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Periodical volume Nr. 282, 01.12.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

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Friedenau, Freitag deu 1. Dezember 1905. 
12. Iahrg. 
Aepeschen. 
Wien. Im Polenklub, wo heftige Gegensätze 
zwischen Gegnern und Anhängern der Wahlreform be 
stehen. sollte gestern die Abstimmung erfolgen. Trotz 
dreistündiger Beratung kam es zu keiner Einigung, wes 
halb für heute eine neuerliche Sitzung anberaumt ist. 
Ein demokratisches Mitglied hat die Erklärung, die der 
Obmann im Abgeordnetenhause abgeben soll, nicht be 
friedigt. Bon dem Beschluß der Partei wird das Ver 
bleiben des Landmannministers Pientsk im Amte abhängen. 
Äoze». Der Münchener Ski-Läufer Franz Reich ist 
in den Doloniten abgestürzt und erlitt erhebliche Ver 
letzungen. 
Budapest. Ministerpräsident Fejervary hat sich nach 
Wien begeben, um vom Kaiser die Genehmigung zu 
erhalten, den ungarischen Reichstag am 19. Dezember auf 
zulösen. Wie eS heißt, werde er. falls der Kaiser dies 
nicht zugibt, die Demission des Kabinetts überreichen. 
Die Oppositionellen beabsichtigen trotz eines eventuellen 
Bertagungs- oder Auflösung«-Reskripts nicht auseinander 
zugehen. als bis das Abgeordnetenhaus den Anklageantrag 
gegen die Regierung verhandelt und angenommen hat. 
Mailand. Verschiedene Blätter veröffentlichten 
gestern Abend Gerüchte von einem Attentat gegen den 
Herzog und die Herzogin Aosta, das Gerücht entspricht 
jedoch nicht den Tatsachen, der Sachverhalt ist vielmehr 
folgendere Das Herzogpaar begab sich mit einem Auto 
mobil nach Neapel und hielt unterwegs vor einem Gast- 
hofe an. Unter den Neugierigen, welchen den Wagen 
umstanden, befand sich auch ein Geisteskranker, der plötzlich 
Miene machte, sich auf die Herzogin zu stürzen. Er wurde 
jedoch rechtzeitig von Polizeiagenten festgenommen und 
seiner Familie wieder zugeführt. 
Riga. Die unter der hiesigen Garnison aus- 
gebrochene Gärung ist beigelegt. Der Post- und Tele 
graphenstreik hat sich auf hier ausgedehnt. Der Brief- 
und Telegramm-Verkehr für Private ist vollständig 
unterbunden. Auf der Petersburger Linie arbeiten 
Telegraphisten aus Dünaburg, Geheimpolizisten sind als 
Austräger angestellt. Die ausländischen Konsuln treffen 
allerlei Vorsichtsmaßregeln für ihre Landsleute. Im Not 
fälle sollen diese auf Schiffe gebracht werden. 
Brüssel. Fast sämtliche Webereien in Veroiers 
jperrten gestern ihre Arbeiter aus. 1800 Webstühle feiern. 
BermittelungSoersuche scheiterten am Widerstände der 
Fabrikanten. 
Pari«. Da« Urteil im Prozeß wegen des Alten- 
täte« auf den König von Spanien ist heute Nacht ge 
sprochen worden. Um 11*/ 4 Uhr traten die Geschworenen 
zusammen, um die ihnen gestellten 51 Fragen zu beraten. 
Trotz der vorgerückten Stunde befanden stch zahlreiche 
Personen noch im Sitzungssaale. Um 3 Uhr 20 Min. 
traten die Geschworenen zurück und verkündeten unter 
lautloser Stille, daß sämtliche Angeklagten unschuldig seien, 
worauf diese freigesprochen wurden. 
Ein Redakteur des ..Petit Parisien" hatte angeblich 
eine Unterredung mit dem Grafen Tattenbach, wobei dieser 
erklärte, daß die in Frankreich Über ihn in Umlauf gesetzte 
Legende falsch sei, wonach er ein leidenschaftlicher Gegner 
Frankreichs wäre. Er hege gegen Frankreich keinerlei 
feindselige Gesinnung und werde bei der Konferenz in 
Algeciras an der Verwirklichung der Entente cordiale 
beider Länder mitwirken. Es stehe nicht in seinen Kräften, 
und liege auch gar nicht in seiner Absicht, etwas feind 
seliges gegen Frankreich zu unternehmen. 
