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Periodical volume Nr. 270, 16.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Zriedenaner Ortsteil von Schöneberg und den Bezirksverein Süd-West. 
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Kr. 270 
CT—— 
Friedenau. Donnerstag Den 16. November 1905 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Frankfurt a. M. Wie der „Frkf. Ztg." aus 
Berlin gemeldet wird, geht Dr. Stübel auf einen Ge- 
sandischaftsposten, aber wie versichert wird, nicht nach 
Peking, obwohl es richtig ist. daß dieser Posten demnächst 
frei wird. 
Wien. Die Abfahrt des österreich-ungarischen 
Flotten-Division, die für die geplante Flottendemonstration 
in der Türkei bestimmt ist, erfolgt am 18. d. Mts. 
Budapest. Der von Piski nach Toris abgelassene 
Personenzug entgleiste nächst der Station Gyulafehervur. 
5 Passagiere wurden schwer, mehrere leichter verletzt. 
Petersburg. Der Generalstreik vollzieht sich in 
sehr langsamen Tempo. Die Arbeiter treten nur sehr un 
willig dem Streik bei. Die Straßenbahn verkehrt noch, 
auch wird noch in mehreren Fabriketablissements ge 
arbeitet. Nur die Eisenbahner streiken vollständig. 
72 Fabrikbesitzer erklärten, falls die Arbeiter binnen 
14 Tagen die Arbeit nicht wieder aufnehmen würden, sie 
ihre Fabriken schließen. 
Petersburg. An der Spitze der erneut aus 
gebrochenen Arbeiterbewegung befindet sich eine Anzahl 
früherer Bea : tec des Ministeriums des Innern aus der 
Zeit Plehwes, welche seitdem Sozialisten geworden sind. 
Infolge ihrer umfassenden Kenntnisse der Verwaltungs 
zweige sind sie für die Arbeiterschaft von großem Nutzen. Die 
Gesamtzahl der Ausständigen wird auf 700 000 geschätzt. 
Die Hälfte der Straßen von Petersburg war bereits 
gestern Abend in Dunkel gehüllt, infolge des Ausstandes 
der Gasarbeiter. Die Streikenden durchziehen die Straßen 
der Stadt. Die Meldung englischer Blätter, daß die 
Besatzung des Kreuzers „Askold" gemeutert habe, wird 
hier dementiert. 
Paris. Die radikal-sozialistische Gruppe hörte eine 
Deputation des Komitees der Freunde des russischen 
Volkes an, und beschloß, die Regierung einzuladen, durch 
Vermittelung der französischen Konsuln in Rußland eine 
Enquete über die dortigen Zustände vorzunehmen. 
Paris. Aus London meldet der „Matin", daß die 
Verhandlungen zwischen London und Petersburg Uber 
eine Annäherung beider Länder hauptsächlich Fragen 
politischer und nicht wirtschaftlicher Natur betreffen. Die 
Unterhandlungen wurden zuerst durch eine Veröffentlichung 
des englisch-japanischen Vertrages unterbrochen, dann 
durch die russische Krisis, und werden erst nach Wieder 
herstellung der Ruhe in Rußland wieder aufgenommen. 
Die Diplomatie soll beauftragt werden, Mittel und Wege 
zu finden, um eine Annäherung herbeizuführen. 
Paris. Aus Brest wird berichtet, 3000 Arbeiter 
wohnten gestern „Abend einer Versammlung in der 
Arbeiterbörse bei. Nach mehreren heftigen Reden wurde 
die Fortsetzung des Ausstandes beschlossen. Nach der 
Versammlung durchzogen die Streikenden unter Absingung 
der Internationale die Straßen der Stadt. Die Polizei 
mutzte verschiedentlich einschreiten und es kam zu mehreren 
Zusammenstößen. — Gerüchtweise verlautet, Admiral 
Pehault habe seine Demission gegeben, weil der Marine 
minister angeblich erklärt habe, es sei unrichtig, daß der 
Marinepräfekt beleidigt worden sei. 
Tokio. Ein hier eingegangenes Telegramm berichtet, 
daß die Unruhen in Wladiwostok beendet sind. Die dort 
ansässigen Fremden seien nicht zu Schaden gekommen. 
