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Periodical volume Nr. 265, 10.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Passanten schlossen sich an und fragten verwundert, wie 
der Mann festgesetzt werden könne, der Zar habe doch 
Allen die Freiheit verheißen! Bon der Masse bedrängt, 
alarmierte der Polizist eine Militärwache, deren Führer, 
«in junger Offizier, ließ schließlich feuern und fünf 
Personen, darunter der bekannte Student Baumann, 
wälzten sich in ihrem Blute. . . . Ein herbeigerufener 
Polizeimeister versuchte — entblößten Hauptes! — die 
wildanstürmende Menge zu beschwichtigen, er versprach 
eine „strenge Untersuchung" gegen den jungen Offizier, 
den man zu lynchen drohte, — allein, das -Signal zu 
weiteren blutigen Straßenkämpfen war nun einmal 
gegeben. 
An dem Begräbnis Baumanus beteiligten sich ca. 
50 000 Personen. Im Zuge trug man zahllose Ktänze 
und rote Banner mit Inschriften, wie: „Hoch die 
Republik Moskau", ,,Es lebe die internationale Sozial 
demokratie" rc. Ein fliegendes Spalier von Studenten, 
die sich die Hände reichten, brach dem Zuge Bahn, der 
sich von Osten her durch das Zentrum der Stadt (Kitai 
Gorod) nach dem Wagankowsky-Kirchhofe im NW bewegte. 
Ich hatte neben einer vollbesetzten Wagenburg Aufstellung 
genommen; hinter mir erhob sich auf hohem Statif die 
Kamera eines Photographen, der Uber die Köpfe der 
Menge hinweg den Zug aufnehmen wollte, da erscholl 
plötzlich der Ruf: „Die Kosaken kommen". Und nun 
folgte eine Szene, die jeder Beschreibung spottet: der 
Photograph, die auf den Wagen Stehenden flogen in 
weitem Bogen herab, alles wandte sich zur Flucht und in 
das wüste Stimmgewirr mischte sich das Wehgeschrei der 
Verunglückten. Die Kvsaken-Panik erwies sich indes als 
unbegründet. Der Zug gelangte in voller Ordnung nach 
dem Kirchhofe. Am Grabe Baumanns hielt u. a. auch 
dessen Witwe eine fulminante Rede, in der sie bei den 
Gebeinen ihres Galten ewige Rache schwur und die 
Trauerversammlung zur Mitwirkung aufforderte an der 
Vollendung des Werkes, das der „Ermordete sich zum Ziele, 
gesetzt. . . Zur selben Stunde demonstrierten von Konser 
vativen geführte Volksinaffen vor dem Gouvernements 
gebäude, und cs wäre zweifellos hier wieder zu blutigen 
Exzessen gekommen, wenn nicht das Gros der Ruhestörer 
durch die Beerdigung abgehalten gewesen wäre. 
Höchst auffallend fand ich, wie es möglich ward, alle 
die Greuel, die ich zum Teil mit erlebte, zu vertuschen 
und totzuschweigen; ebenso wunderbar erschien mir die oft 
grenzenlose Gesetzes-Unkenntnis vieler Beamten, die dem 
Fremden besonders bei der Post- und Zoll-Abfertigung 
entgegentritt. Man weiß oft nicht, wo, wie und von wem 
die Pässe zu visieren und wie hoch die Gebühren find, — 
die letzteren find jedenfalls immer höher, als die Paß 
marken gedruckt angeben. Was die Zollplackereien an 
betrifft, so möchte ich nur ein Beispiel erwähnen: man 
wollte zwei Schutzdecken, mit denen ich die in meinem 
Koffer verpackten Reiseutensilien zu umhüllen pflege, mit 
Zoll belegen! 
