Path:
Periodical volume Nr. 268, 14.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Grgan für den Mdenailer Grtsteil von Schöneberg und den Vezirksverein Süd-West. 
UWcküsihe Zeitung für kommunale 
Bezugspreis 
bei Abholung aus der Expedition, Rhein- 
straße 15,1,20 M. vierteljährlich; durch Boten 
lnS Haus gebracht oder durch die Post be- 
zogen 1 M. 50 Pf., monatlich 50 Pf. 
Bestellungen 
in der Expedition, bei sämtlichen Zeitungs. 
spediteuren und Postanstalten. 
Fernsprecher: Nr. 128. 
Erscheint täglich abends 
Besondere 
Jeden Mittwoch: 
WiHbtcrtt „Seifenblasen". 
Druck und Verlag von 
Leo Schultz in Friedenau. 
und liüMliihk Angelkgeliheitkil. 
Erscheint täglich abends 
Beilage« 
Jeden Sonnabend: 
WlStter für deutsche Krauen. 
Verantwort!. Redakteur: 
Leo Schultz in Friedenau. 
Anzeigen 
«erden bis 1 Uhr mittags angenommen. 
Preis der 5 gespaltenen Zeile oder deren 
Raum 25 Pf. 
Die Reklamezeile kostet 60 Pf. 
Anzeigenannahme 
in der Expedition, Rheinstraße 15, sowie 
in allen Annoncenexpeditionen. 
Fernsprecher: Nr. 129. 
Kr. 268 
Depeschen. 
Wien. In den Verhandlungen im Eisenbahn 
ministerium mit den Eisenbahnern wurde ein vollkommenes 
Einverständnis erzielt, worauf alle Eisenbahnerorgani- 
sationen aufgefordert wurden, die passive Resistenz auf 
alle Staatsbahnlinien und Privatbahnen einzustellen. 
Auch bei den Privatbahnen dürfte es zu einer Einigung 
kommen. 
Morgen findet in allen hiesigen Bethäusern Wiens 
ein Trauergottesdienst für die ermordeten russischen 
Juden statt. 
Budapest. Der Speisewagen des Schnellzuges 
Budapest—Fiume ist bei der Station Rejaros aus un 
bekannter Ursache in Brand geraten. Unter den Pasta- 
gieren wurde glücklicherweise niemand verletzt, da der 
Wagen abgekoppelt wurde. 
Triest. Der österreichische Lloyd gibt bekannt, daß 
infolge neuer beunruhigender Nachrichten aus Batum der 
Dampferverkehr nach Batum einweilen eingestellt ist. 
Saloniki. Griechische Banden brannten das Kutzo- 
wallachosche Dorf Ardella nieder. 200 Häuser sind zer 
stört worden. 
Warschau. Infolge der Verhängung des Be 
lagerungszustandes erwartet man trotz aller beruhigenden 
Versicherungen seitens der maßgebenden polnischen Kreise 
ernste Ereignisse. 
Warschau. Die extreme Polen stellen folgende 
Forderung: Krönung des Zaren zum König von Polen, 
ausschließlicher Gebrauch der polnischen Sprache in 
Schulen, Ämtern und sonstigen Betrieben, Schaffung einer 
rein national polnischen Armee und Anerkennung deS 
Grundprinzips „Polen für Polen." 
Petersburg. Seit 3 Tagen herrscht hier ununter, 
brachen Ruhe. Auch die Nachrichten aus der Provinz 
lauten stündlich besser, nur in Warschau kam es gestern zu 
Zusammenstößen, wobei mehrere Personen getötet und 
viele verwundet wurden. 
Petersburg. Die Ruhe ist nicht wieder gestört 
worden, die Truppen hatten keinerlei Anlaß mehr, einzu 
schreiten. Die Kriegsgerichte sind fortgesetzt tätig, um die 
Aburteilung der Meuterer zu beschleunigen. — Die 
polnischen Delegierten, welche nach Petersburg gereist 
waren, um ähnliche Konzessionen für Polen zu verlangen, 
wie Finnland erhalten hat, wurden von Witte ziemlich 
unhöflich empfangen. Ihre Mission ist völlig resultatlos 
verlaufen. 
Paris. Das „Journal" meldet aus Helsingfors, 
daß die Garnison der Festung Swenborg gemeutert habe. 
Die Soldaten verlangen bessere Behandlung. 
Paris. General Brugörs stattete gestern dem neuen 
Kriegsminister Etienne einen Besuch ab. Bei dieser 
Gelegenheit gab Brugörs zu, daß er vom Standpunkte 
der militärischen Bestimmungen unrecht gegenüber Percin 
gehandelt habe, aber dieser General habe schon lange 
einen derartigen Zwischenfall zu provozieren gesucht. Man 
glaubt in den dem Kriegsminister nahestehenden Kreisen, 
Wr erster Gatte. 
