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Periodical volume Nr. 269, 15.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Medenaner Grtsteil non Schöneberg nnd den Bezirksverein Süd-West. 
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Nr. 269 
Friedenau, Mittwoch den 15 November 1905 
1&. Iahrg. 
Depeschen. ! 
Wien. Die „Neue Freie Presse" veröffentlicht eine ! 
Unterredung mit dem spanischen Minister des Äußern 
Galon, der äußerte, daß König Alfons von lange her 
ein Bewunderer des Kaisers Wilhelm sei. dessen militärische 
Eigenschaften, dessen Energie und weitblickender Geist ihm 
sympathisch seien. Die Reise habe nichts mit einer Ver 
lobung zu tun, da diese Frage vorläufig nicht reif sei. 
Wien. In polnischen Kreisen herrscht eine maßlose, 
in solchem Grade noch nie beobachtete Erbitterung gegen 
Deutschland, dem man vorwirft, daß es selbst die Be 
stechung russischer Staatsmänner nicht gescheut habe, die 
Gewährung einer Autonomie für Polen zu verhindern. 
Budapest. Ministerpräsident Fejervary, der Abends 
aus Wien heimkehrte, erklärte seinen Freunden, alle 
Gerüchte über Demissionsabsichten des Kabinetts seien 
unwahr. Die Regierung habe zur Durchführung aller 
Maßnahmen für die Bekämpfung des Widerstandes der 
Koalition die volle Genehmigung des Königs erhalten. 
Lemberg. Gestern Abend versuchten mehrere hundert 
Studenten vor dem deutschen und russischen Konsulat zu 
demonstrieren. Die Wache, welche von den Demonstranten 
mit Steinen und Revolvern empfangen wurde, mußte 
von der blanken Waffe Gebrauch machen, wobei viele 
verletzt wurden. 
Warschau. Gestern explodierte in der Nähe des 
Signalpostens der Eisenbahn in der Vorstadt Praga eine 
Bombe, ohne jedoch Schaden anzurichten. Am Peters 
burger Bahnhöfe wurden mehrere Bomben gefunden. 
500 Bankangestellte hielten gestern in der Börse eine 
Versammlung ab, in welcher beschlossen wurde, den Aus 
stand fortzusetzen. — Die Leitung der Gasanstalt teilt 
mit, daß es bald an Kohlen mangeln werde und daß in 
folgedessen binnen kurzem die Herstellung von Leuchtgas 
werde unterbleiben müssen. In der Stadt dauern die 
Unruhen fort, zahlreiche politische Morde sind wieder zu 
verzeichnen. 
Petersburg. Die staatlichen Beamten wurden 
mittels Rundschreiben davon unterrichtet, daß die Vereins 
freiheit für die im Staatsdienst stehenden Personen nicht 
gelte. Dieselben dürfen auch keinen Verband bilden, um 
auf ungesetzlichem Wege irgend einen Zweck zu erreichen. 
— Trotz der Agitation unter der Arbeiterschaft, einen 
neuen Streik zu inszenieren, herrscht hier doch Ruhe. Nach 
telephonischen Meldungen aus Odessa ist auch dort alles 
ruhig verlaufen. 
Petersburg. Die Maßregeln, welche die Regierung 
gegenüber Polen getroffen hat, rufen in der Bevölkerung 
die größte Erregung hervor. Die meisten Blätter ver 
öffentlichen scharfe Protestkundgebungen und sind der An 
sicht, daß ernste Ereignisse die Folge sein würden. 
Paris. Das „Echo de Paris" läßt sich folgende, 
wenig glaubwürdige und tendenziös zugestutzte Nachricht 
über London melden: Es steht nunmehr fest, daß die 
Versuche der deutschen Kriegsmarine mit Unterseebooten in 
Kiel gescheitert sind. Die Motors funktionieren nicht ge- 
Jpr erster (Batte. 
Roman von Franz Trellcr. 
15. (Nackidriick Otibvtrs.) 
„Ah, Frau von Bergen, Sie machen sich jo selten m 
unserem Hause, daß man von Glück sagen kann, Sie einmal 
am dritten Orte zu treffen." 