Nach schier endlosen Tagen der Aufregung und Ent 
behrung schien mir die Befreiung zu winken. Der Eisen 
bahner-Ausstand sollte beendet sein und der erste Schnell 
zug nach Petersburg abgehen. Solchen Vertröstungen 
steht man schließlich sehr skeptisch gegenüber; man wider 
riet mir auch, den „Zug der Wohlhabenden" zu benutzen, 
anderen Tages werde ein „Postzug" gehen, der sein Ziel 
sicherer erreichen würde. Der Schnellzug ist in der Tat 
nicht weit gekommen. Ich begab mich zur Bank, um 
mein Reisedepot abzuheben, ich fand daS Institut aber 
geschlossen. Weshalb? Man beging die Jahres-Feier 
der — Thronbesteigung. Dem folgte wieder ein Feiertag, 
der kasanischen Mutter Maria gewidmet, deren kostbares 
Bild bekanntlich gestohlen worden ist. Der drittfolgende 
Tag war ein — Sonntag. Ich mußte also versuchen, 
auf anderem Wege mir Geld zu verschaffen. Ein Bekannter 
half mir mit — „Kreditbilletts" aus. Diese waren zwar 
nur mit hohem Aufschlag umzusetzen, ich war aber froh, 
sie überhaupt los zu werden. Frohen Mutes wanderte 
ich zum Nicolai-Bahnhof in Moskau, dieser glich einer 
Kosaken - Kaserne. Zechende, essende und schlafende 
Kosaken lagen mit ihren kleinen, wohlgenährten, aber 
ganz regellos aufgezäumten Pferden wüst durch 
einander. Die Haupteingänge waren geschlossen, man 
mußte Hintertüren, Gänge und Packräume passieren, um 
an den „Postzug" zu gelangen. Ein Mitreisender bat 
einen Kosaken, ihm gegen einen Rubel seine Nagaika 
(Knute, die Hauptwaffe dieser Burschen) abzutreten, da er 
diese als Andenken mit nach dem Auslande nehmen wollte. 
„lind doch ist es so. Es ist ja auch natürlich'. Marie 
ist ein schönes und selten liebenswürdiges Mädchen." 
Der junge Franzose war ihm durchaus nicht sympatisch, 
so sehr auch Alfons iy» für sich einzunehmen suchte. 
„Und sic?" fragte er ernst. 
„Wenn ich die weibliche Natur recht kenne, wird Marie 
nicht abgeneigt sein, Marquise de Fleury zu werden." 
„Das ist mir neu. Obivohl ich die Franzosen schätze und 
liebe, so ivürde ich doch lieber sehen, wenn Marie einem 
deutschen Edclmanne ihre Hand reichte." 
„Ich begreife das vollkommeil, Eduard," sagte sie herzlich, 
„aber ivenn zwei Menschen, die wir lieben, glücklich iverden 
wollen und können, sollen wir uns dazivischen stellen?" 
„Meine Liebste, Tein Alfons ist ein Leichtfuß." 
„Laß ihn mit eineni Wesen, wie Marie, so sanft und 
liebevoll, verheiratet sein, und er wird der beste und solideste 
der Ehemänner werden. Daß er Dich verehrt und bewundert, 
weißt Du ja." 
Der Präsident, der, weder mit physischer noch moralischer 
Kraft ausgerüstet, dieser immer noch verführerischen klugen 
Frau gegenüber besonders schwach war, hegte zu seiner sanften 
Tochter nicht nur Zuneigung, er kannte auch den jungen 
Franzosen besser, als die Mutter vermutete. Die Sache wurde 
jetzt ernst, er wußte, wie seine Frau diesen Sohn liebte und 
verzärtelte, wußte auch, daß der Friede seines Hauses auf dem 
Spiele stand, wenn er sich schroff ablehnend ihr gegenüber ver 
hielt — und wie alle schwachen Menschen suchte er nach 
einem vermittelnden Ausweg. 
„Meine Liebe, das stürmt s« auf mich ein. daß Du mir 
wirklich Zeit laffen mußt, alles durchzudenken." 
