die alte Anlage auf dem gegenüberliegenden
        
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