Roman von Franz Treller. 
14. iNackidruck wrSotni.) 
,So, also dieser flachshaarige Alemäne trachtet nach dem 
Goldfisch des Hauses Manrod? Sapristi! — — Ich habe 
zwar durchaus keine Leidenschaft für das teuere angeherrai^e 
Schwesterchen, aber die liebe Frau Mama wird nicht unrecht 
haben, wenn sie mich ermutigt, mir ihren Geldsack durch eine 
Ehe anzueignen. Und diese fromme Jungfrau? Der fremde 
Herr schien ihr wirklich zu gefallen. 
Pah jetzt werde ich sie wirklich heiraten. Em ganz 
widerlicher Patron mit seinem teutonischen Phlegma, dieser 
Falkenbcum^ ^ sollst j,i e Ehre haben, Marquise de Fleury 
zu werden." Er schritt lächelnd und selbstbewußt über die 
Straße, während im Saale eifrig an den Basarvorberertungen 
weiter gearbeitet wurde. 
Die darauf verwandte Mühe wurde am anderen Lage 
glänzend gelohnt, und man sprach von den geschmackvollen 
Arrangenients sogar noch einige Tage nachher. Das nahende 
Hauptereignis der Saison, das Fest im Manrodschen Hanse, 
verscheuchte dann jede Erinnerung an die Freude des Bafarv. 
Der Tag, der die „Gesellschaft" der Stadt un Hause 
des Regierungspräsidenten vereinen sollte, tvar endlich heran 
gekommen. Es waren zahlreiche Einladungen ergangen, 
und die Erwartungen auf das, was das Haus des reichen 
vornehmen Herrn, der so lange in Paris gelebt hatte, bieten 
würde, waren gespannt genug. 
Zur üblichen Zeit begannen die Equipagen vorzufahren 
und 'ihren Inhalt an geschniückteii Damen und beiractten 
Frieder an, Dienstag den 14 November 1905 1% Iahrg. 
daß General Brugore eine leichte Disziplinarstrafe wegen 
Übertretung der Dienstvorschriften erhallen wird. 
Dover. Der englische Postdampfer „Prinz Albert" 
lief gestern Abend gegen 11 Uhr auf Grund. Mittels 
drahtloser Telegraphie gelang es, Mitteilung nach Ostende 
kommen zu lassen. Die Passagiere, Poststücke und Gepäck 
wurden umgeladen. Endlich gelang es nach vieler Mühe, 
den Dampfer wieder flott zu machen. 
London. Die Königin spendete 2000 Pfund Sterling 
zu Gunsten der Arbeitslosen und erließ einen Ausruf, 
daß sich alle niildtätigen Personen der eingeleiteten Hilfs 
aktion anschließen möchten. 
Marseille. Hier herrscht ein Sturm von solcher 
Heftigkeit, wie sext Menschengedenkeu nicht mehr. Zahl 
reiche Vergnügungsyachten und Boote wurden von dem 
Orkan an die Hafenmauern geschleudert und zertrümmert. 
Mgemeines. 
0 Die Obstruktion der österreichischen Eisen- 
bahnbeamteu hat, nach einer Bekanntmachung der StaatS- 
bahnverwaltung, noch weitere Verkehrs - Beschränkungen 
zur Folge. So verweigert seit gestern die österreichische 
Nordwestbahn in Tetschen die Übernahme von Frachtgütern 
für die Südbahn und den Übergang über Prag. Die 
Versender werden daher durch die Güterabfertigungsstellen 
darauf hingewiesen, daß bei den Verwickelungen auf den 
österreichischen Eisenbahnen die Erreichung des Bestimmungs 
ortes ungewiß ist und Überschreitungen der Lieferfristen 
bestimmt zu erwarten sind. — Des weiteren meldet ein 
amtliches Telegramm aus Triest: Mit Ausnahme von 
Eilgütern, lebenden Tieren, Bier, leicht verderblichen 
Gütern und für Triest, Freihafen (Südbahn und K. K. 
Staatsbahn) bestimmten Zucker werden alle übrigen Fracht 
güter für Trieft (Südbahn und StaatSbahn), Triest, 
Freihafen, Bahnmagazin Triest, Triest Freihafen (Südbahn 
und Staatsbahn) nicht übernommen. 