Während der Unruhen seien ca. 600 Personen getötet 
oder verwundet. Das Handelsviertel sei gänzlich ein 
geäschert. 
Allgemeines. 
fj Die König!. Justiz-Prüfungs-Kommisfion 
kann in diesen Tagen auf ein 150jähriges Bestehen 
zurückblicken. Sie wurde gegen Mitte November 1755 
vom großen Friedrich in Berlin ins Leben gerufen und 
hatte ihren Sitz zunächst im Gebäude des ehemaligen 
Ober-Tribunals in der Lindenstraße, seit der Gerichts- 
Reorganisation im Jahre 1879 aber im Justizministerium. 
Jeder Jurist, der als Richter, Staats- oder Rechtsanwalt 
tätig sein will, muß vor dieser Kommission die zweite 
Staatsprüfung, das Assessoren-Examen, ablegen, das ja 
auch als Vorbedingung zur Erlangung von Stellungen 
bei größeren Kommunen und Privat - Unternehmungen 
gefordert wird. Die Prüfungskommission, deren Mitglieder 
zahl infolge des Andranges zur juristischen Laufbahn 
allmählich auf 15 gestiegen ist, setzt sich aus vortragenden 
Räten des Ministeriums, Räten des Kammer- und des 
Ober-Verwallungsgerichts zusammen; dem jetzigen Justiz 
minister ist es zu verdanken, daß auch Rechtsanwälte in 
die Kommission berufen werden. Präsident derselben ist 
gegenwärtig der Wirk!. Geh. Rat Dr. Eccius, früher 
Ober-Landesgerichts-Präsident in Kassel. 
sj Eine interessante Reise-Statistik veröffentlicht 
die Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen. 
Sie betrifft den sogen. Vereins-Reiseverkehr, der nunmehr 
auf ein 20jähriges Bestehen zurückblickt. Die Einnahmen 
aus den zusammenstellbaren Fahrscheinheften haben in 
den 20 Jahren ständig zugenommen. Wenn man von 
dem Welt-AusstellungSjahre 1900, das nahezu 51'/z Mill. 
Mark einbrachte, absieht, so geben besonders die letzten 
fünf Jahre ein* anschauliches Bild von der Zunahme des 
Vereins-Reiseverkehrs. Bis zum Jahre 1901 stieg die 
Gesamteinnahme auf 40,4 Millionen Mark; im folgenden 
Jahre ging diese Zahl infolge der Einführung der 
45 tägigen Giltigkeitsdauer der Rückfahrkarten etwas 
zurück, um 1903 wieder auf nahezu 47 Millionen Mark 
emporzuschnellen. Das letzte Jahr reichte fast an das 
Weltausstellungsjahr heran: die Einnahme stieg auf über 
50V2 Millionen Mark. Anfänglich umfaßte der „Vereins- 
Reiseverkehr" nur die 66 Bahnen des Vereins deutscher 
Eisenbahn-Verwaltungen; die kilometrische Länge der 
Bahnen, für welche zusammenstellbare Fahrscheine aus 
gegeben wurden, betrug damals nur rund 53 000 Kilo 
meter, während sie sich gegenwärtig auf 163 000 Kilometer 
beziffert. Von dieser Länge entfallen auf die Bahnen der 
dem Vereine nicht angehörenden 163 Verwaltungen 
91 338 Kilometer. Die Gesamtzahl der für alle drei 
Wagenklassen ausgegebenen Fahrscheinhefte betrug im 
letzten Jahre 774 919, sodaß durchschnittlich auf ein Heft 
der Betrag von 65,18 M. entfiel. Auf die deutschen 
Bahnen allein kam eine Gesamteinnahme von 45 J / 4 Mill.; 
die höchste Einnahme erzielte wiederum die bairische 
Staatsbahn (6,16 Mill. M.) 
[] Frachtgüter nach Prag, Kaiser Franz Joseph- 
Bahnhof, Böhmische Nordbahn und darüber hinaus, wer 
den nach einer Mitteilung der Kgl. Eisenbahndirektion 
Berlin von jetzt ab wieder übernommen. — Die wegen 
drohenden Bergsturzes gesperrt gewesene Strecke Taxenbach- 
Lend ist wieder frei; der Gesamtverkehr soll am heutigen 
Donnerstag wieder aufgenommen werden. 
sj Von Berlin nach — Algier in 2'/ 4 Tage«. 
