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Periodical volume Nr. 284, 04.12.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Zriedenauer Grtsteil von Schöneberg nnd den Vezirksverein Süd-West. 
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Friedenau, Montag den 4. Dezember 1905 
12. 
IahrA. 
Aepeschen. 
Jena. Der Senatsbeschluß, der heute veröffentlicht 
wird, lautet für die russischen Studierenden in allen Punkten 
günstig. Der Streik ist nach einer Dauer von 4 Wochen 
beendet. 
Genf. Gestern erfolgte in einem von Rüsten be 
wohnten Hause eine heftige Explosion, wobei mehrere 
Personen verletzt wurden. Die Gerichtsbehörden unter- 
nahmen eine Haussuchung und man entdeckte zahreiche 
Explosivstoste, eine Bombe, falsche Päste und eine Geheim 
druckerei. Die Wände waren mit Blut bespritzt. Zwei 
Schweroerwundete wurden inS Hospital gebracht, indessen 
vermutet man. daß noch mehrere Personen verwundet 
worden find, die sich vor Erscheinen der Polizei in ihre 
Wohnung geflüchtet haben. — Zu der Bombenexplosion 
wird der „Frkf. Ztg* noch gemeldet: Die Explosion 
erfolgte gestern Nachmittag 4 Uhr in der größtenteils von 
russischen Juden bewohnten Rue de Blanche. Der Portier 
deS Hauses erklärte der Polizei, es seien Schüsse gefallen. 
AIS ein Polizeikommissar kam. fand er die Wohnung oer- 
schlossen; an der Tür stand der Name Grünblatt. Nach 
längerem Klopfen erschien eine Frau, durch einen 
Dolmetscher erfuhr man, daß sie Russin sei. Sie gab 
einen wahrscheinlich falschen Namen an und behauptete, 
fle sei erst am Sonnabend aus Rußland gekommen, sie 
kenne den Mieter der Wohnung namens Grünblatt nicht. 
Derselbe sei seit 7 oder 8 Monaten nach Rußland verreist. 
Da sie die Türen der Zimmer nicht öffnen wollte, wurden 
diese gesprengt. An den Tapeten fand man Blutspuren, 
hier und da Stück« von Fingern. In einem der Zimmer 
fand man eine Geheimdruckerei, in einem anderen Platten 
mit falschen russischen Stempeln für Pässe. Nach Aussage 
deS Portiers befanden sich in der Wohnung 10—12 Russen, 
die, obwohl verwundet, entflohen sind. Bei näherer 
Untersuchung fand man zahlreiche chemische Produkte und 
zwei kleine Bomben auS Eisen mit Lunten. Die Geheim 
polizei blieb die ganze Nacht dort. 
Le«b«rg. Wie auS Odessa hierher gemeldet wird, 
forderten die Matrosen in Sewastopol folgendes: Auf 
hebung deS Todesurteils, Erhöhung der Gage, 4 jährige 
Dienstzeit und Einberufung einer konstitutionellen Ver 
sammlung. Die hiesige Garnison ist unruhig. 
Moskau. Bon reaktionärer Seite werden neuer 
dings massenhaft Proklamationen unter der bäuerlichen 
Bevölkerung in Rußland verbreitet, in welchen zur Ab 
wehr der hiesigen und der polnischen Propaganda auf 
gefordert wird, da dieselbe weiter nichts bezwecke als die 
Vernichtung deS gesamten russischen Reicher. 
London. Die „Centras NewS" melden aus Athen, 
außer der Besetzung der Insel TenedoS, welche wahrschein 
heute erfolgt, wird sich ein Teil des internationalen Ge- 
nötigeu gegenseitigen Vertrauens zu ziehen. Nun gähnte 
Lord Trevofe, sprang dann auf und sagte: 
„Na, wir haben eine ganze Menge Zeit niit der ulkigen 
Geschichte vertan. Ich gehe jetzt in den Klub zun: Mittag 
essen,* 
Mister Northmoor legte seine fette Hand auf den Arm 
des Lords und flüsterte: „Setzen Sie sich, Trevofe! Es ist 
durchaus keine ulkige Geschichte, nicht wahr, Sir Gideon?* 
„So weit es mich betrifft, sicher nicht!* erwiderte der 
Kanzler und fletschte in einem bösen Grinsen sein gelbes 
Gebiß. 
