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Periodical volume Nr. 274, 21.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Fmdeimer Kolrol-Anzeiskr. 
GleichzeiÜg Organ für den Hriedenauer Grtsteil von Schöneberg nnd den Vezirksverein Süd - West. 
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Kr. 274 
Friedenau, Dienstag den 21. November 1905. 
12. Iahrg. 
Aepeschen. 
Frei bürg i. Br. Der Landwehr- und Reservisten 
verein in Schopfheim beschloß, wegen der bekannten Wahl 
kundgebung des Präsidenten, den Austritt aus dem 
badischen Milltärverein-Landesverband. 
Wien. Wie man der „N. Fr. Pr.- aus Paris 
telegraphiert, soll Deutschland im Begriffe stehen, sich in 
Paris und London über einen, angeblich in letzter Zeit 
stattgefundenen englisch-französischen Vertrag zu informieren, 
welcher England die finanzielle, Frankreich die politische 
Kontrolle über die Republik Liberia sichern soll. Ein 
formeller Protest Deutschlands sei bisher noch nicht erfolgt. 
Heute Nacht wütete auf dem Westbahnhof ein heftiger 
Brand, der namentlich in den neuen Montierungswerk- 
stätten großen Schaden anrichtete. Der bisherige Material 
schaden beläuft sich auf über eine Million Kronen. 
Der Kaiser verlieh dem Schauspieler und Sänger 
Friedrich Werner-München das goldene Berdienstkrcuz mit 
der Krone. 
Bielitz. Wegen Ausbruchs antisemitischer Exzesse 
in Jaworzuo ist von hier eine Abteilung Dragoner nach 
dort abgegangen. 
Lofia. Nach der Rückkehr des Fürsten wird die 
Rekonstruktion deS Kabinetts erfolgen. General Paprikow 
wird zum Minister der öffentlichen Arbeiten ernannt 
werden, der diplomatische Agent in Petersburg wird eben 
falls »in Portefeuille erhalten. 
Petersburg. Hier herrschte auch gestern andauernde 
Ruhe, die Stadt hat wieder ihr normales- Aussehen. 
Auch aus der Provinz lauten die Nachrichten fortgesetzt, 
günstig. 
Petersburg. Die Schriftsetzer haben gestern die 
Arbeit wieder aufgenommen, alles deutet darauf hin, daß 
der ernstere Teil der Bevölkerung die Regierung nunmehr 
unterstützen wird, und daß auch die liberale Preffe der 
Regierung ihre Aufgabe zu erleichtern gewillt ist. 
Rom Der Direktor der Staatsbahn erstattete 
Anzeige wegen versuchter Bestechung von Eisenbahnern 
seitens eines Angestellten des Abg. Raggio, der als 
Monopolist des Kohlenhandels galt. Dieser Angestellte 
bot mehreren Eisenbahnern hohe Summen, falls im 
Betriebe Störungen einträten und in der Fachpreffe der 
Staatsbetrieb angegriffen würde. 
Pari». In Amiens sind infolge des letzten Bomben- 
attentates verschiedene Haussuchungen vorgenommen 
worden. Im Zusammenhang damit wurde der General 
sekretär des Verbände» der Arbeiter der Nahrungsmittel 
branche für daS Departement Seine verhaftet. Auch 
mehrere andere Personen wurden verhaftet, welche bei dem 
Attentat kompromittiert sind. 
Der .Mattn" meldet aus Tanger: In der europäischen 
Kolonie legt man großen Optimismus über das Ergebnis 
der bevorstehenden Konferenz in Algeciras an den Tag. 
Was den Sultan betrifft, so erfährt der Korrespondent des 
genannten Blattes. daß derselbe mit großer Genugtung 
den Arbeiten der Konferenz entgegensehe, sei es, daß er 
durch die Konferenz die Möglichkeit zur Aufnahme einer 
neuen Anleihe erwartet, oder daß er wirklich der Ueber 
zeugung ist, daß die Konferenz das allgemeine Wohl der 
Bevölkerung von Marokko iördern werde. 
London. Nach Meldungen aus Tokio dürfte der 
japanische Minister des Äußeren Baron Komnra dem 
nächst zurücktreten. Er wird durch den jetzigen Gesandten 
in London Baron Hyishi ersetzt werden. Der frühere 
Gesandte in Petersburg kehrt wieder auf seinen Posten zurück. 
