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Periodical volume Nr. 281, 30.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Zriedenaner Ortsteil von Schöneberg und den Bezirksverein Süd-West. 
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Kr. 281 
Friedenau, Donnerstag den 30 November 1905. 
12. Iahrg. 
Pepeschen. 
Wien. Hier, wo man von jeder Differenz zwischen 
England und Deutschland als Freund des einen und Ver 
bündeter des anderen besonders peinlich berührt wird, 
findet man die deutsche Thronrede schärfer, als der un 
mittelbare Zweck: die Motivierung der Marinekredite, er 
fordert hätte und befürchtet, daß gerade durch diese unge 
wöhnliche Kundgebung die internationalen Verhältnisse 
noch mehr verschlechtert werden könnten. 
In Parlamentskreisen zirkulieren unkontrollierbare 
Gerüchte, daß es wegen der Wahlreform zwischen den 
Polen, den Feudalen und verfassungsgelreuen Großgrund 
besitzern zu einem geheimen Übereinkommen gekommen 
sein soll, die Regierung entweder bei dem Budgetprovi- 
sorium oder bei dem zu erwartenden Ermächtigungsgesetz 
zu stürzen. 
Die Nachrichten aus Konstantinopel lauten günstiger. 
Differenzen bestehen eigentlich nur noch bezüglich unter 
geordneter Fragen; so will die Türkei die internationalen 
Kontrollbehöcden als türkische Beamte ansehen, was die 
Mächte verweigern. Eine Einigung wird erwartet. 
Vom hiesigen Schwurgericht wurde gestern der wegen 
Mordes angeklagte Schneidergehilfe Gottlieb Kraus, der 
seine Geliebte, ein Dienstmädchen, auf deren Wunsch er 
schoß und dann die Waffe gegen sich richtete, wegen un 
widerstehlichen Zwanges einstimmig freigesprochen 
Budapest. Die sozialdemokratische Partei beschloß, 
bei Wiederzusammentritt des Reichsrates eine große 
Arbeiterdemonstration für das Wahlrecht vor dem 
Parlament zu veranstalten. Eine Brbeiterdeputation wird 
die Setzer bei den koalierten Blättern veranlassen, in den 
partiellen Streik einzutreten, weil diese Blätter fortfahren, 
die sozialdemokratische Partei zu verunglimpfen. — Hier 
zirkulieren Gerüchte, daß die Krone beabsichtige, bei Fort 
dauer der Opposition an die Spitze der Regierung einen 
Mann zu stellen, der ausschließlich militärisch gesinnt ist. 
und ohne Rücksichtnahme auf die verfaffungsmäßigen 
Garantien das Land regieren wird. 
Petersburg. Die . Lage in Sebastopol ist an 
dauernd kritisch. Die Meuterer scheinen entschlossen, 
jeden Eingriff auf die Festung zurückzuschlagen. Die 
Flotte hat den Meuterern ihre Unterstützung zugesagt. — 
Der bisherige Minister für Finnland, Lindner, wird zum 
Mitglied des Reichsrates ernannt. — Der neue Gouverneur 
von Finnland, Gerald, ist hier eingetroffen, um dem 
Kaiser die Liste der neuernannten Senatoren zur 
Genehmigung vorzulegen. 
Stockholm. Zum schwedischen Gesandten in 
Ehristiania ist der Oberdirektor des Patentamtes Günther, 
eiaer der Handelsvertragsunterhändler, ernannt worden. 
Brüssel. Die Liga der Menschenrechte hielt gestern 
Abend eine Bersammlung ab, in der gegen die Greuel im 
Kongostuat protestiert wurde, deren Vorhandensein durch 
den Bericht der Kongokommission eine unwiderlegbare Be 
stätigung erhalten hätte. 
Paris. Die Kommentare, die in der politischen 
Welt, im Palais Bourbon wie in der Presse über die 
Thronrede des deutschen Kaisers zutage treten, sind auf 
den gleichen ruhigen Ton gestimmt. Man begreift den 
Ernst der Thronrede, weil man ihr die Absicht zuspricht, 
die deutsche Intervention in Marokko sowie die Ver 
mehrung der Flotte zu rechtfertigen. 
