Path:
Periodical volume Nr. 209, 06.09.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Medenaner Grtsteil von Schöneberg nnd den Vezirksverein Süd-West. 
Unparteiische Zeitung flr trommle 
Bezugspreis 
bei Abholung aus der Expedition, Rhein- 
irratze 15,1,20 M. vierteljährlich; durch Boten 
rnS Haus gebracht oder durch die Post be 
zogen 1 M. 50 Pf., monatlich 50 Pf. 
Bestellungen 
in der Expedition, bei sämtlichen Zeitungs- 
fpediteuren und Postanstalten. 
Fernsprecher: Nr. 138. 
Erscheint täglich abends 
Besondere 
Jeden Mittwoch: 
WihSkcrtt „Seifenblasen". 
Druck und Verlag von 
Leo Schultz in Friedenau. 
und bürgerliche Angelegenheiten. 
Erscheint täglich abends 
Beilagen 
Jeden Sonnabend: 
W kälter für deutsche Krauen. 
Verantwort!. Redakteur: 
Leo Schultz in Friedenau. 
Anzeigen 
werden bis 1 Uhr mittags angenommen. 
Preis der 5 gespaltenen Zeile oder deren 
Raum 25 Pf. 
Die Reklamezeile kostet 60 Pf. 
Anzeigenannahme 
in der Expedition, Rheinstraße 15, sowie 
in allen Annoncenexpeditionen. 
Fernsprecher: Nr. 188. 
Nr. 273. Friedenau, Montag den 20. November 1905. 13. Iahrg. 
Depeschen. 
Berlin. Zum neuen Justizminister ist Herr 
Dr. Beseler, Oberlandesgerichtsrat in Breslau, ernannt. 
Das Abschiedsgesuch des bisherigen Justizminister ist ge 
nehmigt worden. 
Wien. In 25 sozialistischen Versammlungen wurde 
gestern Propaganda für die Beteiligung der Arbeiterschaft 
an der Wahlrechtsdemonstration am 28. November gemacht. 
Kiew. Hier hat sich eine konstitutionelle Partei 
und in Witebsk eine Friedenspartei gebildet, die es sich 
zur Aufgabe gemacht haben, auf Grundlage des Manifestes 
vom 30. Oktober die Regierung in der Durchführung der 
Reformen zu unterstützen. Der Generalgonverneur be 
absichtigt, unter Mitwirkung der Senatoren eine Unter 
suchungskommisston zu ernennen, welche sich mit den 
Ursachen der letzten Unruhen in Bessarabien zu befassen hat. 
Paris. Der „Eclair" meldet aus Petersburg, in 
informierten Kreisen verlaute, die Stellung Wittes sei 
stark erschüttert; als Nachfolger nenne man bereits 
Lnrnowo, dessen Einfluß mit jedem Tage wachse. 
London. Ein Schiffsbruch des Dampfers „Hilda" 
hat bei St. Malo stattgefunden. Das Unglück ereignete 
sich 10 Uhr Abends, das Schiff sank binnen zwei Minuten. 
Der Kapitän hatte sich bei dem nebligen Wetter durch 
das Licht des Leuchtturmes irreführen lasten. Nach einem 
später eingetroffenen Telegramme konnte ein Boot des 
Dampfers „Ada" 12 Pastgiere und einen Matrosen retten, 
welche sich in den Masten des gesunkenen Schiffes fest 
gehalten hatten. An Bord befanden sich 70 Passagiere, 
während die Besatzung 28 Mann zählte. Die Katastrophe 
ereignete sich, als die meisten Paffagiere schliefen. Dadurch 
erklärt es sich auch, daß nur zwei Rettungsboote herab 
gelassen worden sind. Ein Boot mit 12 Geretteten ist in 
St. Malo eingetroffen. Das zweite Boot wurde bei Cast 
leer an den Strand geworfen. Da dort auch 13 Leichen 
angeschwemmt wurden, glaubt man, daß das Boot 
kenterte und die Insassen von der „Hilda" ertrunken sind. 
Mehrere Dampfer sind an den Ort der Katastrophe ab 
gegangen, um die Leichen aufzunehmen. Bon der ,;Hilda" 
sieht man nur noch die Masten und einen Teil des 
Dampfeis. Die genaue Zahl der Überlebenden konnte 
noch nicht festgestellt werden. 
Glasgow. Bei dem Brande eines Hauses sind ins 
gesamt 40 Personen umgekommen, während 35 schwere 
Wunden davongetragen haben. Man glaubt, daß nur die 
wenigsten mit dem Leben davonkommen werden. Unter 
den Opfern befinden sich auch die Gattin eines Lords und 
die eines Obersten. 