London. Auf dem Uebungsplatze von Salisbury 
finden demnächst Versuche mit einer neuen eingleisigen 
Feldbahn statt, welche den Zweck hat, die Truppen in der 
Front möglichst schnell mit Munition zu versehen. — 
Weiter beabsichtigt der Kriegsminister, die Ordonanz 
offiziere für Kriegszeilen abzuschaffen und dieselben durch 
die Einführung des Feldlelephon zu ersetzen. 
Madrid. Der Prinz und die Prinzessin von Batten 
berg sind gestern in Gibraltar eingetroffen. Es ist wahr 
scheinlich, daß König Alfons Gelegenheit nehmen wird, 
sofort nach keiner Rückkehr eine Begegnung mit dem 
Prinzen und der Prinzessin herbeizuführen. 
Southampton. Der Bürgermeister hat eine Sub 
skription eröffnet zugunsten der Frauen und Kinder der 
untergegangenen Mannschaften des Dampfers „Hilda". 
Gleichzeitig sandte er ein Telegramm an den Bürger 
meister von St. Malo, worin er diesem die aufrichtigsten 
Sympathien für die Witwen und Weisen der Opfer 
ausdrückt. 
Washington. China hat von der russischen Re 
gierung eine Entschädigung von 20 Millionen Dollars ge 
fordert, als Entgeld für die Schäden, welche China 
während des russisch-japanischen Krieges erlitten hat. 
Tientsin. Chinesische Zeitungen melden überein 
stimmend, daß der deutsche Gesandte von Mumm wegen 
der Räumung Nordchinas trotz vieler Konferenzen der 
Gesandten nicht zum Ziele komme, da gewiffe Mächte die 
Räumung für verfrüht erachten. Private Informationen 
stimmen mit diesen Meldungen überein. 
Allgemeines. 
0 Vertragsbruch landwirtschaftlicher Arbeitern 
Der Rücktritt des Justizministers Dr. Schönstedt hat 
einigen Blättern Veranlaffung gegeben u. a. darauf hin 
zuweisen. daß der Gesetzentwurf, betreffend die Erschwerung 
des Vertragsbruchs landwirtschaftlicher Arbeiter und des 
Gesindes, mit dem Reichsrecht nicht vereinbar gewesen sei 
und daß der Staatssekretär des Reichs-Jnstizamtes dies im 
erster Gatte. 
Roman von Franz Triller. 
3Q. t«ach»ru« mietn.) 
.Meinetwegen. Will der sich schlagend 
.Ja das heißt, er soll gefordert werden." 
.Voll wem denn?" . , .. . 
.Von dem neuen Affeffor, Falkenhcnn heißt er, glaub ich. 
Heder erschrak vor dem furchtbaren Geychtsausdruck 
.Mensch, bist Tu wahnsinnig? Bist Du verrückt?" Er 
faßte den kleinen Mann bei den Schultern. ... . „ 
.Laß mich doch los, He.nrich, - - Du tust mir weh 
Weber ließ ihn los, schlug mit der Faun auf den Tisch, daß 
»Das auch noch? Das auch noch? Sind denn alle Teufel 
losgelaffen? Bringt dieses Höllenweib Unheil, wohin es 
kommt? Herr Gott! Herr Gott!" 
Erstaunt tauschte Heder den loilden Gefühlsau^rusuiigen,, 
rrstaunt und von deren Leidenschaftlichkeit erichreckl. Bleck, 
,or innerer Erregung, wandte sich Weber nach ihm um. 
.Erzähle genau. Wann hast Du's gehört?" 
.Vor einer halben Stunde." 
.Weswegen findet die Forderung statt? 
'Der Franzose hat den Affeffor ichwer beleidigt. 
.Es muß doch eine Veranlassung sein? 
.Die wiirde dabei nicht erwähnt aber ,ch glaube, das 
prästoeiitenlöchtercheii ist dabei im Spiele. 
Weber lachte laut aus. .. .. 
