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Periodical volume Nr. 272, 18.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den ßriedenaner Grtsteil von Schöneberg und den Bezirksverein Süd-West. 
Unparteiische Jrltung für kommunale 
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Leo Schultz in Friedenau. 
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Leo Schultz in Friedenau. 
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Kr. 272. 
Friedenau, Sonnabend den 18 November 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Berlin. Zur Einberufung des Landtags macht der 
Minister des Innern bekannt, daß die Benachrichti 
gung über Ort und Zeit der Eröffnungssitzung im Büro 
des Herrenhauses. Leipzigerstr. 3, bezw. des. Abgeordneten 
hauses, Prinz-Albrechtstr. 5/6, am 4. Dezember' d. I. in 
den Stunden von 9 Uhr Vorm, bis 8 Uhr Abds. und 
am Eröffnungstage, 6. Dezember, von 9 Uhr Vorm, ab, 
offen liegen wird. In den bezeichneten Büro werden auch 
die Legitimationskarten zur Eröffnungssitzung ausgegeben 
und alle sonstigen Mitteilungen in bezug auf die letzten 
gemacht werden. 
Kiel. Das Torpedoboot S. 126 ist gestern Abend 
8 8 / 4 Uhr in der Nähe von Buelk mit dem kleinen Kreuzer 
Undine zusammengestoßen und gesunken. Oberleutnant 
Kayser und 32 Mann der Besatzung werden vermißt. Sie 
sind höchstwahrscheinlich ertrunken. Der Obermaschinist 
Ammann ist lebensgefährlich verletzt. DSt Kollisionsschacht 
der Undine ist voll Wasser gelaufen. Heute früh gingen 
Hilfs-Fahrzeuge von der Kieler Werft nach der Unfall 
stelle ab. 
Eisenach. Auf dem Karlsplatze wurde um Mitter 
nacht die Feuerwehr alarmiert und gegen die Menschen 
ansammlungen mit Spritzen vorgegangen. Die in An 
betracht der Reichstagsstichwahl von den Behörden ge 
troffenen strengen Maßregeln erregen hier großes Aufsehen. 
Dorislaw. In Schacht 23 der Anglo-Galizia brach 
eine Feuersbrunst aus, die auf zwei Schächte der Kar- 
pathen-Petroleum-Gesellschaft Übergriff. Bisher ist es nicht 
gelungen, den Brand zu lokalisieren. 
Wien. Der „N. Fr. Pr." telegraphiert man aus 
Petersburg: Das Leben in der Stadt hat sich bis jetzt 
wenig verändert. Die Ruhe wurde nicht gestört und die 
Folgen der Verkehrsstockung können sich erst nach einiger 
Zeit in größerem Maße zeigen. In der Bürgerschaft 
wächst der Unwille gegen die Revolutionäre und in der 
Arbeiterschaft die materielle Not. Ein Volkshaufe, welcher 
gestern unter antisemitischen Rufen in die Gordon-Apotheke 
eindrang, wurde von der Polizei verhaftet. 
Nach Petersburger P ivatmeldungen, soll das russische 
Ministerkomitee im Prinzip seine Zustimmung zur zeit 
weiligen Aufhebung des russischen Zolles auf Erdrohöl 
gegeben haben. 
Luxemburg. Die Beisetzung des Großherzogs erfolgt 
provisorisch auf Schloß Hohenburg. Sobald der Tag der 
Beisetzung bestimmt ist, tritt die luxemburgische Kammer 
zusammen und ernennt eine Abordnung, die in Schloß 
Hohenburg der Beisetzung beiwohnen und dieselbe Ab 
ordnung kann auch, wenn es der Thronfolger wünscht, 
und wenn er die bei seinem Zustande beschwerliche Reise 
Jßr erster Gatte. 
Roman von Franz Treller. 
]g. ('JZacöbnirf verböte«.) 
.Weißt Du) liebste Mama, bisher habe ich mich nur 
Deiner überlegenen Einsicht und Deiner mütterlichen Fürsorge 
gefügt — — aber jetzt ich werde mich von dem ger 
manischen Tölpel doch nicht ausstechen lassen?" 
.Bitte sie um Verzeihung, sieh Dein Unrecht ein, ent 
schuldige es mit einem Uebermaß von Liebe. Sei klug, 
Knabe, Deine ganze Zukunst hängt davon ab. Auch 
gib sofort Herrn von Manrod eine genügende Erklärung." 