London. Aus Tokio meldet man den..Daily Tele 
graph": die sechste Konferenz der chinesisch-japanischen 
Delegierten fand am Mittwoch statt. Ueber verschiedene 
Fragen scheint eine vollkommene Einigung zwischen den 
Delegierten zustande gekommen zu sein. Verschiedene hohe 
Beamte haben auf den Kaiser von China eingewirkt, daß 
er die Integrität des chinesischen Reiches wahre. Die 
Pekinger Regierung hat alle Telegramme über diese An 
gelegenheit einer strengen Zensur unterworfen; man ver 
mutet, daß Komura diese Neuerung veranlaßt hat. 
Tanger. Die marokkanische Regierung hat den 
fremden Legationen mitgeteilt, daß sie Algeciras als Ort 
der Marokkokonferenz annehme. 
Deutsche Ingenieure haben die Vorarbeiten zur Er 
richtung einer Mole begonnen Die Agenten sämtlicher 
europäischer Gesellschaften in Tanger haben ein Syndikat 
gebildet und unterbreiteten dem italienischen Gesandten 
als Doyen des diplomatischen Korps ihre Wünsche damit 
dieser dieselben dem Sultan vorlege. 
Konstanttuopel. Die Meldung, daß die inter- 
nationalen Truppen die Insel Lemnos besetzt hätten, 
bestätigt sich nicht. Heute findet neuerdings ein außer 
ordentlicher Ministerrat statt, in welchem eine Entscheidung 
herbeigeführt werden soll. 
Neuyork Die Juden feierten die 250 jährige An 
siedelung hier durch eine Festversammlung, in der 3000 
Personen anwesend waren. Roosevelt schrieb dem Vor 
sitzenden Schiff, die russischen Judenverfolgungen veran- 
laßten ihn ausnahmsweise eine Gedenkfeier zu beachten. 
Sitzung der Kemeindeverlrelung 
vom 30. November 1905. 
Am Protokoll der letzten Sitzung werden noch einige 
Änderungen vorgenommen, insbesondere zweifelt Herr 
G.-V. Schremmer an, daß man beschaffen habe. den 
Baurat eine lebenslängliche Anstellung in Aussicht zu 
stellen; der Herr Bürgermeister erwidert hierauf, daß 
der im Bauausschuß durchberatene und in letzter Sitzung 
hier vorgelegene Antrag dahin gelautet habe und sind auch 
die übrigen Herrn des Gemeindevorstandes und der Ge 
meindevertretung der Ansicht, daß der Beschluß so gefaßt 
war, den neu anzustellenden Baurat auf 12 Jahre fest 
anzustellen und eine lebenslängliche Anstellung in Aussicht 
zu stellen, es wird somit in diesem Sinne der Wortlaut 
des Protokolls beibehalten, dagegen bei demselben Punkte 
noch hinzugefügt, daß auch eventuell später, die Leitung 
des Elektrizitätswerkes mit zu übernehmen sei. — 
Der Herr Bürgermeister Schnackenburg gibt als 
dann ein Schreiben des Gemeindevorstandes zu Schmargen 
dorf bekannt, in welchem von dem Ableben des Gemeinde. 
Vorstehers Herrn Homann Mitteilung gemacht wird. Der 
Herr Bürgermeister wird an der Trauerfeier am 1. Dezember 
als Vertreter der Gemeinde teilnehmen. 
Der Herr Bürgermeister wendet stch hiernach der 
Straßenbeleuchtung zu: Man wird stch gewundert haben, 
daß die Arbeiten so wenig fortschreiten, doch könne der 
Gemeindevorstand nichts dazu tun. Die Firma Lameyec 
habe die Arbeiten s. Zt. übernommen und hatte sie die 
Beleuchtungsanlage bis Anfang November fertigzustellen 
und für jeden ferneren Lieferungstag eine Konventional 
strafe von 50 M. zu zahlen. Eine Verzögerung ist nun 
hauptsächlich dadurch entstanden, daß die Mannesmanns 
werke die Masten nicht rechtzeitig lieferten; außerdem geriet 
die Firma auch in Rückstand, daß sie verschiedene andere 
Sachen ebenfalls nicht bekommen konnte, insbesondere fehlen 
auch Arbeitskräfte. Er habe sofort angeordnet, daß noch 
Kräfte von Frankfurt hergesendet werden und daß eoentl. 