.Das auch noch? Prächtig, prächtige , 
Dem kleinen Kanzlisten wurde bei dem genehmen Webers 
tanz unheimlich zu Mutt. Was ,ollte denn das bedeuten? 
schüchtern fragte er nun: .Was 
«an das nickt anzeigen oder wenigstens den. i-ra,.beule, 
inen Wink qeben?" . an. 
.Stecke Deine Rase nicht ,n Dinge, d,e Dich nichts an 
lthen, guter .lost ~ ' 
.Aber es kann doch ein Menschenleben kosten." 
.Ja, das kaiin's kosten." Weber lachte wieder in so selt 
samer Weise aus. 
.Du scheinst die Sache sehr leicht zu nehmen." 
.Ungeheuer leicht. Du aber halte gefälligst den Mund 
über eine Sache, die Du auf nicht ganz unbedenkliche Weise 
erfahren hast. Das ist mein Rat." 
- .Ja, wenn Du meinst, will ich schweigen. Ich habe 
einen Abscheu vor den Duellen. Na, ich habe meinem Herzen 
Luft gemacht. Adieu, Heinrich." 
.Adieu, alte Seele." 
Heder ging. 
.So, also das auch noch? O, zum Gräßlichsten wollen 
wir es doch nicht kommen lassen. Jetzt mag's biegen oder 
brechen." 
Er nahm rasch Urlaub von seinem Vorgesetzten, warf 
sich in eine Droschke und fuhr eilig nach Hause. 
' * * 
Seine Schwester erschrak, als sie ihn erblickte, sie erkannte 
alsbald, daß er leidenschaftlich erregt war. 
.So, jetzt haben wir die Bescherung, die beiden Brüder, 
die Kinder dieses Weibes, werden sich totschießen und wie auf 
dem Theater um die Schwester." 
Es lag ein wilder, hohnvoller Grimm in den Watten 
und in dem Tone, in dem sie hervorgestoßen wurden. 
Der entsetzten Frail teilte er jetzt mit, was er von Heder 
wußte. 
Dann saßen die beiden tief erregten Leute stumm da 
und startten vor sich hist. Endlich sagte sie: 
„Das darf nicht geschehen, Heinrich." 
„Natürlich nicht. Aber was beginnen? Ich sah's 
kommen, als ich erfuhr, daß dieses Weib meinen Lebenskreis 
von neuem berühtte sah Unheil kommen — — aber der 
c^unge der Junge Gott erbarme sich des Jungen, da>; 
n aus dieser Tragödie glücklich herauskommt und nicht ein 
Schatten auf sein ganzes zukünftiges Leben fällt." 
Er ging auf und ab, Frau Steinmüller saß still da m,t 
gefalteten Händen und weinte. 
Reichstage nachgewiesen habe. Diese Behauptung ist irrig, 
wie aus den parlamentarischen Verhandlungen klar her 
vorgeht. Der Justizminister hat in der Sitzung des Ab 
geordnetenhauses vom 8. Juni v. I. die Zuständigkeit der 
Landesgesetzgebung zum Erlaß des in Aussicht genommenen 
Gesetzes dargelegt, seine Ausführungen gipfelten darin, daß 
die Materie des Vertragsbruches im Reichs-Strafgesetzbuche 
nicht geregelt, also der Landesgesetzgebung nicht entzogen 
sei, und daß auch sonstige reichsrechtliche Vorschriften, ins 
besondere die Bestimmungen der Gewerbe-Ordnung, nicht 
entgegenständen. Zugleich empfahl der Minister, den Ent 
wurf nicht, wie von verschiedenen Seiten gewünscht wurde, 
im Plenum zu erledigen, sondern einer Kommission zu 
überweisen, damit eine Nachprüfung im Einzelnen statt 
finden und verhindert werden könne, daß aus der nicht 
unanfechtbaren Fassung deS Gesetzes Dinge herausgelesen 
würden, die, wie aus der Begründung klar hervorgehe, 
seitens der Staatsregierung nicht beabsichtigt worden seien. 
