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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

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Friedenau Freitag deu 24 November 1905 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Frankfurt a. M Ein schon seit längerer Zeit von 
Berlin aus wegen Körperverletzung mit rötlichem Ausgange 
verfolgter Verbrecher, der sich hier unter dem falschen 
Namen Schultz aufhielt, wurde in der Altstadt verhaftet. 
Nioskan. Die Telephonarbeiter sind wegen der 
Arbeitsdauer in den Ausstand getreten. Auf der Niko- 
lajew-Eisenbahn wird gleichfalls der Ausbruch eines neuen 
Streiks beflirchtet. 
Petersburg. Der „Ruß" ist der festen Über 
zeugung, daß die vom Semstwokongreß in Moskau vor 
geschlagenen Bedingungen von Witte akzeptiert und auch 
von ihm zur Durchführung gelangen werden, da dieser 
stark genug dazu ist. Wie das Blatt weiter meldet, 
hätten beim letzten Ministerral in Zarskoje Selo die 
Reaktionäre von neuem versucht, die Stellung Wittes zu 
untergraben. Es ist ihnen aber nicht gelungen, da der 
Zar fest zu Witte stehe. Das von Witte vorgelegte 
freiheitliche Preßgesetz- sei vom Zaren akzeptiert worden 
und werde morgen zur Veröffentlichung gelangen. Weiter 
heißt es, daß das allgemeine, geheime und direkte Wahl 
recht sicher gewährt werden wird. — Die oberste Klaffe 
der Ingenieurschule ist wegen der Entlaffung des liberalen 
Kompagniechefs in den Streik getreten. — Die Arbeiter 
der neuen Admiralitätswerft boykottieren ihren Chef, den 
Admiral Kusmitfch. — Unter den Fragen, welche im 
letzten Minifterrate unter Vorsitz des Zaren in ZarSkoje 
Selo beraten wurden, war eine der hauptsächlichsten die 
Ausbeutung der Naphtaquellen im Kaukasus. Der 
Minifterrat beschloß, die Eigentümer der Naphtaquellen 
zu unterstützen; zu diesem Zweck soll eine Anleihe von 
25 Millionen Rubel zu 5 Prozent gegeben werden. — 
Mehrere Fabrikbesitzer haben beschloffen, morgen die Arbeit 
wieder einstellen zu laffen, da die Arbeiter noch immer 
nicht ihre Forderung hinsichtlich Einführung des Acht 
stundentages aufgegeben haben. 
Saloniki. Hier sind neue Unruhen ausgebrochen, 
zahlreiche Läden wurden geplündert. Auch in Monastir 
kam eS zu Unruhen. Eine Volksmenge zog vor das 
englische Konsulat, um dort zu demonstrieren, da daS 
Gebäude aber von Polizeiagenten bewacht war, beschränkte 
sich die Menge darauf, sich in Schmährufen zu ergehen. 
Odessa. Die energische Tätigkeit des Stadtober- 
hauptrS Grigoriew machte auf die Bevölkerung einen guten 
Eindruck. Einige Palizeibeamte sind entlasten und werden 
vor Gericht gezogen. — Die Demission von 12 populären 
Professoren der Universität rief große Unruhe hervor. — 
Trotz guter Nachrichten über den Moskauer Semstwo- 
kongreß ist an der Börse keine Veränderung zu bemerken. 
Britta. Trotz Intervention des russischen Konsuls 
können die hier vor Anker liegenden russischen Schiffe 
nicht nach Beffarabien und Kilia abdampfen, da die 
meuternden Matrosen erklären, nicht mehr nach Rußland 
zurückkehren zu wollen. Ein anderer russischer Dampfer, 
der zahlreiche russische Revolutionäre an Bord hat. und 
der erklärt, die Matrosen des „Potemkin" abholen zu 
wollen, damit sie sich an der Revolution in Rußland 
beteiligen können, darf auf Befehl der Regierung nicht 
landen. 
Paris. Revoil, der Frankreich auf der internationalen 
Marokkokonferenz vertreten soll, wird zum Gesandten in 
Bern ernannt werden, während der jetzige Inhaber des 
Berner Postens nach Tokio geht. 