.Ganz, teuerste Mama. wie Du befiehlst. Pah, was 
find alle diese plumpen deutschen Weiber gegen Dich!" 
Er küßte ihr die Hand und begab sich in den Ballsaal. 
„Wildsang! Wildfang!" 
Mit einem zärtlichen Blicke schaute sie ihm nach. 
* * 
Falkenhain war nur der dringenden Aufforderung des 
Regierungsrates gefolgt, als er im Klub erschien, der einer 
gewählten Gesellschaft zum Sammelpunkte diente. Er hatte 
es dem ihm sympathischen Manne nicht wiederholt abschlagen 
wollen, dort zu erscheinen. 
Herr von Lahrbusch stellte Falkenhain vor, der von allen 
Seiten freundlichst begrüßt wurde, und ließ sich mit ihm in 
einem Kreise Herren nieder, in dem bald lebhafte Unter 
haltung herrschte. 
Nebenan wurde Billard, Schach und Karten gespickt. 
Gelegentlich äußerte Lahrbusch: „Wenn Sie ein kleines 
Ieuchen machen wollen, Kollege, das können Sie hier auch 
haben. Wir zählen unter uns einige Spielratten, die sich 
die Nacht hindurch gegenseitig das Geld abnehmen " 
.Nein, ich danke, ich bin kein Freund des Hasards." 
.Ich auch nicht, regt mich auf und ich bin ein Mann 
der Behaglichkeit und halte mir alle Aufregung fern." 
nach Luxemburg scheut, die Eidesleistung des Thronfolgers 
entgegennehmen. 
Strafiburg. Anläßlich der stattgehabten Einweihung 
der neuen Moselbrücke bei Moullins, erklärte der reichs 
ländische Landwirtschaftsminister, Zorn von Bullach, der 
„Lothr. Volksstimme" zufolge, im folgenden Jahre würden 
alle von Metz nach Frankreich führenden Schleusen des 
Kanals erweitert und vertieft werden. Die Ausführung 
dieses für die Reichslande so bedeutsamen Werkes sei dank 
dem Entgegenkommen der französischen Regierung möglich 
geworden. Es sei zu hoffen, daß sich auf dem Kanal, 
der in Frankreich Anschluß an das große Kanalnetz habe, 
ein recht inniger Verkehr mit Frankreich entwickeln werde. 
Paris. In Redan stürzten 15 Steinhauer infolge 
Zusammensturzes eines Gerüstes ab, drei waren auf der 
Stelle tot, 9 wurden schwer und 3 leicht verletzt. 
Paris. In Rennes zerstörte gestern Abend eine 
Feuersbrunst das Zeughaus. Das Feuer entstand in der 
Patronenhülsenfabrik. Das gesamte Material sowie große 
Mengen Patronen sind zerstört. Die letzteren explodierten, 
ohne jedoch Personen zu verletzen. Es ist noch nicht fest 
gestellt, ob es sich um einen Unfall oder Verbrechen handelt. 
Warschau. Die Meldung auswärtiger Blätter, daß 
die sozialistische Führerin, Frau Dr. Ester Golde, erschossen 
worden sei, ist unrichtig. Nach ihrer eigenen Aussage be 
findet sie sich beim besten Wohlsein. 
Petersburg. Der Rat der Arbeiterdelegierten be 
schloß die Fortsetzung des Ausstandes bis nach Abschaffung 
der Todesstrafe. Die streikenden Eisenbahner hielten in 
Zarskoje Selo einen Eisendahnzug an, der nach Petersburg 
gehen sollte und töteten den Maschinisten. Gestern Abend 
drangen Streikende in ein Theater und störten die Vor 
stellungen. In bürgerlichen Kreisen herrscht große Ent 
rüstung über die Schwäche der Regierung, welche augen 
blicklich nichts tut, um die Ausschreitungen zu verhindern. 
Petersburg. In' vieleu Fabriken, so in den elek 
trischen Helios-Werken wurde ein Rubel pro Mann ver 
teilt. Jetzt, wo außer den Regierungsblättern keine 
Zeitungen erscheinen, wird das von der Zensur erlaubte 
Flugblatt „Stimme des Volkes" stark vertrieben, das in 
vulgären Ausdrücken die Semstwo-Männer, die Intelligenz 
und die Juden als Vaterlandsfeinde bezeichnet. Viele 
Drohbriefe gehen den liberalen Führern zu. Das gestrige 
Bauernmanifest ist sehr gut, weil es den Bauern nicht 
direkt Land gibt, was blutige Konflikte ergeben hätte. 