„Aber Eduard, das versteht sich ja von selbst. Daß es mir 
eine unendliche Freude sein würde, unsere Kinder vereint zu 
Mit einem Grinsen deS Bedauerns lehnte der Vaterlands- 
Verteidiger ab. Ehe aber unserem Zuge das dritte 
Glockenzeichen zur Abfahrt gegeben ward, reichte der wüste 
Gesell seine Nagaika in das Abteil hinein und ließ sich 
von dezn Ausländer den Rubel zahlen. Die Fahrt bis 
Petersburg (644 Km.) dauerte gegen 15 Stunden, für 
russische Eisenbahnverhältniffe nicht zu viel, da die regu 
lären Schnellzüge nahezu 12 Stunden fahren, d. h. nur 
ca. 54 Km. pro Stunde machen. Bei so langsamer Fahrt 
auf leichtem, elastischen Oberbau kann man sich übrigens 
selbst im Schlußwagen ruhig — rasteren, was ich auch, 
ohne mich zu schneiden, getan habe. 
Da im Büro der Internationalen Schlafwagen-Gesell 
schaft zu Moskau, daS alle Fremden aufzusuchen pflegen, 
merkwürdigerweise keine Nachrichten über die Weiter 
beförderung nach Deutschland zu erlangen gewesen waren, 
so nähmlich „mit Vergnügen" das Angebot eines Passagiers, 
der seinen Platz aufgeben mußte, an und schiffte mich auf 
dem russischen Frachtdampfer „Irkutsk" ein, der sibirische 
Butter und Eier nach London zu bringen pflegt. Als 
Zeichen dieser seiner Würde, führte er am Schornstein ein 
großes Butterfaß. Nebenbei nimmt er aber auch bis 50 
Passagiere auf. Diesmal war der „Irkutsk" voll besetzt, 
unter den Passagieren befanden sich mehrere Deutsche, auch 
ein russischer Student, der mit seiner jungen Frau die 
„Hochzeitsreise" antrat. An Bord wurden uns die Pässe 
abgenommen und 4, sage und schreibe vier Stunden lang 
von den in der Kajüte sitzenden Gendarmen geprüft, mit 
der Liste der „Verdächtigen" verglichen usw. Dann ging 
die Fahrt los, die zum Teil etwas stürmisch verlief; ich 
selbst war „nur" 24 Stunden lang seekrank . . . Wenn 
wir geahnt hätten, daß 12 Stunden später der Dampfer 
der Amerika-Linie „Thessalia" von Petersburg abgehen 
würde, wir hätten den „Irkutsk" ruhig — fahren lassen! 
Aber niemand hatte daran gedacht, dies in Moskau be 
kannt zu machen. So hatten wir Gelegenheit, den Unter 
schied zwischen russischen und deutschen Schiffen an unserm 
Leibe zu verspüren. Dafür zählten wir dann bis Holtenau 
— anstatt 70 Mark — 80 Rubel = 172 Mark, natürlich 
incl. Beköstigung, die nicht schlecht war. Geärgert haben 
wir uns aber schließlich erst recht, als uns die stolze 
„Thessalia" kurz vor der Einfahrt in den Kaiser Wilhelm- 
Kanal überholte! Sie zeigte uns nun wenigstens den 
rechten Kurs, da die Russen den Lootsen an Bord für 
überflüssigen Luxus hielten und lieber einmal öfter die 
„langsame Fahrt" stoppten ... So bin ich über Kiel 
glücklich nach Hause gekommen, zu meiner Familie, die 
über mein Schicksal in Moskau 14 Tage lang im Un 
gewissen schwebte. 
Was schließlich nieine persönlichen Ansichten über die 
Zukunft Rußlands anbetrifft, so möchte ich, da ich in die 
dortigen Verhältnisse doch wohl nicht tief genug einge 
drungen bin, mit meinem Urteil zurückhalten. Soviel 
kann ich sagen: gebildete Russen, die eine genaueste Kenntnis 
von Land und Leuten des Zarenreichs haben, erhoffen von 
den — ihrer Ansicht nach zu spät gekommenen — Maß 
nahmen der Regierung, wie von bloßen Versprechungen 
überhaupt, keinerlei Besserung, sie geben vielmehr der 
Überzeugung Ausdruck, daß das „Ende mit Schrecken" nahe 
bevorstehe ... 
