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Periodical volume Nr. 280, 29.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

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Friedenau, Mittwoch den 29. November 1905 
12» Iahrg. 
Iepefchen. 
Gisleben. Der Verdacht der Täterschaft in der An 
gelegenheit des ermordeten Försters Grunerl hat sich bei 
mehreren Personen aus der Eislebener Gegend (Riestedt 
und Hornburg) nicht bestätigt. Die Spur führt vielmehr 
nach der Halleschen Gegend. 
Wiesbaden. Minister von Budde hat sich in den 
14 Tagen seines Hierseins wieder vollständig erholt. Er 
reist am nächsten Sonnabend nach Berlin. 
Prag. Durch die gestrige Massendemonstration war 
der Geschäftsverkehr vielfach gestört. Bei den meisten 
Geldinstituten wurde die Einstellung der Arbeit erzwungen. 
Gelddriefe wurden von der Post nicht ausgetragen und die 
Adreffaten blos von den eingelangten Geldsendungen zur 
eventuellen Abholung verftänoigr. Der Massenaufzug löste 
sich um l/zö Uhr auf. Die Demonstranten zogen dann in 
kleineren Abteilungen nach ihren Wohnbezirken unter Ab 
singen von Liedern, wobei sich kleine Zwischenfälle er 
eigneten. die jedoch bedeutungslos waren. 
Wien. Nach Einladungen aus Brünn und Olmütz 
ezzedierten dort gestern Abend der tschechische Pöbel und 
schlug zahlreiche Fensterscheiben ein. Polizei und Militär 
mutzte einschreiten und die Ruhe wieder herstellen. Zahl 
reiche Personen wurden verwundet und verhaftet. 
Lofia. Nach'Meldungen aus Burgos hat das dort 
besindliche geheime griechische Reoolutionskomitee vier 
Bulgaren ermordet. Infolgedessen herrscht hier große Auf 
regung. Der Ausbruch von Unruhen wird befürchtet. 
PeterSbwrg. Die Situation wird hier eine immer 
düstere. Die Gärung unter dem Militär nimmt ernste 
Formen an. Zahlreiche Familien schicken sich an, die 
Stadt zu verlassen, weshalb das Patzbüro überlaufen ist. 
— Der amerikanische Botschafter hat beim Minister des 
Auswärtigen Amtes bereits wegen des Überfalles auf den 
Botschaftssekretär Bletz eine energische Beschwerde erhoben. 
— Das neue Pretzgesetz befriedigt absolut nicht. Es 
enthält einen neuen Paragraphen, welcher die Zeitungs- 
herauSgeber verpflichtet, das erste Exemplar der Zensur 
vorzulegen. Auch unterliegen die Hofnachrichten nach wie 
vor der strengen Zensur. 
London. Man hosst hier noch immer, binnen 
wenigen Tagen eine befriedigende Erledigung der maze 
donischen Finanzreform durch den Sultan. 
Brüssel. Der „Gazette" zufolge wird der Minister 
des Äußeren auf alle Fälle demissionieren, wie sich auch 
das Schicksal des Kabinetts bei der heutigen Abstimmung 
über die Antwerpener Vorlage gestalten wird. 
Paris. General Teipitzky. Befehlshaber des 10. 
russischen Armeekorps bei Mukden. ist in Cannes, wo er 
sich zur Erholung aufhielt, verflossene Nacht gestorben. 
Toulon. Gestern fand der Stapellauf eines neuen 
Unterseebootes statt, welches den Namen „Omega erhielt. 
Das neue Boot zeichnet sich ganz besonders vor den 
übrigen durch große Schnelligkeit auS. 
Madrid. Die politische Lage ist noch sehr unbe 
friedigend. Heute wird ein Ministerrat vor der Kammer 
sitzung stattfinden. Der Kriegsminister wurde nachts 
12 Uhr in das königliche Palais berufen, um deni König 
Bericht zu erstatten über die Haltung der Offiziere der 
Madrider Garnison. In Barzelona ist der Generalkapitän 
in Begleitung des Oberprokurators des höchsten Gerichts 
hofes eingetroffen. Bisher haben sich keine neuen Zwischen 
fälle ereignet. Indessen bleiben die Truppen für alle 
Eventualitäten in Bereitschaft. 
