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Periodical volume Nr. 267, 13.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

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Kr. 267 
Friedenau, Montag den 13. November 1905 . 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Fünfkirchen. Aus Anlaß der Ankunft des Grafen 
Apponyi» welcher hier einem Meeting beiwohnen wollte, 
kam es zwischen Sozialisten und Anhängern der Unab 
hängigkeitspartei zu einer großen Schlägerei, wobei von 
Revolvern Gebrauch gemacht und viele verletzt wurden. 
Lemberg. Nach einer Versammlung von Ruthenen 
kam es zwischen den Versammlungsteilnehmern und der 
Polizei zu blutigen Zusammenstößen. Die Polizei, welche 
mit Revolvern angegriffen wurde, mußte mit blanker 
Waffe einschreiten, wobei zahlreiche Personen verletzt wurden. 
Biele wurden verhaftet. 
Budapest. Bei den gestrigen Schlägereien in Fünf 
kirchen wurde ein berittener Zug, der zum Empfang des 
Grafen Apponyi und der Koalitionsabgeordneten erschienen 
war, am Bahnhof von einer mehr als tausendköpfigen 
Menge auseinandergetrieben. Graf Apponyi und sein 
Gefolge wurden mit einem Steinhagel empfangen und 
konnten nur unter starker militärischer Bewachung in die 
Stadt gelangen. Zu ihrem Schutze mußte wiederholt 
Militär mit blanker Waffe einschreiten. 
Petersburg. Im gestrigen zweiten Ministerrate 
wurde die Frage betreffend die Preßfreiheit ihrer Er- 
ledigung zugeführt. Die Gerüchte, daß die Verleihung 
der Autonomie an Finnland ohne Wissen und gegen den 
Willen Wittes erfolgt sei, werden als unbegründet 
bezeichnet. 
Petersburg. Die Rückbeförderung der russischen 
Truppen aus der Mandschurei wird in der zweiten Hälfte 
dieses Monats beginnen. 
Man glaubt, daß Graf Witte die Dumawahlen bis 
nach Abänderung des Wahlgesetzes vertagen wird. 
Paris. Der Petersburger Korrespondent deS 
„Eclair" berichtet» daß die neuen Minister, wie besonders 
hervorgehoben wird, zumeist aus dem Justizministerium 
entnommen worden find. Das neue Kabinett wird bis 
zum Zusammentritt der Reichsduma im Amte verbleiben. 
Der „Matin" meldet aus Tanger, der Maghzrn, 
welcher versprochen hatte, die Banditen zu verhaften, 
welche die beiden englischen Offiziere gefangen genommen 
hatten, hat bisher nichts getan, um sein Versprechen zu 
halten. SS ist jedoch dem englischen Gesandten gelungen, 
die Bestrafung deS Marokkaners zu erwirken, welcher den 
Engländer Maddon gefangen genommen hatte. 
Loudo«. In diplomatischen Kreisen verlautet, daß 
für eine Demisston deS Grafen LamSdorff kein Grund vor- 
Handen fei; bis jetzt fei auch noch keine amtliche Be. 
stätigung deS Gerüchts von seinem Rücktritt erfolgt. 
Roui. Gestern Abend fand eine große antimilitä- 
ristische Kundgebung statt, an welcher sich mehrere 1000 
Personen, darunter zahlreiche Rekruten beteiligten. Es 
wurde eine Resolution angenommen, in welcher erklärt 
wurde, daß man den Befehlen zum Morden nicht nach 
kommen dürfe und daß, wenn etwa das Militär gegen 
das Volk kämpfen müßte, die Soldaten gemeinsame Sache 
mit der Bevölkerung machen würden. 
Konstantinopel. In diplomatischen Kreisen wird 
versichert, daß bestimmte Hoffnung bestehe, keine der Groß 
mächte werde sich von der geplanten Flottendemonstratton 
fernhalten. 
Tokio. In der Bevölkerung herrscht große Erregung 
gegen die Behandlung des früheren Präsidenten des Ab 
geordnetenhauses und dreier Parlamentsmitglieder, welche 
denselben im Gefängnis zuteil geworden war. Wegen 
politischer Vergehen waren sie zu 1 Jahr Gefängnis ver- 
urteilt worden. 