Tanger. Der Ausstand der Hafenangestellten dauert 
wegen der Nichtbezahlung der Löhne seitens des Maghzen 
fort. Fünf Schiffahrtsgesellschaften mußten infolgedessen 
ihren Betrieb einstellen. — Die Angriffe gegen die 
Ihr erster Gatte. 
Roman von Franz Treller. 
10. (Nachdruck verdorrn.) 
Falkenhain wurde bleich, und seine Augen schleuderten einen 
Blick grimmigen Zornes auf den frechen Herausforderer, doch 
entschlüpfte seinen Lippen kein Lallt. Er grüßte höflich die 
anwesenden Herren und entfernte sich ruhig mit seinem Be 
gleiter aus den, Spielzimmer. 
Draußen sagte dieser: „Wenn es Ihnen an einem Bei 
stände fehlt, Herr von Falkenhain, ich bin gern bereit, als 
solcher zu fungieren." , 
„Ich danke Ihnen herzlich, doch kann ich Lahrbnsch, der 
mich hier einführte, nicht übergehen. Sollte er aber, er hat 
vielleicht Grund dazu, ablehnen, so werde ich Sie um die 
Ehre bitten, die notwendigen Schritte für mich zu tun." 
Gleich darauf verließ er das Klubhaus. 
* ■* * 
Am anderen Morgen saß Regierungsrat von Lahrbusch 
seelenvergnügt schon zu früher Stunde aus seinem Bureau, als 
Falkenbain bei ihm eintrat. 
„Was gibt es, Assessor, ist der Staat in Gefahr?" 
„Nicht ganz." 
„Setzen Sie sich und stecken Sie sich eine Zigarre an." 
Falkenhain setzte sich, lehnte aber die Zigarre ab. Dann gab 
er einen kurzen Bericht über die gestrigen Vorgänge und 
knüpfte daran die Bitte, den Marquis alsbald zu fordern, 
fügte aber hinzu, daß für alle Fälle Referendar von Belzig 
ihm seinen Beistand zugesagt habe. 
Der sonst so gutlaunige Regierungsrat war ernst geworden. 
„Fatale, sehr fatale Geschichte, fatal in mehr als einer 
Hinsicht." 
„Doch bleibt nichts anderes übrig." ' 
"Natürlich nicht. Ich will Ihnen was sagen, lieber 
Kollege, ich ivürde ohne weiteres Ihr Kartellträger sein. 
Europäer mehren sich. Gestern wurde ein Spanier von 
einer marokkanischen Bande ergriffen, vor die Tore der 
Stadt geschleppt und dort schwer mißhandelt. 
Madrid. Die „Korrespondizia" meldet, daß im 
Mai die Verlobung des Königs Alfons mit der Prinzeß 
von Battenberg stattfinden werde. 
Konstantinopel. Die Pforte ließ auch den 
18. November ohne eine Antwort vorübergehen. Doch 
wird diese, wenn sie überhaupt an die Großmächte erfolgt, 
negativ lauten. Die größte Schwierigkeit liegt darin, daß 
der Sultan seinen sämtlichen Ratgebern strikte verboten 
hat, mit ihm über die mazedonische Finanzkontrolle zu 
sprechen. 
Montreal. Eine Anzahl im arktischen Ozean un 
weit Banks-Land befindlicher Walfisch-Schiffer sieht ihrer 
Zerstörung in Eismassen entgegen. Die einzige Hoffnung 
zur Rettung der Mannschaft ist ein Marsch über das Eis 
nach dem 500 Meilen entfernten Mackenzie-Flusse. Eine 
Hilfesendung ist unmöglich. 
Lokates. 
t Für den Handel mit frischen Blumen an 
den ersten Feiertagen war es bisher gestattet, die Ge 
schäfts auch in der Zeit von 12—2 Uhr offenzuhalten. 
Diese Ausnahmestellung der Blumengeschäfte wurde zum 
ersten Male Weihnachten vorigen Jahres aufgehoben. 
Eingaben und persönliche Vorstellungen im Handels 
ministerium wie im Polizeipräsidium um Freigabe der 
früheren Verkaufszeit hatten keinen Erfolg. Der Verein 
der Blumcngeschästsinhaber in Berlin (E. D.) hat daher 
an den neuen Handelsminister eine Eingabe gerichtet mit 
der Bitte, eine nochmalige Prüfung dieser Angelegenheit, 
die ihren Beruf auf das empfindlichste schädigt, verfügen 
zu wollen, und dem Vorstande in einer Audienz Gelegen 
heit zu geben, die Gründe, die für die Aufhebung dieses 
Verbotes sprechen, persönlich vorzutragen. 
f Elektrische Straßen belenchtung. In der 
Rheinstraße an der Kaisereiche brannten am Sonnabend 
-zum ersteumal einige elektrische Straßen-Bogenlampen. 
