Path:
Periodical volume Nr. 286, 06.12.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Grgan für den friedenauer Grtsteil von 5chöneberg und den Bezirksverein Süd-Vest. 
Unpacküslhe Jfitung fiir kommunale 
Bezugspreis 
d«i Abholung aus der Expedition, Rhein- 
straße 15,1,30 M. vierteljährlich; durch Boten 
,nS Haus gebracht oder durch die Post br- 
zogen 1 M. 50 Pf., monatlich 50 Pf. 
Bestellungen 
in der Expedition, bei sämtlichen ZeitungS- 
fpediteuren und Postanstalten. 
Kernsprecher r Nr. ISS. 
Erscheint täglich abends 
Besondere 
Jeden Mittwoch: 
Witzblatt „Seifenblasen". 
Druck und Verlag von 
Leo Schultz in Friedenau. 
Mid bürgerliche Angelegenheiten. 
Erscheint täglich abends 
Beilagen 
Jeden Sonnabend: 
Anzeige« 
werden bis I Uhr mittags angenonnney. 
Preis der 5 gespaltenen Zeile oder deren 
' Raum 25 Pf. 
Die Reklamezeile kostet 60 Pf. 
Wlätter für deutsche Krauen. 
Verantwort!. Redakteur: 
Leo Schultz in Friedenau. 
Anzeigenannahme 
in der Expedition, Rheinstraße 15, sowie 
in allen Annoncenexpeditionen. 
Fernsprecher: Nr. 129. 
Nr. 289. 
Friedenau, Sonnabend den 9. Dezember 1905. 
12. Iahrg. 
Aepeschen. 
Kaiserslautern. Das Schwurgericht zu Zweibrücken 
verurteilte den Maurer Philipp Pfannkuchen in Nieder 
moschel wegen erschwerten Totschlages eines 9 jährigen 
Mädchens und wegen eines Sittlichkeitsverbrechens zu 
lebenslänglichem Zuchthaus. 
Warschau. Die Zeitungen erhielten Befehl vom 
Generalgouverneur, sich der Zensur zu unterwerfen, 
anderenfalls die Blätter verboten würden. Die Redakteure 
beschlossen jedoch in einer Versammlung, sich dem Befehle 
zu widersetzen. — Eine Petition mit mehreren Tausend 
Unterschriften ersucht den Erzbischof von Warschau, wegen 
seiner reaktionären Gesinnung zu demissionieren, wenn er 
Weiterungen vermeiden wolle. 
Moskau. Das Eisenbahnerorgan benachrichtigte 
alle Mitglieder der Organisation, daß diejenigen, 
welche amtliche Bahntelegramme übermittelten, von den 
Revolutionären zur Rechenschaft gezogen werden würden. 
Petersburg. Hier zirkulieren Gerüchte, daß Durnowo 
seine Demission eingereicht habe. — Der Verband der 
Ministerialbeamten erließ einen Aufruf, in welchem er mit 
Entschiedenheit das Koalitionsrecht verlangt. Darin heißt 
es weiter: Nieder mit der Willkür und mit den reaktionären 
Ministern, die alle Leiden, die über da« Land gekommen 
sind, verursacht haben. — Der frühere Gouverneur von 
Warschau, Maximowitsch, ist als Nachfolger des ermordeten 
Generals Sacharow nach dem Gouvernement Saratow 
entsandt worden. — Graf Witte scheint vorläufig auf die 
Mitwirkung der Semstwos verzichten zu wollen. Dagegen 
erfiarkr die Grohfürstenpartei immer mehr und organisiert 
sich unter der Führung von Tscherbatow. — Gegenüber 
ungünstigen Nachrichten wird erneut versichert, daß der 
Gesundheitszustand des Zaren ein völlig zufriedenstellender 
sei. Der Zar hege das vollste Vertrauen zu einem glück 
lichen Ausgange der jetzigen Lage. 
Kiew. In Proskurow meuterte das dortige 2. In 
fanterie-Regiment. Die Mannschaften verweigerten den 
Dienst und vernichteten die Ausrüstungsgegenstände. 
Odessa. Nach Privatmeldungen auS Sebastopol ist 
Leutnant Schmidt noch nicht hingerichtet. Er wurde 
gestern unter sehr starker Bedeckung nach der Festung 
Otschakow gebracht. Ferner wird aus Sebastopol gemeldet, 
daß der Herausgeber des dortigen Blattes „Krinski- 
Westnik" unter Androhung der Hinrichtung gezwungen 
wurde, einen Artikel zu veröffentlichen, in welchem die 
Juden und Revolutionäre als die Urheber der letzten Auf 
stände bezeichnet werden. Das Militär verhindert, daß 
Depeschen aus Sebastopol abgehen. 
