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Periodical volume Nr. 265, 10.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Medenaner Ortrteil von Schöneberg nnd den Bezirk-verein Süd-West. 
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Kr. ‘265 Friedenau, Freitag den 10. November 1905. , 12. Iahrg 
Depeschen. 
Berlin. Aus Gram über den Tod seiner Frau hat 
der in der, Friedrichstraße 125 wohnende 42 Jahre alte 
Heilgehilfe Karl Bick 4 seiner 5 Kinder und sich selbst 
vergiftet. Bick und das 5. Kind sind tot, die 3 anderen 
liegen in der Charitö darnieder. 
München. Der Rechtsvertreter der Prinzessin Luise 
von Koburg in ihrem Ehescheidurigsprozeß war gestern 
hier und konferierte mit der geschiedenen Gräfin Larisch, 
einer geborenen Gräfin Wallcrsee, Tochter des Herzogs 
Ludwig von Bayern, welche die Hauptzeugin in dem 
Prozeß sein wird. Wie verlautet, soll der Prinz in seiner 
Ehescheidungsklageschrift sehr ausführlich und sehr merk 
würdig auf den .Tod des Kronprinzen Rudolf einge 
gangen sein. 
Frankfurt a. M. Nach der „Frkf. Ztg." sind 200 
französische Lehrer nach Deutschland entsandt worden, um 
an den deutschen höheren Unterrichtsanstalten die Schul 
bildung und den Lehrgang zu studieren. Zu gleichem 
Zwecke sind 200 deutsche Lehrer nach Frankreich geschickt 
worden. 
Wien. Die hiesige brasilianische Gesandtschaft 
erhielt die telegraphische Mitteilung, daß die Meuterei 
niedergeschlagen sei. Die Meuterer hätten sich den 
Regierungstruppen ergeben. — Trotzdem die Obstruktion 
der Eisenbahner an Ausdehnung zunimmt und heute früh 
auch die Bediensteten der Südbahn sich der passiven 
Resistenz angeschlossen haben, ist man in Regierungskreisen 
doch überzeugt, daß es gelingen wird, durch Erfüllung 
eines Teiles der Forderungen der Eisenbahner dieselben 
zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen. — Die 
deutsch-nationale Studentenschaft beschloß, die Vorlesungen 
in der hiesigen medizinischen Fakultät sowohl im Hörsaal, 
als auch in der Klinik nicht zu besuchen, bis ihnen vom 
Rektor Genugtuung gegeben und die Maßregelung des 
größten Teils der Mitglieder des deutschen Hochschul- 
Ausschusses aufgehoben wird. 
Bukarest. Nach Meldungen aus Besiarabien, herrscht 
dort Hungersnot. In Jsmilia ist neuerdings ein Brand 
ausgebrochen. Nach Meldungen aus Besiarabien, wurden 
in Kamarasch 75 Tote, 300 Verwundete und 170 nieder 
gebrannte Häuser gezählt. In einem anderen Orte 
wurden die Köpfe der Ermordeten als Trophäen ausge 
stellt. Nach einem Odesiaer Brief werden die dortigen 
Metzeleien auf Peterssurger Befehl behufs Hintertreibung 
der Konstitution veranstaltet. Ein hiesiger nach Odessa 
entsandter Korrspondent meldet, daß der Polizeimeister 
Duniansky die Metzelei organisierte, weil die Juden sich 
weigerten, 1000 Rubel zu zahlen. 
Petersburg. Die 14. Flottenequipage, welche im 
Zentrum von Kronstadt garnisoniert, meuterte und 
demolierte alles in ihrer Kaserne. Das 4. Ulanen- 
Regiment, welches in Kronstadt landete, wurde sofort mit 
aufgepflanztem Bajonett empfangen; die meisten Truppen 
schlosien sich den Revolutionären an, auch die Marine- 
Infanterie meuterte. Ohne Veranlassung wurde auf 
Soldaten und Zivilpersonen von den aufrührerischen 
erster Gatte. 
Roman von Franz Treller. 
11. (Nachdru« BetSotnt ) 
„Nimm", sagte sie lächelnd und gab ihm einige der 
Scheine, „aber vergiß nicht", — setzte sie ernster hinzu, »daß 
viel auf dem Spiele steht." . 