Konstantinopel. Die Botschafter haben alle Vor 
schläge der Pforte katagorijch abgelehnt. Man erwartet 
nunmehr, daß der Sultan am Freitag, dem Schlußtage 
des Beiramfestes, nachgeben wird. — Hier zirkulieren 
Geriichte, daß der General-Inspektor Hilmi-Pascha Groß- 
vezier werden soll. — Die Befehlshaber der Schiffe der 
internationalen Flotte haben die diplomatischen Vertreter 
in Konstantinopel über die Besatzung von Mytilene be 
nachrichtigt. Die türkische Gendarmerie ist unter dem 
Befehl eines europäischen Offiziers gestellt worden. Der 
Gouverneur, welcher Protest dagegen eingelegt hatte, 
erklärte, er habe keinerlei Instruktion und auch nicht die 
Mittel sich den Mächten zu widerstreben. Die Besetzung 
der Insel ruft andauernd die größte Erregung hervor, 
allgemein wird erklärt, die Behandlung der Türkei sei 
eine ungerechte. 
Mgemeines. 
[] Die elektrische Zugbeleuchtung, die sich bis 
her meistens und zum größten Teile nur im Versuchungs 
stadium befunden hat, erfährt eine Weiterung dadurch, 
daß seitens der preußischen Staatsbahnverwaltung die 
Ausrüstung von 80 v-Zugwagen in Auftrag gegeben 
worden ist. Für diese werden etwa 1000 und für 30 
Schlafwagen 300 Glühlampen erforderlich. Die Be 
leuchtungseinrichtung wird so getroffen, daß die Abteile 
erster und zweiter Klasse außer der bisherigen Gasbe 
leuchtung je vier Glühlampen erhalten, die über der 
Rückenlehne angebracht werden, während die Schlafwagen 
in jedem Halbabteil mit einer Stehlampe versehen werden, 
die derartig eingerichtet ist, daß sie auch hängend angebracht 
werden kann. 
Lokales. 
f Elektrische Straßenbeleuchtung In der 
Rheinstraße brannten gestern wieder die öffentlichen 
elektrischen Bogenlampen, deren Licht diesmal befriedigender 
ausfiel. Ein genaues Urteil über die Wirkung der Be 
leuchtung wird man erst machen können, sobald die 
Zwischenlampen gleichfalls installiert sein werden. Über 
haupt gehen die Arbeiten der Firma Lahmeyer jetzt sehr 
langsam vor sich. 
-j- Eine neue Station wird der Südring zwischen 
den Bahnhöfen Schmargendorf und Halensee erhalten, und 
zwar am Berliner Platz, in den von Osten her der auf 
Wilmersdorfer Gebiet liegende Preußendamm und von 
Westen her der die Gemarkung Schmargendorf durch 
querende Hohenzollerndamm einmünden. Die Anlage der 
neuen Station hat bereits die Genehmigung des Eisen 
bahnministers gefunden. Mit dem Bau dürfte voraus 
sichtlich im Laufe des nächsten Jahres begonnen werden 
Am Berliner Platz soll bekanntlich eine Haltestelle der 
projektierten Wilmersdorf-Schmargendorfer elektrischen 
Schnellbahn errichtet werden. 
t Einen Schmuck eigener Art hat das Mach- 
nomer Schleusengehöft am Teltowkanal erhalten: die Kopie 
eines Orlogschiffes. Es wird darüber aus Emden ge 
schrieben: Zu den Wahrzeichen der Stadt Emden gehört 
auch das große Modell eines mit reichem Tackelwerk und 
einem Halbhundert Kanonen ausgerüsteten alten Emdener 
Orlogschiffes, genannt „Die Burg von Emden", das im 
altertümlichen „Rummel", der Vorhalle des Rathauses, 
von der Decke herabhängt. Von diesem Modell ist jetzt 
auf Wunsch der Teltowkanalverwaltung durch einen 
Schiffszimmermeister eine ganz genaue Kopie angefertigt 
worden, die an hervorragender Stelle des Machnower 
Schleusengehöftes aufgehängt werden soll. 