In Paris schweben gegenwärtig Verhandlungen um die 
Reise nach Algier kerheblich abzukürzen. Die Fahrt dort 
hin, in 36 Stunden, soll möglichst noch in diesem Winter 
durchgeführt werden. Von Paris nach Marseille würden 
die Züge 11 Stunden gebrauchen, zwei Stunden werden 
auf die Einschiffung und 24 Stunden auf die Überfahrt 
gerechnet. Der Zeitverlust in Marseille soll dadurch be 
seitigt werden, daß die transatlantische Dampfergesellschaft 
den Pariser Schnellzug auf ihren Gleisen direkt vom Bahn 
höfe nach der Joliette, dem Hafen befördern läßt. Da 
man von Berlin in 19 Stunden nach Paris gelangt, 
würde, falls die geplanten Anschlüsse perfekt werden, der 
Berliner in 54 Stunden im Lande der Beduinen sein 
können. 
Lokales. 
f Steuerzahlung durch die Deutsche Bank. 
Die Einziehung der Steuern für das laufende Vierteljahr 
gibt uns Veranlassung, unsere Leser wiederum darauf 
hinzuweisen, daß sämtliche Steuern an die hiesige 
Depositenkasse der Deutschen Bank, Rheinstraße 17, gezahlt 
werden können. Diese Einrichtung hat besondere Vorteile 
für die Inhaber eines Kontos bei der genannten Bank 
insofern, als sie sich um ihre Steuerzahlung in keiner 
Weise zu kümmern brauchen. Die Gemeindekasse teilt, 
nachdem sie von den Zensiten einen entsprechenden An 
trag erhalten hat, der Deutschen Bank die Vierteljahrs 
summe der zu zahlenden Steuern mit, worauf die Bank 
dann ohne weiteres das Konto des betreffenden Zahlers 
entsprechend belastet und den Steuerbetrug dem Gemeinde 
steuerkonto gutschreibt. Die Aushändigung der Steuer- 
Quittung erfolgt durch die Bank in einem bereits von der 
Gemeindekasse verschlossenem Briefumschläge. Auch dem 
Nichtinhaber eines Kontos gewährt dieses Einziehungs 
verfahren Vorteile, zu denen in erster Linie die bequeme 
Lage der Depositenkasse und die günstigen Kassenstunden 
von 9 Uhr Vormittags bis 5 Uhr Nachmittags gehören. 
Wie uns amtlicherseits mitaeteilt wird, sind im ver 
gangenem Vierteljahr 38 659 M. Steuern durch die 
Deutsche Bank eingezahlt worden. Im Interesse des 
Publikums ist zu wünschen, daß von dieser außerordent- 
Jßr erster Satte. 
Rouian von Franz Treller. 
16. (Nachdruck verboten.) 
„Es hätte ganz den Anschein." 
„Hatte mich nur über diesen Pariser Hanswurst geärgert." 
„Äha! Ja, dieser elegante Kavalier ist der Liebling aller 
Damen." 
.Aller?" . 
„Selbstverständlich der jüngeren, obgleich er mit seinem 
fiegcsgewissen Lächeln auch hie und da die älteren beglückt." 
„Was? Sollte dieser ? Sie haben ihn 
doch gehörig ablaufen lassen?" _ r „ , 
„Ich? Wie kommen «ie auf eine solche Idee? Ich stehe 
unter der Beachtung des Herrn Marquis." 
Der Regierungsrat bot Frau von Bergen den Arm.„ Sie 
ist reizend", dachte er, „aber ins Joch soll sie mich doch nicht 
kriegen." . ^ „ r . .. 
Unendlich glücklich schritt auch Rudolf von Falkenhain Mit 
dem anmutigen Mädchen nach dem Tanze durch den Saal. 
„Ihr Herr Bruder scheint Sie mit viel Aufmerksamkeit 
zu umgebech mein giiädiges Fräulein." , 
„Die deutsche Luft muß einwirken, denn rn Paris war 
ich kaun, für ihn vorhanden." _. 
„Ah, sollte erst hier der Stolz auf seine Schwe,ter zur 
Aeußerung kommen ?" . , ., . 
