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Periodical volume Nr. 294, 15.12.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Zriedenaner Grtsteil von Schöneberg nnd den Bezirksverein Süd-West. 
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Friedenau, Freitag den 15. Dezember 1905 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Letpzig. Die Reichstagsersatzwahl in Chemnitz an» 
stelle Schippels wurde vom Ministerium des Innern auf 
den 13. Februar beanraumt. 
Genf. Eine hochangesehene politische schweizerische 
Persönlichkeit, die soeben von Paris zurückgekehrt ist, sagte, 
die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland seien 
in Wirklichkeit sehr bedenklich. Im Ministerium sei man 
mit dem gegenwärtigen Laufe der Dinge sehr unzufrieden: 
man könne über eine gewisse Beklenunung nach der Rede 
Bülows im Reichstage nicht hinwegkommen, 
Wie». In der Beratung des Abgeordnetenhauses 
über die Handelsmarinevorlage sagte Graf Sternberg, der 
Kaiser möge sich an dem deutschen Kaiser ein Muster 
nehmen, der von Direktor Ballin, einem erstklassigen Sach 
verständigen informiert werde, nicht aber von Feldzeug. 
meister Beck. 
Bukarest. Fortgesetzt treffen Flüchtlinge aus den 
russischen Städten ein, die namentlich die Lage zu Odessa 
als hoch ernst schildern. In Charkow ist die Ruhe noch 
immer nicht hergestellt. Die Eisenbahnbeamten in Wologda 
richteten ein Telegramm an die Truppen in der Mand 
schurei. in welchen dieselben aufgefordert werden, auf die 
Heimreise zu bestehen. Russische Eisenbahnbeamte würden 
sie in die Heimat führen. 
Belgrad. Die neuerlich eingereichte Demission deS 
Ministers des Äußeren Schujowitsch, welche wegen des 
Widerstandes, den die neue Anleihe erfuhr, erfolgte, ist 
vom Könige angenommen worden. Bisher ist noch kein 
Nachfolger bestimmt. Es ist wahrscheinlich, daß die An 
leihe gänzlich fallen gelassen wird und daU dann auch 
der Finanzminister und der Minister des Innern ihre 
Demission einreichen werden. 
Petersburg. Die Post arbeitet hier, doch regt sich 
unter den Beamten die Reue. die Kameraden im Stich 
gelassen zu haben. Die Agitation läßt einen neuen Aus 
bruch des Poststreiks befürchten. — Die Moskauer Handels 
welt klagt über kritischen Geldmangel. Der Arbeiter 
deputiertenrat hat sich mit dem Bauernbund vereinigt, 
und fordert in einem bevorstehenden Manifest im Hinblick 
aus den Staatsbankerott, da? Zurückziehen aller Depots 
sowie die Einstellung der Steuerzahlung und teilt dem 
AuSlande mit, daß alle Anleihen der jetzigen Regierung 
nach dem 23. November für ungiltig erklärt würden. 
Die Staatsbank teilt mit, daß sie bis auf weiteres 
auf sämtliche Anleiheoperationen eine Provision von 
20 Proz. als Zuschlag zum üblichen Tarife erheben werde. 
Wie verlautet, wird das neue Wahlgesetz augen 
blicklich im StaatSrate einer Prüfung unterzogen. Graf 
Witte habe Ordre gegeben, daß die Beratungen beschleunigt 
würden und man glaubt, daß die Prüfung des Gesetzes 
bis zum 21. Dezember beendet ist, worauf es einige Tage 
später im Amtsblatt publiziert werde. 
Odessa. Aus Petersburg wird depeschiert, daß die 
ökonomischen Forderungen der Post- und Telegraphen 
beamten bewilligt worden seien. Hier wird die Unter 
brechung des Streiks erwartet. 
Warschau. Die hiesigen Zollbeamten richteten an 
die Regierung die Aufforderung, ihre Lage zu verbessern, 
da sie sonst in den Streik treten würden. 
Rom. Der König empfing den Obersten Ferrara, 
Direktor der Waffenfabrik in Fez. Der König unterhielt 
sich mit dem Obersten längere Zeit über marokkanische 
Angelegenheiten. Der „Tribuna' zufolge, sei der Oberst 
ausersehen, auf der Konferenz in AlgeciraS als Beirat 
Italiens zu fungieren. 