Und Lord Trevofe blieb. 
« * 
1. Kapitel. 
Die Uhren der alten Stadt Winchester verkündeten die 
vierte Nachmittagsstunde, und der Gefangene hinter dem eisen 
vergitterten Fenster rechnete aus, daß er noch genau fünfund- 
sechzig Stunden vor sich habe, bevor er Gottes Sonnenlicht 
zum letztenmale sehen würde. 
Die barsche Stimme des Richters, die ihm vor drei 
Wochen den grausamen Spruch des Tribunals verkündet hatte, 
klang ihm noch in ven Ohren nach. Er hatte die fürchter 
liche Gewißheit damals kaum in ihrer ganzen Tragweite zu 
ersassen vermocht und sie vielmehr als das Ende eines ent 
setzlichen Martyriums begrüßt, denn daß dies wirklich der 
Abschluß sein sollte, war ihm unfaßbar erschienen. Jetzr 
aber, da die erwartete Wirkung in seinem Sckickial nicht ein 
getreten war und die Zeiger der Uhr unbarmherzig vor 
rückten, brachen allgemach auch seine letzten Hoffnungen zu 
sammen. 
Er sah sich in dem halbdnnklen Raum um, der dem 
zum Tode Verurteilten als letzter Aufenthalt diente. Er be 
trachtete die nackte, gelblich getünchte Wand, den roh ge 
zimmerten Tisch mit der in Wolle gebundenen Bibel darauf 
und die gelbe Decke des harten Lagers, auf dem er so viele 
schlaflose Nächte zugebracht. Ein tiefe Mutlosigkeit kam über 
ihn und er schämte sich der Tränen nicht, die ihm aus 
den Augen brachen, während er das Gesicht in den Händen 
verbarg. 
Wären ihm nur einige Monate der Freiheit vergönnt 
gewesen! Sicherlich hätte er dann eine Möglichkeit gesunden, 
den wahren Schuldigen zu entdecken und sich von dem entsetz, 
lichen Verdacht zu befreien, auf den hin man ihn schuldig ge 
sprochen halte. 
Ta rasselte es im Schloß der Zellentür. Sie öffnete sich 
und der aussichtführende Wärter trat ein, den Gefangenen 
mit einem sonderbar lauernden Blicke betrachtend. 
Bis jetzt hatte er dem Verurteilten nichts als tiefste Ver 
achtung gezeigt. Mit jedem Wort und jeder Miene hat.c er 
ihm den Abscheu offenbart, den er gleich aller Welt vor 
einem so ruchlosen Verbrecher empfand. An diesem Nach 
mittag aber schien ihn ein anderes Gefühl zu beherrschen. 
Seine Stimme hatte einen wesentlich freundlicheren Klang, 
da er fragte: 
„Nun, wie steht's? Wissen Sie auch, daß Sie nur mehr 
drei Tage haben?* 
Arthur Rivington gab ihm keine Antwort. Er war 
nicht in der Stimmung, sich um die feindliche oder freundliche 
Gesinnung des Menschen zu kümmern, unter dessen Brutali 
täten er schon so schwer hatte leiden müssen. Der Auf 
seher aber nahm ihm das beleidigende Schweigen nicht übel. 
Er trat vielmehr näher auf ihn zu, und indem er sich über 
ihn herabbeugte, flüsterte er: 
„Ich habe vielleicht eine Neuigkeit für Sie, die Ihnen 
Freude machen wird, aber ich weiß nicht, ob man Ihnen 
Vertrauen schenken darf. Wenn Sie dem Geistlichen oder 
dem Inspektor bei einem etwaigen Besuch etwas davon 
merken lassen, ist alles verloren!* 
Rivington fuhr empor. 
„Hat man gefunden, daß ich unschuldig bin? Soll die 
Vollstreckung aufgeschoben werden?* 
(Fortsetzung folgt, j 
Tausrndfäkttg (Ungfticft. 
Roman von H. Hill. 
2. (Nachdruck verbateu.) 
Mister Northmoor schnurrte leise wie eine große, glatte, 
wohlgenährte Katze. „Fragen Sie Sir Gideon!* war alles, 
was er darauf antwortete. 