„Ja, nieine goldene Freiheit. Ich komme mrr vor wre 
Adam, als er aus dem Paradiese geworfen wurde." 
„Run, Frau Eva wird ein iieues bereiten." 
„Gut, lassen wir sic den Versuch machen." 
„Damit dies bald geschieht, geh hinauf, mache ihr einen 
Besuch und zeige Dich von der liebenswürdigsten Seite." 
„Auch dazii bin ich bereit." _ 
Er ging mit melancholischein Gesicht, um sofort mit der 
heitersten Miene den Klub aufzusuchen uiid seinen Kummer 
in Champagner zu ertränken. 
„Ein Wildfang sondergleichen, aber man kann ihm nicht 
gram sein," sagte die schwache Dhittet. 
Sie ließ dann den Präsidenten zu sich bitten und be 
waffnete sich, ihn zu empfangen, mit ihrem liebenswürdigsten 
Lächeln. , 
„Man muß den Herrn Präsidenten also zil sich bitten 
lassen, iveiiii man sich seiner Gegenwart erfreuen will." . 
„Aber Liebste, ich war eben im Begriff, Dich aufzu 
suchen." Ter Präsident war entzückt von dem Empsang 
und dem strahlenden A.nßeren der Frau, die von bezaubernoer 
Liebenswürdigkeit sein konnte, wen» sie wollte. 
Er legte den Arm um ihre Taille und küßte sie. 
„Du haft Dich mit Liebreiz umgössen. Hortense." 
Truppen geschosien. Die Zahl der Opfer ist noch nicht 
bekannt. Fast sämtliche Läden sind geplündert und in 
Brand gesteckt worden. In Kronstadt sind insgesamt 
25 000 Mann Militär in Aufruhr. Man befürchtet, daß 
es den Meuterern gelingt, sich eines der Kriegsschiffe im 
Hafen zu bemächtigen und alsdann Peterhof bombardiert 
wird. — Die letzten Nachrichten aus Kronstadt besagen, 
daß die Soldaten jetzt mit den Matrosen gemeinschaftliche 
Sachen machen und zusammen mit dem Pöbel die 
Plünderungen fortsetzen. — Wie es heißt, soll Fürst 
Swiatopolk Mirski Minister des Innern und Stachowilsch 
Minister des Unterrichts werden. 
Riga. Der Kurator verfügte die Schließung sämt 
licher Volks- und Mittelschulen mit Ausnahme des Poly 
technikums. 
Paris. Wie der Petersburger Korrespondent des 
„Matin" in später Nachtstunde depeschiert, haben Matrosen 
eines der Kriegsschiffe vor Kronstadt die am Strande auf 
gestellten Kosaken bombardiert. Auch mehrere Forts 
schießen aufs Geratewohl und man vermutet, daß sie sich 
ebenfalls den Meuterern angeschloffen haben. Aus Peters 
burg meldet der „Petit Parisien", die Nachrichten aus 
Kronstadt rufen hier die größte Aufregung hervor. Das 
Petersburger Dragoner-Regiment, welches zu den Elite 
truppen gehört, ergab sich ohne Kampf den Aufrührern. 
Das Lanzenreiter - Regiment ist in einem furchtbaren 
Kampfe fast gänzlich aufgerieben worden. Aus Kronstadt 
meldet der „Matin": Nachmittags 5 Uhr stand bereits 
die Hälfte der Stadt in Flammen; alle Hilfe war un 
möglich. Der Zar hatte selber den Befehl gegeben, den 
Ausruhr unbarmherzig niederzuschlagen. Man befürchtet, 
daß die Feuersbrnnst sich auf das Zeughaus ausdehnt, wo 
große Mengen Munition lagern, sodaß eine furchtbare 
Explosion die Folge wäre. Aus Petersburg sind alle 
verfügbaren Truppen nach Kronstadt entsandt worden. 