auch zur Nachtzeit gearbeitet werde, um die Sache zu be 
schleunigen. Die jetzige Beleuchtung auf der Rheinstraße 
ist nur Probebeleuchtung, es sind dies die Lampen, die später 
die ganze Nacht brennen, und stellen somit die Nacht 
beleuchtung dar. Einen rechten Überblick wird man erst 
bekommen, wenn auch die anderen Lampen brennen. Er 
möchte dies hier anführen, damit das Publikum sich keine 
falschen Vorstellungen von der späteren Beleuchtung unserer 
Straßen mache. 
Vom Magistrat Berlin ist ein Schreiben eingegangen, 
welches um Äußerung zu der Verlängerung der zwischen 
der Stadt Berlin und den Vororten einerseits und der 
elektrischen Straßenbahngesellschaft andererseits abge 
schloffenen Verträge ersucht. Das Protokoll der Sitzung, 
in welcher sich der Magistrat Berlin mit dieser Angelegen 
heit befaßte, wird abgeschrieben und den Gemeindever- 
tretern zugestellt werden, um dann vielleicht in nächster 
Sitzung eine Beratung hierüber vorzunehmen. 
Zu Punkt 1 der Tagesordnung ; Bewilligung der 
Mittel für den Grenzzaun des Turn- und Spielplatzes, 
referiert Herr Schöffe Bache: Es handele sich um den 
Jßr erster Gatte. 
Roman von Franz Treller. 
». 
Staunend, gerührt, lauschte der Präsident diesen Mit 
teilungen Endlich sagte er: Und der Regierungsasseffor von 
Falken'iaii, schämt sich des Snbattenlbeamlen?" 
Herr Präsident, ich bin so stolz auf meinen Alten, wre 
nur ,e rin Sohn aus seinen Vater gewesen ist, er besitzt alle 
ritterlichen Eigenschaften unseres Geschlechtes im höchsten 
Grade. Nur sän strenger Befehl, er fürchtete meiner Stellung 
zu schaden, hat mich verhiiiderk, mich offen zu ihm zu be 
kenne».' , , . ... ,. 
Der Präsident, was auch seine Schivache ,on,t sein mochte, 
war eine vornehine, durchaus edle Natur. Er rcichteFalken- 
hain die Hand. .Nichts, lieber Falkenhain, hat S,e nur 
so wert gemacht, als diese Worte. Ja, auf den Alten muffen 
Sie auä: stolz sein.* m . 
..Um nun wieder auf Ihre Bewerbung um Mar.evon 
Manroo, entschuldigen Sie, day ich den Ausdruck ^'behalte, 
zurückzukommen, ich würde das an ^hrer stelle doch wagem 
Wenn das Mädchen Sie annnnmt — der Vater hat nichts 
^*Ein Frendenschauer überlief den jungen Manm 
„Wie glücklich mich das macht - vermag ,ch nicht zu 
faarn. Tie Augen wurden ihni feucht. _ . . 
„Ja, immer vorausgesetzt, daß Man« sre nimmt. 
Kommen Sic, wir wollen sie gleich fragen. ^ , sei,»er 
Er führte den Freudetrunkenen zu der Wohnung seuier 
^^Mario erschrak nicht wenig, als ihr Vater und zxalken- 
hain an ie meldet wurden, und stand halb ängl sicher halb 
hoffnungsvolle, liebenswürdiger Verwirrung da. als de,de e.n- 
ttatC ’,!‘fcm von Falkcnhain kommt, um Tick, zu fragen, liebes 
Kind. ob Tn Oderprästdeiltiil ivcrden willft. 
Sie sagte ganz konsterniert: 
„Nein. geioiß nicht." 
„Via, na, niai, fängt als Regierungsasseffor an, wenn 
man einmal Lberpräfidialrat oder Präsident werden will, 
würde Dir daun einstiveilen ein Regiernngsassessor genügen?" 
„Ah!" Es war ein leiser, kaum gehauchter Laut. aber 
das Glück einer jungen Meiischenseele tönte darin ivider. 