Es besteht Hoffnung, daß heute der Streik beendet wird. 
Sitzung der Gemeindevertretung 
vom 16. November 1905. 
(Schluß.) 
Zu Punkt 4: „Schaffung neuer Stellen in der Ver 
waltung", referierte der Herr Bürgermeister. Man wolle 
„Sollte nicht eine glückliche Ehe viel zur Behaglichkeit 
dieses Daseins beitragen?" 
Der Regiernngsrat stäubte die Zigarre ab, schaute vor 
sich hin und sagte dann: .Ja, hm, 's ist eine Lotterie. Ich 
weiß )a, worauf Sie anspielen aber na, wenn man 
nur genau wüßte, wie das wird." 
.Ich würde es wägen." 
„Ja. Sie Sie sind ein junger, schlanker Herr, nicht 
bei Epikur in die Schule gegangen — hm schon der 
Gedanke regt mich auf — — aber — — übrigens da fällt 
mir ein, daß man mich bei Halldorfs erwartet grund 
gütiger Himmel, das habe ich beinahe vergessen. Würden Sie 
es nur übel nehmen, wenn ich Sie verlasse? Aber Sie sind 
ja eingeführt, haben Bekannte hier Sie nehmen es 
mir nicht übel. Ich fürchte, mein Schicksal reißt mich mit 
sich fort." 
„Gehen Sie nur ruhig ich bleibe noch eine Stunde hier, 
und hoffentlich wird das Schicksal gnädig mit Ihnen umgehen." 
„Sie sprechen ein großes Wort. Aber ich muß eilig 
fort." Er entfernte sich, und Faltenhain unterhielt sich mit 
einem jungen Referendar. 
Falkenhain hatte gefürchtet, hier mit Fleury zusammen 
zu treffen, was ihm nicht angenehm gewesen wäre, aber 
Lahrbusch hatte ihm versichert, daß er sich wohl kaum scheu 
lassen werde, da ihm doch recht deutlich zu verliehen gegeben 
worden sei, daß seine Anwesenheit nicht gewünscht werde. 
Der junge Kollege Falkenhains erbot sich, ihm die aus 
gedehnten und sehr behaglich eingerichteten Klubräume zu 
zeigen, was dieser gern annahm. 
Als sie im oberen Stock waren, deutete der Referendar auf 
eine Tür: „Dadrin herrscht Fortuna und verteilt blind ihre 
Gaben. Lassen Sie uns einen Augenblick eintreten " 
„Ich spiele nicht/' 
„Ist auch gar nicht nötig. Wir schauen einen Augen 
blick zu, es ist nicht uninteressant, kein Mensch bekümmert 
sich um uns. Ich spiele auch nicht. —" 
Er öffnete die Tür und ließ Falkenhain eintreten.. 
die größeren Sachen schon jetzt in Ruhe durchberaten und 
nicht erst abwarten bis zur nächsten Etatsberatung. Vor 
allem ist die Anstellung eines Standesbeamten und Polizei 
beamten sehr notwendig und wünsche er, daß dieses noch 
heute erledigt würde, damit der Standesbeamte sich zum 
1. April noch ausbilden könne und die Polizeibeamten die 
Polizeischule besuchen könnten. Herr G.-V. Homuth 
hätte sich eine so hohe Summe für die Verwaltung nicht 
vorgestellt, es kämen ja da ca. 10 M. pro Kopf der Ein 
wohnerzahl auf die Verwaltung. Er glaubt, es könne doch 
wohl da noch gespart werden. So gut, wie bei uns in 
der Gemeindeverwaltung, hätte es kein Staatsbeamter. 
Herr G.-V. Sch re mm er taxiert die Unkosten noch höher. 
Nicht nur die persönlichen Unkosten steigen, nein auch die 
sächlichen. Ter Herr Bürgermeister hält die Berechnung 
pro Kopf der Bevölkerung nicht für richtig. Eine kleinere 
Verwaltung arbeitet aber höher als eine größere. Er ist 
auch stets für das Prinzip zu sparen, es wird sich aber 
nichts abhandeln lassen, man habe sich auf das not 
wendigste beschränkt. Den Beamten könne er nur ein 
gutes Zeugnis ausstellen, sie haben viel Überstunden ge 
macht. Er will gern bei den einzelnen Positionen Auf 
klärungen geben. Herr G.-V. Schreprmer warnt auch für 
zu hohe Ausgaben für die Verwaltung, man müsse sehen, 
daß man das Augenmerk auf ständige Einnahmen richte. 