Tt. Remy. Der Kaufmann Philipp Prince wurde 
bei Besteigung des kleinen Bernhard von einer Lawine 
verschüttet und schwer verletzt aufgefunden. 
Paris. Aus Tanger wird gemeldet, daß dort ein neues 
französisches Blatt erschienen sei unter Titel „Depesche 
Maroquaine"^ 
Die Kammer nahm einen Gesetzesvorschlag an, durch 
welchen die Mandatsdauer der Senatoren von 10 auf 
9 Jahre herabgesetzt wird. In Zukunft soll den Senats 
wahlen auch das allgemeine und gleiche Stimmrecht zu- 
gründe liegen. Das vorgestrige Bankett der demokratischen 
Bereinigung wird noch immer lebhaft besprochen, und man 
findet es bemerkenswert, daß verschiedene Redner sich 
gegen eine eventuelle Präsidentschaftskandidatur Fallieres 
erklärten. Dumer verließ heimlich das Kabinett, weil er 
voraussah, welche Wendung die Reden nehmen würden. 
Nunmehr hat einer der Hauptredner des Banketts erklärt, 
eine Wahl Dumers zum Präsidenten der Republik sei, so 
weit er die Stimmung kenne, gänzlich ausgeschloffen, denn 
auf Falliers würde eine Mehrheit von ca. 80 Stimmen 
entfallen. 
Das Gelbbuch über Marokko, das gestern Nachmittag 
in der Kammer verteilt wurde, vertiefte den Eindruck des 
Mißbehagens, das sich in den letzten Wochen angesichts 
der hartnäckigen Haltung Deutschlands in politischen 
Kreisen bemerkbar macht. Man kann besonders einen 
Umschwung der Meldung gegenüber Delcassö konstatieren, 
deffen vorsichtige nüchterne - Haltung in den Augen vieler 
durch das gestrige Gelbbuch gerechtfertigt erscheint. Die 
Freunde Delcaffe, die sich bisher zurückhielten, ziehen jetzt 
offen diese Schlußfolgerung. 
Für die Kammerdebatte am Sonnabend, wo die auö- 
wältige Politik besprochen werden soll, find 15 Redner 
eingeschrieben, darunter auch Jaurös und Denischochin. 
London. „Daily Telegraph" bringt die bisher 
anderweit unbestätigte Meldung aus Pecking, daß die 
chinesische Regierung von ihrem Berliner Gesandten ein 
Telegramm erhalten habe, worin dieser mitteilt, daß der 
deutsche Reichskanzler ihn in Audienz empfangen und ihm 
mitgeteilt habe, die Gerüchte, daß Deutschland ein Auge 
auf chinesisches Gebiet geworfen habe, falsch seien; Deutsch 
land sei nur bestrebt, seinen Handel auszudehnen. Fürst 
Bülow habe noch hinzugefügt, daß, wenn etwa andere 
Mächte sich chinesischen Gebietes bemächtigen würden, der 
deutsche Kaiser sofort China Beistand leisten würde. Der 
chinesische Minister des Äußeren habe darauf den Gesandten 
beauftragt, dem Reichskanzler seinen Dank für diese Er 
klärung auszusprechen. — Dasselbe Blatt meldet noch 
ebenfalls unbestätigt, daß Deutschland über die Räumung 
Kiautschaus einen neuen Vertrag mit China abgeschloffen 
habe. 
Nach Petersburger Meldungen ist die Lage in Riga 
andauernd überaus bedenklich. Es heißt, eine Armee von 
100 000 Mann würden notwendig sein, um die Ruhe 
und Ordnung in den balsischen Provinzen wieder herzu 
stellen. 
Allgemeines. 
[] Weihnachts-Sonderzüge werden in großer 
Zahl auch nach dem Westen der Monarchie zur Beförderung 
gelangen. Wir heben nur die folgenden hervor: Ab 
Berlin, Schles. Bahnhof, geht in den Nächten zum 22. bis 
24. d. M., zum 28., 30. und 31. d. M., sowie zum 3. 
