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Periodical volume Nr. 266, 11.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den ßriedenauer Grtsteil von 5chöneberg nnd den Bezirksverein Süd-West. 
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Kr. 266 
Friedenau, Sonnabend den 11. November 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Jena. Die hiesige deutsch-nationale Studentenschaft 
setzt ihre Feindseligkeit gegen die russischen Studierenden 
fort. In einer neuen Versammlung wurde abermals eine 
Eingabe an den Senat mit dein Protest gegen deren an 
maßendes Auftreten beschlossen. 
Bremen. Entgegen den Meldungen von einem 
Durchbruch des Schwimmdocks der Werft der Aktiengesell 
schaft Weser in Bremen teilt die Werftleitung der „Weser 
Zeitung" mit, es handle sich nur um lokale Beschädigungen. 
Das Dock steht in Kürze wieder zur Verfügung. 
Frankfurt a. M. Gestern Nachmittag erfolgte in 
einem Zufuhrkanal der Klärbeckenanlage in Niederrad eine 
Explosion, durch die das Maschinenhaus in Brand geriet. 
Die Gefahr war bald beseitigt. In dem Kanal hatten 
sich vermutlich Reste von Benzin und Terpentin entzündet. 
Der Verschluß der Klärbeckenanlage war geborsten und 
die herausschießende Flamme setzte das Maschinenhaus in 
Brand. Ein Arbeiter erlitt starke Brandwunden, der an 
gerichtete Schaden wird auf 15 000 M. geschätzt. 
Von verschiedenen Seilen wird der „Frkf. Ztg." be 
stätigt, daß eine ganze Anzahl von Handelskammern 
durch die Kriegsverwaltung zur Berichterstattung über 
die Versorgung der Truppen mit Dauerfleisch im Mobil 
machungsfalle aufgefordert worden sind. Die Handels- 
kammer für den Kreis Mannheim mußte auf Grund ihrer 
Erhebungen der anfragenden Stelle mitteilen, daß die 
Vorräte infolge der außerordentlich hohen Einkaufspreise 
bedenklich klein seien, sodaß im Falle einer Mobilmachung 
für die ersten 3 bis 4 Wochen ein Mangel an Fleisch 
herrschen würde. 
Wie». Auch die nichtdeutschen Studenten hielten 
eine Versammlung ab und protestierten in einer Resolution 
gegen den Terrorismus der deutsch-nationalen Studenten 
schaft an der Wiener Hochschule und drückten dem Rektor 
ihren Dank für das mannhafte Auftreten zugunsten der 
akademischen Freiheit aus. 
Mailand. Laut einer Meldung des „Stampa" ist 
in vergangener Nacht die Seidenspinnereifirma Gazzera 
in Tinerolo bei Turin vollständig eingeäschert worden. 
Der Schaden beläuft sich auf etwa 1 Million Lire. 
Lemberg. Zahlreiche Mitglieder des Polenklubs 
werden beim Landtag eine Interpellation einbringen 
wegen der Judenmetzeleien. — Hier aus Baffarabien ein- 
getroffene Flüchtlinge berichten, daß alle Nachrichten über 
Metzeleien im südwestlichen Gebiete Rußlands bei weitem 
nicht an die Wirklichkeit heranreichen. Die Zahl der 
Getöteten ist unglaublich groß. Die antisemitische 
Bewegung nimmt immer mehr zu. 
Moskau. Die Tatsache, daß es dem Grafen Witte 
nicht gelungen ist, ein Kabinett zu bilden, ohne sich auf 
Untergebene der früheren Minister zu stützen, wird 
allgemein ungünstig kommentiert. Die gemäßigten Liberalen 
gestehen offen überein, daß die Ausständigen einen großen 
Fehler begehen, indem sie den Streik vor Zusammentritt 
der Reichsduma proklamierten. 
Petersburg. Die Gerüchte von dem Ausbruch einer 
Polenrevolution bewahrheiten sich nicht. — Der Be 
lagerungszustand ist über Kronstadt verhängt worden. 