London. ..Daily News" meldet aus Kopenhagen, 
der daselbst eingetroffene Großfürst Nikolai Michailowitsch 
habe den Auftrag gehabt, die Kinder des Zarenpaares zur 
Zarin-Witwe zu bringen. 
Nenyork. Die Juden im Osten der Stadt ver 
anstalteten gestern wegen der Greuel in Rußland einen 
eindrucksvollen Trauerzug. Etwa 10 000 Personen nahmen 
daran teil. 
Washington. Das Staatsdepartement hat den 
amerikanischen Botschafter in Rom beauftragt, die Ver 
einigten Staaten bei der Konferenz in Algeciras zu 
vertreten. 
Tokio. Die Admirale Roschdjestwensky und Wiren 
haben Nagasaki gestern verlassen und sich Nachmittags 
2 l / 3 Uhr nach Wladiwostok eingeschifft. 
Allgemeines. 
[] Für Station SoSnoviee der Warschau-Wiener 
Bahn. loco, und für Sosnovice der Weichselbahn, Ort 
und Übergang, werden, wie die König!. Eisenbahndirektion 
Berlin bekannt gibt, von heute ab wieder Güter ange 
nommen und aufgehaltene Sendungen mangels weiterer 
Verfügung weitergesandt. Nach den jenseits Sosnovice 
gelegenen Stationen der Warschau-Wiener Bahn bleibt der 
Verkehr bis auf weiteres noch gesperrt. — Kohlen- und 
Koks-Sendungen nach Wien, Nordbahnhof, werden unbe 
schränkt wieder angenommen. 
jj Der Personen-««d Güterverkehr über Wirballen 
ist jetzt wieder bis St. Petersburg eröffnet worden; der 
Güterverkehr über Wirballen ist nunmehr nur noch mit 
der Baltischen-Pskow-Rigaer-Mittelastatischen und Warschau- 
Wiener Bahn gesperrt. 
Lokales. 
-f StandetamtSbewerbnngeu. Die von der 
Gemeindevertretung kürzlich beschlossene Stelle eines 
Standesbeamten scheint für viele ein begehrenswerter 
Posten zu sein. Trotzdem, wie wir hören, eine Aus 
schreibung nicht beabsichtigt wird, haben sich doch schon 
eine ganze Reihe von Bewerbern gemeldet, darunter 
pensionierte höhere Offiziere und Beamte. Schriftsteller rc. 
Ihr erster Gatte. 
Roma» vo» Franz Stellec. 
allein sein, — das hat 
dNAkxutf tnl.taL) 
mich doch sehr 
n. 
.Ich muß 
Marie, wir wollen Mama nicht länger aufregen.' 
Er war nicht weniger froh wie sie, den Rückzug antreten 
zu können. 
.Erhole Dich, Teuerste.' ^ „ - nK . 
Sie winkte schwach mit der Hand. und der Prastdent 
und sein Kind entfernten sich. 
Draußen, als sie allein waren, fragte er m,t ernster Mrene. 
.Ist Vas wahr. Kind. hast Tu das Bild eines Manne» 
i« Herren ^ ^ ld) gestehen, was ich mir selbst 
kaum einzngeüchen wage?" . o, 
.Hat es Jemand gewagt. Dir von Liebe zu reden- 
stagte cr^ernst^a!^ uuö ~ e s^g die ehrliche Augenn zu 
ihm aus. .Glaube mir nur, lieber Papa, auf den Nlami. 
dem ich meine Hand reichen sollte, nnyt Tu ebenso stolz 
sei» als ich. Monsieur Alfons ist weder Deiner, noch meiner 
küßte sie. denn er war ganz ihrer Meinung. Tann 
aber seufzte er, denn als drohender Schrecken stieg seine Frau 
tofS.rU MW Damit sie ftch. 
