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Periodical volume Nr. 277, 25.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Hriedenauer Ortsteil non 
Unparteiische Zeitung für Kommunale 
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Wr. 277, 
Friedenau. Sonnabend den 25 November 1905. 
Depeschen. 
Frankfurt a. 4M. Wie der „Franks. Zig." mit 
geteilt wird, ist vorgestern eine Kommission, bestehend aus 
einem Deutschen, einem Russen und einem Engländer, 
aus Berlin zunächst nach Petersburg abgereist, von wo 
auS die Kommission nach kurzem Aufenthalt alle die von 
den Greueltaten betroffenen Orte bestichen wird. In dem 
internationalen Hilfskomitee herrscht vollständig Einigkeit 
darüber, daß es von der höchsten Wichtigkeit sei, auch die 
christlichen Familien, die dadurch gelitten haben, daß sie 
bei Verteidigung der Juden mit tätig waren, zu unter 
stützen. Dieser Gedanke soll in praktischer und gerechter 
Weise ausgeführt werden. 
B«rn. Die Handelsvertragsoerhandlungen zwischen 
Österreich und der Schweiz sind abgebrochen worden. 
Paris. Aus Konstantinopel meldet „Echo de Paris", 
gerüchtweise verlaute, der Sultan habe hinsichtlich der 
Finanzkontrolle nachgegeben, indeffen ist die Nachricht un 
bestätigt. Andererseits herrscht jedoch noch immer die An 
sicht vor, daß der Widerstand des Sultans nicht von 
langer Dauer sein und daß heute oder niorgen ein Jrade 
erscheinen werde, in welchem die Forderungen der Mächte 
bewilligt werden. 
Die hiesige Presse beschäftigt sich vielfach mit der Ab 
wesenheit des deutschen Botschafters Fürsten Radoliu beim 
gestrigen Galadiner zu Ehren des Königs von Portugal 
im Elysee. wobei sich der Botschafter durch den ersten 
Sekretär vertreten ließ. Es heißt die Abwesenheit sei dem 
Umstande einer neuen leichten Spannung zwischen Frank 
reich und Deutschland wegen der Ernennung Revoils zum 
Vertreter Frankreichs aus der Marokkokonferenz zuzu 
schreiben. Verschiedenlich wird sogar die Abwesenheit als 
eine neue Verschlimmerung der deutsch-französischen Be 
ziehungen ausgelegt. 
Aus CarracaS wird berichtet, die venezolanische Re 
gierung habe beim amerikanischen Gesandten die Summe 
hinterlegt, welche Frankreich durch Schiedsspruch zuerkannt 
ist. Jnfolgedeffen könne der Konflikt zwischen Frankreich 
und Venezuela als beigelegt betrachtet werden. 
London. Wie verlautet, soll unter den Mitgliedern 
des Kabinetts kein vollständiges Einvernehmen herrschen. 
Auch heißt es, daß im gestrigen Ministerrat entgegen 
anderweitigen Meldungen noch kein definitiver Beschluß 
gefaßt worden sei und daß erst in der nächsten Woche in 
einem neuen Ministerrate die definitive Entscheidung über 
eine Demission des Kabinetts erfolgen werde. 
Das Komitee für Herbeiführung eines guten Einver 
nehmens zwischen England und Deutschland wird u. a. 
auch eine Botschaft an beide Nationen veröffentlichen, in 
der es heißen wird: Wir wenden uns an die Bürger 
beider Länder, damit sie sich uns anschließen, um die 
jetzige Feindseligkeit der Beziehungen zwischen den einzelnen 
Staatsangehörigen wie zwischen beiden Völkern ver 
schwinden zu lassen. 
Nach einer Meldung des „Standard" soll sich die 
mandschurische Armee in offenem Aufruhr befinden, an 
geblich hätten die Soldaten Eharbin in Brand gesteckt. 
Mehrere hier eingegangene Telegramme berichten, daß 
Ibsen im Sterben liege. 
Riga. Die Lage in der Umgebung wird immer 
bedrohlicher. Revolutionäre Bauern haben die Quellen 
der Rigaer Wasserleitung besetzt. Die Lokalbahn nach 
Stopmannsdorf wurde vollständig zerstört, die Schienen 
aufgerissen, die Telegraphenverbindungen abgeschnitten und 
die Beamten gefangen abgeführt. Verschiedene Bauern- 
gemeinden haben sich zu unabhängigen Kommunen erklärt 
und die Beamten verjagt. 