Allgemeines. 
fj Beschränkung der Güterbeförderung im 
Verkehr mit Österreich. Die Kgl. Eisenbahndirektion 
Berlin macht soeben bekannt: Wegen Uebersüllung der 
Prager Bahnhöfe werden bis auf weiteres Frachtgüter 
aller Art die nach Prag, Verbindungsbahn, Kaiser Franz- 
Josefsbahn, Loco oder Prag, Böhmische Nordbahn, Loco, 
bestimmt oder die ausschließlich über Prag. Verbindungs 
bahn, Kaiser Franz-Josefsbahn oder Grabowska oder Prag, 
Smichow, Pusterader-Bahn zu leiten sind, nicht ange 
nommen; ausgenommen sind Sendungen von lebenden 
Tieren und Lebensmitteln, sowie von Eilgut. Auf bereits 
übernommene Güter findet diese Maßnahme nicht An 
wendung. — Wegen Uberfüllnng der Pilsener Bahnhöfe 
wird mit sofortiger Giltigkeit bis ausschließlich den 11. d. 
Mts. die Aufnahme von Frachtgütern mit der Bestimmung 
Pilsen, Loco, sistiert; ausgenomu.en hiervon sind Sendungen 
von lebenden Tieren, von Lebensmitteln, sowie von Eil 
gut. Auf bereits übernommene Güter findet diese Maß 
nahme keine Anwendung. Pilsen transttirente Güter 
können unbeschränkt aufgenommen werden. 
sj Der Nordexpreßzug zwischen Ostende (Paris) 
und Eytkuhnen (St. Petersburg) verkehrt, nachdem der 
sehen, brauche ich Dir gar nicht zu sagen. Doch ordne ich 
meine Wünsche Deiner Einsicht durchaus unter. Du bist der 
Gebieter." 
Den: Präsidenten, der an seiner Gebieterschast einiger- 
maßen zweiselte. wurde immer unheimlicher zu Blute. So 
sagte er: „Ich will. daß meine Tochter glücklich wird, 
t ortense. und werde ihrer Neigung niemals Zwang antun. 
ollte sie das höchste Glück des Lebens in einer Verbindung 
mit Alfons zu finden glauben — so null ich nicht widersprechen, 
ist das aber nicht der Fall, so wird mich nichts bewegen, auch 
nur rin Wort für diesen Ehebund einzulegen." 
„Auch ich will ja nur dae Glück der Kinder, Eduard." Sie 
war ganz zufrieden mit dem Erfolge ihrer Unterhaltung, und 
daß ihr Alfons, ihr hübscher eleganter, gewandter Sprößling, 
mit Leichtigkeit dieses unberührte Herz gewinnen werde, daran 
zweifelte sie nicht. Zunächst hatie sie erreicht, was sie erreichen 
ivollte. 
Sie küßte den Gatten zärtlich. 
„Du bist der beste, gütigste der Menschen, Eduard. Also 
mit unserer Einladung zu Montag bleibt es?" 
„Gewiß, gewiß — richte alles nach DeinenWünschen ein." 
Er küßte ihr Wange und Hand und ging. — 
Draußen seufzte er tief ans. 
„Wenn das Kind an diesem windigen Burschen wirklich 
Gefall n gesunden hätte —? Ich glaub es nicht — Hortense 
lügt sich etwas vor — ich glaube es nicht, aber dann — 
mein Gott, wenn ich mir meine Zukunft vergegenwärtige — 
mir schaudert. Aber Zwang wird dem Kino nicht angetan — 
auf keinen Fall." 
Frau von Manrod wartete, dir er abgefahren war, und 
ließ dann Marie zu sich bitten. 