« * 
* 
Lwrtenüa Pacck war die Tochter des Freiherr» von 
Pacek dein Abkömmling eines alten Tfchechengcschlechtes, der 
«f. LrTV« ‘Familie in der kaiserlichen Armee gedient 
hatte. Ter Freiherr war eui Plann von hoher Ehrenhaftig 
keit der Geiinnung unv ungcmeiseuem stolz auf stine . - 
die er dis zu Przmicsl'v. den. I genyasten Kon'g, ,muo 
führte. Begütert war der Freiherr nicht, er mußte sich sogar 
einschränken, um mit feiner Pension als Major die beiden 
Töchter, die ihm seine früh verstorbene Geinahlin hinterlassen 
halte, standesgemäß erziehen zu lassen. Was diese Töchter 
anging, so konnte cs wohl kaum zwei verschiedenartigere 
Wesen geben, als Luise und Hortensia von Pacek. Während 
Luise, die ältere, ein enistes sinniges Kind, das still durch 
das Leben ging und dein alternden Vater die Sorge für das 
Haus zu erleichtern suchte, pulsierte in Hortensia das leiden 
schaftliche Slavenblut mit all feinen Vorzügen und Fehlern. 
Luise ertrug die oft genug peinliche Lage der mittellosen 
Familie mit Würde, nicht so die begabte, auffallend hübsche 
und hochmütige Schwester. Hortensia litt schwer unter den 
Entbehrringen, die ihr die beschränkten Verhältnisse auferlegten. 
Ihr leidenschaftliches Naturell, ihre durch übel gewählte 
Lektüre überhitzte Phantasie trieben sie mit Macht aus der 
engen Sphäre der bescheidenen Häuslichkeit des alten Majors 
hinaus in die Welt. in der sie alles fand oder zu finden 
glaubte, was sie zu Hause entbehren mußte. 
Das Unglück wollte, daß sie sich, kaum achtzehn Jahre 
alt, in einen hübsen Tenoristen des Theaters verliebte und 
da sie musikalisch ivar, auch über eine gute Stimme verfügte 
und sich nach Tilettantenart für eine gottbegriadele Künstlerin 
hielt, lief sie mit der» gewissenlosen Burschen davon, um in 
der Welt des Scheines Ersatz fiir die glänzende Welt der 
Paläste zu suchen, nach der sie sich sehnte, ohne sie erreichen 
zu können, eine Welt. die sie nur aus der Ferne sah und 
die sie sich viel schöner ausmalte, als sie in Wirklichteit ivar. 
Und dann, heirateten nicht oft genug annmtige Bühnen 
künstlerinnen in die vornehmsten Kreise hinein? Als mehr, 
denn eine vorübergehende Episode, betrachtete sie ihr Verhältnis 
zu dem ebenso leichtfertigen Sänger nicht. 
Doch bald zeigte es sich, daß der Künstler ihrer früher 
überdrüssig wurde, als sie seiner, um so mehr, als die 
wenigen Schmucksachen, die sie von Hause mitgebracht 
hatte, rasch verbraucht waren. , . 
Er verließ sie, und Hortenlc von Pacek, d,e übrigens denn 
Da die Stelle erst zum 1. April künftigen Jahres besetzt 
werden soll, so ist anzunehmen, daß noch mehr Be 
werbungen eingehen werden. Unserem Gemeindevorstande 
wird daher die Wahl nicht leicht werden. 
ch Neuer Straßenreiniger. Da der größte Teil 
der Friedenaner Straßen jetzt mit Asphalt belegt ist und 
auch hier die Neigung vorherrscht, sämtliche weitere neu 
zu pflasternden Straßen mit geräuschlosem Pflaster zu 
belegen, so wird unsere Gemeinde auch zu einer neuen 
Kehrmaschine greifen müssen. Die Versuche mit den 
Maschinen, welche die Handarbeit der Burschen beim Ab- 
schieben des Asphaltpflasters mit den Gummikratzen in 
Berlin ersetzen sollen, sind günstig ausgefallen. Die 
Maschinen sind kleine, mit einem leichten Pferde bespannte 
Fahrzeuge. Der Gestellrahmen, in dem 6 Gummischrubber 
staffelweise nebeneinander eingebaut sind, ruht hinten auf 
einer Achse mit 940 Millimeter großen Räder» und vorn 
auf einem lenkbaren Vordergestell mit fester Schere und 
Laufrädern von 450 Millimeter Durchmesser. Im Gegen 
satz zu der Handarbeit wird durch erhöhten Druck der 
Maschinenschrubber das Asphaltpflaster sauberer gereinigt, 
so daß bei günstigem Wetter schon wenige Minuten nach 
der Reinigung, der eine Sprengung vorausgeht, die Fahr 
bahnen der Maschinen abgetrocknet sind. Bei ungünstiger 
Witterung wird durch das Benutzen der Maschinen der 
Bildung des „Straßenschmutzes", sogen. „Glibbers" mehr 
als bisher vorgebeugt. Es wird der Gemeinde Friedenau, 
wenn sie mit der Straßenreinigung nicht hintenan stehen 
will. nichts übrig bleiben, als selbst Pferde anzuschaffen, 
die vielfach im Ort Verwendung finden werden. Es soll 
dem Schössen Herrn Sadee einstweilen nicht vorgegriffen 
werden. 
