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Periodical volume Nr. 296, 18.12.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

der Klerikalen, geschaffen. — Die Handlung: Br. Paulus 
ist Mönch im Cisterzienserkloster St. Bernhard geworden, 
doch nicht aus Überzeugung, als vielmehr aus Liebe zur 
Mutter, deren Tränen und Bitten er nicht imstande war, 
zu widerstreben. Seine Ausbildung am weltlichen Gym 
nasium hat ihn aber mit den Werken unserer besten Dichter 
bekannt gemacht und ihm die Werke der Schöpfung in der 
Reinheit der empfindenden Seele erkennen lasten. So 
widerstrebt es ihm^.in einer Umgebung von scheinheiligen 
Muckern zu leben und als ihm noch verbalen wird, die 
Werke der Dichter zu studieren, da will er sich noch vor 
Ablegung des Gelübdes, das ihn ewig bindet, frei machen 
von dem klösterlichen Zwange. Er teilt dies seinen Eltern 
mit, die darüber sehr erbost sind, aus Liebe zur Schwester 
aber, die ebenfalls ein Nonnenkloster gegen ihren Willen 
aufsuchen soll, und die er davon befreien will, entschließt 
er sich, wieder zurückzukehren ins Kloster und das bindende 
Gelübde abzulegen. Im Kloster selbst findet er einen ihm 
sehr zugetanenen Freund, dem ebenfalls das Klostcrleben 
aufgezmnngen war. Ein alter ehrwürdiger Pater ermahnt 
ihn, sich auf ein Himmelszeichen zu verlassen, um danach 
das Gelübde abzulegen oder nicht. Kurz vor dem Profeß 
sehen wir noch, wie zur Abtwahl jeder der Kandidaten 
durch allerhand Versprechungen Stimmen für sich zu 
ködern sucht. Als nun Paulus das Gelübde ablegen soll, 
da durchzieht noch einmal alles seinen Kopf und so wirft 
er das geistliche Gewand von sich und legt das Gelübde 
nicht ab. Sein Vater will mit dem Stock auf ihn 
einstürmen, wird jedoch zurückgehalten, und der 
mit einem Herzfehler behaftete Alte unterliegt 
dann durch die Aufregung einem Herzschlage. — Das 
Spiel können wir als ein sehr gutes bezeichnen. Herr 
Alwin Cordes (Br. Paulus) verstand es meisterhaft, den 
unter dem Zwange des Klosterlebens leidenden, für das 
Gute und Edle eingenommenen jungen Mannes, Herr Paul 
Knaak (P. Meinard) den ebenfalls zwangsweise im Kloster 
befindlichen, sich aber mit den gegebenen Verhältnissen 
Gefundenen wieder zu geben. Die Herren Bruno Jacoby 
(Prior) Carl Hermann (P. Simon) Paul Herwig (Br. Erhard) 
waren in den Rollen der scheinheiligen Mucker ebenfalls 
sehr gut, auch Herr Robert Günter (P. Fridolin), Herr 
Julius Abicht (P. Servaz) und Herr P. Grävenitz (Br. 
Bruno) erfreuten durch natürliche Wiedergabe. Ein ganz 
vorzügliches Spiel gaben aber auch Frl. Else Römer (Grete), 
als das liebende und nun auf einmal entsagen sollende, 
gequälte Menschenherz, Frau Johanna Suhr (Frau Döbler) 
die ihr Seelenheil in den geistlichen Stande ihrer Kinder 
erhoffende Mutter, Herr Pastarge (Döbler), Herr Stege 
mann (Franz) und Herr A. Unger (Bringmann). Wir 
können über die Aufführung im ganzen sehr befriedigt sein. 
f Gustav Adolf-Festspiel 1905. Der außer 
ordentliche Erfolg des Festspiels hat dazu geführt, noch 
vier weitere Tage anzuhängen und zwar den 25. und 27. 