Mgemeines. 
ff Die Unregelmäßigkeiten im StückgutS- 
Verkehr, welche bei dem stärkeren Herbstversandt immer 
wieder vorkommen, haben die Staatsbahn-Verwaltung 
veranlaßt, die wichtigsten Vorschriften über die Annahme 
der Stückgüter übersichtlich zusammenzustellen und den 
größeren Spediteuren und Handelsfirmen Berlins zu über 
senden. Diese Druckschrift ist allgemein als zweckmäßig 
und praktisch gut verwendbar bezeichnet werden, es wurden 
sogar Nachbestellungen zu mehreren tausend Stück ge. 
macht. Die Kgl. Eisenbahndirektion hat deshalb die an- 
fangs im Umdruck handschriftlich hergestellte Schrift in 
Typendruck setzen und in Oktav-Format bringen laffen. 
Sie ist von heute ab zum Herstellungspreise von einem 
Pfennig für das Stück bei allen Eilgut- und AbfertigungS- 
stellen, sowie bei der amtlichen Auskunftsstelle „Alexander- 
platz" käuflich zu haben. Bei Benutzung und Beachtung 
dieser kurzgefaßten Vorschriften dürften die vielgerügten 
Unregelmäßigkeiten im Stückgutverkehr bald verschwinden, 
auch wird das Pfennig-Heftchen manchen Versender vor 
Unannehmlichkeiten und Schaden bewahren. 
sj Der Güterverkehr mit Rußland über Wir» 
ballen—Nowo—Wileisk ist, wie die Kgl. Eisenbahn» 
Direktion Berlin bekannt macht, auf den nachfolgenden, 
russischen Bahnen wieder eröffnet worden; auf der Libau» 
Romnyer und Moskau—Brester Eisenbahn (bei letzterer 
ausgenommen die Strecke Wjasma—Moskau), auf der 
Polljäßjeschen, Moskau—Kiew—Woronesher Eisenbahn, 
auf der Kiew—Poltawaer, Charkow—Nikolsjewer, Scys- 
rau—Wjasmerer, Moskau—Kursker, Nishegroder, Muromer, 
Moskau—Jaroslawl—Archangelsker und Moskau-Windau- 
Rybinsker Eisenbahn. Die übrigen Strecken, sowie der 
Durchgangs-Güterverkehr über Wjasma—Moskau sind noch 
gesperrt. Die Beförderung direkter Zoll-Transtt-Sendungen 
nach Moskau auf Umwegen über Rjeshitza rc. ist nur bet 
Verzollung in Wirballen zugelaflen. 
0 Der Nord-Düd-Expreß (Brenner), welcher 
zwischen Berlin und Verona zu verkehren pflegt, wird, 
wie schon kurz mitgeteilt, vom 29. d. M. ab bis Mitte 
Mai k. I. täglich bis Cannes durchgeführt und der Gegen 
zug von dort abgelaffen werden. Nach einer Bekannt 
machung der Staatsbahnverwaltung ist der Fahrplan wie 
folgt festgesetzt: Ab Berlin, Anhalter Bahnhof, >10.25 
Abends, ab Verona 6.15 Abends, ab Mailand 9.20 Abends, 
ab Genua 2.14 Nachts, ab Ventimiglia 7.20 Vorm. 
(Par. Zt ), Ankunft in Cannes 9.21 Vorm. Der Gegen 
zug fährt in Cannes 8.35 Abends ab, von Ventimiglia 
12.10 Nachts, von Genua 6.10 früh, von Mailand 9.25 
Vorm., von Verona 11.55 Vorm, und trifft in Berlin, 
Anhalter Bahnhof, 8.03 Vorm. ein. Die erste Abfahrt 
von Berlin findet am Mittwoch, den 29. d. M., die erste 
Abfahrt von Cannes am Freitag, den 1. Dezember 
d. I. statt. 
Lokales. 
t Jagdscheine sind von nachstehenden Friedenauern 
im Monat Oktober gelöst worden: Rechnungsrat Zimmer- 
mann, Architekt Haak, Kaufmann Schlochow, Dr. Süßmann, 
Wirkt. Geh. Oberpostrat Karl Griesbach, Hauptmann 
Meisl und Prokurist Ewald. 
f Dar Arbeitgeber-««- für das Baugewerbe 
wird bei den Streiks jetzt gleichfalls Stellung nehmen und 
in Versammlungen Anfangs Dezember hierüber beraten. 