In der Reichstags-Sitzung vom 16. Juni v. I. hat dann 
der Staatssekretär deS Reichs-Justizamts in Wiederholung 
deffen, was der Minister im Abgeordnetenhause erklärt 
hatte, die Fassung des Entwurfs als verbesserungsbedürftig 
bezeichnet, im Übrigen aber die Behauptungen, daß die 
Vorlage gegen reichsgesetzliche Bestimmungen verstoße, 
eingehend widerlegt und seine Ausführungen schließlich 
dahin zusammengefaßt, daß der Entwurf mit dem Reichs 
recht und der Reichsverfaffung völlig im Einklänge stehe 
und daß dem Reichskanzler jede Veranlaffung fehle, gegen 
über dem preußischen Gesetz-Entwürfe, die Rechte des 
Reichs zu wahren. 
sj Der russische Eisenbahn-VerkehrS-Wirrwarr 
verursacht den preußischen Staatsbahn-Verwaltungen un 
sägliche Mühe und Arbeit; fortgesetzi bringt der Telegraph 
Meldungen über die Wiederaufnahme oder Wiederein 
stellung des Personen- oder Güterverkehrs, die sich nicht 
selten direkt widersprechen. Die Verfrachter und Geschäfts 
leute sind in Heller Verzweiflung und bestürmen die Ver- 
kehrsbüroS mit Fragen, ob und auf welchem Wege sie 
Waren ohne Gefahr absenden dürfen, ob und wann ihnen 
avisiette Güter hier eintreffen werden rc. Am Montag 
Nachmittag war die Situation die folgende: Über Eydt- 
kuhnen (Wirballen) war der Personen- und Güterverkehr 
nur bis Dwinsk (Dünaburg) frei; über Mlawa war der 
Verkehr auf den Weichseleisenbahnen im vollem Umfange 
wiederaufgenommen; über Sosnowiceund Herby konnten 
nur Personenzüge befördert werden, der Güterverkehr 
blieb gesperrt (über Sosnowice nur in der Richtung nach 
Rußland); der Güterverkehr über Grajewo wurde zum 
großen Teil wieder aufgenommen. — Güter für Prag, 
Uebergang und österreichische Südbahn, werden in Tetschen 
wieder übernommen. 
.Rudolf ist beleidigt und muß fordern, selbstverständ 
lich der Franzose muß ihm glänzende Abbitte leisten oder 
einem Rencontre aus dem Wege gehen." 
.Und wer will ihn dazu zwingen?" 
.Ich. Es ist grauenhaft, noch einmal vor diese Person 
hintreten zu müssen, aber es ist das einzige Mittel, ich muß 
dieses Opfer bringen." 
.Du hast Recht, sie muß hier eingreifen. Aber Du darfst 
nicht gehen, Heinrich, Dich ivürde der Grimm zu schlimmen 
Dingen verleiten, nein, laß mich gehen, ich will schon reden." 
Nach einer Weile sagte Weber: .Ja, es ist besser, Du 
gehst, in mir schlummett eine Welt voll Zorn. Sag ihr 
nur, daß ein Wott von mir das ganze Kattenhaus ihres Glücks 
über den Haufen werfen könnte und daß ich nur unter der 
Bedingung schweige, daß die Sache ehrenvoll für Rudolf 
geordnet wird, ohne daß er je erfährt, welche Einwirkungen 
hier stattgefunden haben." 
»Sei sicher, Heinrich, daß ich deutlich mit ihr reden werde, 
in mir wacht von Zeit zu Zeit das Blut derer von Falken 
hain auf." 
.Geh Du bist meine Schwester." 
Als Frau von M-nrod sich am anderen Tage von ihrem 
Lager erhob, erwachte ihr Unwille über das Benehmen Maries 
mit erneuter Stärke. 
Am meisten erbitterte sie, daß er, der Andere, Zeuge 
der schroff ablehnenden Haltung des Mädchens dem Marquis 
gegenüber gewesen war — — und sie zweifelte jetzt auch 
nicht mehr — daß dem .Anderen" das Herz des so einsam 
erwachsenen Mädchens angehörte. 
Ein unsagbarer Haß gegen Rudolf verschlang jeyt alles, 
was sich an Muttrrgefühlen in ihr ihm gegenüber hätte 
regen können. 
Das Kind ihres Herzens war der junge Franzose — der 
.Andere" nur lebender Zeuge einer Periode ihres Lebens, an 
die sie nur mit Schaudern dachte. 
Fortsetzung folgt.)
        
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