f Handels- und Gewerbe-Verein. Die Monats- 
versammlung des Vereins fand gestern Abend im „Hohen- 
zollern" statt und war sehr gut besucht. Nach Verlesung 
und Genehmigung des Protokolls der letzten Sitzung, zu 
welchem der Herr Vorsitzende noch bemerkte, daß die An 
gelegenheit, betreffend Schaffung eines kommunalen Bau 
amts nunmehr seine Erledigung gefunden habe und die 
Stelle eines Baurats ausgeschrieben sei, wurden neu in 
den Verein aufgenommen die Herren Ruhemann, Metzger, 
Beck, Klitscher und Afdring, neu angemeldet hatten sich 
die Herren Blumenhändler Lehmann und Zigarrenhändler 
Bürger. Für den verstorbenen Herrn Matschke wird als 
dann Herr Ingenieur Schmidt zum Revisor gewählt. Zu 
Punkt 4. Offenhaltung offener Verkaufsstellen am 24. und 
31. Dezember cr. referiert der Herr Vorsitzende Hans 
Berger: Diese beiden Tage, also der Heiligabend und 
Sylvester fallen in diesem Jahre auf Sonntage. Der 24. 
wird ja als der letzte Sonntag vor Weihnachten wohl 
freigegeben werden, da auch verschiedene andere Orte, so 
Berlin, Charlottenburg und Rixdorf diesen Tag für die 
Offenhaltung der Geschäfte frei gegeben haben. Der 31. 
dagegen ist gesetzlich nur für den Papierhandel offen und 
müsse man dahin wirken auch diesen Tag für sämtliche 
Geschäfte frei zu bekommen. Die Handlnugsgehilfenverbände 
haben nun den Amtsvorsteher ersucht, diese Tage nicht frei 
Jßv erster (Batte. 
Roman von Franz Lreller. 
Jg. (Ktgltnl MrlvteB.) 
In Un, a.teiische, der fomnuuU teveu solllc, war noch 
raunn nicht da. _ .. ., 
Schon wollte man ohne diesen zur $slt schreiten, ichon 
sollten die dampfenden ihre Plätze einnchincn, als der durch 
dringende Sckirei einer weiblichen Stimme sie stutzen und auf 
schauen machte. . , _ . . , mi . 
Ter Marquis erkannte sehr wohl die -mnnie seiner Mutter. 
Gleich darauf trat, in fieberhafter Hast, Frau von Manrod 
aus dei« Büschen. . . . .. . , 
Mit nicht geringem Erstaune» ,ah der Assessor, sahen 
d« Sekundanten diese Dame erscheine». Frau von Manrod 
war auf ihren Sohn zugeeilt. , • , 
Alfons Alfons, was haltest Tu mir versprochen. 
Er war durchaus nicht erfreut über diese Ltoeuug und 
murmelte einige Worte über ungehörige Erumischung, die 
sie ln ihrer Erregung gar nicht verstand. _ . 
Während sie in leidenschaftliche,» Flüstern aus ihi'^em- 
sprach trat jetzt der Herr, der als iluprrrlensch.r snu.tn'Nierru 
sollt«,'eilig heran und sagte, sich au Falke,lham und Belzig 
^ Entschuldig.» die Herren meine Verspätung, aber ich 
wurde ui Unten Auge. bück durch eine wichtige Nnt-e.lung 
aukaebalten Herr von Fallenhain," fuhr er die Summe er- 
S l i ich glaub« ras Duell kann ...cht zum Austrag 
können. Herr von Fleury. d.r des .al, he. > f ÄÄ 
und aus dem Klub ausgeichlo sc» worden ist. ist nicht , . 
faklioussähig einem Ehrenmani.e ^-'mbcr Manrod war 
i« JSrrWK? Leitung zu fassen, ihr 
Rücksicht aus Manrod levru 
Eklat verhindern und das Duell ihn rehabilitieren würde, 
diese Hoffnung war entschwunden. 
Kaltblütig setzte dann der Unparteiische hinzu: „Damit, 
Herr vo»l Falkeuhain. iväre die ganze Angelegenheit erledigt, 
der Herr kann nicht beleidigen." 
„Ist es Ihnen angenehm, zurückzufahren?" 
Alle stimiuken zu. 