November, Abends l / 2 8 Uhr, den 3. und 10. Dezember, 
Nachmittag 2 Uhr. Wir bemerken ausdrücklich, daß 
weitere Vorstellungen nicht stattfinden. Billetverkauf an 
den bekannten Stellen. 
f Populäres Konzert. Herr Felix Meyer wird 
in seinem Konzert am 27. d. Mts. im Hohenzollernsaale 
zwei größere Violinkonzerte und zwar das Konzert D-dur 
v. Beethoven und das Konzert Fis-moll von Ernst zu 
Gehör bringen. Außerdem wirken noch die hier schon be 
kannte und beliebte Rezitatorin Frau Frida Fischer und 
die Konzersängerin Frl. Cilly Müller mit. Herr Adolf 
Mittelhausen, Komponist und Musikdirektor hat freund 
lichst die Begleitung übernommen. 
f Mänuer-Turnverein. Am letzten Sonntag 
unternahm die Männer-Abteilung ihre alljährlich statt 
findende Kartoffel- und Herings - Turnfahrt. Morgens 
3 / 4 9 Uhr fuhren 29 Turner, begünstigt vom herrlichen 
Herbstwetter mit der Wannseebahn nach Potsdam. Dort 
wurde der Marsch angetreten, zunächst nach dem eine 
Stunde entfernten Templin, wo das Frühstück einge 
nommen wurde. Nachdem noch an einer eigenartig 
gewachsenen Baumgruppe eine photographische Aufnahme 
aller Teilnehmer gemacht, wurde der Weg mit fröhlichem 
Gesang fortgesetzt durch den Potsdamer Forst, an Drewitz 
vorbei, nach dem in der Nähe gelegenen Restaurant 
„Stern". Um 3 Uhr wurde der Marsch wieder auf 
genommen durch die Parforcer Heide an dem Teltow- 
Kanal entlang nach KÜ°Machnow. Hier fand von 7 Uhr 
an im Restaurant Türk ein Festkommers statt, verbunden 
mit dem üblichen Kartoffel- und Heringsesten, zu dem 
noch viele Turngenosten nachgekommen waren. Herr 
Oberturnwart Kühn überreichte mit einigen anerkennenden 
Worten dem Vorturner der 3. Riege Herrn Newe, welche 
aus dem letzten Riegenwetturnen als Sieger hervor 
gegangen, den Vorturner-Riegen-Humpen. Der Vorsitzende 
des Turnvereins, Herr Rechnungsrat Eoers, brachte seine 
Freude über die gut verlaufene Turnfahrt, sowie über die 
eifrige turnerische Tätigkeit der Abteilung zum Ausdruck. 
Eine überaus gelungene, von verschiedenen Turnern 
künstlerisch ausgestattete Festzeitung trug ebenfalls viel zur 
Erheiterung des Abends bei. Um i/a 11 Uhr mußte leider 
aufgebrochen werden und der letzte Teil der Turnfahrt 
nach Zehlendorf angetreten werden, von wo die Rückfahrt 
nach Friedenau erfolgte. 
f Cabaret. Wie bekannt findet jeden Freitag im 
Rheiuschloß ein lustiger Cabaret-Abend unter der Leitung 
des Direktors Herrn Leop. I. Weiß statt. Wir werden, 
wie uns versichert wird, viele erstklassige Künstler und 
Künstlerinnen zu hören bekommen. Der Eintrittspreis ist 
blos auf 75 Pf. bez. im Vorverkauf auf 60 Pf. festgesetzt. 
's Besuche machen! Wie ein Schreckgespenst steht 
diese Forderung zu Beginn des Winters vor uns, denn 
ohne ihre Erfüllung schließen wir uns selbst vor allen 
Aussichten auf gesellige Freuden aus. Wer also nicht wie 
ein Einsiedler leben will, der muß sich mit Würde ins 
Unvermeidliche fügen, sein bestes Habit anziehen und die 
ganze Reihe der Familien beehren, denen er irgendwie 
durch seinen Beruf, Stand oder alte Beziehungen einen 
Besuch schuldig ist. Wie viele Visitenkarten gilt es da 
abzuwerfen! Und wie strahlt das Gesicht desjenigen, dem 
das öffnende Mädchen oder der galonnierte Diener höflich 
an der Tür sagt: „Die Herrschaft bedauert, sie ist aus 
gegangen" oder ähnliches. Die paar Minuten, die man 
empfangen wird, gehören zu den wenigst angenehmen. 