und 4. Januar ein Schnellzug mit erster bis dritter 
Klaffe Abends 9.28 nach Köln ab (Ankunft daselbst 7.05 
Vormittags); desgleichen in der Nacht zum 23. ein 
Personenzug mit allen Klaffen 11.40 Abends, vom hiesigen 
Lehrter Bahnhof, Ankunft in Köln 5.28 Nachm. Zwischen 
Berlin und Hannover verkehren Personenzüge am 23. d. M., 
1.57 Nachm., ab Lehrter Bahnhof, an Hannover 8.28 
Abends, und in der Nacht zum 24. d. M., 11.40 Abends 
ab Lehrter Bahnhof, an Hannover 6.02 früh. Der 
Gegenzug zu dem oben genannten Schnellzug wird in 
denselben Nächten befördert und zwar ab Köln 9.29 
Abends, an Berlin, Schles. Bahnhof 7.24 Vorm. Auch 
zwischen Hannover und Hamburg, Hannover-Göttingen 
und -Kaffel verkehren mehrere WeihnachtS-Sonderzüge. 
0 Eisenbahnverkehr mit Rußland. Nach amt 
licher Meldung der Güterabfertigungsstelle Wirballen ist 
der Zugverkehr der Riga-Oreler Bahn nach Bwinsk und 
Koschedary gesperrt. Nach den gesperrten Strecken werden 
Güter nicht angenommen, rollende angehalten und dem 
Versender zur Verfügung gestellt. Fahrkarten nach den 
Stationen der Riga-Oreler Bahn, über die genannten 
Tausendfältig (Unglück. 
Roman von H. Hill. 
12. sNackdruil oette»«n.) 
8. Kapitel. 
Es war nichts in Herzogs Haltung, was am nächsten 
Morgen beini Frühstück auf eine Verminderung seines Ver 
trauens gedeutet hätte. Ter leise Sarkasmus, in welchem 
er sich manchmal auf Rivingtons Kosten gefiel, fehlte heute 
gänzlich. Ter körperliche Mensch schien ihm an diesem Tage 
über alles zu gehen, und er zeigte vollständtg d,e faule 
Stimmung, die einem Manne natürlich ist, der für gewöhn 
lich nichts tut, als essen, trinken und plaudern. Rivington 
konnt« nicht glauben, daß er ihn am Abend zuvor an 
Janeis Fenster gesehen hatte. 
Mein lieber Freund, heute an diesen, köstlichen Morgen 
füll« ich mich voller Lebensfreude,' bemerkte er, als er sich 
vor ein Gericht von Speck und Eiern niedersetzte und sich 
reichlich bediente. .. . . 
Rivington fand seine gute Laune ein wenig ansteckend, 
denn bevor das Frühstück noch beendet ivar, sah er ^anet 
den Gartenpfad hinuntergehen und sich dem Tamm zuwenden. 
Sie hatte also augenscheinlich ihre Absicht, Rachsorschungcn 
anzustellen, nicht ausgegeben und war auf dem Wege, das 
erste Dampfboot nach Lymington zu erreichen. Er erwartete 
nicht allzuviel von ihrer Expedition, aber eine schwache Hossnung 
war besser, als gar keine. . , 
„Das ist unser letzter wirklicher Ferientag; denn der 
Premierminister kommt morgen an," sagte Herzog, wahrend 
er sich eine Zigarre anzündete. „Ich mochte ihn dazu ver 
wenden über eine Sache ins Retnc zu kommen, die mir 
echi^dt'' Unbehagen verursacht. Es gibt einen Vergnügnngs- 
danwfer, der um elf Uhr hier eintrifft, nach Bournemouth 
fähtt und der Nachmittags zurückkommt. W.r werden eme 
kleme Spazierfahrt daraus m die en lustigen Badeort unter- 
«chmn. und uns so gut unterhalten, als wir können, 
außer. . 
„Außer . . . was?' 
„Außer, es gibt eine harte Arbeit, mein Freund,' schloß 
er ruhig. „Aber das wird nur geschehen, wenn meine sehr 
zweifelhafte Vermutung sich als richtig erweist.' 
Es war Rivington ziemlich einerlei, wie sie den Tag 
verbringen sollten; es würde auf jeden Fall ein Tag der 
ängstlichen Erwartung sein, bis Janet vorn New-Forest 
zurückkam und eine Möglichkeit fand, ihn, den Erfolg oder 
Mißerfolg ihrer Reise mitzuteilen. Alles, ivas ihn unmittel 
bar betraf, ivar nur die Sicherheit vor der Wiederergreisuiig, 
und hierin verlieb er sich vollständig auf Herzog. 