Die Herren grüßten Frau von Manrod und fuhren gleich 
daraus davon. Vor der Stadt stieg Falkcnhain aus, um 
ohne 'Aufsehen seine Wohnung zu erreichen. 
Im Manrod'schen Hanse herrschte große Aufregung. Man 
hatte den Präsidenten unterrichten müssen von dem Duell und 
der Ausfahrt seiner Frau, und das regte den alten Herrn nicht 
wenig auf. 
Marie mar in Todesangst. 
Sie harte Fräulein Becker geweckt und weinte sich, nach- 
den. sie sie von dem. was vorging, in Kenntnis gesetzt hatte, 
an deren Brust aus. 
„Ich habe gar nicht gewußt,^ niein lieber Kind, daß Ihnen 
der Herr Marquis so sehr am Herzen liegt!" 
„Alfons?" sagte sie mit einem Ausdruck tiefer Ver 
achtung — „Pah!" 
»Äh!" sagte Fräulein Becker mit schlecht verhehltem Er 
staunen, »also der andere?" 
„Ja, ja, der — der! Gott schütze ihn, Gott schütze ihn!" 
Gegen acht Uhr sagte sie zu Fräulein Becker — ihre Angst 
und Unruhe hatte sich fortwährend gesteigert: „Lassen Sie uns 
ein ivcnig nach der Promenade gehen, ich muß meine Erregung 
durch Bewegung im Freien bekümpfen." 
Fräulein Becker sah ein, wie sich ihr Liebling ängstigte, 
und ging um so bereitwilliger aus den Vorschlag Mariens ein, 
als die Promenade um diese Jahres- und Tageszeit fast 
gänzlich vereinsamt lag. 
Die beiden Damen nahmen ihre Mäntel und gingen hinab. 
Marie rvar so erregt, daß sie öfters die Farbe wechselte und 
«nit ungleichen Schritten, bald rasch, bald langsam ging. 
'Als dann an einer Wendung des Weges plötzlich Falkenhains 
bohr Gestalt auftauchte stieß sie einen Freudenschrei aus n»v 
lief mit nrahlendei» Gesicht auf ihn zu, um gleich oaraus stehen 
zu bleiben und tief errötend das Köpfchen zu senken. 
Er sah sie, Hörle den Iubelru-, sah, wie sie i» inädcben» 
haster Scheu dastand — das ganz einsetzte Fräulein Becker 
geivahrte er gar nicht — und trat mit glückseligem Lächeln, 
dm Hut in der Hand, näher. 
„Wie freut es mich, Sie so früh am Tage begrüßen zu 
können." 
Sie sagte nur ganz leise: „Gott sei Dank." 
Fräulein Becker aber nahm jetzt das Wort: 
„Unser Erscheinen nur diese Zeit ans der Straße ist zwar 
recht ungewöhnlich, aber Fräulein von Manrod bedurfte etwas 
frischer Luft." 
Einer aber hatte dieser Szene beigeivohnt, den niemand 
geivahrt hatte, das ivar der Präsident, den die Unruhe um 
seine Frau herausgetrieben hatte. 
Wem seines Kindes Herz gehörte, wußte er jetzt. 
Aber die Anwesenheit Falkenhains konnte bedenken, daß 
der Marquis blutig abgeführt ivar, und es war unschicklich, 
mit dem Gegner eines Verwandten unter diesen Umständen 
sich zu unterhalten. 
Um allem ein Eiide zu niachen, trat er aus den Büschen, 
die ihn verborgen hatten, grüßte höflich Falkerihain, «ahm 
seiner Tochter Arm und sagte: 
„Wir «vollen jetzt nach Hause gehen, liebes Kind." 
Fräulein Becker, die nun in alles eingeweiht war, sagte 
zu Falkenhain laut: 
„Habm Sie nicht zufällig Frau von Manrod gesehen?" 
„Sie muß mit Herrn von Fleury bald hier sein " 
„Ah — so — das Duell war verhindert oder unblutig 
verlaufen," dachte der Präsident. „Das ist gut, denn wäre 
der Affe unter der Kugel des Assessors gefalle», hätte ich keine 
ruhige Stunde mehr gehabt." 
Er war sehr froh über diesen Ausgang. 
(Fortsetzung folgt.«
        
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