Mit ungemeiner Liebenswürdigkeit empfing sie ihre Stief- 
russtsche Eisenbahner-AuSstand beendet ist, nunmehr wieder 
wöchentlich dreimal. Die Abfahrt von Ostende (Parts) 
nach Eytkuhnen (St. Petersburg), sowie von St. Peters 
burg nach Ostende (Paris) erfogt, außer» wie bisher, 
Mittwochs und Sonnabends, auch Montags von Berlin 
nach Eytkuhnen und umgekehrt, außer Sonntags und 
Donnerstags, auch Dienstags. Die Verkehrstage des 
Nordexpreßzuges Ostende (Paris)-Berlin-Warschau und 
zurück bleiben, wie die Königliche Eisenbahndirektion be 
kannt macht, unverändert (ab Ostende-Paris Donnerstags, 
ab Berlin Freitags, ab Warschau Sonnabends.) ' An den 
übrigen Tagen verkehrt der Nordexpreßzug nur zwischen 
Ostende (Paris) und Berlin. 
Lokates. 
-j- Ghrong deS verstorbenen Schöffen Lefövre. 
In dankbarer Anerkennung der hervorragenden Verdienste, 
welche der verstorbene Geh. Kanzleirat und Schöffe 
Leftzvre sich um die Gemeinde erworben, hatte die Ge 
meinde-Vertretung f. Z. beschlossen, den Herrn Amts 
vorsteher zu ersuchen, eine der neuen Straßen den Namen 
„Lrfövre-Straße" beizulegen. Die hierüber von dem 
Maler Peter Goh in Berlin in künstlerisch vollendeter 
Weise angefertigte Urkunde ist der Witwe von einer Depu 
tation, bestehend aus dem Herrn Bürgermeister Schnacken- 
burg, Herrn Schöffen Bache und Herrn Gemeinde-Ber- 
ordneten Pause überreicht worden. Der Wortlaut der 
Urkunde ist folgender: 
In »mikba er Anerkennung der hervorragenden Verdienste, die 
sich der verstorbene Gemeinde-Schöffe Geheime Kanzleirat 
Herr Robert Lesövre 
um die Gemeinde Friedenau erworben hat, insonderheit in seiner 
Eigenschaft als Dezernent des Armenwesens, und um daS Andenken 
an seine für die Entwickelung des Ortes so bedeutungsvolle Täiigkeit 
auch der Zukunft zu erhalten, hat die Gemeinde-Vertretung am 
25. Mai d. Js. einhellig beschlossen, den Herrn Amtsvorsteher zu 
ersuchen, drn demnächst zum Ausbau gelangendcn neuen Straßen 
zügen, jetzt mit Nummer 4, 5 und 6 bezeichn-t, den Namen 
„LefLre-Straße' 
zu verleihen. 
Friedenau, im Oktober 1905. 
(U. 8.) 
gez. Sch :ackenb:.rg. Bache. Draeger. Lichtheim. Woffidlo. Sadse. 
-j- Dem Gemeindarbeiter nud Parkwächter 
Stuhr ist aus Anlaß seines 80jährigen Geburtstages auch 
seitens der Gemeinde eine Ehrung widerfahren. Unser 
Herr Bürgermeister, sprach dem seit etwa 15 Jahren bei 
der Gemeinde beschäftigten treuen Arbeiter die Glückwünsche 
persönlich aus und überreichte ihm als Angebinde ein 
größeres Geldgeschenk. Der völlig überraschte und so ge 
ehrte alte Mann sprach bewegten Herzens seinen Dank aus 
und versprach, der Gemeinde auch fernerhin treu und ge 
wissenhaft zu dienen. 
-j- Der Verein der Vororte Berlin» wird am 
23. d. Mts. in den Johannis-Sälen zu Berlin seine 
Hauptversammlung abhalten. Stadtrat Bürkner-Rixdorf 
gedenkt über das Thema: „Groß-Berlin, seine Verwaltung 
und seine Finanzen" zu referieren. Justizrat Dr. Baumert 
wird über die Frage: „Wie kann das brandenburgische 
Pfandbriefinstitut gefördert werden?" sprechen. 
ch Hohenzolleru-Theater. Nach ganz besonders 
sorgfältiger Vorbereitung gelangt' am Dienstag, den 14. 