1- Neue Straßennamen für die Sportpark 
straßen. Die Anregung unseres Herrn Bürgermeisters, 
daß auS der Bürgerschaft heraus Namensvorschläge für 
die neuen Straßen auf dem ehemaligen Sportparkgelände 
gemacht werden möchten, ist auf fruchtbarem Boden ge 
fallen. Bereits sind 4 solcher Vorschläge eingegangen, 
die zweifellos recht beachtenswert und zum Teil auch recht 
originell und humorvoll sind. Da in den Friedenau be 
nachbarten Orten den Malern und Bildhauern sowie den 
modernen Schriftstellern in den Straßennamen eine 
Ehrung zuteil geworden, wünscht der erste Vorschlag unseren 
hervorragendsten deutschen Musikern in den Straßennamen 
verewigt zu sehen. Und zwar wird vorgeschlagen den 
Platz G. „Beethooenplatz" zu benennen, die beiden zum 
Bahnhof führenden Diagonalstraßen „Karl Maria von 
Weber-Str." und „Richard Wagner-Str.", ferner „Mozart"- 
und „Hayen-Str.", „Sebastian Bach-", „Gluck-" und 
„Mendelsohn Bartholdy-Str." Ein zweiter Vorschlag 
wünscht in Anbetracht der Nähe des Gymnasiums den 
Platz als Homorplatz zu benennen, den auf ihm befind- 
— 
Theater einen anderen Namen führte, blieb im bittersten 
Elend zurück. 
Ihre Stimme war klein und ungeschult, und nur eine 
Anstelliiiig an einer untergeordneten Bühne im Norden 
Deutschlands schützte sie vor Verzweiflung und liefem Sinken. 
Ihrem Vater halte ihr Davonlaufen den Todesstreich ge- 
geben, er erlag gleich darauf einem Schlagfluß. 
Hierauf zog sich auch ihre Schwester von ihr zurück. In 
dieser Lage lernte sie den stattlichen Wachtmeister kenne», 
der ihr sein ehrliches Herz zu eigen gab und die kleine an 
mutige Ehoristin heiratete. Sie ließ sich ihm unter dein 
Namen, den sie beiin Tbeater führte, als Fräulein von 
Steinbach, antrauen. Diesen Namen, zugleich mit dem Passe, 
hatte ihr eine gefällige Kollegin in Oesterreich abgegeben. 
Sehr bald fühlte sie sich in der engen Häuslichkeit nnd 
dem Umgang den er ihr gewähren konnte, sehr unglücklich 
und sie wäre wieder in das bunte Bühnenleben zurückgekehrt, 
wenil sie nicht Mutterfreuden zu erivarten gehabt hätte. 
Besonders unsympathisch ivar ihr noch die Frau Schreiner- 
meister Stcinmüller, der übrigens die Schwägerin nicht 
iveniger mißfiel. 
Dann wurde dem Wachtmeister ein Sohn gebore», der 
nach dem rvroßvater den Namen Rudolf erhielt. 
Drei Monate darauf verschwand sie, verließ heimlich 
Gatten und Kind und kehrte zurück zur Bühne, ihrer einzigen 
Zuflucht. 
Nur fort, fort aus den, bescheideneir ehrenhaften Kreise, 
in den sie ihr Schicksal getrieben hatte. 
Gleich darauf lernte sie einen eleganten Franzosen kennen, 
einen Abenleurer, trotz seines vornehmen Namens und seiner 
feinen Planieren, der sein Leben am Spieltische fristete, 
Marquis de Fleury. 
Er fand Gefallen an der hübschen geschmeidigen Slavin, 
die nicht nur die Manieren der guten Gesellschaft hatte, 
sondern auch trefflich Französisch sprach, und nahm sie mit 
nach Frankreich, wohin sie ihm ivillig solgle. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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