Sofia. Nach Weldungen aus Mazedonien wurde 
der berüchtigte Bandenführer Tschernopeiow von Bauern 
gelötet 
Bukarest. Aus Kalafat in Rumänien wird ge- 
meldet, daß der Kuzowallache Tomaiom den Direktor einer 
Bank namens Papademeknu erschoß, weil dieser griechischer 
Chauvinist war. Der Attentäter stellte sich der Polizei 
und gab politische Rache als Ursache seiner Tat an. 
Tausendfältig (Unglück. 
Roman von H. Hill. 
7. iRackidruck »«rb»ten.) 
„Da, sehen Sie sich den Sitz unter dem Lindenbaum 
neben dem Springbrunnen an," flüsterte er. „Ich tariere die 
Distanz auf hundertzwanzig Uards; wenn Lord Alphington 
dort fitzt, könnte ich ihn mit einer Jagdflinte mit größter 
Sicherheit wegputzen . . . das heißt," fügte er zweifelnd hinzu, 
.wenn Sie die Absicht haben, mir Feuerwaffen anzuvertrauen." 
Herzog warf ihm einen feiner raschen Blicke zu. 
.Wenn die Gelegenheit kommt, so werde ich schon eine 
Waffe für Sie finden — fürchten Sie nichts. Aber ich 
glaube kaum, daß es eine geräuschvolle sein wird, die Ihren 
angeblichen ärztlichen Hüter kompromittieren könnte. Sie 
scheinen in Gedanken seine Lordschaft schon unter dem Messer 
zu haben, mein werter Hauptmann; vielleicht wird es mir 
S olingen, eine Gelegenheit herbeizuführen, daß das Wirklich, 
eit werde." - 
Für den Moment glaubte Herzog an ihn. Wie lange 
würde cs ihm möglich sein, diesen Glauben zu erhalten? 
So gingen sie, anscheinend in höchster Eintracht, in das 
Speisezimmer hinunter und nahmen die Mahlzeit ein, die 
Frau Krance für sie bereitet hatte. 
Da drang eine geliebte Stimme an Rivingtons Ohr, 
und einen Augenblick später, als er zum Fenster hinausblickte, 
sah er die zierliche Gestalt seiner Janet den Pfad entlang 
gehen und durch die Gartentür auf der Straße verschwinden. 
Sie ging sehr rasch, wie unter dem Eindruck irgend einer 
Erregung. 
Rivingtons Herz erbebte, wenn er axr -ie Ursache dieser 
Paris. In der Kammer wird ein Antrag eingebracht 
werden, wonach die Dauer der Senatsmandate von neun 
auf sechs Jahre herabgesetzt und alle zwei Jahre Ersatz 
wahlen vorgenommen werden sollen. 
General Oudard in Lyon wurde durch Verfügung des 
Kriegsministers zur Disposition gestellt. Oudard wurde 
beschuldigt, mit der Frau des Hauptmanns Guyoteau, der 
sich erschoß, in Beziehungen gestanden zu haben. 
Nach Ueberzeugung Eombes wird Fallierss der einzige 
Kandidat der Republikaner sein und mit einer imposanten 
Mehrheit gewählt werden. 
Wie das „Echo de Paris" aus Ehristiania meldet, 
sei die Königin Maud von Norwegen erkrankt und müsse 
das Bett hüten. 
,! London. „Central News" bringen die nach den 
amtlichen deutschen Meldungen völlig unglaubwürdige und 
wohl tendenziöse Nachricht auS Kapstadt, daß die 
Meldungen über die Erfolge in Deutschsüdwestastika gegen 
über den Hottentotten übertrieben seien. Es sei unrichtig, 
daß Witboi gefallen wäre, er sei angeblich noch am 
15. November gesehen worden, während er den deutschen 
Berichten zufolge bereits am 3. November gestorben sein 
soll. Im Süden der Kolonie sind Morenga und Moritz 
noch immer Herren der Lage. Mehrere deutsche Provinzial 
kolonnen sind von den Eingeborenen angegriffen und die 
Begleitmannschaften getötet worden. 
„Daily Chronicle" meldet aus Petersburg: Bei einem 
Diner, an welchem Graf Witte teilnahm, zeigte sich dieser 
über die vörsenpanik keineswegs erregt und erklärte, er 
habe eine solche erwartet. Der Minist«: Müsste noch hinzu, 
er sei durchaus nicht, wie ausgesprengt werde, ein Gegner 
einer konstituierenden Versammlung noch ciner Einführung 
des allgemeinen Wahlrechtes. Weiter bemerkte er noch, 
daß in Rußland 9 / 10 der besitzenden Klaffen nichts tun 
wollten, sodaß es daher nicht verwunderlich sei, wenn die 
Arbeiter, Bauern und Juden sich der revolutionären Be 
wegung anschlöffen. ,.Exchange Telegraph" meldet auS 
Petersburg, die Postverwaltung habe gestern eine Summe 
von 100 000 Frcs. beschlagnahmt, welche gestern aus 
Frankreich für die streikenden Postbeamten usw. einge 
troffen war. 