Wie verlautet, ist dieselbe Maßnahme auch für ganz 
Polen geplant. — Noch immer gehen umfassende Truppen 
verstärkungen mit Maschinengewehren nach Kronstadt, um 
daselbst die Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Es 
ist unmöglich, genaue Mitteilungen über die Zustände 
in Kronstadt zu erhalten. Die offiziöse Behauptung, daß 
die Berichte über die Vorgänge stark übertrieben werden 
und daß die Ordnung bereits wieder hergestellt sei, wird 
hier stark bezweifelt. — Nach hier eingetroffenen Meldungen 
aus Odessa, sollen die Revolutionäre das Telegraphenamt 
in die Luft gesprengt haben. 
Londou. Nach hier aus Petersburg eingetroffenen 
Meldungen soll unter den garnisonierenden 14. und 18. 
Matrosen-Equipagen eine Revolution ausgebrochen sein. 
Infolgedessen haben Gardetruppen die Kasernen der 
Matrosen besetzt. 
Paris. Die Ministerkrisis bildet das Hauptgespräch 
aller politischen Kreise. Man behauptet, die Krisis sei 
noch nicht beendet und weitere Demissionen dürften folgen. 
In den Wandelgängen der Kammer trat mit ziemlicher 
Bestimmtheit das Gerücht auf, der jetzige Minister des 
Innern, Etienne, werde das Portefeuille des Krieges 
übernehmen. — Rouvier weigerte sich gestern Abend, eine 
sofortige Lösung hinsichtlich der Nachfolgeschaft Berteaux 
zu treffen. Ein Teil der Deputiertenkammer wünscht 
einen Zivilminister, weil man den Posten gern einem 
radikalen Abgeordneten angeboten wissen möchte. Der 
heutige Ministerrat unter dem Vorsitze Loubets dürfte die 
Entscheidung darüber bringen, ob man einem Militär 
oder wieder einem Zivilisten das Portefeuille übertragen 
wird. — Der „Matin" berichtet über einen ernsten 
Zwischenfall, der sich gestern in Bois de Boulogne 
ereignete und großes Aufsehen hervorrief. General 
Percin, früher Kabinettschef im Kriegsministerium unter 
Andrö, begegnete dem General Brugörs und grüßte diesen, 
was jedoch Brugörs nicht erwiderte. Darauf ging Percin 
auf ihn zu und sagte zu dem General, er bestehe darauf, 
daß BrugörS seinen Gruß erwidere. Letzterer antwortete, 
er habe Percin nicht gesehen und dieser möge sich davon 
scheren. Percin will die Angelegenheit dem Kriegs 
ministerium unterbreiten. — Die französische Regierung 
hat sich nunmehr entschlossen, in Christiania eine besondere 
Gesandtschaft zu errichten. — Nach einer Meldung des 
„Matin" hätten die japanischen Truppen in Kobe ge 
mordet und man befürchet daselbst auch eine Erhebung 
des Volkes. 
Toulou. Der Marinepräfekt hat auf Grund einer 
geheimen Zirkularnote des Marineministers die Werkfühl er 
der Arsenale zu sich bestellt, um mit ihnen alle Maß 
nahmen für den Fall eines Ausstandes zu beraten. 
Cherbourg. Die Unterseeboote „Sirene" und 
„Triton" stießen gestern bei einer Übung zusammen und 
erlitten beide schwere Beschädigungen. Die „Sirene" 
mußte mittels Schlepptau nach dem Trockendock gebracht 
werden. 
Konstantinopel. Auf das Mitglied der Unter- 
suchuvgskonimission in der Yildiz-Bombenaffäre, Nedjeib, 
hat ein unbekanntes Jndividum einen Revolverschuß ab 
gefeuert, der jedoch fehl ging. 
Allgemeines. 
[] Der Eisenbahner Ansstand in Österreich hat 
die Staatsbahnverwaltung veranlaßt, die Güterabfertigungs 
stellen anzuweisen, infolge der durch den Ausstand zu er- 
wartenden Verkehrsstockungen in Böhmen, westlich der 
Linie Bodenbach-Gmund, den Versendern Vorsicht bei der 
Versendung nach dem Ausstandsgebiete anzuraten und 
eventl. Zurückhaltung zu empfehlen. 
[] Wegen drohenden Bergsturzes ist der Gesamt 
verkehr auf der Strecke Taxenbach-Rauris-Kitzloch der K. 