„Das verwandtschaftliche Gefühl kann nur fehr schwach 
bei ihm entwickelt sein, ich bin nur dem Namen nach seine 
Schwester." 
Sehr überrascht fragte Falkenhain: 
..So haben Sie nicht eine gemeinsame Mutter?' 
„Meine Mania, die leider sehr früh starb, war eine Fels 
berg und aus altem deutschen Geschlechte." 
Dies gab dem jungen Mann, der das brüske Benehmen 
des Franzosen gelassen hingenommen hatte in dem Gefühle, 
daß er den Halbbruder des geliebten Mädchens vor sich habe, 
511 denken, denn nun erschienen ihm die Galanterien des 
Herrn Marquis einem Fräulein von Manrod gegenüber in 
ganz anderem Lichte. 
Er führte sie zu eineni Sessel. Doch schon war Frau 
von Manrod da: „Du darfst wirklich nicht soviel tanzen. 
Liebste," sagte sie mit einer Herzlichkeit, der das Gemachte 
erkennbar aufgeprägt war, .Du bist den Anstrengungen nicht 
gewachsen." 
„Beruhige Dich, Mama, ich fühle keine Ermüdung." 
„Und der nächste Walzer ist für mich. Marie," mischte 
sich der herangekommene Marquis in das Gespräch. 
„Für diesen ist Herr von Stuchow angemerkt." 
„Aber um Gotteswillen, wann wird mir dann die Freude 
zu teil, mit Dir zu tanzen?" — 
„Du hast Dich etwas zu spät angemeldet, teuerster Marquis." 
Alfons de Fleurp seufzte. 
Vor Frau von Manrod standen die beiden jungen Leute, 
die das Leben ihr so nahe gestellt hatte. 
Ein hall) scheuer, halb feindseliger Blick traf Falkenhain, 
dem diese Frau seit seiner ersten Begegnung mit ihr ein 
Rätsel war, doch nahm er ihn kaltblütig hin, war sie doch 
nicht Marie von Manrods Mutter. 
„Gib Marie jetzt Deinen Arm, Alfons, es ist besser, sie 
geht noch etwas auf und ab." 
Es schien einen Augenblick, als ob Marie von Manrod 
dies ablehnen wollte, doch ein Blick ihrer Stiefmutter belehrte 
sie, daß es besser sei, sich zu fügen. 
Sie erhob sich, nickte Falkcnhain zu und schritt an des 
Marquis Arm davon. 
„Der Bruder hat das Vorrecht, Herr von Falkenhain» 
und die Geschwister hängen so sehr aneinander." 
Er verbeugte sich wortlos. 
Es bewegte sich dock stürmisch in seinem Herzen, denn 
er zweifelte nicht, nachdem er jetzt wußte, daß der Franzose 
in keiner Blutsverwandtschaft mit der Tochter des Präsidenten 
stand, daß der junge Herr sich um die Gunst der angeheirateten 
Schwester unter dem Beistände von dessen Mutter bewerbe. 
Dies fühlte er mit tiefem Schmerze. Und was konnte 
er, der auf sein massiges Einkommen angewiesene Regierungs 
assessor, er, der Sohn des Hilfsregistrators Weber, eineni 
Fräulein von Manrod bieten, um diesem Bewerber die Wage 
zu halten?" 
Daß Marie seine Neigung erwiderte, fühlte er, 
aber — ? 
„Sv in Gedanken, Kollege?" 
Falkenhain schreckte auf. 
„Wo weilten wir denn? Bei der anmutigen Tänzerin 
oder dem feinen Herrn von jenseits des Wasgaus?" 
Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr Lahrbusch. der sehr 
gut gelaunt schien, fort: „Diesen französischen Jüngling, der 
sich sogar unterfängt, älteren Damen mit der Miene eines 
Cäsars gegenüberzutreten, werde ich doch klar machen müssen, 
daß seine Pariser Sitten sich für uns. nicht eignen." 
„Er wird doch nicht gewagt haben, sein Auge zu F«« 
von Bergen zu erheben?" 
„Ah, zu dieser Kokette." 
„Jedenfalls .eine der liebenswürdigsten Damen, di« ich 
bis jetzt hier kennen lernte." 
„Geht auf den Männerfang aus^ di« Frau."
        
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