Lokales. 
si Die Straßenbeleuchtung der Rheinstraße wird 
wohl im Laufe dieser Woche noch fertig werden. Auf alle 
Fälle wird die Straße spätestens am nächsten Montag im 
elektrischen Licht erstrahlen. Die Rheinstraße erhält 
Flammenbogen (etwas rötliches Licht). 
si Einen besoldeten Schöffen anzustellen hat 
Steglitz in seiner letzten geheimen Sitzung beschlossen. 
Derselbe muß eine akademisch-juristische oder staatswissen 
schaftliche Vorbildung haben Der anzustellende Schöffe 
erhält ein Anfangsgehalt einschließlich Wohnungsgeld 
von 6200 Mark, steigend von 3 zu 3 Jahren um 600 
Mark bis zum Höchstbetrage von 8000 Mark. Gleich 
zeitig wurde in der Sitzung beschlossen, die Zahl der 
Gemeindevertreter und Schöffen auf 24 resp. 6 zu erhöhen. 
Mithin besteht die Gemeindevertretung inkl. dem Gemeinde 
vorsteher aus 31 Personen. 
f Die musikalische Welt begeht den heutigen 14. No- 
vemberim Andenken an Fanny Hensel, die Schwester Felix 
Herren abzusetzen. Gegen neun Uhr war das glänzend er 
leuchtete Haus Herrn von Manrods mit der Creme der Ge 
sellschaft der Provinzialhauptstadt nahezu gefüllt. 
In einem großen Zimmer des ersten Stockes empfingen 
Herr und Frau von Manrod ihre Gäste, die sich dann durch 
die Flucht der überaus vornehm und doch einfach eingerichteten 
Gemächer teilten. 
Die geräumige Villa hatte nach dem Garten zu einen 
besonderen Anbau, der wesentlich nur einen Saal enthielt. 
Hier war für die Gäste gedeckt und später sollte in dem 
Raume getanzt werden. 
Fräulein von Manrod in einem blaßblauen Kleide, zart 
mit echten Spitzen garniert, hielt sich in der Nähe ihrer Eltern 
im Enipfangssalon und sah sehr hübsch aus. 
Auch Marquis de Fleury ließ sich gelegentlich hier sehen, 
widmete sich aber nicht den sich verteilenden Gästen. 
Er weilte gerade im Empfangszimmer, als Falkenhain 
eintrat. 
Endlich! Das sagte Marie von Manrod nicht, aber 
das Aufleuchten ihrer Angen bei Falkenhains Erscheinen redete 
ebenso deutlich als Laute, auch hatte sie oft genug verstohlen 
nach dem Eingänge geschaut. 
Marquis de Fleury, der sich widerwillig gestehen mußte, 
daß der Teutone eine gar nicht üble Haltung habe, zog die 
Augenbrauen empor, und über der Frau Präsidentin anmutige 
Züge verbreitete sich, als sie den Assessor erblickte, für einen 
Moment eine befremdliche Starrheit, die indessen rasch einem 
liebenswürdigen Lächeln Platz machte. 
Falkenhain trat auf sie zu und verbeugte sich. 
Sie streckte ihm die Hand entgegen: „Ich freue mich 
herzlich, Herr von Falkenhain, Eie in unserem Heim zu 
sehen, und hoffe, daß sie sich bei uns wohlfühlen werden." 
Mendelssohn-Bartholdy's.viezwarneben dem leuchtenden Ge' 
stirn des brüderlichen Genies in ihrem kompositorischen 
Wirken völlig verblaßte, aber doch immhin als dieSchöpferin 
einiger sehr ansprechender Lieder, sowie der Chöre zum 
zweiten Teile des „Goetheschen Faust", nicht zuletzt aber 
als treffliche Pianistin Anspruch auf ein ehrendes Gedächt 
nis von seilen der Nachwelt erheben darf. Die Künstlerin 
starb am 14. Mai 1846 zu Berlin und tief erschüttert 
folgte der Bruder seiner inniggeliebten Schwester ein Jahr 
später in jenes unerforschte Land nach, aus dem es keine 
Wiederkehr giebt. 
ch Die Delegierten-Ersatzwahlen für die hiesige 
Ortskrankcnkasse finden morgen Abend im „Gesellschafts 
haus", Rheinstraße 14, statt, worauf hiermit nochmals 
hingewiesen wird. Gewählt werden von 7—8 Uhr zwei 
Arbeitgeber- und von 8—9 Uhr fünf Arbeitnehmer-Vertreter. 