Es schien sich vorerst nur um eine Probebeleuchtung zu 
handeln. 
f Mit der baulichen Erschließung des umfang 
reichen Südwest-Geländes von Wilmersdorf soll demnächst 
begonnen werden. Dieser außerhalb der Ringbahn 
liegende Ortsteil, der im Westen an Schmargendorf, im 
Süden an Dahlem und Steglitz und im Osten an Frie 
denau grenzt, wird von zwei großen Prachtstraßen durch 
schnitten werden, die sich etwa in der Mitte in dem über 
vier Morgen großen Rüdesheimer Platz kreuzen. Die 
eine dieser Diagonalstraßen läuft vom Heidelberger Plaß, 
am Ringbahnbof Schmargendorf, in südöstlicher Richtung 
bis zum Aachener Platz und führt den Namen „Heide!» 
——————WM—W—B 
versteht sich von selbst, käme mir auf ein paar Monate 
Festung nicht an aber nun Belzig hm. Sehen 
Sie, lieber Freund Sie kennen das Netz, das über mir 
schwebt aber nehmen Sie es nicht übel weitn 
Belzig will " 
„Schon gut, mein lieber Herr von Lahrbusch," erwiderte 
lächelnd Falkenhain, „ich weiß, daß Sie mich nicht sitzen 
lassen würden, aber bei diesen seltsamen Umständen will ich 
von Herrn Belzigs Anerbieten annehmen." 
„Fatale, sehr fatale Geschichte. Ich zweifle nicht im 
geringsten, daß Sie dem windigen Patron eine gehörige Lektion 
geben werden, denn Sie sollen, wie ich gehört, ein vorzüg- , 
licher Schütze sein, und Sie können den Burschen doch nur 
vor die Pistole nehmen — — aber — — Fräulein von 
Manrod? — — Wird der das nicht zu Herzen gehen?" 
„Marquis de Fleury ist nicht blutsverwandt mit ihr." 
„Ah so ist Madame nicht ihre Mutter? Gut. 
Aber doch — — na. lieber Kollege, es läßt sich nicht anders 
tun, denn eine Entschuldigung gibt's dafür nicht. Also Sie 
verdenken es mir nicht?" 
„Gewiß nicht. Ich werde sogleich Herrn von Belzig 
aufsuchen." 
Damit ging Falkenhain. 
„Sehr fatale Geschichte für ihn," sagte der Regierungsrat 
hinter ihm her. „Ich zweifle nicht, daß das herzige Mädchen 
ihm gut ist. Gott sei Dank, daß sie nicht die Halbschwester 
dieses gallischen Affen ist und ich gönne sie Falkenhain, 
der mit Glücksgütern nicht gesegnet scheint. Ganz fatale Ge 
schichte, so sehr ich dem Gamin eine Lektion gönne. Frecher 
Patron." 
Er setzte sich wieder an die Arbeit. 
Er hatte kein Arg daraus, daß im Nebenzimmer der 
Kanzleisekretär Heder einen Attenauszug gemacht und daß die 
nicht geschlossene Tür ihn gezwungen hatte, die ganze Unter 
redung mit anzuhören. Er bemerkte auch nicht, wie der Se 
kretär, der sein Bureau in einem weit entlegenen Teile des 
sehr umfangreichen Gebäudes hatte, sich still durch die nach 
bergerstraße", während sich die zweite Diagonalstraße, der 
„Südwest-Korso", vom Hanauer Platz an der Augusta- 
straße in südwestlicher Richtung bis zum Rastatter Platz 
hinzieht. Nach der Schmargendocfer Grenze zu wird eine 
nahezu sechs Morgen große Platzanlage, der „Wiesbadener 
Platz", geschaffen werden. Für den Rüdesheimer und 
Wiesbadener Platz befinden sich die Projekte bereits in 
der Ausarbeitung. Dieser neue Ortsteil wird im Villenstil 
angelegt werden und in den mit Allcebäumen bestandenen 
Straßenzügen breite Vorgärten erhalten; Straßenbahn 
linien sind für später in den Hauptverkehrswegen vorge 
sehen. 