Die Einnahmen aus den Sportpark rc. sind doch nur 
einmal. Die Ausgaben kehren aber immer wieder. 
Man trat nun in die Beratung der einzelnen 
Positionen: 
Anstellung eines Assistenten für das Hauptbüro. Der 
Herr Bürgermeister bittet um Anstellung dieses Beamren, 
da er den Bürovorsteher gern zur Aufsicht haben möchte 
und auch zu seiner persönlichen Unterstützung. Ferner 
haben 2 Supernumerare, die Assistentenprüfung be 
standen und sind diese beiden Stellen neu zu besetzen. Es 
wird die Notwendigkeit der Besetzung dieser 3 Stellen 
anerkannt. 
In der Kanzlei macht sich die Anstellung einer Hilfs 
kraft für die Schreibmaschine notwendig. Es empfiehlt 
sich hierzu die Anstellung einer Dame, die in einem 
separaten Zimmer dann untergebracht werden müßte. Man 
könne eine der neugemieteten Küchen zu diesem Zimmer 
einrichten. Die Anstellung wird genehmigt. 
Im Rechnungsbüro müsse zur Unterstützung des 
Herrn Bork eine neue Kraft gewonnen werden, da der 
Herr nicht imstande ist. alle Arbeiten zu bewältigen. Er 
hat viele Arbeiten in Überstunden zu Hause gemacht. Es 
müsse unbedingt eine Hilfskraft angestellt werden, die 
Herrn Bork vertreten könne, denn jetzt wäre niemand zu 
seiner Vertretung da. Die Arbeiten mehren sich immer 
mehr. Die Prüfung der Rechnungen, die Vorbereitungen 
für die Kassenrevisionen, alles dies unterliege diesem 
Ein hervorgezischter sranzölffcyer Fluch empfing ihn und 
er sah Fleurys bleiches Gesicht vor sich, der eben einen 
schweren Verlust erlitten haben mußte. 
Es wurde „trente et quarante" gespielt. 
Im gleichen Augenblick traf auch des Marquis' Blick 
Falkenhains ruhiges Antlitz und eine Well von Haß sprühte 
diesem daraus entgegen. 
„Wo dieser Bursche erscheint, bringt er mir Unglück!" 
murnielte Fleury. 
Tie übrigen nahmen weder von den Eingetretenen Notiz, 
noch diese von den Spielern. 
Fleury stand am Tische, pointierte aber nicht. 
Ihn nicht beachtend, schaute Falkenhain auf den Tisch 
und die Einsätze, er dachte sich bald zu entfernen, da ihm das 
Zusammentreffen nicht angenehm war. 
Der Franzose stürzte Champagner hinunter und ging 
dann aufgeregt im Zimmer auf und nieder. 
Es herrschte tiefes Schweigen, die Aufmerksamkeit aller 
war auf die Karten gerichtet. 
Fleury trat jetzt wieder an den Tisch und setzte einen 
100 Markschein. 
Ruhig blickte Falkenhain auf die Karten. 
Sie schlugen unglücklich für den Marquis. 
Mit vor Grimm verzerrtem Antlitz herrschte dieser 
Falkenhain an: „Entfernen Sie sich, mein Herr, Sie bringen 
mir Unglück, auch gehören Sie wohl kaum in diese Gesell 
schaft." Obgleich dies französisch hervorgesprudelt war, ver 
standen es Falkenhain und die Mehrzahl der anwesenden 
Herren, die unangenehm überrascht aufblickten. Falkenhain 
maß den erhitzten Franzosen mit einem Blicke, der hin- 
reichend deutlich Verachtung ausdrückte, zuckte die Achsel und 
wandte ihm gelassen den Rücken zu. 
Dies erbitterte den jungen Herrn noch mehr, er sprang 
um den Tisch herum, trat auf Falkenhain zu und schleuderte 
ihm den Handschuh, den er zusammengeballt in der Hand 
dielt, mit einem Fluche ins Gesicht. 
(Fvrrl-tzimg folgt.)
        
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