Wo soll der schtichterne Jüngling, der zum ersten Male 
eine ihm ganz fremde Familie sieht, nur in der Eile den 
richtigen Gesprächsstoff hernehmen. Wohl ist es Sache 
des Hausherrn und der Hausfrau, ihm auf die Sprünge j 
zu helfen, aber oft gelingt es selbst mit der größten 
Anstrengung nicht, ein halbwegs vernünftiges Gespräch in 
Fluß zu bringen. Erleichtert atmen Besucher und Besuchte 
auf, wenn alles vorbei ist. Hat eine Familie einen 
»genannten Empfangstag, so ist die Sache schon bester. 
Dann kommen die Gäste gleich en gros und der einzelne 
verschwindet mehr im Gewühle. Es ist nun mal Sitte, 
Besuche zu machen und darum „frisch ans Werk!" 
Das Rheinschlotztheater gibt am Sonnabend, 
den 25. November, Nachmittags 5 Uhr eine große Klassiker- 
Schüler - Vorstellung und bringt als solche Schillers 
Meisterwerk „Wilhelm Tell". Am Totensonntag gelangt 
das bürgerliche Schauspiel „Kabale und Liebe" von 
Friedrich v. Schiller zur Aufführung. Die Direktion hatte 
bei der Eröffnungsvorstellnng leider einige Rollen anders 
besetzen müssen, da wegen Erkrankungen rc. die für die 
Rollen vorgesehenen Künstler nicht erscheinen konnten. 
Nunmehr ist aber ein neues vorzügliches Künstlerpersonal 
engagiert worden, sodaß es ihr möglich ist, jetzt mit nur 
besten Darbietungen aufzutreten. Wir wünschen der 
rührigen Direktion, die dem Friedenauer Publikum gern 
m jeder Weise gerecht werden möchte, zu beiden Vor 
stellungen ein volles Haus. 
t Zusammengefahren Der Grünkramhändler 
Niegut, Schmargendorferstraße 34, fuhr mit seinem 
Geschäftswagen nach Berlin, um Kartoffeln zu holen. In 
der Siegesallee kam von entgegengesetzter Richtung eine 
herrschaftliche Kutsche, die in das Gespann des Herrn N. 
hineingeriet. Dadurch stürzte dessen Pferd, auch erlitt 
sein Wagen Beschädigungen. Die Schuld an dem Zu 
sammenstoß trägt der Kutscher des herrschaftlichen Fuhr 
werks, der nach dem angerichteten Schaden schleunigst 
davonfuhr, ohne daß Herr N. in der Lage war, die 
Personalien des Täters festzustellen. — Bei dieser 
Gelegenheit sei noch bemerkt, daß im Jntereffe der öffent 
lichen Sicherheit es geboten erscheint, auch die herrschaft 
lichen Kutschen auf irgend eine Weise kontrollierbar zu 
machen. Dann könnte man auch diese Wagenführer, die 
öfters fahrlässig handeln und Menschenleben in Gefahr 
bringen, haftbar machen. 
t Ein gefährlicher Fahrradmarder, der schon 
längst von den Behörden der westlichen Vororte, besonders 
in Friedenau. Schöneberg und Steglitz, gesucht wurde, 
ist auf frischer Tat überrascht und verhaftet worden. Seit 
mehreren Wochen waren in den westlichen und auch süd 
lichen Vororten zahlreiche Fahrraddiebstähle verübt worden, 
und es wollte nicht gelingen, den Täter zu ermitteln. 
Als vorgestern der Inspektor K. vor dem Restaurant 
Lehmann in der Berlinerstraße 70 zu Tempelhof sein 
Fahrrad für einen kurzen Augenblick aus der Straße 
stehen ließ, trat plötzlich ein elegant gekleideter Herr an 
die Maschine heran, schwang sich auf den Sattel und fuhr 
davon. Der Dieb wurde verfolgt und es gelang auch, 
ihn festzunehmen. Im Laufe der letzten 14 Tage hat er 
nicht weniger als fünf Fahrraddiebstähle verübt. Der 
Verhaftete wurde in das Untersuchungsgefängnis in 
Moabit eingeliefert. 