f Handelsgewerbe und Sonntagsruhe. In 
diesem Jahre fallen der 24. und 31. Dezember auf Sonn 
tage. Infolgedessen ist aus Geschäftskreisen der Wunsch 
verlautbar worden, an diesen beiden Tagen aus Rücksicht 
auf den gesteigerten Geschäftsverkehr zu Weihnachten und 
Neujahr die Geschäftszeit über die regelmäßig zugelassenen 
fünf Stunden hinaus auszudehnen. Ein ministerieller 
Runderlaß verfügt demgemäß, daß eine Verlängerung der 
Geschäftszeit im Handelsgewerbe an jenen beiden Sonn 
tagen, soweit sie nach den örtlichlichen Verhältnissen ge 
rechtfertigt sein sollte, zu erfolgen hat. Jedoch soll auch 
im laufenden Jahre keinesfalls eine Verlängerug der Ge 
schäftszeit an mehr als sechs Sonn- oder Festtagen — für 
den Papierhandel an mehr als sieben Sonn- oder Fest 
tagen — statthaft sein. 
t Wichtig für unsere Hausfrauen. Es sei 
hiermit nochmals darauf aufmerksam gemacht, daß des 
Bußtages wegen der Markt bereits Morgen abgehalten 
werden wird. 
t Verbesserte Beleuchtung haben nunmehr die 
Stadt- und Ringbahnzüge „probeweise" dadurch erhalten, 
daß Glühstrümpfe zur Verwendung kommen, die ein viel 
helleres Licht als die einfache Gasflamme geben. 
-J- Schlaganfall. Herr Lehrer Lampel wurde am 
Sonnabend früh auf dem Rixdorfer Bahnhof, als er nach 
Friedenau zur Schule fahren wollte, ohnmächtig. Der 
herbeigerufene Arzt stellte einen Schlaganfall fest und 
ordnete die Überführung in das Rixdorfer Krankenhaus 
an. Das Befinden ist nach Aussage des behandelnden 
Arztes, den Umständen nach, zufriedenstellend. Die Er 
krankung des Herrn Lampel hat in Elternkreisen lebhafte 
Teilnahme hervorgerufen, denn er hat es verstanden, in 
der kurzen Zeit seiner Tätigkeit an der hiesigen Gemeinde 
schule, sich das vollste Vertrauen der Eltern zu erwerben. 
t Eine Probe-Alarmierung der Ncttungs- 
züge fand am gestrigen Sonntag Mittags vom Wannsee 
bahnhof in Friedenau in Gegenwart des Präsidenten der 
Königlichen Elsenbahndirektion Berlin, der zuständigen 
Dezernenten und der Berliner Bahnärzte statt. Es wurde 
angenommen, daß ein auf den Potsdamer Ferngleisen 
dem Korridor führende Tür entfernte. Der kleine Herr wünschte 
nicht, daß man erfuhr, er sei Zeuge der Unterredung gewesen. 
• * 
♦ 
Kurze Zeit darauf schlüpfte Heder in den Aktenraum, 
der seinem Freunde Weber zum Aufenthalte diente. 
Weber war, wie seit einiger Zeit schon, sehr schlechter 
Laune. Daß der kleine Kanzlist etwas auf dem Herzen hatte, 
das gern herunter ivollte, sah ihm Weber sofort an. 
„Nun, was gibt's, alle Plappermühle?" 
„Sei nicht immer so rücksichtslos, Weber, gegen mich." 
„Na na, alte Seele, Du weißt ja, ich meine cs 
nicht so aber, daß Tu geladen bist, kenne er ich 
also schieß los." 
„Es ist eine ganz merkwürdige Geschichte — * 
„Derne Geschichten sind alle merkwürdig." 
„Es geht etwas Furchtbares bei uns vor. Uebrigens habe 
ich jetzt den neuen Regierungsassessor zum ersten Male in 
der Nähe gesehen er hat eine merkwürdige Aehnlichkeit 
mit Dir." 
„Muß also ein schöner Mann sein," sagte Weber gut 
gelaunt. 
„Ist er auch, warst Du ja auch * 
„Nun ja, mir recht also lasse einmal das Furcht 
bare hören." 
Ganz leise sagte Heder: „Ein Duell." 
Weber zuckte doch zusammen, denn sein erster Gedanke 
war dabei an Rudolf, den Heder eben erwähnt hatte. 
„Zwischen wem denn?" 
„Ich habe es ganz wider meinen Willen erfahren und 
weiß nicht, ob ich nicht verpflichtet bin, Anzeige davon zu 
machen." 
„Werde ich denn nun erfahren, wer sich schlägt, oder 
weißt Du das nicht." 
„O, ja. Du weißt doch, daß unser Präsident einen fran 
zösischen Stiefsohn hat?" 
,-rorkienuna folgt.)
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.