London. Der „Standard" meldet aus Tanger: 
Gestern lief der Vertrag des Tabaksmonopols ab, der auf 
die Dauer von 2 Jahren mit einem Amerikaner abge 
schlossen war. Bei dieser Gelegenheit ließ der Gouverneur 
von Tetuan das Lokal des Amerikaners mit Truppen 
besetzen. Diese beschlagnahmten sämtliche Waren und 
mißhandelten den Eigentümer und seine Angestellten, 
obgleich er die amerikanische Flagge über seine Waren 
ausgebreitet hatte. Die Marokkaner zerrissen die Flagge 
und beschimpften dieselbe. Der Zwischenfall wird diplo 
matische Folgen nach sich ziehen. 
Tanger. Die Vertreter des Sultans für die 
Marokkokonferenz werden Fez am 2. Dezember verlassen. 
Mohamed el Torres hat die Reise bereits angetreten, da 
er dieselbe seines hohen Alters wegen nur langsam 
bewerkstelligen kann. Man erwartet noch immer die 
Antlvort des Sultans wegen des Datums des Konferenz 
zusammentrittes. 
Neuyork Während des Sturmes gingen 11 Schiffe 
auf den großen Seen unter, wobei 31 Personen ertranken. 
Tokio. Die Pest breitet sich im Bezirk von Kobe 
aus und hat bereits auch vier weitere Distrikte ergriffen. 
_ 
[] „Kreisärzte und Privatpraxis", zu dieser 
neuerdings wieder aktuell gewordenen Frage wird uns 
von unterrichteter Seite geschrieben: Die alte Forderung, daß 
die Kreisärzte vom Staate völlig unabhängig hingestellt, 
also nicht auf die Privatpraris verwiesen, sondern voll 
bezahlt werden, scheint ja von der Regierung nachgerade 
als berechtigt anerkannt zu werden, leider aber scheint das 
Schneckentempo, in dem die Durchführung dieser Forderung 
bisher angestrebt wurde, auch fitr die Zukunft beibehalten 
zu werden. In dem neuen Etat für das Kultusministerium 
sollen, wie verlautet, nur vier vollbezahlte Kreisarztstellen 
eingestellt worden sein; was will das, abgesehen von den 
größeren Städten, besagen gegenüber der großen Anzahl 
von Kreisärzten der Monarchie, die in der Hauptsache auf 
ihre Privatpraxis angewiesen sind, von dieser also ab 
hängen. da sie von dem staatlichen Zuschüsse von 1500 
bis 3000 M. pro Jahr natürlich nicht leben können. Es 
wäre dringend zu wünschen, daß hier einmal ein 
energischer Strich gemacht würde, zumal die zur Verfügung 
stehenden Mittel ja jetzt reichlicher zu fließen scheinen, wie 
der mit Rücksicht auf die Zunahme der Geschäfte im 
übrigen auch höher bemessene Kultusetat beweist. 
f Zur Volkszählung Hinweis für die Evan- 
Zßr erster Gatte. 
Roman von Franz Treller. 
21 (Sa$bni< »rrbtlf»-) 
Glückselig war Marie, die ihrer Angst um das Leben des 
geliebten Mannes enthoben war, glückselig Faikenhain, dem 
pe so offen ihr tiefstes Fühlen gezeigt hatte. 
Während Herr von Dianrod mit den beiden Damen 
seiner Wohnung zuschritt, fuhr sein Jagdivagen, in dem seine 
Frau und sein Stiefsohn mit sinstcren Gesichtern jagen, an 
ihnen vorüber, ohne sie zu gewahren. . , 
Als der Präsident mit seinen Damen sein Heim betrat, 
sagte er zu seiner Tochter: 
.Komm einmal mit mir Kleine." ^ 
Sie folgte ihm sehr schüchtern in sein Arbeitszimmer. 
Dort sah er sie lange an und sagte dann: 
Also das war er - der Herr, dem wir beinahe auf 
offener Straße um den Hals gefallen wärenck , , . 
Sie wurde sehr rot, sagte sehr leise, aber ganz bestimmt. 
hm! Roch einmal: hat er Dir seine Liebe gestanden?' 
e«n."kr,nd war die Wahrheit selbst, das wußte er. 