Stockholm. Die gestern veröffentlichte Statistik für 
das vorige Jahr zeigt eine Zunahme der Einfuhr deutscher 
Waren um 16 Millionen auf 220 Millionen Kronen, 
während die Ausfuhr nach Deutschland unverändert ge 
blieben ist. 
Montreal. Der Premierminister Laurier drückte 
telegraphisch der Pariser Tragödin Sarah Bernhard sein 
tiefes Bedauern über das pöbelhafte Benehmen eines Teiles 
der Bevölkerung von Quesebeck auS. 
Lokales. 
ch Das erleuchtete Friedenau. Wenn man sich 
die kommunale Tätigkeit des nun beinahe vollendeten 
Jahres vergegenwärtigt, so muß man erstaunen über die 
mannigfaltigen Anstrengungen, die innerhalb einer ver- 
Erregung dachte: sie mußte von seiner Flucht aus dem Ge 
fängnis gehört haben, und wenn er sich ausmalte, wie sie 
diese Nachricht aufgenommen hatte und ihren Vater ihr 
Interesse daran nicht merken lassen durfte, so wurde er sich 
der langsamen Todesqual bewußt, die sie seit seiner Beschul 
digung erlitten haben mußte. Einen Verlobten zu haben, über 
den das Todesurteil verhängt wurde, und ohne Trost und 
Teilnahme zu sein, grenzte gewiß an Märtyrertum! . . . 
Und wie sollte es ihm möglich sein, sic zu sprechen, 
während die Luchsaugen seines Hüters stets auf ihn gerichtet 
waren? ... 
5. Kapitel. 
Je niehr Fortschritte Rivingtons Bekanntschaft mit Herzog 
machte, desto mehr konnte er sich überzeugen, daß er ein viel 
seitiger Mann war. Er besaß die Fähigkeit — oder wenigstens 
den Anschein — sich von dem tödlichen Vorhaben vollständig 
loszulösen, obwohl er den Gedanken daran nie aus den Augen 
ließ, und die Annehmlichkeiten des Augenblicks mit vollem 
Behagen zu genießen, seine Mahlzeiten, sein Getränk, seine 
ausgezeichneten Zigarren und seine eigene Konversation. 
„Kommen Sie," sagte er, als sie ihr Frühstück ringe- 
nonunen hatten, „lasten Sie uns das Angenehme mit dem 
Nützlichen verbinden und einen Spaziergang machen Als 
Soldat müssen Sie das Terrain rekognoszieren, während ich 
als Liebhaber der Natur die Möglichkeit haben werde, mein 
Steckenpfcrdchen zu tummeln. Es geht nichts übeL eine Zu 
sammenstellung von purpurnem Heidekraut, blauem Wasser 
und hüpfenden Wellen, um einen weltmüden Menschen wieder 
jung zu machen." 
Niemand hätte in dem Sprecher einen Menschen vermutet, 
der den Tod des größten Staatsmannes seiner Zeit durch 
hältnismäßig kurzen Spanne Zeit zur Verschönerung und 
Modernisierung unseres Ortes unternommen worden sind. 
Für den, der die Sitzungen der Gemeindevertreter, wenn auch 
nicht besucht, so doch wenigstens in den Berichten verfolgt, 
bietet dieses unermüdliche Kämpfen um die innere und 
äußere Ausgestaltung und Vervollkommnung ein inter 
essantes Schauspiel. Aber selbst der, welcher sich um die 
kommunale Entwickelung seines Wohnsitzes nicht zu 
kümmern pflegt, wird kaum achtlos vorübergehen können 
an den augenfälligen Errungenschaften, die zu seinem und 
seiner Mitbürger Nutzen und Freude gemacht wurden. Da 
ist die Bahn durch die Saarstraße, die Rasenanlagen, daS 
kleine Rathaus, der neugestaltete Maybachplatz, der im 
Entstehen begriffene Bau der Gemeindeschule, die regulierte 
Kaiserallee und, kommt man auf die Felder hinaus, das 
Elektrizitätswerk in seinem schmucken und gefälligen 
Gewände. Als wir vor einigen Jahren in einer Plauderei 
den Wunsch aussprachen, es möchten nun bald elektrische 
Bogenlampen über den Häuptern der Friedenauer schaukeln, 
da dachte wohl keiner, daß sich dieser Wunsch so bald in 
die Wirklichkeit umsetzen würde. Jetzt können wir uns 
alle Abende auf der Rheinstraße in der ersehnten Be 
leuchtung zeigen! Allerdings sehen viele Bürger die Sache 
nicht in so rosigem Lichte wie die dortigen Bogenlampen. 