Pari-, Die Flottendemonstration gegen die Türkei 
ist definitiv beschloßen. Die 6 interessierten Mächte sind 
über alle Einzelheiten einig. Die Kundgebungen haben 
nicht den alleinigen Zweck, die Pforte zu zwingen, das 
Prinzip der Finanzkontrolle anzuerkennen, sondern zu 
erreichen, daß die Pforte auch die genau abgefaßten Vor 
schriften annimmt. Diese Vorschriften sind von den 
Finanzagenten der Mächte vorbereitet und legen genau 
die Befugnisse der Agenten fest; man will hierdurch die 
praktischen Schwierigkeiten überwinden, welche bis jetzt 
den Gendarmerieoffiziren sich in den Weg stellten. Im 
übrigen wird das Datum und der Ort der Flotten 
demonstration baldigst mitgeteilt werden, alle bisher 
zirkulierenden Gerüchte hierüber sind verfrüht. 
Brüffel. Die Lage des Kabinetts ist sehr gefährdet, 
da es sich jetzt zeigt, daß eine Verständigung innerhalb 
der klerikalen Partei über die Regierungsvorlage zur Ver 
größerung der Festungswerke und des Hafens von Ant 
werpen nicht zustandegekommen ist. 
Nom. Das Verwaltungskomitee der Staatseisen 
bahnen beschloß gestern die Einführung des Zonentarifs. 
Bis zu 150 km gelten die heutigen Preise, dann tritt in 
„Je älter man wird, desto öfter muß man den Gürtel der 
Venus borgen, uni Zeus in Fesseln zu schlagen." 
Der gut aufgebügelte und wattierte Präsident, der nicht 
das Geringste vom Donnerer an sich hatte, lächelte. 
„Hast Du gar nicht nötig, meine Teure, um mich Dir 
zu Füßen zu zwingen." 
War er gleich entzückt von dem Empfang, so ahnte er 
doch, daß ein besonderer Zweck damit verbunden war, er befand 
sich aber auch ganz in der Stimniung, zu gewähren. 
„Laß Dich nieder, wir müssen ein paar vernünftige 
Worte reden." 
Er setzte sich und dachte: „Womit wird sie denn her- 
auskonimen?" 
„Ich möchte Dich um Erlaubnis bitten, am nächsten 
Montag Gesellschaft bei uns zu sehen." 
„Aber, liebe Hortense, gewiß," sagte er sehr angenehm 
überrascht, „richte das ganz nach Deinen Wünschen ein." 
„Aber es wird nicht unerhebliche Kosten verursachen." 
„Ich bitte Dich, hast Du niich jemals markten sehen, wenn 
es die Gastfreundschaft meines Hauses galt?" 
„Nein, gewiß nicht. Du bist ein vollendeter Kavalier und 
dabei der liebenswürdigste und gewinnenste Wirt, den ich 
gesehen habe. Daß Du noch immer ein schöner Mann bist, 
will ich Dir lieber nicht sagen." 
Diese Worte, begleitet von einem zärtlichen Blicke, ent 
zückten den Präsidenten von neuem. 
„Du bist eine kleine, liebe Schmeichelkatze." 
„Also, Du bist einverstanden?" 
„Mehr als das, ich bin Dir dankbar, weny Du alles 
nach Deinem Geschmacke, der selbst den Parisern imponierte, 
arrangierst. Wie ich sehe, bist Du noch im Morgenkleid, sonst 
6 Stufen eine Verbilligung ein, sodaß bei 1000 km die 
Hälfte des jetzigen Tarifs bezahlt wird. Der Beschluß 
bedarf noch der Zustimmung des Verkehrs- und des 
Schatzministers. 
In Moskau gefangen. 
Ein ebenso interessantes, wie anschauliches Bild von den 
Schreckenstagen in Rußland entrollt der gestern. aus 
.Moskau wieder heimgekehrte Regierungsrat. Derselbe 
erzählte einem unserer Mitarbeiter u. a. Folgendes: Ich 
verbrachte meinen Urlaub in Rußland, um mich in der 
Sprache unseres östlichen Nachbar-Reiches zu vervoll 
kommnen. In Moskau nahm ich Privatlogis, womit der 
Hausstand meiner Wirtsleute auf elf Köpfe stieg. Diese 
bei dem plötzlichen Ausbruche des Streiks zu unterhalten, 
war keine leichte Arbeit, da die russischen Familien sich 
nur auf wenige Tage zu verproviantieren pflegen. Die 
Lebensmittel stiegen aber gewaltig im Preise und waren 
unter sehr schwierigen Verhältnissen — meist vom Lande 
— zu beschaffen, da alle Läden auf „Befehl" der Aus 
ständigen geschloffen werden mußten, um der Zerstörung 
und Plünderung zu entgehen. Da hier fast kein Laden 
mit Roll-Jalousien versehen ist, mußten die Inhaber 
sich durch Holzverschläge gewissermaßen verbarrikadieren. 