„Exzellenz sind zu gütig, aber man wird älter" — 
„Trägt aber sein Alter mit mädchenbafter Frische. Sieh 
da, Falkenhai», freut mich, Sie zu sehen," er reichte ihm die 
Hand den neben diesem stehenden Marquis de Fleury, 
der sich tief -vor dem Oberprälidenten verbeugte, schien er gar 
nicht zu bemerken, was Frau von Bergen recht wohl und 
nicht ohne Behagen, wie es schien, wahrnahm. 
„Wer hat denn dies Glück, Sic zu Tisch zu führen?" 
„Dieses Glück ist Herrn von Falkenhain zuteil geworden.' 
„Das verdient er aber auch — — dieser jüngste Re 
gierungsassessor entfaltet eine unheimliche Tätigkeit lehren 
Sie ihn hübsch Maß halten." 
Da eben Regierungsrat von Lahrbusch auftauchte, sagte sie: 
„Ich werde ihm Herrn von Lahrbusch als Muster emp 
fehlen, Exzellenz, ich glaube, er besitzt das Geheimnis des modus 
in rebus." Ein mutwilliger Blick traf den Regierungsrat, der 
Oberpräsident lächeste. ^ v ,. 
„Gnädige Frau scheinen sich wieder der Freude hinzugeben, 
einen bescheidenen Sterblichen zur Zielscheibe Ihres Spottes zu 
machen." ^ 
„Ah Herr von Lahrbusch " ..in 
dessen enthält das horazische Wort eine tiefe Weisheit 
Und Sie huldigen seiner Lehre." , 
„So lange, bis ungewöhnliche Aufgaben mich ruien * 
nügend, die Schrauben müssen gänzlich umgearbeit werden, 
die Boote tauchen schlecht und kommen ebenso schlecht 
wieder zur Oberfläche. Auch ihre Schnelligkeit läßt viel 
zu wünschen übrig. Die Boote müssen von Grund auf 
umgeändert werden. 
Der deutsche Gesandte, Dr. Rosen, in Tanger wurde 
von dem Korrespondenten eines Pariser Blattes inter 
viewt. Dr. Rosen legte hierbei großen Optimismus hin 
sichtlich der Marokkokonferenz an den Tag. 
Aus Petersburg meldet das „Echo de Paris", die 
Arbeiterdelegierten erklärten, infolge der Verurteilung der 
Meuterer in Kronstadt, Aufhebung der Wirkungen des 
letzten Zarenmanifestes, der Proklamation des Belagerungs 
zustandes für Polen und Lithauen, der Judenmetzeleien 
und sonstigen Willkürakte, werde heute Mittag der 
Generalausstand in ganz Rußland proklamiert werden. 
Nom. Der Papst hat an die römisch-katholische 
Bevölkerung in Rußland und Polen ein Breve gerichtet, 
worin dieselbe sowie der gesamte Klerus, insbesondere 
der polnische, aufgefordert wird, an keiner politischen 
Agitation bei Androhung kirchlicher Strafen teilzunehmen. 
Kommunale Angelegenheiten. 
Zur Tagesordnung der Gemeinde-Vertreter-Sitzung 
am 16. November 1905. 
Wahl eines Waisenratsmitglicdes und Ergänzung der Ausschüsse. 
Referent: Herr Schöffe Wosfidlo. 
Anstelle des verstorbenen Waisenratsmitglieder für 
fceu 7. Bezirk, Herrn Rentner Gustav Retzdorff, ist eine 
Ersatzwahl erforderlich. Wir beabsichtigen, den 7. Bezirk 
Herrn Kunsthändler Toussaint, welcher bisher den 1. Bezirk 
inne hatte, zu übertragen, und bringen als zu wählendes 
Mitglied für den 1. Bezirk Herrn Prediger Kleine in Vor 
schlag. Wir ersuchen, dementsprechend die Wahl vor 
nehmen zu wollen. Gleichzeitig ersuchen wir, anstelle 
des Herrn Schöffen Wosfidlo, der aus dem Bauausschuß 
auszuscheiden wünscht, Herrn Schöffen Sadöe wählen 
zu wollen. 
Gesuch des deutsch-evangelischen Schulvereins in Brünn, um Ge- 
Währung einer einmaligen Beihilfe. Referent: Herr Schöffe 
Wosfidlo. 
Die deutsch-evangelische Gemeinde in BrünU welche 
vor 108 Jahren von Einwanderern aus dmt deutschen 
Reiche gegründet worden ist, ist damals zur Errichtung 
einer eigenen Lehranstalt geschritten, welche jetzt den 
Namen „evangelische Schule" führt. Die Unterhaltung 
dieser Bildungsstätte ist bisher nur mit großen Opfern 
der wenig zahlreichen Gemeindemitglieder möglich gewesen. 