Neben den rein geschäftlichen und internen Angelegen 
heiten werden sich die Versammlungen mit der jährlich 
vorzunehmenden Festsetzung der Mitgliedsbeiträge und der 
Grundsätze für die Gewährung finanzieller Unterstützung 
bei Streiks aus dem bei der Hauptstelle angesammelten 
Fonds zu beschäftigen haben. DeS ferneren soll am 
7. Dezember eine Vertreter-Besprechung derjenigen Ver 
bände, die nach von vornherein bestimmten Grundsätzen 
feste Unterstützungen an ihre von einem unberechtigten 
Streik betroffenen Mitglieder gewähren, stattfinden und 
hierbei die bereits früher eingeleitete Beratung über einen 
engeren Zusammenschluß dieser Verbände zu gegenseitiger 
finanzieller Hilfe fortgesetzt werden. 
JPr erster Gatte. 
Roman von Franz Treller. 
13_ (Nachdruck Mtksita.) 
Trotz der redlichen Absicht des jungen Mannes, sich 
Fräulein von Manrod nicht öfter zu nähern, als es durch die 
Umstände geboten oder niindestens gerechtfertigt war, fügte 
es sich merkwürdigerweise doch, daß an ihreni Stande sehr 
viel zu tun war. „ . „ 
Ließ die überails achtungsvolle und rücksichtsvolle Haltung 
des jungen Mannes auch nichts zu wünschen übrig, so be 
gegnete Marie von Manrod doch wiederholt einem so bewun 
derungsvollen Blick aus seinen blauen Augen, daß es ihr 
heiß in die Wangen stieg. , 
Er hatte nur einige unbedeutende Worte mit ihr ge 
wechselt, und doch halte seine Nähe, der Ton seiner Stimme 
ihr ganzes Wesen in Erregung versetzt. Sie lvußte nicht, wie 
ihr geschah. . 
Und er, gesellschaftlich ungleich geschulter und wohl wissend, 
wie wenig es schicklich sei, einer jungen Dame, die ihni so 
fern stand, besondere Aufmerksamkeit zu erweisen, fühlte sich 
mit elementarer Gewalt zu ihr hingezogen. 
Der Oberpräsidentin milßte dies doch aufgefallen sein, 
denn eben, als er sich ivieder mit dem Stande des Präsidcnten- 
töchterchens beschäftigen wollte, rief sie: „Herr von Falkeuham, 
wir haben Sie sehr nötig, bitte, müßigen Sie sich einen Augen 
blick dort ab." ! 
.Hier bin ich, Exzellenz." ^ f . . 
,Die strahlenden Augen und flatternden Locken dort stno 
gefährlich für junge Assessoren — bleiben Sie ein wenig be, 
uns." Die alte Dame lächelte, und Falkenhain nahm ihre 
Aeußerung mit der besten Laune hin. , „ 
„Unter Ew. Exzellenz Führung trotze ich jeder Gefahr. 
Währeiid er unter ihrer Oberaufsicht einige Aenderungen 
' anordnete, hatte sich Marie von Manrod in den Verschlag, 
der einen Tiroler Kramladen darstellen sollte, zurückgezogen rlnd 
saß mit glückseligem Lächeln sinnend da. 
Daun sagte eine jugendliche Slimnie: „Er ist in sie ver 
liebt, so sicher ivie ich hoffe, in sechs Wochen Edgars Gattin 
zu werden." 
„Woraus schließt Du denn das?" 
„Sieh doch nur seine Augen, wenn er sie anstarrt. Das 
kenne ich von meinem Edgar." 
Edgar war ihr Bräutigam, ein Gutsbesitzer aus der 
Umgegend. 
.Ter sah mich immer so verklärt an, weißt Du, so wie 
ein krankes Huhn." 
„Schöner Vergleich." 
Die beiden Mävchen lachten. 