'Ä'L * X X' ihrer lind. 
fichen^öeise, mit niedergesenkteui Gesicht, .es kam so ü er 
Besuchszimmer und dann aus dem Basar 
„Nun ja, lluil ja, das ist ja freilich eine recht genaue 
Bekaiintschast. Weißt Du denn aber auch, ob er Dich 
haben will?' 
»Ich — ich — ich glaube ja." 
„So, das glauben ivir? Du bist doch ein rechtes Kind. 
Ganz unerhörte Geschichte. Run geh und laß Dir von Deinem 
Fräulein den Kops waschen." 
Sie küßte ihn und ging. 
„Ta soll man die Mädchen behüten! Na, einen schlechten 
Geschmack hat meine Tochter nicht." 
Ter Präsident des Klubs, ein älterer vornehmer Herr, 
ließ sich bei ihm melden. 
Er hielt es für feine Pflicht, dem Präsidenten Mitteilung 
über die Vorgänge im Klub zu machen. Ter Herr Marquis 
war überführt worden, falsch gespielt zu haben, und ihm da 
rauf angedeutet, daß er fortan den Klub zu meiden habe. 
„Bewahren wir auch Schiveigen über diese Vorgänge, 
schon aus Rücksicht auf Ihre hochverehrte Person, so ist Ihr 
Stiefsohn doch gesellschaftlich tot und nicht mehr satisfaktions 
fähig.' 
Der Präsident dankte ihm. 
„So? Ra, den Herrn von Fleury wären wir los. Nettes 
Früchtchen. Was mag seine arme Mutter leiden." 
Er dachte nicht ohne ein peinliches Gefühl an sein 
nächstes Zusammentreffen mit ihr, aber die Sache mußte doch 
rasch geklärt werden. 
Er ließ später bei seiner Frau anfragen, ob sie zu 
sprechen sei, und sie ließ ihn bitten, zu kommen. Er fand sie 
zu seinem nicht geringen Schrecken sehr leidend. 
Das Zusammentreffen gestern, die Angst vor Entdeckung, 
die Sorge um Alfons hatten sie schwer angegriffen. 
Der Vorgang ans der Mensur war ihr in ihrer Auf 
regung nicht klar geworden, doch auf der Rückfahrt gestand 
:hr Alfons, daß er im Spiel das Glück korrigiert habe und 
gelischen in Friedenau die Eintragung des Religions 
bekenntnisses betreffend. In der Anleitung zur Ausfüllung 
der Zählkarten A und B Nr. 4 zu 7 (Religionsbekenntnis) 
wird die Weisung erteilt, die Mitglieder unserer Landes 
kirche möchten sich als „evangelisch - uniert" bezeichnen. 
Da diese Bezeichnung unseren Gemeinden, wenig oder gar 
nicht geläufig ist, weisen die kirchlichen Behörden darauf 
hin, daß die Angabe des Religionsbekenntnisses entweder 
„evangelisch", wie in dem der Anweisung beigegebenen 
Muster der ausgefüllten Zählkarte B unter laufende Nr. 6 
Spalte 7 — oder „evangelisch" mit dem Zusatz „lutherisch" 
oder „reformiert", aber auch schlechthin als „lutherisch" 
oder als „reformiert" erfolgen kann. Die einfache Ein 
tragung „evangelisch" ist also vollständig genügend, w» 
sich nicht jemand besonders als „evangelisch-lutherisch" 
oder „evangelisch-reformiert" bezeichnen zu müssen glaubt. 