Petersburg. Die „Börsenzeitung" veröffentlicht 
ein Telegramm aus Kursk, worin es heißt, daß der 
Schaden, im Bezirke von Sudza allein auf 1 1 / 3 Million 
Rubel geschätzt wird. Die Behörden treffen keine Maß 
nahmen, um die Ruhe wieder herzustellen, weswegen die 
Eigentümer sich zusammengetan haben, um eine Selbst 
verteidigung einzurichten. 
Tornow. Auf der Station Jwanicz explodierte 
infolge Unvorsichtigkeit ein Petroleumreservoir. Ein 
Bahnhofsaufseher wurde getötet, mehrere andere Beamte 
verwundet. 
Athen. Auf der Konferenz der Admirale des inter- 
nationalen Geschwaders unter bem Vorsitze des Vize 
admirals von Ripper, wurden die Einzelheiten der von 
den Schiffen bei der Flvttendemonstration auszuführenden 
Maßnahmen vereinbart. 
Neuyork. Entgegen dem Rate der internationalen 
Ingenieur-Kommission wird die Bundeskommisston für den 
Panainakanal das Schleusensystem befürworten. 
Totensonntag. 
Motto: .Friede rings! O, Herz, laß ab zu zagen, 
Laß in Frieden deine Lieben ruhn! 
ES verstummten alle ihre Klagen; 
Gönne ihnen süß zu schlummern nun!' 
Totenfestglocken haben einen ernsten Klang; sie pochen 
mit mahnendem Finger an unsere Brust, klingen hinein 
in unser Herz und stimmen die Seele ganz ernst, auch 
wenn wir keine Trauerkleider tragen. Totenfest! Wie 
viel sagt dieses eine Wort, wie großen Jammer schließt es 
ein! Wie viele Menschen gingen wieder von der Erde 
auf Nimmerwiederkehr in diesem Jahre und ihrer aller 
sollen wir gedenken am Totenfeste. Es ist ja das Fest 
der Toten, das eine hohe Fest, das man ihnen zu Ehren 
begeht, das alle Lebenden, die nur zu oft Feste feiern auf 
dieser Welt, einmal ablenken soll von irdischer Lust und 
Freude, daß sie ernsten Gedanken Raum geben. Wer 
weiß, wer im nächsten Jahre schon unter der Zahl steht, 
12. Iahrg. 
die das Totenfest einschließt zur letzten Gedenkfeier! — 
Durch die Reihen des Friedhofes wandelt die Schar der 
Leidtragenden, Schwarzgekleideten; die vielen frischen 
Gräber reden von der reichen Ernte, die der Tod in 
diesem Jahre wieder hielt. Da steht die Gattin am 
Grabe des Gatten und mit ihr klagen acht Waisen um 
den teuern Frühgeschiedenen; oder die kinderlose Frau 
weint um den Einzigen, den sie auf Erden ihr eigen 
nannte und der nun 'nach fast fünfzigjähriger Ehe sie 
verließ, nachdem er Lust und Leid der Erde treu mit ihr 
getragen hatte. O. wie einsam wird es nun um die 
Greisin sein, wie totenstill, ihr graut vor dem Lebens 
abend, der vor ihr liegt in trostloser Öde. — Dort 
stehen Eltern am frischen Hügel ihres Kindes, ihres 
einzigen! Allecweltsliebling ist er gewesen, der fünfjährige 
frische Knabe mit den dunkeln Schelmenaugen und dem 
immer lachenden und plaudernden Rosenmund. Wie stolz 
und glücklich die Eltern auf ihn sahen, was für frohe 
Zukunftshoffnungen sich an sein Leben knüpften und mit 
einem Schlage alles dahin. — Starr und kalt liegt das 
sonnige Kind vor ihnen — tot! — Hier trauert eine 
Witwe am Grabe des letzten Sohnes. Er sollte ihres 
Lebens Halt und Stütze fein, ihr Glück und ihr Sonnen 
schein werden. Da kam die Welt mit ihren Versuchungen 
und lockte ihn auf eine schiefe Ebene und immer schneller 
rollte die Kugel, auf der er fest zu stehen glaubte, dem 
Abgrunde zu, der ihn verderben mußte. O. hätte er den 