si Jubiläums-Feier. Die „Schöneberger Lieder 
tafel" beging am Sonnabend im „Lindenpark", Haupt 
straße, das Fest ihres 25 jährigen Bestehens bei reger 
Anteilnahme. In großer Zahl waren die Sänger, wie 
Freunde und Gönner des Vereins erschienen. Vor allem 
aber glänzte ein reicher Damenflor. Unser schönes 
Geschlecht, in der Pracht vorzüglicher Toiletten, ließ wohl 
manchem den Ausspruch des Goethe'schen Sängers von den 
Lippen kommen: „Welch reicher Himmel, Stern an Stern, 
wer zählet ihre Namen." Eingeleitet wurde dieser 
Ehrentag durch einen von Herrn Lehrer Goersch ge 
dichteten und gesprochenen Prolog, der die Leiden und 
Freuden des Vereins seit der Gründung schilderte. Unter 
sicherer Leitung des Musikdirektors Herrn Werner ge 
langten die gediegenen, zum Teil schwierigen Chorgesänge 
präzise zum Vornag, wofür die aufmerksame Zuhörerschaft 
lebhaft applaudierte. Die Solisten, sowohl die Sopranistin 
Fräulein Sant, wie der Klaviervirtuose Herr Erben er 
rangen mit ihren Leistungen reichen Beifall, sodaß Zu 
gaben erfolgen mußten. Die Vereinsdamen hatten einen 
prächtigen Notenschrank gespendet, der von Frau Rektor 
Albrecht und zwei anderen Damen mit einer feierlichen 
Ansprache übergeben wurde. Herr Rektor Albrecht dankte 
in bewegten Worten, worauf die Sänger klangvoll den 
Wahrspruch intonierten: „Hoch deutscher Wein, hoch 
deutsche Maid, hoch deutsches Lied in Ewigkeit." Der 
Tanz begann mit einer Polonaise, bei welcher man die 
Damen mit reizenden Fächern bedachte und die 
Herren mit Orden schmückte. Die Kaffeetafel wurde durch 
eine stimmungsvolle Rede des Herrn Vorsitzenden, Rektor 
Albrecht, eröffnet, die begeisterte Aufnahme fand. Herr 
Lehrer Berndt brachte den Toast auf die Damen aus, 
und der Festletter, Herr Rektor Drews, gab in inter 
essanter Weise eine Biographie der in dem künstlerisch von 
der Buchdruckerei Leo Schultz hergestellten Programm ent 
haltenen Photographien der Dirigenten, der Vorstands- 
und ältesten Mitglieder. Seine schwungvolle Rede endete 
mit einem Hoch auf den Vereinsleiter. Zwei gemein 
schaftliche Lieder wurden gesungen und das Mitglied 
Herr Wittig brachte zwei Klarinetten-Solis zu Gehör, 
Der Präsident begrüßte ihn mit viel Freundlichkeit. 
Während der Assessor sich zu Fräulein von Manrod wandte, 
sagte der Präsident zu seiner Frau halblaut: „Jeder Zoll ein 
Kavalier. Altes Blut verleugnet sich doch nie." 
Marie von Manrod, deren Herz pochte, als er auf sie 
zukam, sah trotz der redlichen Mühe. die sie sich gab, die Dame 
von Welt zu sein, etwas schüchtern aus, erwiderte aber 
seinen ehrerbietigen Gruß mit den Worten: „Es ist sehr 
schön, Herr von Falkenhain, daß Sie gekommen sind 
ich fürchtete " sie brach jäh ab das hatte sie nicht 
sagen wollen sie wurde verlegen und errötete leicht. 
Mit einem glücklichen Lächeln fiel er rasch ein: 
„Es war eine überaus liebenswürdige Idee des Herrn 
und der Frau Präsidentin, ihr Heim in solch solenner Weise 
der Gesellschaft zu öffnen." 
Da Herr von Manrod nahte, uni seiner Tochter einen 
eben eingetretenen Herrn vorzustellen, ging Falkenhain weiter. 
Unweit stand Herr von Fleury im Gespräch mit zwei 
Herren, schien aber den Gast nicht zu bemerken, und der 
Assessor ging gelassen vorüber in das nächste Zimmer. 
Alions, der von Rudolfs Eintritt an seine Schwester 
verstohlen beobachtet hatte, war der Eindruck nicht entgangen, 
den sein Erscheinen auf sie machte, er war ein in Liebesauge- 
legenheitcn sehr erfahrener Herr. Und wenn ihm die Zu 
neigung des jungen Mädchens auch nicht begehrenswert er 
schien, so verletzte es doch seine Eitelkeit, daß man ihm, dem 
von Frauen Verhätschelten, euren fadblonden Germanen, einen 
Zivilbeamten vorziehen konnte, und das versetzte ihn in eine 
gereizte Stimmung. 
Falkenhain traf im Nebenzimmer den Regicrungsrat von 
Lahrbusch, der sich sofort seiner annahm, ihn durch die elc- 
I ganten Räume führte und hie und da vorstellte.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.