K. österreichischen Slaatsbahn eingestellt worden. Per 
sonenzüge verkehren nur bis und ab Taxenbach bezw. 
Rauris-Kitzloch. Für die Beförderung über die Unter- 
brechungsstelle müssen die Reisenden selbst sorgen. Güter- 
züge verkehren einerseits bis und ab Lend (-Gastein), 
anderseits bis Taxenbach. Für den Güterverkehr, einschl. 
lebende Tiere, sind die Hilfsrouten Rosenheim-Kufstein- 
Wörgl und Rosenheim-Salzburg bestimmt. 
0 Den „Berliner Tierschutzkalender" zu ver 
mitteln hatten in früheren Jahren die Herren Lehrer unter 
nommen. Dies war lange Jahre hindurch so geschehen, 
daß die Kalender hundertweise bezogen und dann von 
den Kindern mit 5 Pf. das Stück bezahlt wurden, ein 
Preis, der kaum die Herstellungskosten deckte. Nachdem 
auf Antrag der Schreibwarenhändler jenes Verbot erfolgt 
war, richtete man aus der Lehrerwelt heraus zahlreiche 
Bittschriften an die städtischen und staatlichen Unterrichts 
behörden um Aufhebung des Verbots. Darauf ist nun 
mehr folgender Bescheid der Schuldeputation ergangen: 
»Infolge mehrfacher an uns gerichteter Petitionen hatte sich der 
Magistrat an den Unterrichtsminister mit dem Ersuchen gewandt, 
Entscheidung darüber treffen zu wollen, ob der Verkauf des Tier 
schutzkalenders durch Mitglieder der Lehrerkollegien statthaft sei. Der 
Minister hat dahin entschieden, datz der Vertrieb des Kalenders durch 
Lehrpersonen nicht genehmigt werden könne, er hat uns jedoch er- 
möchtigt, dafür Sorge zu tragen, daß die Schulkinder von ihren 
Lehrern alljährlich auf diesen Kalender dei seinem Erscheinen 
empfehlend aufmerksam gemacht werden. Wir ersuchen die Herren 
Rektoren, dieser Aufforderung entsprechen zu wollen/ 
Lokales. 
-j- St. MartinStag. Der 11. November gehört 
als Martinstag zu den volkstümlichen Tagen des Jahres. 
Er ist, wie sein Name besagt, der Erinnerung des Heiligen 
Martin geweiht, des Bischofs von Tours. Martin wurde 
alS Heide um 316 in Nieder-Ungarn geboren. Auf Drängen 
seines heidnischen Vaters ins Heer eingetreten, ließ er sich 
in Gallien taufen und widmete sich von nun an ganz 
einem christlichen, asketischen Leben. Er wohnte in ein 
samer Zelle auf einem Felsen und teilte alles mit den 
Armen. An seine Ernennung zum Bischof von Tours 
Jpt erster Satte. 
Roman von Franz Treller. 
12. tRachtruck orrdotm.) 
»Zu einer Schönheit wird mich auch ein blaues Kleid 
nicht machen." , 
»Nun, einen kenne ich, der Dich für die Schönste von 
allen hält." , 
Ein leichtes Erschrecken malte sich im Auge des Mädchens 
und eine seine Röte zeigte sich auf den Wangen. Frau von 
Manrod entging das nicht. 
»Ah," sagte sie, scherzend mit dem Finger drohend, 
»solltest Du nicht recht gut wissen, wie Alfons Dich verehrt?" 
„Alfons?" Das zarte Gesicht verlor plötzlich den Anflug 
von Verlegenheit. »Alfons liebt nur seine eigene zierliche 
Person." . 
»Du irrst Dick sehr, mein Liebling, er hegt eine tiefe, 
aufrichtige Neigung zu Dir " 
»Das ist mir neu," klang es fast spöttisch von den 
Lippen Maries. 
»Und doch ist es so, nur Deinetwegen ist er uns so 
rasch hierher gefolgt * 
»Ich fürchte, seine Gläubiger haben nicht unerheblich dazu 
beigetrogen —" 
»Wie prosaisch Du sprichst. Alfons hat nicht mehr 
Schulven, als ein Kavalier in seiner Stellung mit Anstand 
haben kann, er ist ein vollkommener Edelmann und Dir 
auf das innigste ergeben." 