flehenden Bitten der Mutter Gehör geschenkt, hätte er 
ihren Prophezeiungen geglaubt! Zu spät! Siech am 
Körper, friedlos im Geiste kehrte er zu ihr zurück — zum 
Sterben! Der armen Mutter Tränen versiegen an diesem 
Grabe; die bitteren Enttäuschungen, welche dieses Leben 
ihr brachte, haben das Mutterherz zu tief getroffen, ihre 
kummervolle Seele ist starr geworden in unendlichem 
Jammer. — Wohl dem, der weinen kann am Grabe 
seiner Sieben, es gibt so unsagbares Leid auf Erden, so 
trostlose Fälle von menschlichen Geschicken, daß man die 
glücklich preisen muß, die Tränen finden in Trauertagen, 
denn Tränen erleichtern das Herz! — Nun liegen sie alle 
beisammen und schlafen den letzten Schlaf, die uns im 
Leben beglückt oder mit Sorgen erfüllt haben; der stille 
Friedhof nahm sie alle auf in seinen Frieden und Gottes 
Himmel wölbt sich über all den Hügeln! Er wird auch 
ihre Seelen in Gnaden zum Frieden geführt haben, das 
hoffen wir und bitten den Herrn darum an diesem Toten 
feste! Und wir gönnen den Toten ihre Ruhe. Wie 
mancher ging nach schwerem Leiden von uns; sein Tod 
war ihm eine Erlösung und wie manche arme Menschen 
seele hat gekämpft und gelitten bis zum letzten Tage! — 
Nun sind sie frei von allem Leid, kein Schmerz rührt sie 
mehr an. Sollten wir uns nicht für sie freuen, wenn 
wir bedenken, was wir feit ihrem Tode wieder ertragen 
Ihr erster Gatte. 
Roman von Franz Trrller. 
Kg. > 
Sehr bald erkannte er. welch eine treffliche verständnis- 
voll« Gefährtin er an ihr hatte, und heiratete sie. Tiefe Ehe 
schloß sie unter ihrem wahren Namen, dem einer (Zidlen von 
Pank. Als Marquise de Fleury suchte sie wieder nnt ihrer 
Familie in Verbindung zu kommen, doch Ivar dies Nicht leicht. 
Erst als Marquis de Fleury ue als anmutige Witwe 
mit einem kleinen Knaben zurückgelassen hatte, ue m ImiuiUc 
di« Bekanntschaft Herrn von ManrodS machte, und dieser 
Mann angesehen und reich, durch eure leidersichalttiche Lir t 
zu der schönen Frau verführt, sie zu seiner Gattin machte und 
ihr damit eine unantastbare Stellung zu teil wurde, ent- 
schloffen sich ihre Per,vandteu. den Verkehr mit ihr wrcder 
aufzunehmen, und breiteten einen ^chieier über ihre ^ r 
Vergangenheit Aus der Ehe mit Fleury war AlfonS ent 
sprungen. und wasHortense «„Liebe besän, gehörte d,e,em,K,nde 
Än ihren ersten Galten und ihr erstes Kind rächte sie 
schon lang« nicht mehr und selbstverständlich hatte sie auch 
ihren Verwandten diese Eheschließung und ihre Folgen ver- 
schwingen. ^ uoc t) Nachwirkungen haben konnte, war 
ihr nie in den Sinn gekommen, es war ein Abenteuer, nich v mt ji. 
Erst als Frau von Manrod sah sie sich an der «ene 
des reichen irciaebiqen und einflußreichen Gatten der sie au- 
a SS lfm Wünsche und verlebte ruhige glückliche 
Ul SÄ S-Ü- Aus °-r ****** 
““l.” SS .°-,?° d-m l.-ch M“ ft'fe 
»tun fi< auch nicht statt««, MB 1,1 
noch (o «den Jadl-n -ni-d.r »wachen «"de. 1° -»>»- I 
«in Gefühl drohenden Unheils nicht gan, lov wcrdr,. 
Und diese Gefahr tauchte so - plötzlich ans. da,; J h 
überrascht mar. 
Aber sie besaß Mut genug, ihr z» trotzen und wurde 
ruhig alles an sich heran haben kommen lassen, werin sie ihren 
Alfons durch eine reiche Heirat versorgt gesehen hätte. 