November, das neueste Lustspiel von Wilhelm Meyer- 
Förster, des berühmten und beliebten Verfassers von „Alt- 
Heidelberg", zur ersten Aufführung, nämlich: „Der Viel 
geprüfte", der größte Schlager der Neuzeit. Dem Deutschen 
Theater in Berlin hat „Der Vielgeprüfte" noch am Schluß 
der Saison einen glänzenden Erfolg erbracht und nachdem 
die gesamte Berliner Kritik in seltener Übereinstimmung 
dieses neueste Werk Meyer-Försters als das amüsanteste 
und beste Lustspiel, das seit vielen Jahren geschrieben 
worden, bezeichnet hatte, brachte der Schlager dem Deut 
schen Theater täglich übervolle Häuser. DaS Publikum 
schüttete sich allabendlich auS vor Lachen über den immer 
wieder durchs Examen fallenden Assessor, über die köstlichen 
Charaktertypen der Stadträte und über die unvergleichlich 
komischen Szenen in der Kinderstube, wo sich der vielge 
prüfte Assessor zwischen Badewannen, Kinderwagen und 
Windeln zum Examen vorbereitet. Dieser Milieu ist 
geradezu musterhaft von Wilhelm Meyer-Förster gezeichnet. 
Jetzt hält „Der Vielgeprüfte" seinen SiegeSzug über alle 
deutschen Bühnen! — Jeder Theaterfreund sollte sich den 
„Vielgeprüften" ansehen, er wird ihn« ein paar köstliche 
Stunden bereiten und ihm mit seinem überwältigenden 
Humor über die Alltagssorgen hinweghelfen. ES ist ein 
amüsantes aber doch geistreiches Lustspiel. Der Billet- 
vorverkauf hat bereits wieder äußerst rege eingesetzt. 
tochter, die mit der ihr eigenen Sanftmut auf den kindlichen 
Zügen vor ihr erschien. 
„Nun, mein Töchlerchen, wie leben wir? Wie Du gut 
aussiehst, das freut mich. Nimm Platz." 
Die junge Dame war von der Freundlichkeit des 
Empfangt s mehr überrascht als erfreut, sie kannte die Art 
ihrer Stiefmutter, in dieser Art Mitteilungen vorzubereiten, 
die nicht angenehmer Natur waren. Sie setzte sich, erwartend, 
was kommen sollte. 
„Papa hat beschlossen," fuhr Frau von Manrod im 
Plauderton fort, „Montag unsere Räume zu einem Feste zu 
eröffnen. Wir werden morgen die Einladungen erlassen, hast 
Du jemand, den Du gern auf dem Feste sehen möchtest?* 
„Ich?" fragte bas junge Mädchen erstaunt, „ich kenne 
ja hier niemand." 
„Ach so, Du bist gleich mir nicht über di« offiziellen 
Visiten herausgekommen. Wir müssen aber Deine Toilette 
beraten, Kind, denn ich möchte, daß Du recht vorteilhaft 
erscheinst." 
„O Mama, ich denke, mein weißes Kleid, da» ich nur 
einmal in Paris trug, wird ausreichen." 
„Nein, Liebste, daS glaub ich nicht, der Geschmack ist 
doch hier ein anderer, auch bin ich geneigt, Alfons, der ein 
sehr feines Urteil hat, darin beizustimmen, daß Tu in Blau 
am entzückensten bist." 
„Nun, Mama," entgegnet« sie mit einem leichten Lächeln, 
„wenn ich auch das Urteil AlfonS nicht ganz so hoch schätze 
wie Du, bin ich doch bereit, wenn eS Dir Vergnügen macht, 
in Blau zu erscheinen." 
„Gut, Liebste, wir ^nehmen Blau. Wir Wolle«, daß 
! "nser Kind schön sei." 
j (Fortsetzung folgte
        
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