Schöneöerg. 
— HaudelSkammerwahl. Am 28. d. M, findet 
für Schöneberg und Charlottenburg die Wahl eines Ver 
treters für die III. Abteilung statt. Zwecks Beschluß 
fassung über den aufzustellenden Kandidaten soll, wie der 
geschäflssührende Ausschuß des s,Vereins für Handel und 
Industrie in Schöneberg" bekannt macht, am Sonnabend, 
den 25. November» Abends 9 Uhr. im Saale des „Scbwar- 
zen Adler" zu Schöneberg, Hauptstraße 134, eine öffent 
liche Wählerversammlung stattfinden, in der die eingeschriebe 
nen Wähler der III. Abteilung stimmberechtigt sind. 
Berlin und Wororle. 
8 Städtische Personalien. Infolge der Pensionierung 
der beiden Stadt-Schulinspektoren Dr. Zwick und Stier 
sind für den vierten und zehnten Schulkreis Neuwahlen 
erforderlich. Da der vierte Schulkreis dem bisherigen 
Leiter des siebenten Kreises, Schulinspektor Gäding über 
tragen worden ist, wird nunmehr der siebente und der 
zehnte Schulkreis neu zu besetzen sein. Für diese Stellen 
hat der Magistrat den Oberlehrer Dr. Lüers von der 
Margareihenschule, der den Dr. Zwick bereits vertreten 
hat und den Oberlehrer Grundscheid von der Luisenschule 
in Aussicht genommen. — Der Oberlehrer am Köllnischen 
Gymnasium. Prof. Dr. Schubring, hat aus Gesundheits 
rücksichten seine Pensionierung zum 1. April k. I. beim 
Magistrat nachgesucht, er steht bereits länger als 37 Jahre 
im Schuldienst. — Ebenso wünscht der Gemeindeschul- 
Rektor Geiseler an der 210. Gemeindeschule in den Ruhe 
stand zu treten. — Für die durch Ernennung des Stadt 
baumeisters Seifert zum Stadtbauinspektor vakant gewordene 
Stelle ist der Reg.-Baumeister a. D. Hecker und für die 
durch den Tod des Verwaltungsdirektors Turner erledigte 
Stelle ist der Bureauvorstehec Mettke vom Magistrat vor 
geschlagen worden. 
8 Die „Uebergangeueu." Die Einholung der 
landesherrlichen Genehmigung der Marie Hoffmann- 
Stiftung, mit deren Annahme sich die städtischen Behörden 
bereits im Februar v. I. einverstanden erklärten, hat der 
Oberprästdent davon abhängig gemacht, daß noch Er 
hebungen wegen der Bedürftigkeit von 12 entfernten Ver 
wandten der Erblasserin, welche „übergangen" sein wollen, 
angestellt und diese eventl. abgefunden werden sollten. 
Zwei weitere Angehörige, Kousinen der Verstorbenen, hat 
der Oberpräsident ohne Weiteres als Hilfsbedürftig be 
zeichnet, wiewohl deren Ehemänner, kleine Beamte, aus 
Staatsmitteln, Gehalt bezw. Pension beziehen. Beide hat 
zwar die Erblasserin absichtlich übergehen wollen, denn sie 
hat die ihnen ursprünglich zugedachten Legate in einem 
Codivill wieder aufgehoben; lrotzdem will der Magistrac 
diesen und noch drei weiteren Anverwandten, bei denen 
sich die Hilfsbedürstigkeit nicht bestreiten läßt, Abfindungs 
summen aus dem Nachlaffe gewähren. Das gestiftete 
Kapitel im Betrage von 118 000 Mark würde sich da 
durch um 17 000 Mark verringern. Bemerkt sei noch, 
daß ein mit einem Legat von 15 000 Mark bedachr 
gewesener Kousin der Erblafferin inzwischen verstorben und 
dessen Vermögen zum Teil an einzelne der „Uebergangenen" 
gefallen' ist. 