Marie von Manrod war die nächste und gceigi'.etste Per 
sorgung des Herrn Marquis. 
Uiid nun dieser Widerstand. Selbst der schwache Gatte 
stand auf der Seite ihrer Gegner. 
Doch alles, was ihr aus den Jahren ihrer Jugend als 
schlimme Folge erwachsen konnte, verschivand vor der Gefahr. 
die sie zugleich mit Alfons bedrohte. Stürzte sie - stürzte 
er mit. Alles mußte versucht werden, Maries Widerstand zu 
beuge» ja, ihre Leidenschaft für ihren Sohn hätte sie 
vor einem Verbrechen nicht zurückschrecken lassen wenn 
sie sich Vorteil davon versprochen hätte. 
* * * 
* 
Frau Steinmüller betrat die Villa des Präsidenten von 
Manrod. Einfach gekleidet, verfehlte doch die ruhige, würde 
volle Haltung der Frau, deren nicht unschönes Gesicht einen Ernst 
zeigte, der diesen Zügen sonst fremd war» selbst auf Lakaien 
seelen ihren Eindruck nicht. 
Ein alsbald erscheinender Diener fragte, mit der Höflichkeit 
;ut erzogener Leute wirklich vornehmer Häuser, nach ihrem 
0 Sie nannte ihren Namen und drückte den Wunsch aus, 
Frau von Manrod zu sprechen. 
Ter Diener ging, um gleich darauf zurückzukehren. 
.Die gnädige Frau wünschen zu wissen, >vas ihr die Ehre 
dieses Besuches verschafft." 
.Ich komme, die Frau Baronin von einer, ihrer Familie 
nahe drohendeii Gefahr zu warnen." 
Der Diener ging mit dieser Auskunft zurück. 
.Gnädige Frau lassen bitten," sagte er bei seiner Rückkehr 
und führte Frau Steinmüller zu einer Tür im ersten Stock, 
die er vor ihr öffnete. 
Die Schwester des ehemaligen Wachtmeisters stand vor 
ihrer einstigen Schwägerin. Ihr sonst so frisches Gesicht zeigte 
einige Blässe und die großen duukelgrauen Augen ivaren starr 
auf die elegante Frauenerscheinung gerichtet, die da vor ihr stand. 
Sie erkannte sie augenblicklich, die Zeit ivar sehr milde 
mit Hortensr von Pacek umgegangen. Diese musterte die 
nicht gewöhnliche Gestalt, die in der schlichten Frau vor ihr 
stand und sie so seltsam aus den großen Augen anblickte, und 
in der Aufregung, in der sie sich seit Tagen befand, überkam 
sie eine Ahnung drohenden Unheils. 
Der Name Steinmüller hatte ihr nichts gesagt, den hatte 
sie längst vergessen, aber auch die Züge erinnerteli sie in ihrem 
starren Ausdruck an nichts aus der Vergangenheit. 
So standen die beiden Frauen sich gegenüber. 
„Sie haben mir eine, meine Familie betreffende Mitteilung 
zu machen?" 
»Ja!" 
,,^arf ich bitten." 
Frau von Manrod blieb stehen und lud auch den Bestich 
nicht ein. sich zli seyen. 
In Frau Steinmüllers Seele tobten leidenschaftliche Ge- 
fühle, als sie die Frau vor sich sah, die ihAn Bruder so nn- 
glücklich gemacht hatte, aber sie ivar eine starte Frau und 
ivußte sich zu bezwingen. 
Mit einer Stimme, die in der Erregung einen harten, 
metallischen Klang annahm, sagte sie: 
.Ich komme. Sie zu ivarnen, denn Ihren Herr»» Sohn 
bedroht eine ernste Gefahr." 
Frau von Manrod erbleichte bei diesen Worten unter 
der Schmucke. die ihre Wangen bedeckte. 
„Meinen Sohn? Ten Marquis de Fleury?" fragte sie 
unruhig. 
„Tcu Herrn Marquis de Fleury. Ter junge Mann hat 
meinen Neffen beleidigt und dieser ihn vor die Pistole gefordert." 
»Ah " 
Das war schlimm — aber doch nicht so schlimm, als ihr 
eilte dunkle Ahnung zuflüsiern wollte. 
< Fortsetzung folgt !
        
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