»Du mußt mir gestatten, Mama, daran zu zweifeln, 
und etivas Schelmisches blitzte in den Augen auf. 
»Du würdest sehr Unrecht tun, Marie, Du müßtest denn 
die tiefe, ernste Neigung eines ehrenwerten Mannes nicht zu 
schätzen wissen, eines Mannes, der in Dir sein alles sieht und 
die Hoffnung hegt, daß Du auch ihm geneigt bist." 
Jetzt wußte Marie, warum Frau von Manrod sie zu 
sich hatte bitten lassen und was die Ursache des so nnge- 
wohnten liebevollen Empfanges ivar. Sie bezwang ihre Er 
regung und zeigte ein ruhiges, fast kaltes Gesicht. 
„Du täuschest Dich, liebe Mama," sagte sie gemessen, 
»doch wenn es Dir genehm ist, brechen wir hiervon ab." 
»Täuschen? Ich kenne jede Seelenregung meines Kindes 
von früher Jugendzeit an. Du bist noch zu jung. um Dein 
eigenes Herz zu kennen und wirst bald anders denken." 
„In Bezug auf Alfons gewiß nicht." 
Es lag in der Art, mit der sie diese Worte sagte, etwas 
Verächüiches, und Frau von Manrod fühlte das wohl heraus, 
aber sie bezwang den aufsteigenden Zorn und sagte milde: 
„Es würde Deinem lieben Vater Freude machen, wem: 
Du anders dächtest." 
Marie erschrak, denn sie kannte den Einfluß dieser Frau 
auf ihren Vater. 
„Papa?" - ' 
„Ja. mein Herz, und nun geh und mach Dich fertig, 
wir wollen nachher ausfahren, um den Stoff zu Deinen: 
Kleide auszusuchen." 
Marie ging mit Freuden, denn das von ihrer Stief 
mutter angeschlagene Thema war ihr wenig angenehm ge- 
wesen. 
Ihr Vater? Ach was, zwingen würde sie ihr alter 
gutmütiger Papa nicht. 
Mit einem Gesicht, in dem aller Zorn über diesen so 
ganz unerwarteten Widerstand, der ihren Lieblingsplan über 
den Haufen zu werfen drohte, sich widerspiegelte, sah die 
Präsidentin der Stieftochter nach. 
„Du wagst es, meinen Alfons mit dieser Nichtachtung 
abzuweisen, Du plumpe Deutsche, die es sich zur Ehre an 
rechnen sollte, die Gattin eines ritterlichen Franzosen zu 
werden? Hüte Dich vor mir, sanfte Jungfrau, man schlägt 
Alfons nicht aus, ohne seine Mutter zur Todfeindst: zu 
haben." 
Es klopfte. 
Augenblicklich glätteten sich ihre Züge nicht ohne Auf 
gebot von Energie. Das hereintretende Kammermädchen 
meldete, daß Monsieur Schneider die gnädige Frau zu sprechen 
wünschen. 
„Er soll kommen." 
Ter Kammerdiener trat ein. Frau von Manrods Gesicht 
hatte seine ganze Ruhe wiedergeivonnen. 
„Nun. Schneider, Sie haben lange auf sich warten lassen." 
„Gnädige Frau werden verzeihen, aber ich habe Reisen 
unternehnien müssen, da mich das Ailskunftsbureau nicht 
genügend unterrichtete, gnädtge Frau wissen, daß ich jeden 
mir erteilten Auftrag mit der größten Pünktlichkeit ausführe." 
„Nun ja, Schneider, ich weiß ja. lassen Sie niich jetzt 
die Resultate Ihrer Forschungen kennen lernen. Hätte ich 
übrigens gewußt, daß das so viel Mühe macht, würde ich 
Sie gar nicht belästigt haben, das war die Sache nicht 
wert. Nun?" 
„Gnädige Frau werden einigermaßen erstaunen —" 
' „Nun ja doch — lassen Sie mich wenigstens erstaunen. 
Ist die Familie alt, ehrenwert, vermögend?" 
„Würden gnädige Frau gestatten" — 
„Nun gut, erzählen Sie nach Ihrer Weise — aber kurz." 
„Es laufen da verschiedene Kuriosa mit unter. De»
        
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