„Herzogs Wert als eines der eifrigsten und gewissen 
losesten Mitglieder des Geheimdienstes beruht auf der Tatsache, 
daß rin Wort von mir ihn lebenslänglich ins Zuchthaus 
bringen kann. Er unterstand ursprünglich dem Finanz- 
minister, — verstehen Sie, — als Steuerinspektor. Als er 
auf die schiefe Ebene geriet, schonte ich ihn. weil ich mir 
sagte, daß der Gcheinidienst nur gewinnen konnte, wenn wir 
chm ei» gewissenloses und mitleidloses Werkzeug angliedern, 
das niemclls wagen würde, irgend eine schmutzige, ihm von 
der Regierung übertragene Arbeit abzulehnen. -Und das 
Wohl des Staates verlangt zuweilen leider solche schmutzige 
Arbeit.* _ . 
Die in den letzten Worten liegend« unbeabsichtigte Ironie 
entging allen, oder sie sahen oder wollten nicht sehen, daß 
die Arbeit, die den Händen Herzogs anvertraut werde» sollte, 
zu denen zählte, aus die üer Ausspruch des Ministers paßte. 
Was ihnen vor allem cinlenchicte. waren Sir Gideons Er 
klärungen, daß das vorgeschlagene Werlzeug so vollständig 
dis in die Fingerspitzen belastet und daß seine Personalakten 
allen seinen Vorgesetzten so genau bekannt seien, daß selbst, 
falls er ividerfpenflig werden sollte, ihm niemand auch nur 
rin Wort glauben würde, wenn er etwa gegen die Minister 
der Krone etwas aussagen wollte. 'Außerdem würde er ferne 
Instruktionen selbstverständlich von einem von ihnen mündlich 
und ohne Zeugen empfangen. 
So weit waren die Verhandlungen vorgeschritten, als 
wieder eine Pause des SliUfchiveigenS eintrat. Lic drei 
Staatsmänner beobachteten sich nochinals mit Augen, die sich 
verstohlen bemühten, die Grenzen des zu einer Verschwörung 
schwaders nach Smyrna und ein anderer nach Salonichi 
begeben. Die muhamedanische Bevölkerung ist überall 
sehr erregt. 
London. Der chinesische Gesandte in Soul ist nach 
Peking zurückgekehrt, da seine Mission nunmehr be 
endet ist. 
Rom. Das radikale Blatt „Citadine* beschäftigt sich 
mit der augenblicklichen Lage Montenegros und erklärt 
angesichts mit der immer zunehmenden Expansion Öster 
reich-Ungarns dürfe Montenegro nicht mehr unschlüssig 
bleiben. Aus diesem Grunde und dank der Bemühungen 
des Obersten Martinowitsch beginne Montenegro seine Ver 
teidigung zu organisieren. Der Oberst habe den Ankauf 
von 500 Geschützen in Italien eingeleitet. 
Madrid. Der Generalgouverneur von Mellila, 
Marias, beschäftigt sich eingehend mit der Gründung 
einer französischen Faktorei, wodurch der dortige spanische 
Handel fast gänzlich lahm gelegt würde. Französische 
Industrielle errichten bereits große Warendepots und be 
schäftigen sich mit der Herstellung einer Fahrstraße. Der 
spanische Minister des Äußeren, Herzog von Almadovar, 
wird gegen eine weitere französische Gründung in Marchice 
Protest einlegen, da diese entgegen der Abmachungen über 
Aufrechterhaltung des 8t»tn8 quo zu unrecht von der 
marokkanischen Regierung gestattet worden sei. 
Tauger. Der Sultan hat die Antworten Frankreichs 
und Englands erhalten, welche sich mit der Vertagung der 
Marokkokonferenz einverstanden erklären. 
StonftantittOpeL Die Botschafter hielten vorgestern 
eine Versammlung ab. um ihre Meinungen über die ver 
schiedenen von der Pforte ausgegangenen Vorschläge aus 
zutauschen. Zu irgend welchen Beschlüssen kam e8 nicht, 
da die Vorschläge nicht offiziell an die Botschafter gelangten. 
Doch ergab die Diskussion, daß die englische und italieni 
sche Diplomatie sich der Anregung des Sultans, die Finanz 
agenten zu Zivilagenten zu ernennen, entschieden geeigneter 
zeigten, wie die anderen interessierten Mächte. Die dila 
torische Behandlung, die der Sultan aufgibt, verstimmt in 
den Kreisen der Botschafter. 