Im Gegenteil, sie möchten grün werden wie eine Gas 
laterne über den allzu schneckenhaften Verlauf der 
Montierung. Monate sind bereits verflosten, seitdem die 
ersten hoffnungsfrohen Zeichen einer „glänzenderen" Zukunft 
in Gestalt von grau angestrichenen Kästen erschienen, die 
man anfangs der Straßenreinsgung zuschrieb, ehe man sie 
als vom Elektrizitätswerk herrührend erkannte. Nach 
einigen Wochen begann man mit Hilfe von riesigen Feuer 
leitern die nötigen Rosetten zu befestigen. Jeder 
Friedenauer, der vorüberging, schlug sich an die Nase und 
sagte: „aha, jetzt kommtsl" Und in der Tat! Nach 
abermals etlichen Wochen wurden gewaltige Masten herbei 
geschleift und eine kleine Herde von Arbeitern machte sich 
unter Leitung eines Ingenieurs und der andauernden 
Anteilnahme deS Publikums daran, sie aufzurichten. Auf 
diese außerordentliche Anstrengung folgte verdientermaßen 
eine lange, lange Pause. Endlich kamen die Drähte und 
— o Wunder — die Bogenlampen! Es brannte! Weit 
rühriger als die schamlos langsam arbeitende Firma waren 
unsere Geschäftsleute. Schon kurz nach der Jnkrafttretung 
des Stromes erstrahlte eine ganze Zahl von Läden ln 
elektrischem Glanze. Gerade im Jntereffe unserer Geschäfte 
ist es erforderlich, daß mit Rücksicht auf eine dann zu 
erwartende Steigerung des Weihnachtsverkehrs nunmehr 
wenigstens sämtliche Bogenlampen der Rheinstraße unter 
Strom gesetzt werden. Einige fehlen überhaupt noch. 
Im übrigen hat ja unsere Gemeindevertretung schon 
Mittel ergriffen, um zu veranlaffen, daß seitens 
der säumigen Firma etwas mehr — Dampf dahinter 
gesetzt wird! 
f Zur Weihnachtsbescherung für Arme. £ 
den letzten Jahren ist mehrfach die Beobachtung gemac 
kaltblütigen Mord anstrebte, und als sie ansbrachen, wob» 
ihnen das wachsame Auge des Oberst Chilmark von seinen 
Fenster aus folgte, faßte Rivington wieder Mut und lenkt, 
ihn auf das Thenia zurück. 
„Man muß Ihre Heiterkeit bewundern," sagte er, „wenn 
man in Betracht zieht, daß Sie wahrscheinlich als Mitschul 
diger an der Tat gehenkt iverden, wenn es mir gelingt, den 
Premierminister zu töten." 
Hatte er ihn im Innersten getroffen? . . . Eine flüchtige 
Sekunde lang glaubte er es, nach dem schnellen Zusammen 
ziehen seiner Augenbrauen und dem Zittern seiner Wangen. 
Aber im nächsten Moment legte er seinen Zeigefinger an die 
fleischige Nase^ und blinzelte Rivington an. 
„Lassen Sie sich meinetwegen leine grauen Haare wachsen 
— und auch Ihretwegen nicht," sagte er. „In der Tatsache, 
daß ich wohl darauf achte, daß man Sie nicht erwischt, 
liegt meine Sicherheit und die Ihre. Innerhalb gewisser 
Grenzen jagen wir paarweise, mit dem Unterschiede, daß, 
ivenn die Katastrophe, die Sie vorher ahnen, wirtlich eintritt, 
ich einen netten kleinen Hinterhalt habe, um mich herunszn» 
winden. Aber Seine Lordschaft wird erst übermorgen an 
kommen; so lassen Sie uns also für heute alle Sorge bei 
seite schieben. Ah! Was für eine Aussicht!" 
Sie hatten die Straße verlassen, in der sie wohnten, und 
waren in jene eingebogen, die an der Front von Ardmore 
vorbeisührte. In rechtem Winkel ging sie bis zu den Klippen, 
"nd vor ihnen sowohl als zu ihrer Linken dehnte sich das 
herrliche Panorama aus. dem Herzogs Ausruf gegolten. 
Unter einem wolkenlosen Himmel schimmerte das Meer, daS 
von smaragdgrünem Laubwerk der nächsten Umgebung ein 
gerahmt war, in den tanzenden Sonnenstrahlen, während die 
aroße Kurve der Userlinie der Insel sich bis zu den wogen-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.