8 Die Beerdigung des Kommerzienrats Her«. 
N. Israel fand am gestrigen Mittwoch Nachmittag auf 
dem alten jüdischen Kirchhof in der Schönhauser-Allee 
statt. Der Trauerfeier wohnten bei der Vorsitzende des 
Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller, Geh. Kom 
merzienrat Jacob, die Stadtv. Justizrat Ladewig und 
Nelke, Prof. Liebermann, Rabbiner Dr. Rosenzweig, 
Kommerzienrat Manheimer, Generalmajor Bartels, Justizrat 
Wronker, dse Vorstände des Baruch-Auerbach'schen Waisen 
hauses und des Vereins zur Ausstattung jüdischer Bräute, 
sowie fast sämtliche Angestellte der Firma mit Einschluß 
des zahlreichen Dienstpersonals, die alle schöne Kranz 
spenden überbracht hatten. ' Der Sarg wurde in der mit 
Lorbeer- und anderen grünen Blattpflanzen geschmückten 
Friedhofskapelle aufgebahrt, wo die Gattin, Brüder und 
sonstige Anverwandte des Verstorbenen Platz genommen 
hatten. Nachdem der Männerchor der Synagoge (Lützow- 
straße) unter Leitung des Prof. Fabian Rehfeld „Das 
Leben welkt wie Gras" gesungen hatte, hielt Rabbiner 
Prof. Dr. Maybaum die Gedächtnisrede, in der er be 
sonders des Entschlafenen Wohltätigkeitssinn hervorhob, 
der sich nicht nur auf seine Angestellten, durch Gründung 
einer Pensionskaffe, sondern auch auf weitere Kreise er 
streckt habe. Nach dem Gesänge des Liedes: „Ruhe sanft 
in kühler Erde" wurde der Sarg in dem Erbbegräbnis 
der Familie beigesetzt. 
8 Im Vach-Konzert, welches der Kgl. Mustk- 
Direkior Bernhard Jrrgang in der St. Marien Kirche am 
Freitag, den 24. November Abends 7^ Uhr veranstaltet, 
werden mitwirken: Frau Martha Dreyer-Wolff (Sopran), 
Fräulein Else Krau-Bewert (Alt), Herr A. N. Harzen- 
Müller (Baß) und Frau Bianka Becker-Samolewska (Vio 
line). Der Eintritt ist frei! 
Steglitz. Eine Probefahrt auf der von der Ge 
meinde Steglitz neu geschaffenen Straßenbahn Steglitz— 
Grunewald hat, wie wir erfahren, am Dienstag, Vor 
mittags 11 Uhr stattgefunden. Anderselben nahmen vom 
Steglitzer Gemeinde»orstande teil Bürgermeister Buhrow 
und Schöffe Mancke, von der Verkehrskommisston Schöffe 
Kirchner und Gemeindebaumeister Blunck: ferner Direktor 
Friedrich von den Vororte-Elektrizitätswerken, die den 
Strom liefern. Die Fahrt wurde am Bahnhof Steglitz 
angetreten und glatt (ohne irgend welche Störung) über 
Dahlem bis zum Grunewaldgatter durchgeführt. Das Er 
gebnis war in jeder Weise ein zufriedenstellendes; einzelne 
Steigungen der Strecke wurden mühelos überwunden. Die 
technische Herstellung dieser „Gemeindebahn" war der 
Firma Siemens & Halske übertragen worden. 
Zuschriften. 
Höflich Bezug nehmend auf Ihre Notiz vom 20. d. M. „Ofen- 
einsturz" möchte ich mir als Fachmann einige Bemerkungen erlauben. 