Infolge der bekannten tschechischen Unruhen im Oktober 
dieses Jahres ist auch bei dem deutsch-evangelischen Schul 
verein große Not eingetreten. Um die Schule vor ihrem 
Zusammenbruch zu bewahren, sucht sie bei den Volks- und 
Glaubensgenossen in Deutschland Hilfe. Auch bei uns ist 
ein Gesuch um Bewilligung einer einmaligen Spende ein 
gegangen. Wir ersuchen, einen Beitrag von 30 Mark 
bewilligen zu wollen, und die dadurch in gleicher Höhe 
.Ein gütiges Geschick halte sie von Ihnen fern." 
Das Nahen der Oberpräsidentin mit der Frau des Huuses 
machte diesem scherzhaften Dialoge, der den Oberpräsidenten 
sehr zu amüsieren schien, ein Ende. 
Auch die Oberpräsidentin begrüßte Frau von Bergen und 
dann auch Falkenhain mit viel Freundlichkeit. 
Die Nieldung, daß zu Tische gegangen werden könne, 
führte die Gäste des Hauses nach dem Speisesaal, dessen Tafeln 
bald ein glänzendes Bild boten. 
Fräulein von Manrod saß an der Seite des Oberpräsi 
dialrats, Falkenhain und seiner Dame gegenüber der Mar 
quis in der Nähe Maries. 
Die Blicke der juügen Dame und Falkenhains begegneten 
sich wiederholt, was der scharfsichtigen Frau von Bergen, 
die ihren Kavalier etwas zerstreut fand, nicht entging. 
Im Laufe der Mahlzeit, die wie alle übrigen dergleichen 
verlies, äußerte sie zu Falkenhain: 
„Sie sind mit Herrn von Lahrbusch befreundet?" 
„Ich bin noch zu kurze Zeit hier, gnädige Frau, um 
mich eines solchen Vorzugs erfreuen zu können, aber Herr 
von Lahrbusch ist mir sehr sympathisch." 
„Dieser vortrefflichste aller Regierungsräte ist ein Egoist, 
der nur seine wohlkonservierte Person liebt, nehmen Sie 
sich ihn in dieser Beziehung nicht zum Vorbild." 
„Jedenfalls ist er von allen Beamten hier gegen mich, 
den Jüngsten und Unerfahrensten, am entgegenkommendsten 
und hat mir die ersten Schritte auf dem mir fremden Gebiete 
wesentlich erleichtert." 
„So? Run, es freut mich, auch einmal etwas Gutes 
von dem Herrn zu hören." 
Es wollte Falkenhain bedünkcn, als ob die junge Witwe, 
die viel Liebenswürdiges an sich halte, mehr Interesse au 
eintretende Überschreitung des Titels XIX, 4 des Etats 
zu genehmigen. 
Punkt 3 betrifft: Nachbewilligung,n. 
Wie kürzlich gelegentlich der Rechnungslegung von 
uns mitgeteilt wurde, haben wir die Einrichtung getroffen, 
daß nach Ablauf des ersten Halbjahres des Rechnungs 
jahres eine genaue Feststellung stattfindet, welche Titel 
des Haushaltsplanes überschritten sind oder vermutlich 
nicht ausreichen werden. Durch eine entsprechende Vor 
lage soll die Gemeindevertretung dann in die Lage ver 
setzt werden zu beschließen, ob und welche Mittel zur Ver 
stärkung der betreffenden Etatstitel nachzubewilligen sind. 
Auf diese Weise soll die Nachbewilligung bereits veraus 
gabter Beträge nach Möglichkeit vermieden werden. In 
der Anlage überreichen wir zum ersten Mal eine Nach 
weisung der für die laufenden Voranschläge erforderlichen 
Nachbewilligungen mit dem Antrage zu Voranschlag I 
10 770 M., zu Voranschlag II 126 M., zu Vor-anschlag 
III 429,60 M., Fortbildungsschul-Voranschlag 2,81 M.;in 
Summa 11 328,41 M., nachbewilligen zu wollen. Diese 
Summe findet ihre Deckung aus Überschüssen und Er 
sparnissen bei anderen Etatstiteln. Nachrichtlich bemerken 
wir, daß der Gemeindevertretung noch 11 434,50 M. bei 
Abschnitt XIX 7 des laufenden Voranschlages zur Ver 
fügung stehen. 