ch Ein Spaziergang durch die Finanzwirtschaft des 
Kreises Teltow mit besonderer Berücksichtigung der Ge- 
Mkindebesteuerung" ist eine Abhandlung betitelt, die der 
„Teltower Kreiskalender 1906" aus der Feder des be 
kannten Statistikers, Regierungsrats Dr. Petersilie-Steglitz, 
der Sohn unseres langjährigen, jetzt in der Wielandstraße 
wohnhaften Mitbürgers, Herrn Geh. Regierungsrat 
Dr. Petersilie, enthält. Wir erfahren, daß der Kreishaus 
halt von 157 168 Mk. im Jahre 1874, d. i. also bei Ein 
führung der Kreisordnung, bis 2 458 000 Mk. im Jahre 
1905 gestiegen ist. Wir hören weiter, daß die Haupt 
ausgaben des Kreises in der Provinzialsteuer, der Schulden 
verzinsung und -tilgung und den Ausgaben für die Kreis 
chausseen und die Kreiskrankenhänser bestehen, wie diese 
Ausgaben im Laufe der Jahre angewachsen und nach 
und nach zu beträchtlicher Höhe gestiegen sind. Dabei 
sind die Steuern des Kreises in Betracht seiner Leistungen 
und Ausgaben und im Verhältnis zu anderen Kreisen 
nicht übermäßig hoch; 1874 haben die Kreissteuern bei 
20 Proz. Zuschlag 96 000 Mk. ergeben; 1905 kamen bei 
39 Proz. Zuschlag 2 271 841 Mk. auf. An der Hand der 
Ausgaben wirft Verfasser interessante Streiflichter auf 
einzelne Zweige der Kreisverwaltung. Auch über die 
Kommunalbesteuerung der Gemeinden erfahren mir manches 
interessante. Die „reichste" der 131 Landgemeinden des 
Kreises ist Grunewald, sie erhebt neben 39 Proz. Kreis 
steuer nur 15 Proz. Gemeindeabgaben. In buntem Ge 
misch zieht. die Reihe der „Prozente" an uns vorüber, 
bis wir bei Fahlhorst anlangen, der Gemeinde, die nicht 
weniger als 560 Proz. Gemeindesteuern erhebt. 
t Für den Sommerfahrplan 1986 sind im 
Berliner Vorort-Verein über einzelne Eisenbahnsirecken 
wieder eine ganze Reihe allgemeiner Wünsche von den 
einzelnen Vorort-Vereinen eingegangen. So wird die 
Einrichtung besonderer Abteile für Reisende mit Trag 
lasten auch auf der Stadt- und Ringbahn für nötig 
erachtet. Auf den Vorortstrecken befinden sich bereits der 
artige Kupees, die durch Plakate besonders gekennzeichnet 
sind. Ebenso wird die Anbringung von Schildern mit 
dabei überrascht worden sei. Er war der Abkömmling ihres 
eben so liebenswürdigen und gesellschaftlich geschulten ats 
leichtfertigen und gewissenlosen zweiten Gatten. 
Sie fühlte mit Schreck und niußte sich sagen, daß hier 
durch seine Stellung im französischen Heer erschüttert, wenn 
nicht unmöglich geworden sei. 
In dieser verzweiflungsvollen Stimmung empfing sie 
Herrn von Manrod. 
Mit viel Zartheit sagte dieser: 
„Ich bin von den Vorgängen im Klub und auf der 
Mensur unterrichtet worden, teure Hortense; Du wirst es, 
wie ich, im Interesse Deines Sohnes geboten finden, daß er 
schleunigst abreist." 
Sie nickte. 
„Daß Du Deine Lieblingsidee, ihn mit Marie zu ver 
heirate», fallen lassen mußt, wird Dir nicht zweifelhaft sein." 
Sie sah starr vor sich hin und murmelte: „Armes Kind." 
„Es ist nicht anders, liebe Hortense, Du mußt es mit 
Ergebung tragen. Ich will seine Spiclschulden bezahlen und 
ihn um Deinetwillen auch nicht fallen lassen, hoffentlich hat 
er sich jetzt die wilden Hörner abgelaufen." 
„Ich danke Dir." 
Nach einiger Zeit sagte sie: 
„Ich werde Alfons nach Paris begleiten und ihn dort 
einrichten.' 
Es war nicht allein Liebe zu Alfons, die sie init ihm forttrieb, 
auch die Angst vor einer möglichen Begegnung mit Weber. 
„Wie Du willst, meine Liebe." 
Ihm war cs gar nicht so nnlieb, wenn sie einige Zeit 
ihr häusliches Zepter niederlegte. 
Die Unterredung verlief sehr zur Zufriedenheit der Präsi 
dentin, und mit dem Nachtzuge fuhren Mutter und Sohn 
nach Paris. 
Einige Tage später ließ der Präsident Falkenhain zu sich
        
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