„Bis ich ihm eines Tages erklärte: „Herr von Baller, 
ich verbitte mir dieses ewige Anstarren. Da sagte er ganz 
kläglich: .Ach, und ich möchte Sie so gern mein ganzes Leben 
lang ansehen, Fräulein von Hochheim? Da fühlte ich eilte 
gelinde Rührung — — ein Wort gab das andere — — 
und na — Du weißt ja, daß ich verlobt bin." 
„Der Affessor ist eigentlich ein schöner Mann," ließ sich 
die andere vernehmen — — „ich kamt mir nicht denken, 
daß er Geschmack an der Kleinen gefltnden hat, hübsch ist sie 
doch nicht." 
„Ach ja, sie hat recht," dachte die rot gewordene und 
glückselige Marie, die durch dieses herbe Urteil nicht 
einmal verletzt ward „hübsch bin ich auch nicht 
ich « 
„®a§ sage Du ja nicht; sie ist ein ganz allerliebstes 
Mädchen, und verliebt ist er bis über die Ohren in sie." 
Mit einem leisen Seufzer entgeguetete die andere: „Ja, 
der Geschmackist verschieden." 
Dann ward's still nebenan, die Redenden mußten sich 
entfernt haben, und Marie trat aus ihrem Verschlage hervor. 
In ihr wogte alles. 
Jetzt hatte sie aus fremdem Munde gehört, was sie 
selbst dunkel ahnte und sie so unendlich glücklich machte. 
Seine Augen, ja sie sprachen eine zu Herzen gehende Sprache. 
Aber um Gotteswillen, wenn ihre Blicke ebenso deutlich 
.das, was ihr im Herzen lebte, verrieten? 
s Erst nach etniger Zeit trat sie hinrer der sie deckenden Gar- 
dine hervor und mischte sich in das im Saal herrschende Treiben. 
Sie sah sich nicht einnial nach dem Affessor um, der 
übrigens von Exzellenz beschäftigt lvurde. 
In den Saal trat mit der selbstbeivußten Haltung, die 
ihm eigen war, Alfons de Fleury, verneigte sich leicht vor 
den ihm nahestehenden Damen und sah sich nach seiner Stief 
schwester um. 
Der junge elegante Franzose war der größeren Anzahl 
der Anwe enden dem Acußeren nach bekannt und erregte durch 
sein Erscheineil einiges Aufsehen, ivas er recht gut bemerkte. 
Er erblickte bald seine Schivester und ging auf sie zu. 
„Ah, Kleine, da bist Du ja hier in eiilem hübschen Arbcits- 
trubel." 
„Mein Gott, wie kommst Tu denn hierher?" 
Sie schien durchaus nicht angenehm durch seine An 
wesenheit berührt ztl sein. 
„Sehnsucht, Dich ztl sehen, Teuerste. Man entfaltet ja 
hier einen lnigeivöhnlichen Arbeitsüberfluß, kann ich Dir helfen, 
liebste Marie?" 
„Du würdest Dich wenig für unsere germanischen Ein 
richtungen eignen." 
„Suche mich zu veriveuden — ich füge mich Dir wie ein 
stummer Sklave." 
„Zlluächst vergiß nicht, daß die Frau Oberpräsidentin 
anwesend ist " 
„O, Himmel, das hätte ich beinahe übersehen. Tanke Dir, 
Teuerste, ich muß Exzellenz alsbald meine Ehrfurcht bezeigen." 
Er begab sich eiligen Schrittes nach der Gegend des 
Saales, wo er die Oberpräsidentin erblickte. 
Diese hatte ihn recht gut gesehen, ließ sich aber durchaus 
llicht in ihrer Unterhaltung mit dem Assessor von Falkenhain 
durch sein Nahen stören. Der alten kerndeutschen Edelfran 
war der windige Franzose, der in ihrem Hause bereits vor 
gestellt war, durchaus nicht sympathisch. Nicht, weil er Fran 
zose war, nein — iveil sie instinktiv fühlte, eine nicht lautere 
Menschennatur vor sich zu haben. 
Marquis de Fleury wartete in guter Haltung geduldig, 
bis sich Gelegenheit bieten lvürde, die hochstehende Dame zu 
begrüßen, und betrachtete einstweilen die männliche Gestalt 
dessen, mit dem die Oberpräsidentin sprach. 
-Ein echter plumper Tcutone", dachte er. »Mit welch
        
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