Als die Zeitungen aus London gerade vor ihrem Auf 
bruche ankamen, erfuhr er, daß die Gefahr bereits sehr ver 
mindert oder wenigstens hinausgeschoben war. Ein Tele 
gramm des Zentralnachrichtenbureaus in Queenstown, das 
vom Abend vorher datiert war, stand an der Spitze des Blattes 
mit fettgedruckten Buchstaben. 
„Der entsprungene Mörder war nach Amerika eiltflohen. 
Die Polizei hat festgestellt, daß Rivington an Bord der „Car- 
pathia' gelangte, gerade, ehe sie heute abends absegelte. Die 
Detektives kamen einige Minuten zn spät, um seine Verhaftung 
vornehmen zu können. Aber die Behörden in Neuyork sind 
durch Kabeltelegramme informiert worden, und bei seiner An 
kunft jenseits des Wassers wird er erwartet uiid ergriffen 
werden. Da es sich um den Fall eines vernrteilten Ver 
brechers handelt, glaubt man nicht, daß außergewöhnliche 
Formalitäten zur Auslieferung nötig sein werden.' 
Herzog, welcher den Absatz gelesen hatte, ehe er ihn 
Rivington überreichte, schmunzelte angesichts der wirklichen 
Verwunderung, mit der jener ihn prüfte. 
„Wie das bewerkstelligt wurde?' sagte er als Antwort 
auf seine stumme Frage. „Meine Ressourcen sind über einen 
weiten Raum ausgebreitet.' 
„Das will also soviel sagen, daß ich Ruhe habe, bis die 
„Carpathia" Neuyork exreicht und die Nachricht sich als falsch 
herausstellt — das sind sechs Tage.' 
„Von einer gewissen Möglichkeit abgesehen, die wir er 
proben müssen und die vielleicht eine aufmerksame Behandlung 
erfordern wird," erwiderte Herzog, seinen weichen Filzhut auf 
setzend. „Kommen Sie, ivir wollen uns aus der Strand- 
promenade zeigen, ehe wir zum Damme hinunter gehen; ich 
habe ineine Gründe dasür.' 
Zu dieser verhältnismäßig frühen Stunde zeigten sich 
wenig Spaziergänger auf der Promenade, außer Kindermädchen 
und deren Zöglingen, die zur Bucht hinuntergingen. Aber 
unter diesen wenigen befand sich Herr Roger Marske, der sich 
aus einem Sitze dehnte und streckte und augenscheinlich in 
mürrische Betrachtungen versunken war. Er tat, als ob er 
die beiden nicht sähe, und nachdem sie zwei- oder dreimal an 
ihm vorbeigegangen waren, begaben sie sich auf den Damm, 
da der Vergnügungsdampfer sich näherte. Rivington dachte 
darüber nach, ob Marske wohl etwas mit der von Herzog 
beabsichtigteii Spazierfahrt zu schaffeu haben mochte, aber er 
stellte keine Frage. 
Seine Vermutungen in dieser Richtung wurden bestärkt, 
denn gerade, nachdem sie ihre Sitze auf dem oberen Verdecke 
des Dampfers eingenonlinen hatten, eilte Marske den Damm 
entlang und begab sich ebenfalls an Bord. Er verschwand 
unter der Menge von Reisenden auf dem unteren Teck, und 
da er nicht auf das obere Verdeck hinauskam, sah Rivington 
während der Ueberfahrt nichts mehr von ihm. Herzog machte 
keinerlei Zeichen, woraus sich hätte schließen lassen, daß er ihn 
bemerkt habe, »nid da es Rivington darum zu tun war, 
seinem luchsäugigen Gefährten sein Interesse an Marske zu 
verheimlichen, so schwieg er sich darüber aus. 
Als das Dampfschiff an dem Damm von Bournemouth 
anlegte, verlor Herzog keine Zeit bei der Landung, und die 
Mienen eines sorglosen Ausflüglers zur Schau tragend, schlug 
er vor, eine Erfrischuirg in dem Hotel zu nehmen, das dem 
Damme gegenüberlag. Als sie an der Bark standen, bemerkte 
Rivington Roger Marske, der im Schaufenster einer gegen 
überliegenden Buchhandlung Photographien betrachtete. Herzog 
mußte ihn ebenfalls bemerkt haben, er zeigte aber keinerlei 
Interesse. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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