Straßen und Plätze glichen Feldlagern und waren 
während der Metzeleien nur mit Lebensgefahr zu passieren; 
so manch Unschuldiger fiel einer verirrten Kugel zum Opfer. 
Auf dem Roten Platze hatte ich selbst einmal, ganz 
unversehends, eine schußbereite Militärwache im Rücken. 
Da auch in den Gas- und Elektrizitätswerken die Arbeit 
ruhte, wurden nur einzelne Straßenecken notdürftig mit 
Petroleumlampen „beleuchtet", es war darum nicht ratsam, 
Abends auszugehen. Unter dem Wassermangel litten wir 
oft, als unser Hofbrunnen, aus dem der Besitzer zuviel 
Wasser (ä Faß bis zu 15 Rubeln 32 M.l) verkauft 
hatte, völlig versagte. Nun gab es weder Bouillon noch 
Suppen, weder Tee noch Kaffee mehr. Dieser (auch in 
sanitärer Beziehung!) abscheuliche Zustand dauerte acht 
Tage an. Wir unterhielten uns trotzdem leidlich. Meine 
WirtSleute sprachen deutsch, ihre Kinder besuchen das 
Gymnasium der Peter Paulskirche, an welchem alle Fächer 
in deutscher Sprache gelehrt werden. Während der 
Schreckenstage erhielt ich keinerlei Nachricht aus der 
Heimat, und auch ich konnte dorthin kein Lebenszeichen 
geben, da der Post-, Telegraphen- und Telephon-Betrieb 
ruhte. Als endlich das Manifest des Zaren eintraf, 
herrschte auch bei uns großer Enthusiasmus, auch wir 
umarmten uns. Die Freude sollte aber nicht lange 
dauern, denn das — politisch völlig unreife — Volk will 
nicht Worte, sondern Taten sehen, und unter der 
„Freiheit", welche die Regierung verhieß, konnte eS nur 
die zügellose Freiheit verstehen, ohne Polizei und Gericht, 
ohne Militär und die verhaßten Kosaken. Diese Wahn- 
Vorstellung entfachte den Aufruhr aufs neue: ich wohnte 
dem unscheinbaren Vorfalle bei, der die Wut des Volkes 
zum Ausbruche brachte: Ein Polizist transportierte einen 
wegen Diebstahls Verhafteten nach dem Arrestlokal, 
halte ich Dich gebeten, mit mir eine Fahrt durch den Park 
zu machen." 
„Ich habe so viel zu tun, daß ich mir heute die Freude 
versagen muß, mich an Deiner Seite zu zeigen, ich habe 
Arbeit und Sorgen, Liebster." 
„Sorgen? So laß mich sie verscheuchen. Brauchst Du 
Geld?" 
„Nein," sagte sie und lächelte, „Marie macht mir Sorgen." 
„O,wiedas? FehltdemKinde etwas?"fragte er beunruhigt. 
„Nicht eigentlich, aber findest Du nicht, daß sie seit 
einiger Zeit verändert ist?" 
„Es ist mir nichts aufgefallen, aber ich will gleich ein 
mal nach ihr sehen." 
„Marie ist eine eigenartige, sinnige Natur, ein treffliches, 
gutes Kind." 
Manrod, der seine Tochter in seiner Weise liebte, hörte 
das mit Freude. 
„Aber, wie ich glaube," fuhr sie fort, „etwas Schwärmerin." 
„Laß sie nur, in ihrem Alter schwärmen alle jungen 
Mädchen; daß ihre Schwärmereien unschuldiger Natur sind, 
ist selbstverständlich." 
„Ja, meinst Du nicht, Eduard, daß es Zeit ist, sie zu 
verheiraten?" 
Diese Frage verblüffte ihn. 
„Verheiraten? Mein Gott, sie ist ja noch so jung und 
kennt kaum einen Mann." 
„Findest Dli nicht, daß Alfons sich sehr um ihre Gunst 
bewirbt?" 
Des Präsideilten Gesicht wurde ernst, und trocken er 
widerte er: „Nein, das habe ich noch nicht gefunden."
        
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