Newyork. Die für die Opfer der russischen Juden 
verfolgungen eingeleitete Sammlung ergab bisher eine 
Million Dollars. 
Tokio. Die japanische Regierung hat Rußland 
ersucht, die diplomatischen Beziehungen wieder aufzu 
nehmen. 
General Kuroki hat die Mandschurei verlassen, um 
die Heimreise nach Japan anzutreten. Auch MarqniS Jto 
ist nach Japan zurückgekehrt. 
Allgemeines. 
fj Der Nord-Erpretz-Zng wird, wie die Kgl. 
Eisenbahndirektion Berlin bekannt gibt, nur noch bis Sonn 
tag, den 12 d. M. wöchentlich dreimal nach und von Eydt- 
kühnen (St. Petersburg) durchgeführt werden; vom 13- 
Dezember ab verkehrt dieser Zug wieder wie frllhrr, nur 
zweimal wöchentlich mit Abfahrt von Ostende (Paris) nach 
Eydtkuhnen (Petersburg), sowie von St. Petersburg nach 
Ostende (Paris) Mittwochs und Sonnabends und von 
Berlin nach Eydtkuhnen und umgekehrt Sonntags und 
Donnerstags. 
Lokales. 
-j- Die Zahl der Post», Telegraphen- und 
Fernsprechämter des Ober-Postdirektionsbezirks Berlin 
beträgt nach einer neuen Zusammenstellung nach dem 
neuen Stande 241. Davon entfallen auf den Ortsbezirk 
Berlin selbst 142 Anstalten, auf die Vororte 99. Post 
ämter I. Klasse gibt es nur in Charlottenburg, Friedenau, 
Groß-Lichterfelde, Ober-Schöneweide, Pankow. Rixdorf, 
Schöneberg, Steglitz, Weißensee und Dt.-Wilmersdorf. 
t Desinfektionen beweglicher Sachen, als auch 
der Wohnräume, werden durch Vermittelung des Ge 
meinde-Vorstandes von der Schöneberger Desinfektions 
anstalt gegen die tarifmäßigen Gebühren ausgeführt. 
Etwaige Anträge sind schriftlich oder mündlich im Ge 
meindebüro Feurigstraße 8, Zimmer Nr. 11. anzubringen. 
f Die neue Straßenbahn Steglitz (Waunsee- 
bahnhof)-Dahlem-Grunewald ist am gestrigen Sonn 
tag dem öffentlichen Verkehr übergeben worden, nachdem 
am Sonnabend die polizeiliche Abnahme und im Anschluß 
daran Gratisfahrten stattgefunden hatten, welche sich die 
Steglitzer Bevölkerung, namentlich die liebe Jugend, in 
der ausgiebigsten Weise zu Nutze machte. Auch gestern, 
besonders während der Nachmittagstunden, waren die 
Wagen, die mit Anhängern fuhren, ständig besetzt Die 
gelb angestrichenen Wagen, die das Wappen des Dorfes 
Steglitz tragen, sind genau nach Art der Eisenbahnwagen 
gebaut und ruhen auf starken Federn, sodaß man beim Fahren 
weder Stoßen noch Rütteln empfindet. Sie werden mit Elek 
trizität geheizt, die von den Berliner Vorort-Elektrizitäts 
Werken geliefert wird. Die Vorder- und Hinterperrons sowohl 
der Motor- als der Anhängewagen sind mit Vorhängen 
aus starkem Drell versehen, die bei gutem Wetter auf 
gerollt sind und bei regnerischer und stürmischer Witterung 
heruntergelassen werden können, was natürlich auf dem 
Vorderperron des Motorwagens des Fahrers wegen nicht 
geschehen darf. Die Bahn ist vom Wannseebahof aus bis 
zum Haupteingange des neuen botanischen Gartens zwei 
gleisig, von da an eingleisig bis zum Dorfe Dahlem, wo 
um die alte Dorfaue je ein besonderes Gleis herumführt. 
Von Dahlem bis zum Wildgatter des GrunewaldS fahren 
die Wagen, die mit dem SiemenS'fchen Bügel versehen sind, 
wieder auf einem Gleis. Die Fahrt dauert 13 Minuten 
und ist ungemein interessant, da man von den Wagen 
l
        
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