Vorweg will ich bemerken, daß i-b die Ofen im Hause Rheinstraße, 
in dem der Ofen eingefallen.sein soll, nicht kenne, ich weiß aber, daß 
säst bei allen eingestürzten Ofen die unsachg mäße Bedienung die 
Schuld trägt unnhabe ich bei meiner langen Erfahrung immer das 
selbe gesunden, daß gerade die neuen und bestgesetzten Ofen am 
leichtesten explodieren. Dies werden mir alle meine Fachkollegen 
bestätigen müffen, denn je fester der Ofen.gejetzt ist, desto größer ist 
die Explosion. Bei alten oder schadhaften Öten finden wir fast nie, 
daß der Ofen eingefallen oder explodiert ist. Zur Verhütung deS 
Einstürzens möchte ich hier einige kleine Ratschläge geben, denn eS 
liegt doch die Möglichkeit sehr nahe, daß Menschenleben dadurch 
gefährdet werden können, cs kommt doch viel häufiger vo» als mancher 
denkt. Also erstens bei neuen und gut erhaltenen Ofen darf die 
Tür durchaus nicht zu früh geschloffen werden, waS, nebenbei 
bemerkt, auch gar kein Vorteil ist, denn die Kohle brennt bei luftdicht 
schließender Tür nicht weiter, sondern verglimmt .nur. Die Folge 
davon ist Riechen und nicht genügendes Heizen der Ofen. Zweitens 
darf beim Feueranmachen nicht zu wenig Holz verwandt werden. Es 
kommt vielfach vor, namentlich bei Ofen mit eisernen Einsätzen, 
mit Ausschluß von Cadseinsätzcn, wenn auf wenig hellem Feuer oder 
Glut der Einsatz bis oben »oll geschüttet wird, sich in den Zügen 
so viel Dämpfe.und Gase ansammln, welche dann durch Stichflammen, 
die sich beim Offnen der Tür oder Fenster bilden, zur Explosion 
kommen. Bei richtig hellem Feuer können sich nie Explosionsgase 
bilden. AIs drittes wäre ncch zu beachten, was aber hauptsächlich 
nur im Herbst oder wenn der Ofen lange nl<dt geheizt wurde, zu 
beachten ist, man nehme zuerst ordentlich Spähne und Holz zum 
Feueranmachen und überzeuge sich, ob der Ofen genügend Zug bat; 
cs wird in den meisten Fällen wenn nicht sonst ein anderer Fehler 
vorliegt, dazu beitragen, baß die Sticklust, welche sich im Ofen und 
Schornstein angesammelt hat, entfernt wird. Also nochmals kurz: 
nicht zu früh' zuschrauben, mit reichlich Holz helles Feuer anmachen 
und beim erstmaligen Anzünden überzeuge man sich, daß der Ofen 
zieht. Ich glaube bestimmt, wenn die vorgeführten Punkte beachtet 
und darnach gehandelt wird, jede Ofenexplosion ausgeschloffen ist. 
Herrn. Langer, Töpfermeister. 
Gerichtliches. 
(:) Die Befugnis des GeudarcnS Eine allgemein inter 
essierende Entscheidung fällte vorgestern das Reichsgettcht. Vom 
Landgerichte Hildesheim ist am 27. März die Pferdehändlersehefrau 
Dorette Wicczorek in Moritzburg wegen Widerstandes gegen die 
Staatsgewalt zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt worden. Ein Gendarm, 
der untüchtigen Verkehr in der Wohnung der Angeklagten vermutete, 
drang Nachts in die Wohnung ein und entdeckte dort die Schwester 
der Angeklagten sowie einen Mann unter Verhältnissen, die seinen 
Verdacht rechtfertigten. Bei dieser Gelegenheit hat die Angeklagte 
dem Gendarm Widerstand geleistet. — Auf die Revision der Ange- 
klagten hob nun das Reichsgericht das Urteil auf und verwies die 
Sache an das Landgericht zurück. Gendarmen sind in Preußen nicht 
Hilfsbeamte der Staatsanwaltschaft und dürfen deshalb fremde Woh 
nungen Nachts nicht betreten. Der fragliche Gendarm war also nicht 
in der rechtmäßigen Ausübung seines Amtes, als ihm die Angeklagte 
Widerstand leistete. 
Handarbeiten. 
Von Margarete Berlin. 
Nachdruck verböte». 
UR. Die Schatten wachsen, die Tage werden kürzer, 
Herbst und Winter melden sich an — da greift man wieder 
mehr zu den Handarbeiten, welche während des Somniers, 
wo Spaziergang, Reise, Sport und Tennis-Spiel lockte, 
geruht haben. Natürlich zumeist zur „modernen Hand 
arbeit", und das Interesse sür neue Technik, neue Aus-
        
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