Schaffung neuer Stellen in der Verwaltung im nächsten Etatsjahre. 
Referent: Herr Bürgermeister Schnackenburg. 
Die heiligende Übersicht ergibt den Bedarf an neuen 
Stellen, deren Besetzung spätestens zum 1. April 1906 er 
forderlich ist. Hinsichtlich der Stellen unter Nr. 1 und 8 
ist ihre Besetzung schon zum 1. Februar bezw. 2. Januar 
höchst erwünscht. Die Stelle unter Nr. 8, die von der 
Gemeindevertretung bereits beschlossen ist, ist in der Übersicht 
nur nachrichtlich eingestellt. Der kollegialische Gemeinde 
vorstand hat sich mit diesen Neuanstellungen einver 
standen erklärt. Wir ersuchen die Gemeindevertretung dies 
ebenfalls zu tun und zu genehmigen, a) daß sämtliche 
Stellen im nächstjährigen Voranschlag eingestellt und die 
erforderlichen Mittel bereit gestellt werden; b) daß die 
Stelle zu Nr. 1 bereits zum 1. Februar k. Js. diejenigen 
zu Nr. 8 zum 2. Januar k. Js. besetzt werden dürfen 
und die Mittel hierfür mit 250 M. für die erstere Stelle 
mit 600 M., für die letzteren beiden Stellen zu be 
willigen. 
Schaffung eines Bauamles für den Hochbau und Anstellung eines 
Baurats. Referent: Herr Bürgermeister Schnackenburg. 
Bei der Aussprache in der letzten geheimen Sitzung 
der Gemeindevertretung war man allseitig der Ansicht, 
daß infolge des Rücktritts des Herrn Regierungs-Baumeisters 
Kriesmann von seiner Tätigkeit als sachverständiger 
Berater in Baupolizeisachen eine Neuregelung in der 
Bearbeitung der Bausachen eintreten müsse und zwar 
durch Schaffung eines Hochbauamtes unter Leitung eines 
anzustellenden Gemeinde-Baurates. Diesem Hochbauamte 
wären außer den Baupolizeisachen sämtliche baulichen 
«■■■■■■■■■■■MWWWBMWMM———I 
Herrn von Lahrbusch nähme, als ihre Worte fchließen ließen» 
Nach einiger Zeit äußerte sie: 
„Ist diese kleine Blanrod nicht eigentlich ein entzückendes 
Mädchen?" 
„Jedenfalls eine junge Dame, die selbst in Pariser Luft 
sich die heimische Eigenart bewahrt hat." 
„Ja, sie paßt nicht unter Franzosen und hoffentlich 
bleibt jie dem Vaterlande treu." 
Als das Mahl zu Ende war, zog sich die Gesellschaft 
einen Augenblick in die anderen Gemächer zurück, während 
dessen mit eben so großer Eile als Geschick der Speisesaal in 
einen Tanzsaal umgeivandelt wurde. 
Die Klänge der Spohrschen Polonäse eröffneten daun 
zur großen Freude der tanzlustigen Jugend den Ball. 
Falkenhain hatte sich bei Frau von Bergen und Fräu 
lein von Manrod für Tänze einschreiben lassen. 
Während die Gesellschaft nach der Polonaise ein wenig 
promenierte, saßen Frau von Manrod und die Oberpräsi- 
deutiu auf der Estrade am Ende des Saales und sahen in 
das anmutige Treiben hinein. Ter Zufall wollte es. daß an 
nicht ferner Stelle Falkenhain neben Frau von Bergen zu 
sehen war, denen zur Seite Fleury und Marie standen. 
Frau von Manrod hatte die beiden jungen Männer nicht 
aus dem Auge gelassen. Auch der Oberpräsidentin waren 
die beiden, jede in ihrer Art bemerkenswerten Gestalten auf 
gefallen. 
„Finden Sie nicht in Ihrem Sohne und dem blonden 
Assessor die Rassenunterschiede der Romanen und Germanen 
prägnant wiedergegeben?" 
In dem Herzen der Frau, die da ihre beiden Söhne 
vor sich sah, regte sich kein zärtliches Gefühl für den, in dem 
deutsche Art in ihrer edelsten Form zum Ausdruck kam.
        
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