Daß ihre Gesichtsfarbe sich vertiefle. ivar natürlich. 
„Nun sprechen Sie doch auch einmal ein Wort, warum 
soll ich denn allein reden?" 
Falkenhain ging aus Fräulein voii Manrod zu, nahm 
ihre Hand und fragte mit bebender Stimme: „Darf ich 
Haildnnd Herz für dieses Leben mir erbitten?" 
Ganz leise sagte sie: „Ja." 
Glückliche Menschen! 
Als der Präsident mit Falkenhain hinausging, sagte er: 
„Ich werde Ihrem Vater und Ihrer Tante einen Besuch 
machen." 
„Tun Sie das nicht, es würdeUhn nur unglücklich niachen, 
als Subalternbeaiiitcr Weber neben feinem Sohn zu stehen. 
Mein lieber Alter ist zufrieden, im Schatten zu weilen, ivenn 
er mich nur in der Sonne sieht." 
„Nun. ich werde seine Bekanntschaft schon machen und 
mich mit ihm verständigen." 
Als Falkenhain auf der Straße war, begegnete ihm Lahr- 
busch mit sehr vergnügtem Gesicht. 
„Sie scheinen ja ungeivöhnlich gut aufgelegt zu sein, 
Herr Kollege?" 
„Galgenhumor, lieber Freund, — das Netz schlug zu, — 
sie hat mich." 
Falkcnhain gratulierte dem besiegten Hagestolzen und, wie 
es schien, sehr glücklichen ^Bräutigam. Tann lief kr zu seinem 
Valer. 
„Nanu, nanu, was gibt's denn?" 
„Ich — Herzens taute, Herze,isvater — ich werde Fräulein 
von Manrod heiraten, wenn Ihr nichts dagegen habt?' 
Weber erschrak, ivurde bleich uiid sagte rauh: „Geht 
nicht. — die Tochter seiner Frau kannst Du nicht heiraten." 
„Sie ist ja gar nicht ihre Tochter." 
Ein Stein fiel den alten Leuten vom Herzen, die bis 
jetzt der Meinung waren, daß Fräulein von Manrod die 
Tochter der Präsidentin sei. 
Nun war die Freude groß. 
Frau von Manrod hatte in kühlen Worten von Paris 
aus ihre Eiinvilligung zu der Ehe erteilt. 
Sie war sehr unglücklich, denn ihr Alfons, den inan in 
Paris recht gut kannte, war nach Tonkin kommandiert worden. 
Die Hochzeit Falkenhains und Maries fand still auf dein 
Stammgut der Manrods statt. 
Weber und Frau Steinmüller waren zugegen, verehrt von 
Marie von Manrod. 
Herr von Manrod reiste nach der Hochzeit »ach Paris zu 
seiner Frau. Aber er vermochte ihre Lebenslust nicht wieder 
zu erwecken, sie war für iinmer dahin. Nach Deutschland 
wollte sie unter keinen Umständen mehr zurückkehren; da 
quittierte er den Staatsdienst und nahm seinen Aufenthalt in 
Paris. 
Als bald darauf Alfons de Flenry in Tonkin am Fieber 
starb, wurde seine Mutter tiefsinnig und mußte einer Heil 
anstalt übergeben werden, in der sie nach kurzer Zeit verschieb. 
Auch Weber war aus dem Dienst getreten, hatte die 
Erlaubnis erhalten, den ihm angestammteil Namen wieder 
annehmen zu dürfen, und wohnte auf dem Lande unweit des 
Manrodschen Gutes mit seiner Schwester. Der alte Freund 
Heder, der mit unerschütterlicher Verehrung zu Frau Stem- 
ninller emporblickte, ivar häufig gern gesehener Gast bei ihnen. 
Der Präsident, der seine Frau aufrichtig bedauerte, lebte 
fortan bei feinen unendlich glücklichen Kindern, oder auf dem 
Lande in der Nähe seines Freundes, des ehemaligen Wacht 
meisters uiid Hilfsregistraiors Weber, und Frau Steinmüllers, 
an denen er viel Gefallen gefunden hatte. 
Das Andenken seiner Frau hielt er in Ehren, und nie 
hat er erfahren, wer ihr erster Gatte war. Auch RiidolfS 
Ruhe wurde nicht durch Aufhellung der Vergangenheit gestört. 
Ende
        
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